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Krimi (diverse)



Ray Bradbury

Bringen wir Constance um

rezensiert von Thomas Harbach

Je älter Ray Bradbury wird, desto mehr erinnern seine neueren Werke an Reisen in die eigene Jugend und eine verklärte Erinnerung. Vergleicht ein aufmerksamer Leser Bücher wie „Halloween“ mit „From the Dust Returned“, dann wirkt die erste Geschichte von acht Jungen, die sich des Ursprungs dieses Tages bewusst machen, wie eine Lehrstunde, während die zweite Arbeit als Kombination bekannter kürzerer Geschichte aufgeblasen und inhaltsleer daherkommt.
Ein ähnliche Schwierigkeit findet sich im Auftaktband der Edition Phantasia: Crime. Der Roman stammt aus dem Jahr 2003. Über weite Strecken des Buches sind sich weder Leser noch Autor bewusst, ob hier ein Verbrechen vorliegt oder ein Massenmord aufgeklärt werden muss. Ray Bradbury setzt sich selbst als Ich- Erzähler in Szene. Mit Hinweisen auf seine Mars- Geschichten ( „Die Mars- Chroniken“) und dem Geruch von Benzin in der Arbeitskleidung („Fahrenheit 451“) charakterisiert er sich selbst als erfolgreichen, alternden Schriftsteller, der in einer stürmischen Nacht von einer alternden Hollywooddiva mit zwei Totenbüchern unter dem Arm und verängstigt aufgesucht wird. Damit beginnt augenscheinlich eine Reise in die Vergangenheit der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Aber diese Reise in die Vergangenheit ist im Grunde eine Fiktion, wie auch das Leben vieler Stars in Hollywood eine Fiktion ist. Denn der Ich- Erzähler Bradbury ist nicht in Hollywood aufgewachsen. Sein Alter ist gerade richtig, um die letzte goldene Zeit Hollywoods miterlebt zu haben. 1920 wurde Ray Bradbury in Waukegan im Bundesstaat Illinois geboren. Seine Jugend hat er literarisch in Arbeiten wie „Something wicked this way comes“ verarbeitet. Hollywood verbreitete seinen Flair auf der Leinwand des einzigen Kinos in dieser ländlichen Umgebung und erst Mitte der fünfziger Jahre siedelte Bradbury um und begann für Hollywood Drehbücher zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich mit einer Reihe von phantasievollen Kurzgeschichten, die überwiegend in dieser ländlichen, idyllischen Umgebung spielten, einen Namen gemacht. Darum fällt es dem eher farblosen Ich- Erzähler augenscheinlich schwer, diese fiktive Vergangenheit mit dem Schicksal der Schauspielerin zu verbinden.

Der kurzweilige und nicht umfangreiche Roman besteht aus der Suche des Ich- Erzählers erst nach der plötzlich verschwundenen Schauspielerin und dann nach dem gordischen Knoten, der die verschiedenen Rätsel auflösen soll. Dabei begleiten ihn verschiedene Freunde. Mit liebevollen Details charakterisiert Bradbury den zynischen, aber mit einem Herz aus Gold geschlagenen Privatdetektiv Crumley. Nicht selten hat der Leser Humphrey Bogart als siebzigjährigen, aber rüstigen Rentner vor Augen. Diese Hommage an das Film Noir ist aber nur eine Verbeugung vor dem großen Kino. Mit Fritz Wong integriert Bradbury ein kaum verstecktes Alter Ego des großen deutschen Regisseurs Fritz Lang in die Handlung. Und da beginnen eigentlich die Schwierigkeiten, denn Fritz Lang kehrte Mitte der fünfziger Jahre nach Deutschland zurück. Er starb zwar schließlich in Los Angeles, aber schwer krank und nicht mehr in der Lage, den Spuren zu folgen.

Außerdem gelingt es dem Autoren nicht, diese oft eiskalte Ikone Hollywoods als überzeugenden Charakter zu etablieren. Zu schnell fügt er sich dem Ich- Erzähler und zu wild und uneinheitlich sind die diversen Theorien, von denen schließlich eine phantastische Idee die Lösung des unübersichtlichen Plots enthält. Es wäre sinnvoller gewesen, einen entsprechend sperrigen Gegencharakter für diese eher sanfte und mäßig dahin fließende Handlung zu schaffen. Die hier beschriebene Schnitzeljagd enthält keinerlei bedrohliche Szenen und gegen Ende löst sich das Rätsel im wahrsten Sinne des Wortes im Meer auf. Die Schwierigkeit des Textes liegt in der fehlenden charakterlichen Tiefe aller Handlungsträger. Wenn Maggie - die Frau des Ich- Erzählers – am Ende der Geschichte ihren Emotionen freien Lauf lässt und zum ersten und einzigen Mal im Roman ein überzeugender Gefühlsausbruch beschrieben wird, dann ist es für einen Kriminalroman zu wenig. Bradbury erweist sich hier wieder als Meister des Understatements. Seine Figuren müssen ihm über Jahre ans Herz gewachsen sein und er lässt eine Reihe von skurrilen, aber liebenswerten Charakteren den Hollywood Walk of Fame entlanglaufen, aber sie finden zur heutigen Lesegeneration keine Brücke.

Dabei gelingen dem Autoren einige atmosphärisch dichte und überzeugende Szenen. Alleine der Beginn mit der stürmischen Nacht, dem Besuch der verängstigten Schauspielerin mit den beiden Totenbüchern unter dem Arm und das Heraufbeschwören einer innigen, seit Jahrzehnten andauernden Freundschaft und Vertraulichkeit zeigen Bradburys schriftstellerische Klasse. In weiteren Szenen erweckt er eine vergangene Zeit wieder zum Leben. Der seit Jahrzehnten eingeschlossene Filmvorführer, ganz oben unter der Decke eines der letzten Kinopaläste mit der Illusion, dank einiger Fotos und einer selbst zusammen geschnittenen Filmrolle die Schauspielerin Constance und ihre verschiedenen Inkarnationen für ein Publikum zu konservieren, dass an ihr nicht mehr interessiert ist oder der Drang, alles für einen Tag in der Glitzerwelt zu tun seien hier beispielhaft erwähnt.
Gleich zu beginn könnte Bradbury eine stilisierte Hommage an „Citizen Kane“ mit Constance erstem Mann versucht haben. Dieser lebt als Nichtexistenz auf einem Hügel in einem brüchigem Schuppen, umgehend von Tonnen von Tageszeitungen – als er eines Tages vergessen hatte, Abends die Zeitungen weg zu schmeißen, entwickelte sich sein Sammlertick. Diese Szene erinnert unwillkürlich an Mervyn Peake und seine wunderbar exzentrischen, aber liebenswerten Figuren. Streng genommen hat Bradbury für die beiden wichtigsten Medien seiner Zeit – das Kino als populäre Unterhaltung und die Zeitung als ernsthafte Informationsquelle – eine Art Hüter geschaffen. Vom Rest der Menschheit isoliert bewahren sie ein sinnloses Erbe. Diese Passagen funktionieren, wirken aber im Gesamtwerk isoliert und im Grunde einsam wie die Protagonisten selbst.

Nach „Death is a lonely business“ (1985) und „Graveyard for lunatics“ (1990) – gleichzeitig Bradburys erster Versuch, die Film- und Krimiwelt zu kombinieren – ist „ Let´s All Kill Constance“ Bradburys dritter Versuch, einen cleveren auf der Tradition des Film Noir basierenden Kriminalroman zu schreiben. Trotz aller Schwächen ist der Roman im Grunde eine amüsante Novelle- mehr geben die zweihundert Seiten mit siebenundvierzig Kapiteln nicht her. Aber die Geschichte unterhält nur oberflächlich. Der Leser hat keinen Fixpunkt. Der Ich- Erzähler ist zu schwach herausgearbeitet und der Plot eher vage. Die sehr guten Krinis Raymond Chandler, Dashiell Hammetts oder auch Max Allan Collins funktionieren als Komplex aus Charakterisierung und Atmosphäre. Letztere fehlt bis auf wenige Abschnitte gänzlich. Dazu kommt Bradburys auch in der guten Übersetzung Körbers deutlich erkennbarer Stil. Er ist poetisch und pointiert, aber nicht zynisch und sarkastisch. Viele seiner phantastischen Geschichten lebten erst durch diesen fast einzigartigen Stil, dieses traumhafte Element trotz realistischem Hintergrund auf, hier wirkt es kontraproduktiv.

Zusätzlich überrascht - aber hat sich in den letzten Romanen abgezeichnet - eine gewisse Lustlosigkeit Bradburys. Es ist fair, darauf hinzuweisen, dass der Autor bei einigen Dialogen in der Originalausgabe den Überblick über seine Charaktere verloren hat und einem Protagonisten die Worte seines Gegenübers in den Mund legte. Auch einige Beschreibungen wirken unentschlossen und brechen in der Mitte ab. Das das britische Bier sich nicht Old Peculiar, sondern Old Peculier schreibt, ist ein weiterer Recherchefehler. Im Laufe des Buches verliert sich Bradbury immer mehr in Plattitüden. Jedermann ist bewusst, dass Bradbury im Grunde Anhänger der Kurzgeschichte ist und viele seiner Romane gewisse Längen und Expositionsschwierigkeiten haben. Da der Plot im Grunde kaum nennenswert ist, zeigen sie sich die Unkonzentriertheiten in diesem Buch besonders stark. Was immer noch exemplarisch ist, ist die Fähigkeit, aus dem Nichts heraus verblüffend einfache, aber fremdartige Situationen herauf zu beschwören und mit wenigen Worten eine nostalgische Stimmung zu erzeugen. Der Versuch, eine Hommage an die goldenen Zeiten des Kinos und im Grunde auch an die goldenen Zeiten dieses Autoren und Ich- Erzählers zu schreiben, ist nur phasenweise gelungen. Zu viele unentschlossene Szenen umgeben die wenigen Höhepunkte der Geschichte. Trotzdem ist es der „Edition Phantasia“ hoch anzurechnen, dass sie verstärkt bislang in Deutschland unbekannte Werke dieses großartigen Geschichtenerzählers veröffentlichen. Bradbury ist wie andere Mitglieder seiner Generation – Jack Vance, Jack Williamson und Frederik Pohl – alt geworden. Im Gegensatz zu diesen Schriftstellern veröffentlicht er kurze, prägnante Text. Der Leser findet in ihnen genügend Hinweise und Anspielungen auf seine großartigen Kurzgeschichten und Romane. Er erweckt unabsichtlich das Bedürfnis, sich eine der Kurzgeschichtensammlungen oder einen der Romane aus dem Regal zu nehmen und ihn neu zu entdecken. Viele dieser Texte sind in Würde gealtert. Sie vermitteln auch heute noch einen einzigartigen Flair, den berühmten Bradbury Touch. „Bringen wir Constance um“ gehört nicht zu diesen Klassikern. Es ist ein uneinheitliches, ein schwierig zu liebendes Buch. Aber es kämpf um Anerkennung und in einigen Kapiteln gelingt es dem Autoren, seine Stärke und literarische Einzigartigkeit erneut unter Beweis zu stellen und für einen Augenblick setzt er die imaginäre Leinwand der Phantasie noch einmal in Brand.

Ray Bradbury: "Bringen wir Constance um"
Roman, Softcover, 204 Seiten
Edition Phantasia 2006

ISBN 3-9378-9712-7

Weitere Bücher von Ray Bradbury:
 - Der Katzenpyjama

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