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Krimi (diverse)



Rob Alef

Bang Bang stirbt

rezensiert von Thomas Harbach

Viele Krimis sind eng mit dem Milieu oder der Stadt verbunden, aus der auch die Autoren kommen. Thomas Ziegler mit seinen skurrilen Geschichten um den SchnĂŒffler Makesch in Köln oder Frank Göhres Kiezgeschichten seien hier beispielhaft erwĂ€hnt. Mit dem am 01. April 1965 geborenen Rob Alef betritt im kleinen und auf utopische Literatur spezialisierten Shayol Verlag ein in NĂŒrnberg geborener, aber in Kreuzberg lebender und schreibender nicht mehr ganz junger und doch debĂŒtierender Autor die Krimiszene.

Der Klappentext warnt, dass man oder Rob Alef keine despektierlichen Krimis schreiben sollte. Dazu kommt, dass man PandabĂ€ren nicht in den Hintern piekst und dazu keine Gabeln benutzt, die in Kaliningrader Klopse getunkt worden sind. Stimmt nicht, kann MAN alles tun, wenn MAN die Stadt Berlin kennt und am besten ĂŒber Verbindungen entweder zu den Höchsten in der Stadt oder der alternativen Szene in den markanten oder polizeilich markierten Vierteln verfĂŒgt.
Die Rote Bete Fraktion hat anscheinend das Wahrzeichen des Westberliner Zoos, den Panda Bang Bang, entfĂŒhrt, um die Befreiung aller Tiere aus dem Ostberliner Zoo zu erzwingen. Der Paluschke, der zustĂ€ndige Polizist, ĂŒbernimmt die Ermittlungen gegen die vegetarische Front, die sich mit weiteren ÜberfĂ€llen auf Metzger, GabelgroßverkĂ€ufer und HutgeschĂ€fte ein Image als Robin Hoods fĂŒr die entrechteten, aber gut gefĂŒtterten Tiere erkĂ€mpfen möchte. Soweit die Haupthandlung, die schon vor AbsurditĂ€t strotzt, die aber den Lesern das Tor zum Berliner Filz öffnet. Nicht umsonst gibt es in dieser geschichtstrĂ€chtigen Stadt einen Regierenden BĂŒrgermeister und Geliebten Bausenator in einer Person, Bankdirektoren, die edel, hilfreich und gut eine der grĂ¶ĂŸten Banken der Stadt nicht nur in den Ruin getrieben , sondern der Stadt Millionenverpflichtungen geschenkt und Polizisten, die ihre privaten VerhörrĂ€ume im Keller haben und deren Utensilien aus der letzten Zahnarztpraxis stammten, die der Gesundheitsreform zum Opfer gefallen sind. Die satirischen Seitenhiebe streut Alef zum Teil nur in das laufende und sich ĂŒberschlagende Geschehen ein, auf der anderen Seite lösen diese Verfilzungen weitere absurde Ereignisse aus. Es gibt einen Selbstmordkult, der mit Vorliebe BaudenkmĂ€ler im Zentrum der Stadt mit Flugzeugen abbruchreif "bombt". Auf diesen PlĂ€tzen entstehen dann Wellnesshotel.
Diese Anspielungen auf verschiedene Sekten in Kombination mit den AnschlĂ€gen vom 11. September wirken weniger respektlos als planlos. Die BegleitumstĂ€nde dieses Selbstmordkultes hinterlassen einen faden Beigeschmack und das sicherlich satirisch eingeplante Element geht nur in eine Richtung los- nach hinten. Ein intelligenter und auf der Höhe der Zeit schreibender erfahrener Autor hĂ€tte fĂŒr diesen Handlungsstrang bessere Lösungsmöglichkeiten gefunden. Zum Beispiel Herthafrösche Ă€rgern?

Eine weitere, zu Anfang eingefĂŒgte, dann vergessene und schließlich ein bisschen unbefriedigt zu Ende gebrachte Nebenhandlung, ist das MurmelwettgeschĂ€ft. Der Autor hat so viele Handlungsebenen und AnsĂ€tze, dass eine feste Lektorenhand und eine geradlinige KontinuitĂ€t dem Buch zu Beginn deutlich besser getan hĂ€tten. Zu viele FĂ€den verlaufen im Sande oder werden unbefriedigend gelöst. Insbesondere Paluschkes Ermittlungen hĂ€tten mehr Raum und lustig-traurige Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse verdient. Mit dem Berliner SchnĂŒffler identifiziert sich der Betrachter sehr schnell und kann - da er in diesem absurden Theater einen der wenigen normalen Charaktere darstellt - seinem nicht gerade mit Lichtgeschwindigkeit funktionierenden GedankenbĂ€chchen gut folgen.

Im internationalen Fußball kennt sich Alef zumindest oberflĂ€chlich gut aus , ĂŒber seinen Heimatclub Hertha BSC decken wir lieber den Mantel des Schweigens bzw. weisen darauf hin, dass Hertha und St.Pauli 2001 in der Bundesliga aufeinander getroffen sind, der Bobic aber erst seit 2003 an der Spree sein GlĂŒck sucht. Nun, Kritiker sind der Ansicht, bei seiner Dynamik ist er bei Hertha in Ehren ergraut...

Aus dem Objekt der Begierde - dem PandabĂ€ren Bang Bang mit dem Faible fĂŒr Tsui Harks ĂŒberdrehte Actionkomödie "Peking Opera Blues", vielleicht einem Sinnbild fĂŒr die Logik dieses Buches - macht der Autor mehr als einen sĂŒĂŸen Teppichvorleger. Er scheint intelligent zu sein, zu einer geheimnisvollen Organisation von PandabĂ€ren zu gehören, der Wirken insbesondere in China zu spĂŒren ist, die sieben Köstlichkeiten als Leib und Magengericht zu bevorzugen und schließlich das chaotische Berlin gegen die ruhige chinesische Provinz tauschen zu wollen. Die Mischung aus Tier und Bestie ist nicht immer konstant und nachvollziehbar. FĂŒr eine Inkarnation des Bösen reagiert er viel zu sehr als das er agiert, fĂŒr ein Tier ist sein Handeln zu sehr von Intelligenz denn Instinkt getrieben. Der Leser kann auch nicht nachvollziehen, ob diese futuristisch angehauchten EinschĂŒbe ironisch oder ernst gemeint sind. Vielleicht wĂ€re es besser gewesen, denn BĂ€ren als tumbes Tier zu belassen und ihn so von einer Situation in die andere stolpern zu lassen. Daraus hĂ€tte sich einige gute Augenblicke gehobener Situationskomik ableiten und die AnsĂ€tze fĂŒr sarkastisch satirische Bemerkungen hĂ€tten die Dialoge farbenprĂ€chtiger erscheinen lassen. Dabei liegt hier die StĂ€rke Alefs. Seine Figuren sprechen, wie ihnen die Berliner Schnauze gewachsen ist. Mit prĂ€gnanten CharakterzĂŒgen, liebevollen Details und einem Hang fĂŒr schrĂ€ge Typen entwirft er eine Reihe gut zu unterscheidender Protagonisten. Kaum ist diese Sympathieebene etabliert, wirft der Autor seine Kreaturen in den bunten Reigen politischer Intrigen und menschlicher Irrungen und Wirrungen.
Seine Politiker sind schablonenhafte Idioten, die den Volksauftrag als Einladung zu persönlicher Bereicherung verstehen und jungenhaftes schlechtes Benehmen als schick empfinden. Sie haben alle ihr Schicksal verdient, auch wenn fehlende Briefmarken den dreisten OberbĂŒrgermeister auf der Mission, möglichst in jedem Spiegel gut aus zu sehen und sich doch zu einem politisch intellektuellen Rohrkrepierer zu entwickeln, noch einmal vor dem Gespött der Springerpresse retten. Aber das nĂ€chste FettnĂ€pfchen steht bereit. Hier hĂ€lt der Autor der Öffentlichkeit den Eulenspiegel mitten ins Gesicht und reduziert die farbenprĂ€chtige politische Szene auf einige wenige prĂ€gnante Charaktere. Allerdings wirkt sein Berlin seltsam alt und unbewusst schleicht sich das GefĂŒhl einer Vorwendestadt beim Leser ein. Keine Hinweise auf Bundespolitik oder auch nicht und die Jagd nach Anerkennung in der Welt - zumindest bei Mister und Misses Opec - steht in einem krassen Widerspruch zu der hauptstĂ€dtischen Arroganz, die jetzt herĂŒberstrahlt. Dieser Anachronismus unterstreicht das besondere Ambiente der ehemals geteilten Stadt und trĂ€gt zur gelungenen AtmosphĂ€re des Buches bei, wirkt aber bei nĂ€herer Betrachtung fĂŒr einen Roman mit leicht utopischen ZĂŒgen befremdlich

Die "kriminelle Handlung" bzw. die Ermittlungsarbeit wird bei einem so breit und gefĂ€chert angelegten Hintergrund im Laufe des Romans ad acta gelegt Fast schon mit einem Hauch Melancholie beendet Alef die Suche nach dem Panda in einem klassischen Showdown zwischen ĂŒbereifrigen gut ausgebildeten Sondereinheiten und ... dieses RĂ€tsel sollte der Leser selbst lösen. Darum ist "Bang Bang stirbt" auch keine geradlinige Geschichte, keine frisierte "Who done it?" Version einer mĂ€nnlichen Agatha Christie auf Speed, sondern das Portrait einer zu lebendigen Stadt, die der Ansicht ist, vierzig Jahre Mauer im Alter als entgangene Jugend entschuldigen zu mĂŒssen und die Jetsetgeneration auf einen Trip zu den anarchistischen Wurzeln freier Hippies mitnehmen zu mĂŒssen. FĂŒr moderne Krimis gehört es sich, dass die Kulissenschieber weiter im Untergrund, nein im Hintergrund roter RathĂ€user arbeiten dĂŒrfen, die eigentlichen TĂ€ter in Wirklichkeit Opfer in doppelter Hinsicht sind und das "Crime does Pay" King ist. Alef stellt die Regeln klassischer Krimis nicht auf den Kopf, er verfremdet sie abschnittweise, erkennt und honoriert sie allerdings im Gesamtaufbau. Wer in die vielen Handlungsebenen eintaucht, wird ein Verbrechen - mehrere um genau zu sein -, mehrere potentielle VerdĂ€chtige und schließlich die Polizei als ermittelndes Element finden. Alles andere ist ein schrĂ€ges lautes Orchester, das aus einem Blues eine Oper machen möchte. Einige Passagen hören sich fremdartig faszinierend an, andere sind zu improvisiert, als das sie ĂŒberzeugen können. Im Mittelteil des Romans ist sich der Autor nicht sicher, welche Richtung -ernste Unterhaltung oder komödiantische Zeitkritik - das Buch nehmen soll. Hier hĂ€ngt die Handlung deutlich durch und einige der falschen Spuren, vom Autoren mit einem boshaften Augenzwinkern gelegt, ĂŒberladen den Roman. Erst im letzten Drittel findet Alef zu einer gewissen KontinuitĂ€t zurĂŒck. Ein despektierlicher Krimi muss sich nicht an die Regeln halten, aber er kann nicht immer gegen die Gesetze des Genres angehen. Sonst verliert er seinen Halt.

Als boshafte Gegenwartsliteratur wirkt der Roman sehr unbefangen. Keine erhobenen Zeigefinger, keine belehrende und besser wissende Kritik, sondern eine Reihe von Szenarien, ĂŒber die der aufmerksame Leser erst schmunzelt und dann nachdenkt. "Bang Bang stirbt" ist kein Buch fĂŒr klassische Krimifans. Auch AnhĂ€nger utopischer Literatur werden wenig AnsĂ€tze fĂŒr Gedankenmodelle finden, es ist kein Roman fĂŒr die St.Pauli AnhĂ€nger in den Wohncontainern oder die alternativen Randgruppen mit linken Wurzeln. Es ist ein freches, frisches Buch, ein bisschen zu lang geraten, ein bisschen zu voll gepackt mit AnsĂ€tzen von Ideen, die Alef nicht alle richtig nutzen kann, ein bisschen gewöhnungsbedĂŒrftig und ein bisschen zwischen allen StĂŒhlen. Aber das zeichnet auch die "Paria" Reihe des Shayol Verlages, in der es erschienen ist, aus. Anders sein und das ist "Bang Bang stirbt". Die Veröffentlichung im Kleinverlag wird Bang Bang auf seinem Weg zurĂŒck in das "freie" China helfen, sein Publikum zu finden und nicht in den kommerziellen Krimireihen ein Schattendasein zu fristen.

Rob Alef: "Bang Bang stirbt"
Roman, Softcover
SHAYOL 2005

ISBN 3-9261-2644-2

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