The Red Star Band 3 & Baltimore - Der Roman bei Cross Cult


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Reji Mäki

Tango Negro

rezensiert von Thomas Harbach

Der inzwischen dritte auf Deutsch erschienene Jussi Vares Roman stellt Reijo Mäki insgesamt sechzehnte Arbeit dar. Zwei Jahre nach dem eher enttäuschenden „Der vierte Musketier“ präsentiert sich der blonde Finne in Topform. Schon das stringente Thema – Tango als eine Art Volkstanz in Finnland – wirkt bizarr. Fast so populär wie in seiner Heimat Argentinien, wenn auch ein wenig mit schlagertextlichen Emotionen aufgemotzt. Tango im finnischen Regen, in der dunklen finnischen ewigen Nacht. Natürlich, diese traurigen getragenen Weisen mit ihrer latenten Gewalttätigkeit direkt unter der Oberfläche der vielschichtigen Musik passen zu den oft eher zwanghaft fröhlichen, trinkfesten Finnen mit ihrem Hang zur Melancholie. In der bekannten Manier seiner bisherigen Roman hat Mäki wieder insgesamt drei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Handlungsstränge entwickelt und führt diese am Ende des fulminanten, sehr spannenden und unterhaltsam geschriebenen Buches zusammen. Nur verzichtet er – im Gegensatz zum eher aggressiven „Die Strumpfbandnatter“ – auf eine direkte Verbindung am Ende der Handlung. Diese Stränge berühren sich in der allgegenwärtigen Hauptfigur Jussi Vares und streben dann wieder auseinander. Alleine der Showdown mit dem gefesselten Detektiv im Augenblick seiner Hinrichtung durch einen debilen Killer und Vares obligatorische Rettung gehört zu dem surrealen, so einzigartigen Ideenreichtum des Finnen. Nicht nur aufgrund seines Endes könnte „Tango Negro“ sehr gut verfilmt werden. Mäki nimmt sich in der trinkfesten Charakterisierung seines Protagonisten deutlich zurück. Auch wenn er wieder zwei oder drei sehr hübsche und in diesem Fall auch noch sehr prominente Frauen willig zur Verfügung hat, versagt seine Kunst zumindest in einem Fall, bei einer anderen Dame verhält er sich wirklich Gentlemenlike und vor allem der exzessive Alkoholkonsum mit dem umnebelten Aufwachen verkommt in diesem Buch nicht zu einem erstarrten Klischees einer Art Kneipenzeitschleife.

Wie so oft allerdings kommt Vares dem eigentlichen Fall erst durch einen Zufall auf die Spur. Er beschattet einen Heiratsschwindler. Eine kleine, unauffällige Figur mit einem deutlichen Bauchansatz, der seine Opfer charmant auf die Tanzfläche entführt. ER ist ein begnadeter Tangotänzer. Eher verwundert und distanziert betrachtet Vares das Geschehen, denn dieser Routineauftrag gibt ihm eigentlich die Zeit, sich noch um die kleinen Nebentätigkeiten kümmern zu können. Als ihn ein befreundeter Journalist auf den Jahrestag der Ermordung des finnischen Tango- Königs Harry Koivikko hinweist, betrachtet Vares diese längst in Vergessenheit geratene Geschichte mit seiner charakteristischen phlegmatischen Ruhe. Als der Journalist aber eine Theorie ausspricht und kurze Zeit später von der Bildfläche verschwindet, macht er sich an die Ermittlungsarbeit. Diese führt ihn nicht nur in die angebliche künstlich mehr oder minder begabte High Society Finnlands, sondern in die Arme eines Popsternchens sowie einer ausgebrochenen Diva. Das auf einer weiteren Parallelhandlung ein von Vares ins Gefängnis gebrachter stark an der Unterentwicklung seiner geistigen Fähigkeiten leidender Rocker Hafturlaub bekommt und diesen gerne mit Vares Leiche verbringen möchte, ist eine weitere Schwierigkeit, die auf den oft kurzatmigen Detektiv zurollt. Auch sein anfänglicher Routineauftrag entpuppt sich als schwierige Angelegenheit, denn es scheint so, als ob die Frau nicht nur die Hosen anhat, sondern den Heiratsschwindler benutzt anstatt sich benutzen zu lassen. Diese drei sehr verschrobenen Handlungsebenen kumulieren schließlich in einem Ausbruch von Gewalt und das ausgerechnet in Vares kleiner Wohnung. Das hat man nun davon, wenn man in einen großen Wohnblock zieht, in dem vor sechs Jahren sich ein Verbrechen an einem Tangokönig abgespielt hat.

Im Vergleich zu seinen anderen beiden auf Deutsch vorliegenden Romanen konzentriert sich Mäki in erster Linie auf eine stringente Handlung. Nichts überlässt er zumindest über weite Strecken des Buches dem Zufall. Vares Ermittlungsarbeit ist ernsthaft und nachvollziehbar. Wenn er dank des Zufalls oder eines Tipps auf eine weitere heiße Spur stößt, setzt er diese sehr konsequent und deduziert logisch. Diese im Vergleich zu dem von exzentrischen Ideen und sehr guten Nebencharakteren überquellenden „Der vierte Musketier“ mit seiner vorhersehbaren Handlung wirkt das Buch geschlossener und das Lesevergnügen wird deutlich gesteigert. Das beginnt schon mit Vares verblüfften Außenseiterblick auf das Phänomen des Tangos. In seiner inzwischen typischen phlegmatischen Art nimmt er diesen bizarren Ausdruck finnischer Lebensenergie hin, versucht das Beste aus der Situation zu machen und wird schließlich in das Geschehen hinein gerissen. Ein geheimnisvoller Mord an einer prominenten Persönlichkeit ist immer ein guter Schlüssel für einen Kriminalroman. In diesem Fall das durchgehende Gerüst des ganzen Buches. Immer wieder greift Mäki auf die verschiedenen Theorien seiner Charaktere zurück und führt seine Leser intelligent hinters Licht. Da er auf seine bizarren Ideen nicht verzichten will oder kann, fügt er diese in die
beiden Nebenhandlungen. Insbesondere der Rocker und der durchgedrehte Killer – zwei Personen – könnten dem modernen amerikanischen Kinos eines Quentin Tarantino entstiegen sein und wirken fast schablonenhaft überzeichnet. Trotzdem verfolgt der Leser die Odyssee des auf Hafturlaub befindlichen Rockers zu seinem Opfer – Vares – mit gespanntem Interesse. Der immer mehr durchdrehende Reserveoffizier ist zwar ein interessantes Portrait – im Grunde baut Mäki einen Kontrast zwischen dem soliden Bürgertum und der nihilistischen Rockergesellschaft auf und kommt zum Schluss, das beide auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Vernunft den berühmten Schritt zu weit in die eine Richtung gegangen sind -, wirkt aber in der Ausführung zu überdreht und überzogen gezeichnet. Zu sehr bemüht sich der Autor, von seiner Haupthandlung ein wenig abzulenken. Dabei ist dieses Ablenken in diesem Fall im vorliegenden Roman überhaupt nicht nötig. Die Ermittlungsarbeit Vares ist sehr geradlinig und interessant geschrieben worden. Die Begegnung mit unterschiedlichen Mitgliedern der finnischen Gesellschaft wirkt farbenprächtig, die Dialoge sind bestechend gut und die eingestreuten, ein wenig außergewöhnlichen Ideen – der pensionierte Postbeamte mit seinem Feldstecher und seinen Schulheften für die tägliche Spannerarbeit – harmonieren mit dem eigentlichen Plot.

Da er sich in der Exzentrik seiner Hauptperson deutlich zurücknimmt und dessen Alkoholkonsum ebenfalls eingeschränkt, wirkt das Buch harmonischer. Der Text lässt sich ohne die Prahlerei von unglaublichen und unglaubwürdigen Saufgelagen deutlich besser lesen und der außen stehende Betrachter nähert sich wieder dem einsamen Detektiv wider Willen wieder an. „Tangro Negro“ ist zumindest von den der deutschen Veröffentlichungen die beste und empfehlenswerteste. Wer gerne einmal finnische Krimis kennen lernen möchte, sollte zu diesem sehr gut geschriebenen, bizarren und doch humorvoll skurrilen Buch greifen und sich nicht daran stören, dass es inzwischen der sechzehnte Roman ist. Dieses serientechnische Alter merkt man bei den gesetzten Schritten auf dem Tanzparkett zu den getragenen Tango- Melodien keinen einzigen Augenblick.

Reji Mäki: "Tango Negro"
Roman, Softcover, 288 Seiten
Stegemann 2006

ISBN 3-9371-9302-2

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