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Krimi (diverse)



Jacqueline Ohnhold

Hunger

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Hunger“ legt die Lübecker Autorin ihren ersten Krimi um das Kollegengespann Jan Gollan und Andrea Hoffmann vor. Die 196 geborene Ohnhold lebt in Lübeck, übernimmt gelegentlich neben dem Schreiben Architekturaufträge und jobbt als nebenberufliche Dozentin.

Sie lässt ihren Roman aber nicht in den altehrwürdigen Hansestadt spielen, sondern verlegt die Handlung in eine namenlose Stadt Deutschlands, die allerdings zumindest von den Straßennamen her ein wenig Ähnlichkeit mit Berlin haben könnte. Sie lässt ihren Roman auf einer Müllkippe beginnen und Enden. Ein unbekannter Mörder lässt seine Opfer verhungern und setzt sie in teuren Kleidern irgendwo in der Stadt ab. Das erste Opfer – eine Frau sitzt an einer Bushaltestelle. Während die Polizei zunächst noch an eine seltene Krankheit, vielleicht einen übertriebenen Hungerwahn denken kann, wird nach dem Fund des zweiten Opfers klar, dass ein perfider Massenmörder sein Unwesen treibt.

Im Mittelpunkt des Interesses, wenn auch nicht ausschließlich der Handlung, steht der wahnsinnige Mörder. Geschickt verzichtet Frau Ohnhold bei den ersten beiden Taten auf einen näheren Einblick, die Opfer werden gefunden und die Polizei steht vor einem Rätsel. In zwei eher angedeuteten Parallelhandlungen führt sie für den Leser sowohl den Täter als auch die nächsten beiden Opfer ein. Es sind Menschen, die rein zufällig in den Bannkreis des Täters fallen. Da zwischen Eltern und Tochter sich über einige Jahre eine spürbare Distanz aufgebaut hat, kann die Autorin neben der kriminalistischen Handlung auch die Beziehungen zwischen den Generationen untersuchen. Aus der anfänglich sehr unsympathischen Tochter Helga wird im Laufe des kurzweilig zu lesenden Buches zumindest eine ambivalente Figur, die stark unter der Boulevardpresse – diese verfolgt inzwischen die Entführung und Tötung durch langsames Verhungern wie die sprichwörtlichen Assgeier – leidende Helga beginnt auch sich selbst zu hinterfragen. Etwas unwahrscheinlich ist es dagegen, dass sie in dieser kurzen Zeit weiterhin versucht, eine neue Arbeit zu finden und alleine wegen des Schicksals ihrer Eltern abgewiesen wird. Hier wäre ein Abgleiten in falsches Mitglied auf Seiten der Öffentlichkeit sehr viel effektiver gewesen. Der Mörder bleibt über weite Strecken des Romans nicht von seiner Person her, aber seinen Taten distanziert. Der Leser erfährt, dass er ein reicher Nimmersatt ist, der sich unter anderem im Chat oder bei Freizeitprostituierten seiner ersten Testopfer gesucht hat. Immer wieder in einem starken Kontrast zu den hungernden Opfern beschreibt Jacqueline Ohnhold seinen kontinuierlichen Hunger auf in erster Linie Süßigkeiten. Schon mit dieser überzeichneten, aber effektiven Vorgehensweise baut sie eine Antipathie zum Täter auf. Leider macht sie am Ende der Geschichte den Fehler, ihrer Figur einen Hintergrund zu geben – ein Unglück in jungen Jahren, bei denen der Täter als kleiner Junge fast umgekommen ist, stetige Vernachlässigung durch die Eltern, Pflegeheime – und nimmt ihm die Anonymität und gibt ihm ein Schicksal. Warum nicht einmal den Mut haben, alles im Dunklen zu belassen und die Polizei nach der Aufklärung der Tat rätseln lassen? Viele brutale Verbrechen lassen sich auch in der Realität nicht in gänzlich in Bezug auf die Psyche der Täter aufklären und je grausamer die Tat, desto schwerer oft die Suche nach einer rationalen Erklärung.

Im Mittelpunkt ihres Buches stehen aber die Ermittler Jan Gollan, Andrea Hoffmann, die schwierigen und schmierigen Vorgesetzten und der stetige Kampf gegen die Korruption. Jan Gollan ist Witwer, der mit dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren nicht zurechtkommt. Er lebt mit seiner Tochter zusammen und ist mit Leidenschaft Polizist. Er neigt zu Gewalttätigkeiten und hat in seiner Akte auch schon einen entsprechenden Hinweis. Andrea Hoffmann ist eine attraktive Ermittlerin, die Jan Gollan zumindest heimlich liebt. Jahrelang Nichtraucherin fängt sie wieder an zu schmöken, als Jan eine Verabredung mit ihr kurzfristig absagt. Die beiden ermitteln gut zusammen und diese bestehende Chemie würden sie beide auch gerne ins Privatleben übertragen, wenn es nicht eine Reihe von inneren und äußeren Hemmnissen gäbe. Die inneren Hemmnisse müssen sie im Laufe des Buches überwinden, die äußeren Hemmnisse sind neidischen Kollegen – dieses Problem wird schließlich von der Autorin eher konstruiert als konzipiert gelöst – und die Vorgesetzten. Jacqueline Ohnhold bemüht sich, ihren Figuren einen dreidimensionalen Hintergrund zu geben und im Kontrast zu den grausamen Massenmorden, in denen sie ermitteln müssen, funktioniert diese Vorgehensweise über weite Strecken des Buches sehr gut. IM nächsten Roman verlangt der Leser aber von ihren Figuren einen Schritt nach vorne. Die Dialoge sind sehr natürlich und wirken weder affektiert noch aufgesetzt. Zu den besten Passagen gehört die Beschreibung der inneren Zwiespälte einer schönen Frau, die doch eigentlich jeden Mann haben könnte, aber sich ausgerechnet in einen zugeknöpften manchmal aggressiven, aber sympathischen Einzelgänger verliebt. Die Vorgänge im Präsidium selbst mit ihren internen Ränkespielen und der Politisierung der einzelnen Fälle wirken etwas übertrieben und aufgesetzt. Am Ende greift die Autorin dann nicht zuletzt aufgrund ihres Plots auf das typische Klischee des Haftbefehls im Vorbeifliegen – Jan Gollan ist auf dem Weg zum Tatort und die Kollegen bemühen sich in der Zwischenzeit um die entsprechenden Anweisungen des Vorgesetzten – zurück.

Die Schwierigkeit des Buches per se liegt in der Ermittlungsarbeit selbst. Es gibt keine Motive, keine Selektion der Opfer und keine nachvollziehbare Vorgehensweise. Die Polizisten kommen zwar sehr schnell zumindest einem Helfer auf die Spur und konzentrieren sich auch ihren eher beiläufigen Beweisen auf einen möglichen Täter, aber die Hausdurchsuchung zeigt, wie sehr sich das Buch an den Fernsehkommissaren und nicht der Realität orientiert. Nach der ersten Durchsuchung des Hauses des Verdächtigen geben die Polizisten eher frustriert auf. Dabei wird am Ende des Buches erwähnt, dass er ein Vermögen von seinen Eltern geerbt hat. Keine Fragen noch einem zweiten Wohnsitz, nach anderen Immobilienvermögen, keine Untersuchung seiner persönlichen Verhältnisse. Erst über eine Stromrechnung stolpern die Ermittler beim zweiten Mal und kehren an den Ort der Tat zurück. Diese Hilfskonstruktion wirkt rückblickend leider nicht überzeugend. Das man schließlich nach der Überführung des Täters – dieser wird von seinen Opfern gebrandmarkt – mit offenen Augen über das Gelände streift und die fehlerhaften Beobachtung verschämt eingesteht, ist zwar ein Indiz für das Scheuklappendenken einiger Polizisten, wirkt aber nicht in der Gesamtkonzeption überzeugend.

Trotz einiger Schwächen im Handlungsaufbau überrascht „Hunger“ in erster Linie durch seinen perfiden Plot und den subtilen, aber sehr effektiv eingesetzten Kontrast zwischen den hungernden Opfern und den sehr oft essenden Ermittlern, bzw. dem verfressenen Täter. Beim Leser beginnt sich insbesondere bei der Beschreibung der abmagernden Opfer ein unangenehmes Gefühl breit zumachen. Und damit hat die Autorin mit ihrem Erstling mehr erreicht als viele andere routinierte Autoren mit ihrem Gesamtwerk. Trotz einiger Schwächen im Handlungsaufbau und einiger abgenutzter Motive in der Charakterisierung ein interessantes, ein lesenwertes Debüt.

Jacqueline Ohnhold: "Hunger"
Sekundärwerk, Softcover, 190 Seiten
Ariadne 2006

ISBN 3-8861-9898-7

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