Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



John Farris

Baby Moll

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Baby Moll” legt Hard Case Crime nach ĂŒber fĂŒnfzig Jahren einen Hardboiled Thriller aus der Feder des Horrorautoren John Farris - damals unter dem Pseudonym Steve Brackeen verfasst - neu auf. John Farris Thriller zeichnen neben geradlinigen, aber nicht immer wirklich originellen Ideen eine interessante FigurenfĂŒhrung sowie nicht selten die Isolation der markanten Charaktere an einem Ort aus. Das explosive Gemisch aus Misstrauen und Spannungen zĂŒndet auf den letzten Seiten und hinterlĂ€sst im Grunde nur Verlierer. Das sich der Autor dabei nicht selten am Rande des Klischees bewegt und manchmal auf schriftstellerische Hilfskonstruktionen angewiesen ist, steht außer Frage. Brian de Palma hat in seiner Adaption von “Teufelskreis Alpha” bewiesen, wie man diese stereotypen Muster zum eigenen Vorteil nutzen kann. Schon “Baby Moll” - 1958 das erste und letzte Mal erschienen - bewegt sich auf diesem schmalen Grad, wird aber durch den markanten Ich- ErzĂ€hler “gerettet”.

Peter Mallory ist ausgestiegen. Vor sechs Jahren hat er mit dem hart verdienten Geld als Eintreiber und Obmann eines regionalen Mafiabosses sich eine bĂŒrgerliche Existenz aufgebaut und betreibt einen kleinen Laden. Er ist mit einer schönen Frau verlobt und will sie heiraten. Bis ihn natĂŒrlich seine Vergangenheit einholt. Macys ehemaliger Chef verfĂŒgt noch ĂŒber einen kompromittierenden Brief aus Mallorys Vergangenheit, der sein jetziges Leben wie ein Kartenhaus zusammenstĂŒrzen lassen kann. Widerwillig reist Mallory auf die einsam gelegene Insel seines Bosses, um ihm Grunde zwei Geschichten zu hören. In Macys wilder Zeit als Schutzgelderpresser vor knapp dreißig Jahren hat er das Haus eines kleinen widerspenstigen Schneiders niederbrennen lassen. Bis auf eine Tochter ist die ganze Familie in den Flammen ums Leben gekommen. Jetzt scheint sich jemand an diese Tat zu erinnern und bringt ein ehemaliges Mitglied nach dem anderen aus Macys Bande um. Neben Artikeln von den aktuellen Taten werden dem Bandenboss Zeitschriftenausschnitte ĂŒber das damalige BrandunglĂŒck zugeschickt. Mallory soll versuchen, den TĂ€ter ausfindig zu machen und auszuschalten.
Gleichzeitig ist Macys kleines Reich am Ende. Andere Bandenchefs drĂ€ngen in sein Gebiet, erkennen den waidwunden ehemals mĂ€chtigen Mann und wollen ihn ausschalten, wĂ€hrend dieser im Grunde sein zerbröckelndes Reich nur noch “verschenken” und in den SĂŒden fliehen möchte.
Macy selbst hat sich auf der einsam gelegenen Insel hinter hohen Mauern mit elektrischen ZĂ€unen und nur ein einzigen ĂŒberschaubaren Zufahrt verschanzt und hofft, das der stoisch loyale Mallory ihm ein letztes Mal die Haut retten kann. RĂ€tselhaft ist nur, das jemand schon wĂ€hrend Mallorys Fahrt zu Macy einen Mordanschlag auf ihn verĂŒbt. Bevor er sich ĂŒberhaupt entschieden hat, dem ehemaligen Bandenboss zu helfen.

Wie schon angesprochen setzt sich der Plot “Baby Molls” aus einer Reihe von bekannten VersatzstĂŒcken zusammen. Das schwĂ€chste Glied ist die Rache aus der Vergangenheit. Mallory macht sich gleich an die Recherche und kommt mit einer Handvoll Fragen an den richtigen Stellen weiter als Macys Handlanger, die im Grunde schon sehr viel lĂ€nger aktiv sein mĂŒssten. Das in dieser Suche eine gewisse AktualitĂ€t steckt, wird dem Leser mit der Ermordung relevanter Zeugen kurz vor dem entscheidenden Treffen mit Malory verdeutlich. Mit dieser rabiaten, aber auch SpannungsgrĂŒnden notwendigen Vorgehensweise reduziert der Autor aber die RĂ€cherin von diesseits des Grabes auf das Niveau Macys: eine rĂŒcksichtslose, vielleicht sogar psychotische Opportunistin. Noch eine weitere SchwĂ€che wird deutlich. Gegen Ende ist der weibliche Personenkreis potentieller VerdĂ€chtiger so weit eingegrenzt, das es im Grunde nur zwei Möglichkeiten gibt: RĂŒckgriff auf einen bislang nicht aufgetretene Charakter oder Enttarnung einer bislang unauffĂ€lligen Frau. John Farris greift auf die zweite Möglichkeit zurĂŒck, wobei sich hier eine Reihe von Fragen stellen. Schwerste, aber verheilte Brandverletzungen am RĂŒcken einer Frau lassen sich nur verheimlichen, wenn sie erstens einen willigen Helfer hat und zweitens niemand wirklich im sonnigsten und warmen Klima hinschaut. Den ersten Aspekt arbeitet Farris Pflicht schuldigst ab, wobei das offenkundige Motiv angesichts der zweiten Handlungsebene irrelevant erscheint. Beim zweiten Aspekt hat redaktionelle Ignoranz geholfen, ansonsten wĂ€re der paranoide Macy sehr viel schneller darauf gekommen, das die RĂ€cherin und ihr Helfer sich in unmittelbarer NĂ€he, im Inneren der Festung aufhalten. Diese Rachegeschichte dient eher als eine Art MacGuffin, eine BeschĂ€ftigungstherapie fĂŒr Peter Mallory.
Sehr viel interessanter und vom Autoren auch deutlich besser inszeniert ist der rapide Verlust der Macht eines ehemaligen “Stadtchefs”. Macy ist mĂŒde geworden, andere Menschen auszuplĂŒndern. Er will aber auch nicht nur eine Kugel, Gift oder ein Messer im RĂŒcken sterben. Zusammen mit seinen wenigen Vertrauten hat er sich auf dieser Insel verschanzt. Die Spannungen zwischen den einzelnen MĂ€nnern und Frauen sind mit beiden HĂ€nden greifbar. Neben der erotisch dekadenten AtmosphĂ€re kommt das eher implizierte VerhĂ€ltnis zwischen Macy und seine adoptierten “Tochter” zur Sprache. Es besteht keine körperliche Beziehung, aber Macys GefĂŒhle gegen ĂŒber den normalen Adoptivvaterstatus hinaus. John Farris beschreibt die einzelnen Figuren mit einer fast sadistischen Liebe zum Detail. Wenn am Ende diese dystopische “Familie” sich im Laufe einer Nacht, natĂŒrlich ausgerechnet der Fluchtnacht vor der eigentlichen MachtĂŒbergabe sich in ihre Bestandteile auflöst und die einzelnen Mitglieder sich gegenseitig zu ermorden beginnen, dann endet ein psychologisch sehr geschickter Spannungsbogen. Mit Mallory, der auf der einen Seite seit fast sechs Jahren eine bĂŒrgerliche Existenz sich aufgebaut hat, auf der anderen Seite seine Killerinstinkte niemals ganz vergessen hat, verfĂŒgt der Roman nicht nur ĂŒber einen weniger zynischen, als intelligent zurĂŒckhaltenden Ich- ErzĂ€hler, welcher das Geschehen immer auf Augenhöhe aus der ersten Reihe verfolgt, sondern eine Art reformierten Gangsters, welcher den Verlockungen der Macht und des Reichtums zu Gunsten einer einfachen Existenz und der Liebe einer Frau ĂŒberzeugend entsagt hat. Wenn er sich bedroht fĂŒhlt, kann er Menschen immer noch töten. Er ist nicht Macys eiskalter RĂ€cher, aber er verfĂŒgt erstaunlicherweise auch ĂŒber einen Hauch von LoyalitĂ€t. In einer der emotionalsten Szenen schenkt im Macys quasi die “Freiheit”, in seine bĂŒrgerliche Existenz zurĂŒckzukehren. Auf der anderen Seite schuldet Mallory seinem ehemaligen Boss noch etwas. Er hat ihn aus Schwierigkeiten herausgeholt und dafĂŒr gesorgt, das er sich in eine Entziehungskurs begibt. Auch wenn Mallory nichts mehr mit Macys opulenten Lebensstil anfangen oder gar zu tun haben möchte, fĂŒhrt er seinen Auftrag im Grunde zu Ende und verliert doch.
Der Roman endet in einem zynischen Blutbad, einer Nacht der Gewalt, der schließlich Mallory endgĂŒltig in sein bĂŒrgerliches Leben zurĂŒckfĂŒhrt. Neben Mallory sind nur wenige der Charaktere wirklich bis zum Ende durchkomponiert. Vor allem die Frauen wirken als willige Sexobjekte; als von ihren MĂ€nnern/ Freunden vernachlĂ€ssigte sich Mallory zu FĂŒĂŸen werfende Perfektionen zu eindimensional gezeichnet. In Bezug auf Macys letzte “Einheit” wirkt vieles funktionell und wenig in die dritte notwendige Dimension extrapoliert. Auf der anderen Seite nimmt der Plot kontinuierlich nach einer geschickten Exposition an Fahrt auf und unterhĂ€lt den Leser trotz der angesprochenen SchwĂ€chen bzw. dem leichten Hang zum Klischee auch nach fĂŒnfzig Jahren als ungewöhnlicher, ein wenig zynischer Abgesang an die Nachwehen der Prohibition und der Gangsterbanden sowie als Hardboiledroman noch gut.

John Farris: "Baby Moll"
Roman, Softcover, 216 Seiten
Hard Case Crime 2012

ISBN 9-7808-4395-9642

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::