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Krimi (diverse)



Reijo Mäki

Die Strumpfbandnatter

rezensiert von Thomas Harbach

Obwohl die Verfilmung „Vares- Private Eye“ auf dem 1999 erschienenen 16. Abenteuer „The Yellow Widow“ des finnischen Privatdetektivs basiert, weisen schon Reijo Mäkis erste Bücher um diese tragische Figur die gleichen oder ähnlichen Charakterzüge auf. Vares ist niemand, der das Schicksal aktiv herausfordert, ihm bleibt kaum die Zeit, auf die verschiedenen Schicksalsschläge und sonstigen Einschläge im erfolglosen Privat- und Berufsleben zu reagieren. Oft wirkt er nicht nur deplatziert, sondern hilflos angesichts des immer brutaler und internationaler werdenden Verbrechens rund um seinen stillen Heimatort Turku.

Der Schöpfer dieser inzwischen in Finnland sehr populären hard boiled Detektiv Figur ist der 1958 geborene Reijo Möki. Nach Schulabschluss und Studium arbeitete er einige Jahre – 1983 bis 1993 – bei einer ortsansässigen Bank. Nebenbei schrieb er Kriminalromane. 1985 erschien mit „Angel Dust“ nicht nur sein erstes Buch, sondern auch sein erster Vares- Roman. Inzwischen hat er eine Auflage von mehr als einer halben Millionen Exemplaren und fast zwanzig Bücher – überwiegend mit seinem Alter Ego im Mittelpunkt – veröffentlicht. Der 1997 in Deutschland erschienene Roman „Die Strumpfbandnatter“ ist sein viertes Vares- Buch und seine erste Veröffentlichung in Deutschland. Zwei weitere Bücher sind inzwischen in einem anderen Verlag ebenfalls auf Deutsch erschienen.

Wie im Film beginnt „Die Strumpfbandnatter“ mit zwei scheinbar nicht zusammenhängenden parallel laufenden Handlungsebenen. Über beiden liegt einer der heißesten Sommer der finnischen Geschichte. Es ist Ende Juli. Im Hochsicherheitsgefängnis von Kakola plant der wegen Mordes und Rauschgiftvergehen zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilte Torsten Rapp minutiös seinen Ausbruch. Mäki gibt hier einen nihilistischen, aber realistischen Einblick in den Gefängnisalltag und die ständigen Positionskämpfe. Die Art, wie Rapp allerdings ausbrechen möchte, ist nicht nur spektakulär, sie erinnert mehr an das Thrillerkinos der siebziger Jahre anstatt die eindringliche, leise und deswegen faszinierende Art von Stephen Kings „Die Verurteilten“. Leider fällt es dem Leser schwer, sich in diese abstrakte, manchmal sogar abstruse und überzeichnete Figur wirklich hineinzuversetzen. Zu stark steht diese eher karge Handlung im Kontrast zu Vares Erlebnissen mit dem Alkohol, den Frauen und schließlich auch einem echten Latin- Lover. Wenn auch aus Spanien und als Barpianist tätig. Ein erfolgreicher Rechtsanwalt – das Gegenstück der Karriere, die er mit seinem abgebrochenen Jura- Studium im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden einer Flasche ertränkt hat – beauftragt ihn, den Liebhaber seiner Frau zu beschatten und im ggfs. ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann. Als dieser Frauenschwarm plötzlich fast vor Vares Augen erschossen wird, beauftragt ihn der Rechtsanwalt, den Täter zu suchen. Er hat nämlich für die Tatzeit kein Alibi und für die örtliche diensteifrige, aber unglückliche Polizei das perfekte Motiv. Schnell führt die Spur Vares nicht nur in ein Fitnessstudio mit interessanten Nebenerwerbsmöglichkeiten, sondern in die Arme einer falschen Schlange, die beim Kartenspiel des Lebens auf beiden Seiten mit gezinkten Karten gespielt hat.


Mit unglaublicher Geschwindigkeit bewegen sich in Mäkis Romanen die beiden Handlungsebenen aufeinander zu. Kaum kommt es zur Begegnung, löst er zumindest in „Die Strumpfbandnatter“ den Plot blutig, überraschend und durch die Plötzlichkeit auch nicht befriedigend auf. Die einzelnen Versatzstücke passen zu gut zusammen. Der Leser wird nicht unbedingt durch die Auflösung des Plots überrascht. Mäki nutzt diese kriminalistischen Versatzstücke nur, um sich für den Leser spannend weiterhin mit seinem Alter Ego auseinanderzusetzen: Vares. Im Gegensatz zum Film, der etwas mehr Wert auf die klassischen oder klischeehaften Heroismen legen musste, kann Reijo Mäki in seinen Büchern freien, ungezwungener agieren. Vares ist eine Figur mit vielen Schwächen. Er leidet nicht nur unter Selbstzweifeln, er bemitleidet sich gerne selbst. Er ist im Grunde nicht wirklich in der Lage, eine ernsthafte Beziehung zu Frauen aufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten. Solange sie wie ein „Mann“ mit ihm trinken und im Bett aktiv sind, versucht er mit ihnen auszukommen. Akzeptieren mit allen Stärken und Schwächen kann er sie im Grunde genauso wenig wie er mit sich selbst zufrieden ist. Immer wieder macht er sich selbst Vorwürfe, sein bisheriges Leben vergeudet zu haben. Kaum hat er die nächste Kneipe erreicht und sich oft sinnlos betrunken, sieht die Welt schon anders, umnebelt besser aus. In einigen Szenen karikiert Mäki schon fast das typische Bild des Alkoholikers und lässt Vares in den wenigen entscheidenden Momenten wie Phönix aus der Tränke emporsteigen. In diesen wenigen Szenen versucht der beleibte Finne zu agieren und scheitert zum wiederholten Male an seiner Umwelt. Während des Showdowns muss er hilflos gefesselt zusehen, wie sich die Bösewichte gegenseitig ins Jenseits blasen – diese Szene wiederholt sich in der Verfilmung. Erst den letzten Überlebenden kann er überzeugen, dass es besser wäre, ihn und seinen Freund/ oder seine Freundin zu befreien und nicht zu töten.

In einigen anderen Szenen gelingt es Mäki, diesen Charakter sehr überzeugend, sehr dreidimensional darzustellen. Immer wieder – zumindest kurzzeitig – bricht Vares aus dem Gefängnis seines Lebens aus und überzeugt als intelligenter Ermittler, scharfer Beobachter. Er stemmt sich gegen das Schicksal eines eher tumben, oberflächlichen Schnüfflers. Während viele Situationen wie eine literarische Hommage an den oft kriminalistisch einfach, aber sehr effektive schreibenden Jim Thompson wirken, erinnern diese Passagen unfreiwellig nicht zuletzt wegen der pointierten Dialoge an Quentin Tarantinos frühe Filme. Mit bissiger Ironie wirft Mäki das Klischee vom Verbrechen, das sich nicht auszahlt über Bord. Zumindest in seinem Finnland zahlt sich nur das kleine, das einfache Verbrechen nicht aus. Die Hintermänner, die im Dunkeln agieren lassen, werden nicht verhaftet, nicht verdächtigt. Auch wenn es dem Autoren zumindest in der präsentierten Konstellation in den Finger gejuckt hat und sich seine Andeutungen auf eine Person verdichten, wird der Hintermann nicht verhaftet. Im fast angehängten Epilog klärt Vares das einzige in der Romanhandlung beschriebene Verbrechen auf, kann seinen brüchigen Ruf bei der örtlichen Polizei wiederherstellen und muss erkennen, dass er den Platz doch als emotionaler Verlierer verlässt. Diese trübsinnige, fast nihilistische Einstellung verbinden viele Leser mit dem dunklen Norden. Nur mit Alkohol ertranken die ansonsten so zwanghaft lustigen Finnen die ewige Nacht des Winters. Nur mit Alkohol und einer Handvoll guter Freunde kann Vares seine eigene Existenz, sein eigenes Ego ertragen. Nur mit Alkohol kann er einer schönen Frau begegnen, auch wenn das andere Geschlecht bei der Kontaktaufnahme die Initiative ergreifen muss und ergreift.

„Die Strumpfbandnatter“ ist als Kriminalroman gewöhnungsbedürftig. Zu sehr legt Reijo Mäki auf Atmosphäre und Hintergrund im Vergleich zu einer stringenten Handlung wert. Die Charaktere sind trotz aller Derbheit sehr interessant angelegt und ihre Reaktionen/ Aktionen im Gesamtkontext nachvollziehbar. Es nervt ein wenig, dass Vares zu oft und zu sehr exzessiv einen Ausweg im Alkohol sucht. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Kommatrinken nutzt sich dieses Element gänzlich auf. Reijo Mäki erkennt zumindest in diesem Roman zu spät, dass er den Schwerpunkt mehr von der exzentrischen Charakterisierung weg auf eine schlüssige Handlung verlegen muss. Fast im Gleichschritt fährt er die Gefängnishandlung – die erste Hälfte des Buches zu dominierend – zurück und begnügt sich mit kurzen, präzisen Beschreibungen. Ab der Mitte des Textes beginnt sich das eigentliche und im Kern interessante Geschehen zu entwickeln und das Buch liest sich flüssig, aber auch spannend. Das Ende des Plots ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Romans. Ansonsten wäre der Leser wahrscheinlich enttäuscht. Auf den letzten Seiten trennt Mäki die beiden inzwischen zusammengelaufenen Handlungsstränge wieder und gibt jedem ein adäquates, aber zumindest in einem Fall unbefriedigendes Ende. Ein vorläufiges Ende, wie die vielen kommenden Vares Romane zeigen.

Reijo Mäki: "Die Strumpfbandnatter"
Roman, Softcover, 230 Seiten
Pettersson 1997

ISBN 3-9307-0404-8

Weitere Bücher von Reijo Mäki:
 - Der vierte Musketier
 - Die gelbe Witwe

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