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Krimi (diverse)



John Farris

Baby Moll

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Baby Moll” legt Hard Case Crime nach über fünfzig Jahren einen Hardboiled Thriller aus der Feder des Horrorautoren John Farris - damals unter dem Pseudonym Steve Brackeen verfasst - neu auf. John Farris Thriller zeichnen neben geradlinigen, aber nicht immer wirklich originellen Ideen eine interessante Figurenführung sowie nicht selten die Isolation der markanten Charaktere an einem Ort aus. Das explosive Gemisch aus Misstrauen und Spannungen zündet auf den letzten Seiten und hinterlässt im Grunde nur Verlierer. Das sich der Autor dabei nicht selten am Rande des Klischees bewegt und manchmal auf schriftstellerische Hilfskonstruktionen angewiesen ist, steht außer Frage. Brian de Palma hat in seiner Adaption von “Teufelskreis Alpha” bewiesen, wie man diese stereotypen Muster zum eigenen Vorteil nutzen kann. Schon “Baby Moll” - 1958 das erste und letzte Mal erschienen - bewegt sich auf diesem schmalen Grad, wird aber durch den markanten Ich- Erzähler “gerettet”.

Peter Mallory ist ausgestiegen. Vor sechs Jahren hat er mit dem hart verdienten Geld als Eintreiber und Obmann eines regionalen Mafiabosses sich eine bürgerliche Existenz aufgebaut und betreibt einen kleinen Laden. Er ist mit einer schönen Frau verlobt und will sie heiraten. Bis ihn natürlich seine Vergangenheit einholt. Macys ehemaliger Chef verfügt noch über einen kompromittierenden Brief aus Mallorys Vergangenheit, der sein jetziges Leben wie ein Kartenhaus zusammenstürzen lassen kann. Widerwillig reist Mallory auf die einsam gelegene Insel seines Bosses, um ihm Grunde zwei Geschichten zu hören. In Macys wilder Zeit als Schutzgelderpresser vor knapp dreißig Jahren hat er das Haus eines kleinen widerspenstigen Schneiders niederbrennen lassen. Bis auf eine Tochter ist die ganze Familie in den Flammen ums Leben gekommen. Jetzt scheint sich jemand an diese Tat zu erinnern und bringt ein ehemaliges Mitglied nach dem anderen aus Macys Bande um. Neben Artikeln von den aktuellen Taten werden dem Bandenboss Zeitschriftenausschnitte über das damalige Brandunglück zugeschickt. Mallory soll versuchen, den Täter ausfindig zu machen und auszuschalten.
Gleichzeitig ist Macys kleines Reich am Ende. Andere Bandenchefs drängen in sein Gebiet, erkennen den waidwunden ehemals mächtigen Mann und wollen ihn ausschalten, während dieser im Grunde sein zerbröckelndes Reich nur noch “verschenken” und in den Süden fliehen möchte.
Macy selbst hat sich auf der einsam gelegenen Insel hinter hohen Mauern mit elektrischen Zäunen und nur ein einzigen überschaubaren Zufahrt verschanzt und hofft, das der stoisch loyale Mallory ihm ein letztes Mal die Haut retten kann. Rätselhaft ist nur, das jemand schon während Mallorys Fahrt zu Macy einen Mordanschlag auf ihn verübt. Bevor er sich überhaupt entschieden hat, dem ehemaligen Bandenboss zu helfen.

Wie schon angesprochen setzt sich der Plot “Baby Molls” aus einer Reihe von bekannten Versatzstücken zusammen. Das schwächste Glied ist die Rache aus der Vergangenheit. Mallory macht sich gleich an die Recherche und kommt mit einer Handvoll Fragen an den richtigen Stellen weiter als Macys Handlanger, die im Grunde schon sehr viel länger aktiv sein müssten. Das in dieser Suche eine gewisse Aktualität steckt, wird dem Leser mit der Ermordung relevanter Zeugen kurz vor dem entscheidenden Treffen mit Malory verdeutlich. Mit dieser rabiaten, aber auch Spannungsgründen notwendigen Vorgehensweise reduziert der Autor aber die Rächerin von diesseits des Grabes auf das Niveau Macys: eine rücksichtslose, vielleicht sogar psychotische Opportunistin. Noch eine weitere Schwäche wird deutlich. Gegen Ende ist der weibliche Personenkreis potentieller Verdächtiger so weit eingegrenzt, das es im Grunde nur zwei Möglichkeiten gibt: Rückgriff auf einen bislang nicht aufgetretene Charakter oder Enttarnung einer bislang unauffälligen Frau. John Farris greift auf die zweite Möglichkeit zurück, wobei sich hier eine Reihe von Fragen stellen. Schwerste, aber verheilte Brandverletzungen am Rücken einer Frau lassen sich nur verheimlichen, wenn sie erstens einen willigen Helfer hat und zweitens niemand wirklich im sonnigsten und warmen Klima hinschaut. Den ersten Aspekt arbeitet Farris Pflicht schuldigst ab, wobei das offenkundige Motiv angesichts der zweiten Handlungsebene irrelevant erscheint. Beim zweiten Aspekt hat redaktionelle Ignoranz geholfen, ansonsten wäre der paranoide Macy sehr viel schneller darauf gekommen, das die Rächerin und ihr Helfer sich in unmittelbarer Nähe, im Inneren der Festung aufhalten. Diese Rachegeschichte dient eher als eine Art MacGuffin, eine Beschäftigungstherapie für Peter Mallory.
Sehr viel interessanter und vom Autoren auch deutlich besser inszeniert ist der rapide Verlust der Macht eines ehemaligen “Stadtchefs”. Macy ist müde geworden, andere Menschen auszuplündern. Er will aber auch nicht nur eine Kugel, Gift oder ein Messer im Rücken sterben. Zusammen mit seinen wenigen Vertrauten hat er sich auf dieser Insel verschanzt. Die Spannungen zwischen den einzelnen Männern und Frauen sind mit beiden Händen greifbar. Neben der erotisch dekadenten Atmosphäre kommt das eher implizierte Verhältnis zwischen Macy und seine adoptierten “Tochter” zur Sprache. Es besteht keine körperliche Beziehung, aber Macys Gefühle gegen über den normalen Adoptivvaterstatus hinaus. John Farris beschreibt die einzelnen Figuren mit einer fast sadistischen Liebe zum Detail. Wenn am Ende diese dystopische “Familie” sich im Laufe einer Nacht, natürlich ausgerechnet der Fluchtnacht vor der eigentlichen Machtübergabe sich in ihre Bestandteile auflöst und die einzelnen Mitglieder sich gegenseitig zu ermorden beginnen, dann endet ein psychologisch sehr geschickter Spannungsbogen. Mit Mallory, der auf der einen Seite seit fast sechs Jahren eine bürgerliche Existenz sich aufgebaut hat, auf der anderen Seite seine Killerinstinkte niemals ganz vergessen hat, verfügt der Roman nicht nur über einen weniger zynischen, als intelligent zurückhaltenden Ich- Erzähler, welcher das Geschehen immer auf Augenhöhe aus der ersten Reihe verfolgt, sondern eine Art reformierten Gangsters, welcher den Verlockungen der Macht und des Reichtums zu Gunsten einer einfachen Existenz und der Liebe einer Frau überzeugend entsagt hat. Wenn er sich bedroht fühlt, kann er Menschen immer noch töten. Er ist nicht Macys eiskalter Rächer, aber er verfügt erstaunlicherweise auch über einen Hauch von Loyalität. In einer der emotionalsten Szenen schenkt im Macys quasi die “Freiheit”, in seine bürgerliche Existenz zurückzukehren. Auf der anderen Seite schuldet Mallory seinem ehemaligen Boss noch etwas. Er hat ihn aus Schwierigkeiten herausgeholt und dafür gesorgt, das er sich in eine Entziehungskurs begibt. Auch wenn Mallory nichts mehr mit Macys opulenten Lebensstil anfangen oder gar zu tun haben möchte, führt er seinen Auftrag im Grunde zu Ende und verliert doch.
Der Roman endet in einem zynischen Blutbad, einer Nacht der Gewalt, der schließlich Mallory endgültig in sein bürgerliches Leben zurückführt. Neben Mallory sind nur wenige der Charaktere wirklich bis zum Ende durchkomponiert. Vor allem die Frauen wirken als willige Sexobjekte; als von ihren Männern/ Freunden vernachlässigte sich Mallory zu Füßen werfende Perfektionen zu eindimensional gezeichnet. In Bezug auf Macys letzte “Einheit” wirkt vieles funktionell und wenig in die dritte notwendige Dimension extrapoliert. Auf der anderen Seite nimmt der Plot kontinuierlich nach einer geschickten Exposition an Fahrt auf und unterhält den Leser trotz der angesprochenen Schwächen bzw. dem leichten Hang zum Klischee auch nach fünfzig Jahren als ungewöhnlicher, ein wenig zynischer Abgesang an die Nachwehen der Prohibition und der Gangsterbanden sowie als Hardboiledroman noch gut.

John Farris: "Baby Moll"
Roman, Softcover, 216 Seiten
Hard Case Crime 2012

ISBN 9-7808-4395-9642

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