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Krimi (diverse)



Wolfram Fleischhauer

Die Schule der Lügen

rezensiert von Thomas Harbach

Wolfram Fleischhauer ist 1961 in Karlsruhe geboren und von Beruf neben seiner Schriftstellerei Konferenzdolmetscher. Er lebt in Berlin mit seiner Frau und ihrem Kind und arbeitet in Brüssel. Mit „Die Purpurlinie“ begann er 1996 seine Tetralogie der Künste, denen in den folgenden Jahren noch „Die Frau mit den Regenhänden“, „ Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ und schließlich „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ folgten. Einen Ausflug in den Bereich der eher traditionellen Phantasie unternahm Fleischhauer mit seiner Beteiligung an den Legenden von Phantasien – „Die Verschwörung der Engel“. Mit seinem neuen, umfangreichen Roman kehrt er auf der einen Seite in die phantastisch- surrealistische Welt seiner ersten Romane zurück. Doch er setzt sich weniger mit den Künsten auseinander als der Frage des „Glaubens“ in jeglicher Form. Obwohl wichtige Teile des Buches in Indien spielen, liegen seiner Wurzeln in der Weimarer Republik, die nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in einem Theater eher als Alibiregierung gegründet worden ist, die aber niemals den Glauben der einfachen Bevölkerung – diese sucht in kommunistisch gesteuerten Hetzjagden die Enteignung des Adels und der Industriellen – oder gar der hinter den Kulissen agierenden – diese suchen nach Möglichkeiten, nicht nur ihre Pfründe in Sicherheit zu bringen, sondern mit einer neuen deutschnationalen Regierung ihre Position zu verstärken – Industriellen und Mächtigen gefunden hat. In einer solchen Zeit der verlorenen Illusionen, der Intrigen und Familiengeheimnisse, in den Berliner Nachtclubs und dem exotischen Indien siedelt Fleischhauer vordergründig eine ungewöhnliche Familiengeschichte, aber auch gleichzeitig eine interessante Liebesgeschichte an. Insbesondere der vieldeutige Titel „Die Schule der Lügen“ bezieht sich in politischer Hinsicht auf die neue Zeit, die der Weimarer Republik folgen sollte. Die Industriellen suchen bei den braunen Machthabern eine Zukunft und vor allem reiche Beute bei den Raubzügen durch Europa. Sie versuchen ihre möglichen Gewissenbisse hinter rassistischen Ansichten zu verstecken und bauen so ein Gerüst aus Lügen auf. Die zweite Schule der Lügen ist die Familiengeschichte, der Edgar eher durch einen Zufall auf die Spur kommt. Edgar von Rabov wird der Erbe einer Farbefabrik in Hamburg sein. Zu diesem Zweck studiert er vordergründig Chemie in Berlin, hintergründig allerdings mehr die Muse und das Nachtleben der Stadt. Als er wieder mit einem Freund in einer Travestiebar den Abend verbringt, blinzelt ihm eine schöne Inderin in Begleitung eines gesetzten englischen Gentlemans zu und steckt ihm heimlich einen Zettel für eine Verabredung in zwei Tagen in die Tasche. Bevor er aufbrechen kann, besucht ihn der Engländer und erzählt ihm die Hintergründe. Er ist Mitglied der englischen Botschaft und soll der jungen Frau Berlin zeigen. Allerdings zeigt diese weniger Interesse an der Kultur, sondern dem legendären Nachtleben. Vielleicht kann Edgar helfen? Dabei verliebt sich Edgar natürlich in die schöne Frau, die ihn mit einem erotischen Zauber belegt. Im Hintergrund agiert Edgars Verwandter Roland, der den Nationalsozialisten nahe steht. Er will mit Gewalt die Verbindung verhindern und das deutsche Blut reinhalten.

Wolfram Fleischhauer kämpft mit diesem unterhaltsam geschriebenen, aber niemals wirklich packenden Roman an mehreren Fronten. Da ist zum einen die Familiengeschichte, die Edgar nach und nach erfährt. Bei seinen Ermittlungen durchschaut er das Netz aus Lügen, Notlügen und Halbwahrheiten. Bis in die zweite Hälfte des Buches konzentriert sich der Autor darauf, dass Geschehen nur aus Edgars Perspektive zu erzählen. Der Leser hat damit die Möglichkeit, den Ermittlungen auf Augenhöhe zu folgen und er wird genau wie der Protagonist angelogen oder an der Nase herumgeführt. Allerdings feiert er auch die kleinen, heimlichen, aber wichtigen Triumphe mit seinem Protagonisten. Danach verzichtet Fleischhauer auf diese sehr intime Handlungsebene und öffnet den Horizont mit einem Rückblick in Form eines Briefes/Tagebuches. So verständlich die Nutzung dieses Stilmittels ist, um den umfangreichen Handlungsfaden zu erweitern und Edgar in kompakter Form wichtige Informationen zu geben, so schnell zerstört der Autor die labile Atmosphäre aus Exotik, Faszination und politischer Agitation. Der Spannungsbogen bricht zusammen und die einzelnen Bestandteile des rückblickend stark konzipierten und wenig inspirierten Plots beginnen sich aneinander zu reiben.

Das liegt nicht zuletzt an dem schwierigen Protagonisten. Fleischhauer hat Probleme mit dieser Figur. Zu distanziert, zu arrogant und wenig sympathisch beschreibt er den jungen Mann als typischen Vertreter der neuen Erbengeneration – während sich der Vater seit vielen Jahren im Betrieb abstrampelt, lebt der Filius eher von Wein, Weib und Gesang im modernen Berlin. Sowohl sein Umfeld wirkt aus heutiger Zeit extrem gekünstelt, er selbst eindimensional und seltsam steif. Auch die Begegnung mit der Schönheit wirkt derartig überzeichnet, dass man das unbestimmte Gefühl hat, eine Parodie zu erleben. Erst im Laufe des Reifeprozesses beginnt Fleischhauer, seinem Protagonisten einzigartige Züge zu geben und mit seinem Erwachen – die Lehre der Theosophie ist nicht nur gut recherchiert, sondern vor allem überzeugend erläutert – beginnt auch der Autor, besser mit dem Charakter klarzukommen. Zu Beginn dieses Romans wird phasenweise diese Schwäche durch eine komplexe Handlung und viele noch nicht durchschaubare Seitenarme überspielt, im zweiten Viertel der Handlung wirkt das beschriebene Geschehen eher wie ein Stilleben.

Das Buch funktioniert am besten als Geschichtsstunde und Wolfram Fleischhauer agiert erstaunlicherweise in der Tradition Christian von Ditfurths, allerdings mit besseren Dialogen und intensiveren Beschreibungen als sehr guter Lehrer. Er zeigt die politischen Wirren der Weimarer Republik auf, auch wenn es aus dem Mund eines Nazis kommt, beschreibt er den Schrecken des Ersten Weltkriegs und das Sterben einer Elite junger Menschen in den Schützengräben in einem Kampf, der zumindest für viele in einem Verrat endete. ER zeigt eine junge „Republik“ im Zeichen der Dekadenz seiner Bewohner – wobei sich diese Tendenz natürlich nur auf die Großstädte im Allgemeinen und Berlin im Besondern konzentrierte -, verzichtet aber auf das Gegenbild der unter der außer Kontrolle geratenen Geldwertstabilität leidenden einfachen Bevölkerung. Mit Edgar hat er stellvertretend einen jungen Menschen einer Generation in den Mittelpunkt gerückt, der nicht nur das eigene „Ich“ und damit eine eigene Persönlichkeit außerhalb des langen Schattens seiner Eltern sucht, sondern ein potentielles Opfer für diverse Sekten und Gruppierungen auf der Suche nach dem Göttlichen sein könnte. Edgar findet zumindest für den Augenblick seine Bestimmung in Indien, doch die Heimat lässt ihn nicht los. Allerdings findet der Leser seine literarische „Heimat“ nicht in Indien, die Beschreibungen des faszinierenden Kontinents wirken verhalten, zwar farbenprächtig, aber distanziert. Im Grunde versteht es Fleischhauer, dass England zwischen den Weltkriegen – zwar aus der Sicht eines Deutschen, versehen mit allen Vorurteilen und Klischees des verlorenen Krieges – besser zu beschreiben als den Subkontinent. Auch wenn er eine nicht zu leugnende exotische Erotik in seine Handlungsbögen integriert und die verschiedenen Religionsgemeinschaften einen gewissen Eindruck vom Leser hinterlassen, wirkt nur die zweite Hälfte des Romans dramatisch und ergreifend. Wenn Fleischhauer nicht nur aus Gründen der Dramatik, sondern in erster Linie, um seine Geschichte zu beenden, auf einen Schlag zu beenden, zu einem tragisch- anrührenden Stilmittel greift, dann verführt er zum ersten Mal im Verlaufe des über fünfhundert Seiten langen Buches seine Leser zum Nachdenken, gibt ihnen zum ersten Mal eine Kostprobe des bitteren Weins, der im Kern den gesamten Roman durchziehen sollte. Es ist nicht leicht, eine komplizierte, aber nicht unbedingt komplexe Familienchronik über fast sechzig Jahre zu schreiben, den Leser zu unterhalten und gleichzeitig zu informieren. Für eine ergreifende Liebesgeschichte mit tragischen Helden – Opfern und Tätern – ist das zu wenig. In mehreren Interviews hat Fleischhauer gesagt, dass im Kern „Die Schule der Lügen“ eine Idee aus seiner Studentenzeit ist, die er jetzt erst umsetzen konnte. Phaseweise merkt der aufmerksame Leser diese Distanz zwischen den Idealen der Idee des Glaubens und der inzwischen gesetzten, reifen Umsetzung durch einen erfahrenen Autoren. „Die Schule der Lügen“ wirkt wie die Auseinandersetzung eines Atheisten mit einer Irrealität, die er nicht verstehen will. Facettenartig, verstörend, faszinierend und doch unvollständig sowie ein wenig beschämt.

Wolfram Fleischhauer: "Die Schule der Lügen"
Roman, Hardcover, 520 Seiten
Piper 2006

ISBN 3-4920-4846-3

Weitere Bücher von Wolfram Fleischhauer:
 - Das Buch, in dem die Welt verschwand
 - Der gestohlene Abend
 - Torso

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