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Krimi (diverse)



Reijo Mäki

Der vierte Musketier

rezensiert von Thomas Harbach

Nach „Die Strumpfbandnatter“ wechselt der finnische Kultdetektiv Jussi Vares zwar nicht die Profession, aber zumindest in Deutschland den Verlag. Im Verlag Stegemann erscheint mit „Der vierte Musketier“ inzwischen der zwölfte Roman aus der Feder Reijo Mäkis, alle überwiegend Abenteuer mit dem typischen Verliererermittler aus Turku. Um die Serie in unseren Landen einzuführen, ist „Der vierte Musketier“ eine geschickte Wahl, denn Vares hat das Image und den Beruf des typischen hard boiled Detektiv mit seinen inzwischen zum Klischee erstarrten Markenzeichen wie einer nihilistischen Weltsicht, dem Alkohol und den Zigaretten als ständige Begleiter, attraktiven Frauen für selten mehr als eine Nacht und das Glück, komplexe und komplizierte Fälle nicht immer mit Intuition, so doch zumindest mit einer großen Portion Zufall lösen zu können, hinter sich gelassen. ER arbeitet zusammen mit einem Geschäftspartner in einem anderen Bereich der Ermittlungen, er führt ein blühendes Inkassobüro in einem von der Rezession geplagten Finnland. Bis er eines Morgens nach einer dreitätigen Sauftour im Anschluss an die Finalniederlage der finnischen Eishockey- Mannschaft von der Polizei geweckt wird. Sein Partner ist erschossen aufgefunden worden. Und da Vares kein Alibi hat, wird er plötzlich nicht nur zum Hauptverdächtigen, sondern vor allem wieder zu seiner alten gehassten Detektivarbeit gezwungen.

Wie in seinen anderen Romanen führt der Autor drei Handlungsebenen parallel, die er schließlich in diesem Fall ein wenig ungeschickt zu einem Showdown verbindet. Im Gegensatz zu einer Reihe klassischer Krimi ist keiner der Charaktere wirklich sauber. Die dominierende Handlungsebene bestimmt natürlich Vares, der sich Alkohol umnebelt nicht nur von einem Indiz zum anderen schleppt, die eher brutalen und dummen Polizisten im Kielwasser, sondern auch diverse Affären mit mehr oder minder jungen oder schönen Frauen hat .Hier übertreibt Mäki und die einzelnen Damen erreichen kaum eine interessante Dreidimensionalität. Das Spektrum ihrer Emotionen beschränkt sich auf Eifersucht, ständige Geilheit an exotischen Orten und das stetige Lob ob Vares großen Fähigkeiten beim Sex. Zumindest in seinen Beziehungen wirkt der unterkühlte Finne über weite Strecken zu passiv und es fehlt das emotionale Gegengewicht zu seinen alkoholischen Exzessen oder anders herum gesagt, seiner Hingabe zum finnischen Volkssport des Trinkens. Interessanter ist die zweite Handlungsebene. Der Erste D´Artagnan übernimmt jeden Sommer nur einen Auftrag, einen Menschen zu töten. Von diesem Geld kann er gut leben. Wie schnell für den Leser, aber leider nicht den Ermitler oder gar die Polizei vorhersehbar, tötet er im Auftrag obskurer Hintermänner Vares Partner. Das wer ist also geklärt, das warum bleibt in der Hoffnung des Autoren zumindest so lange im Dunkeln, wie der Alkohol ausreichend fließt, aber im Grunde interessiert es am Ende des Buches den Leser auch nicht mehr, welche dunklen Geschäfte Vares Partner mit schmierigen Subjekten in Turku und Umgebung abgeschlossen hat.

Auf der dritten Handlungsebene erzählt Mäki die Lebensgeschichte des jungen Lepakko. Wie sich schließlich die drei Ebenen wirklich zu einem nachvollziehbaren, vernünftigen Plot verbinden, gehört zu den schwächeren Passagen des Buches. Nach etwas mehr als zwei Drittel des Textes hat Mäki das Bedürfnis und die Notwendigkeit, den bislang eher isolierten Handlungssträngen ein Ende zu bereiten, den unkomplizierten Mordplot aufzulösen und im Grunde den eigentlichen Fall abzuschließen. Der Rest des Textes sind die Ermittlungen über die nicht ehrenwerte Vergangenheit von Vares Partner. Diese bestehen aber aus den üblichen Klischees zweifelhafter Immobiliengeschäften, zweifelhafter Partner, zweifelhafter, aber williger Frauen und schließlich dem Versuch, mit einem Trick eine Art Befreiungsschlag zu führen. Da sich Mäki in diesem Roman nicht die Zeit oder den Raum nimmt, Vares neue und ihm nicht geheure Umwelt zu beschreiben, zerfällt „Der vierte Musketiere“ in zwei nur mühsam zusammengehaltene Handlungsteile. Im zwölften Roman einer Serie wäre es interessanter gewesen, den Protagonisten komplett zu entwurzeln und den Versuch einer neuen, zumindest finanziell erfolgreicheren Existenz tiefer gehend und subtiler zu beschreiben. Um den schwachen Plot wirklich auf Buchlänge aufzustocken, muss der Autor zu viele falsche Fährten legen. Dabei beschreitet Mäki in diesem Fall einen zu einfachen Weg und kümmert sich im Vergleich zu „Die Strumpfbandnatter“ mit seinen exzentrischen Charakteren und einer auch handlungstechnisch sehr starken zweiten Ebene – der Ausbruch aus dem Gefängnis - bewundernswert, aber in Bezug auf den Plot vergebens um die Protagonisten der zweiten und dritten Reihe.

Wie aber alle anderen Vares Krimis lebt das Buch natürlich von der exotischen finnischen Atmosphäre. Sehr geschickt beschreibt Mäki insbesondere in den beiden Nebenhandlungen – um den vierten Musketier und den jungen Lepakko das sensible Verflecht zwischen der ach so anständigen oberen finnischen Gesellschaft und dem sich stetig ausbreitenden kriminellen Element. Hier gelingt es dem Autor, sehr überzeugend die Faszination des Nordens mit seinen heißen Sommern und kalten Wintern in Worte zu fassen und die Besonderheiten dieser Region überzeugend zu beschreiben. Deren melancholische Tragik – obwohl zumindest einer von ihnen ein professioneller Killer ist – wiegt die schwächeren Passagen um den in diesem Band eher unsympathisch und seltsam distanziert beschriebenen Vares auf. Die Verbindung der drei Handlungsebenen hätte effektiver durchgeführt werden müssen. So agiert Vares in dem inzwischen weltweit bekannten Niemandsland zwischen der ehrenwerten, aber verarmenden Gesellschaft und der immer reicher werdenden Halbwelt. Vares reflektiert zwar für den Leser das Geschehen und fasst mit seinem zynisch lakonischen Stil manch trockene Situation in passende Worte, doch von seinem Black Out ausgehend ist er nicht in der Lage, wirklich positives aus der für ihn schwierigen Situation mit in seine Ermittlungen zu nehmen. Insbesondere charakterlich bleibt er hinter seinen Erfahrungen zurück. Mäki charakterisiert ihn als trinkfesten Hinterhofmacho, kritisch gesehen wirkt er allerdings in diesem Band wie ein kranker Alkoholiker, dessen Wille zu schwach für die Droge geworden ist. Auch nutzen sich die Ideen ab. Immer wieder steigt er mit schönen Frauen ins Bett, die in anhimmeln. Selten geht es um Liebe, in erster Linie um reinen Sex. Dieses sich stetig wiederholende Element könnte als Parodie auf das Detektivfilmgenre überzeugend sein, aber Mäki meint es anscheinend ernst und im Kontext eines eher schmuddeligen, nicht besonders attraktiven oder mit einem ansehenswerten Körper ausgestatten Mannes wirken die Phantasien ein wenig lächerlich und übertrieben.

Der Roman beinhaltet neben der schon skizzierten Haupthandlung außerdem noch eine Reihe von inhaltlichen Absurditäten. So findet sich die Entjungferung durch eine dänische Dogge und der Neid einer Frau auf die Kühe, weil die vier Zitzen haben, an denen Männer saugen könnten neben dem erholsamen – für den Gaumen – Kuren in der Kneipe. Was bei der ersten Begegnung die finnische Gemütlichkeit wieder spiegelt, nutzt sich zumindest in „Der vierte Musketier“ deutlich ab. Die Szenen wirken nicht in den Spannungsbogen integriert, sondern wie vieles aufgesetzt und konstruiert. Im Vergleich zu „Die Strumpfbandnatter“ sind die Dialoge weniger pointiert oder ironisch übertrieben, die Nebencharaktere deutlich besser gezeichnet, während Vares an Dreidimensionalität und vor allem an Tragik verliert. Der Plot ist zu geradlinig und der Leser hat das unbestimmte Gefühl, als hätte Mäki zumindest in der ersten Hälfte des Romans etwas Neues versuchen wollen. Als er erkannte, dass er mit diesem Experiment nicht weiterkommt, hat er den Roman wieder auf die bekannten Plotelemente zurück- und relativ schnell zu Ende geführt.

„Der vierte Musketier“ ist ein uneinheitliches Buch. Es erinnert einen fast an das Verhalten eines Alkoholikers. Einige Passagen erscheinen wie im Nebel geschrieben, andere Passagen mit klarem Verstand gut inszeniert und plottechnisch umgesetzt. Die Grenzen zwischen diesen beiden Extremen sind fließend und im Vergleich zu „Die Strumpfbandnatter“, aber vor allem dem brillanten „Tango Negro“, in dem Mäki kaum zwei Jahre später mit Stärken seines Vares Charakter mit einer soliden, melancholisch- finnischen Handlung verbindet, ist „Der vierte Musketier“ das bislang schwächste Vares Buch, das auf Deutsch erschienen ist. Dieses Ergebnis ist desto tragischer, als dass dieser Roman die bislang überzeugendsten und wirklich sehr interessant charakterisierten männlichen Nebenprotagonisten der Serie enthält. Unwillkürlich wünscht man sich, Mäki hätte auf seinen Vares verzichtet und ein serienunabhängiges Buch aus den vielen kleinen Ideen gefertigt, die sich auf der zweiten und dritten Handlungsebene finden.

Reijo Mäki: "Der vierte Musketier"
Roman, Softcover, 280 Seiten
Stegemann 2003

ISBN 3-9371-9300-6

Weitere Bücher von Reijo Mäki:
 - Die gelbe Witwe
 - Die Strumpfbandnatter

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