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Krimi (diverse)



Christian von Ditfurth

Lüge eines Lebens

rezensiert von Thomas Harbach

Zu Beginn von Christian von Ditfurths vierten Stachelmann- Krimis scheint die Welt für den in Lübeck wohnenden und an der Hamburger Universität lehrenden Historiker Josef Maria Stachelmann wieder in Ordnung. Er hat sich mit Anne versöhnt, kann selbst in guten Augenblicken etwas mit ihrem Sohn anfangen, er hat seine Habilitation sehr gut bestanden, seine Doktorarbeit befindet sich bei einem Hamburger Kleinverlag und wartet auf die Veröffentlichung. Dazu ist sein Vertrag verlängert worden. Nur noch der Lehrstuhl lässt auf sich warten, aber der stoische Stachelmann ist mit sich und seinem Umfeld einen Augenblick zufrieden. Dann wird auf ihn geschossen. Zuerst glaubt er für einen Moment an einen wahnsinnigen Massenmörder, wie man sie in amerikanischen Filmen en gros sieht. Viermal wird auf ihn auf dem Unigelände geschossen und Stachelmann kann sich unverletzt retten. Als gleichzeitig in einem Chatroom eine Kampagne gegen seine noch unveröffentlichte Habilitationsschrift beginnt und sich auf den Wänden der Universität Parolen gegen seine Person erscheinen, ahnt Stachelmann, das es sich um keinen Zufall handeln kann.

Der Auftakt des neuen Christian von Ditfurth Romans ist packend und intensiv. Ein Mann wird zufällig Ziel eines scheinbar verrückten Attentäters. Wie verändert sich sein Leben nach den Schüssen? Hat er Angst, sich auf die Straße zu trauen oder versucht er, sein Leben in möglichst bekannten geordneten Bahnen fortzusetzen? Hätte der von der Grundausbildung her historisch hervorragend beschlagene Autor diesen vierten Stachelmann- Fall an die zweite Position seiner Reihe gesetzt – nach dem interessanten Auftaktbuch, das allerdings auch die Schatten der Nazivergangenheit in Deutschland behandelt – hätte die Auseinandersetzung mit den oben angesprochenen Gedanken noch intensiver, noch packender gewirkt. Dazwischen steht allerdings der bis heute beste Fall Stachelmanns – „Mit Blindheit geschlagen“ -, in dem sich der kränkliche Ermittler nicht nur mit den Schatten der jüngsten DDR Vergangenheit auseinandersetzen muss, sondern mehrmals mit dem Tod konfrontiert wird. Von Ditfurth weißt auch mehrmals auf die vorangegangenen Fälle hin. So bildet sich nach und nach im Rahmen seiner Serie ein komplexes, fast interaktives Bild des Lübecker Historikers. Allerdings ist nicht nur die Figur des Historikers zerrissen, teilweise zerfahren angelegt, auch in Bezug auf den Plot muss sich Christian von Ditfurth im vorliegenden Roman den Vorwurf gefallen lassen, den Fall zu arg und im Grunde in seinen Auswirkungen und in Bezug auf die Täterschaft zu unglaubwürdig konzipiert zu haben. So entschlossen Stachelmann in Hinblick auf seine berufliche Zukunft bzw. Nichtzukunft ist, so unsicher wird er in seiner persönlichen Beziehung zu Anne, die ihm in diesem Fall allerdings die Schlüssel zur Lösung des Falls gegen ihr besseres Wissen übergibt. Anstatt die brüchige Beziehung durch diese Tatsache auf eine solidere Basis zu stellen, entfremdet von Ditfurth systematisch und teilweise sehr unnötig Stachelmann von seinen Lesern. Der Autor macht aus dieser Figur wieder den egozentrischen Individualisten des ersten Buches – wer die Reihe kennt, wird sich an einigen Stellen um gute fünf Jahre in der Zeit zurückversetzt fühlen -, der vor unglaubwürdigen Selbstmitleid zerfließt und am Ende zwar zur eigenen Genugtuung den Fall gelöst und einen Schwindler entlarvt hat, aber darüber keine Freude empfindet. So sehr von Ditfurth auch in dieser Hinsicht sich bemüht, im Leser Empfinden zu wecken, es übersteigt seine literarischen Fähigkeiten. Das Stachelmann müde und enttäuscht ist, kann überzeugend vermittelt werden, das er allerdings nach dem er einen weiteren Scharlatan der Historik entlarvt hat, zumindest für einen Augenblick einen kleinen Triumph empfindet, verwehrt der Autor dem Leser.

Handlungstechnisch Stachelmann entschließt sich, anstatt die zum wiederholten Male überforderte Polizei mit der Aufklärung der Tat und dem Schutz seines Lebens zu beauftragen, die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen. Hier helfen ihm der Zufall und der Autor weiter. Eine junge attraktive Frau aus seinem Geschichtsseminar erweckt Stachelmanns Aufmerksamkeit. Dabei wird nicht deutlich, ob sie seine Kurse schon mehrfach besucht hat und mit ihren Fragen aufgefallen ist oder ob dieser erste Besuch – sehr unwahrscheinlich – den Verdacht des Historikers auf sie gelenkt hat. Als Schützen sieht
er sie nicht, aber sie könnte mit den Chats in einem Zusammenhang stehen. Gleich die erste Observation führt zum Ziel. Sie wird von Neonazis angegriffen. In einem heroischen Akt rettet Stachelmann sie. Sie heißt Brigitte und ist eine bekennende, aktive Antifaschistin. Sie hat sich Stachelmanns Habilitationsschrift heimlich besorgt und ist über einige Passage erzürnt. In ihnen hat der Historiker mit der Legendenbildung um die Befreiung des KZ Buchenwald durch linke Inhaftierte aufgeräumt. Es sind alles Fakten, die längst bekannt sind, die aber in der impulsiven Brigitte zumindest eine internettechnische Kurzschlussreaktion ausgelöst haben. Sie scheint aber noch mehr zu wissen, als zu zugeben will. Mit den Schüssen auf Stachelmann hat sie nichts zu tun, scheint aber Zusammenhänge zu erahnen. Sie lädt Stachelmann schließlich zu einem weiteren Treffen ein und ist plötzlich spurlos verschwunden. Zusammen mit ihrem WG- Mitbewohner versucht der Historiker sie zu suchen. Dabei gräbt er in ihrem Umfeld, bis ihm plötzlich eine letzte brutale Warnung in seinem Büro gezeigt wird. Anscheinend steckt in seiner Habilitationsarbeit mehr Zündstoff, als sich Stachelmann selbst eingestehen möchte.

Auch wenn der inzwischen vierte Stachelmann wieder sehr flüssig geschrieben worden ist und Christian von Ditfurth insbesondere die Randfiguren dreidimensionaler beschreibt, braucht das Buch dieses Mal erstaunlich lange, bis die einzelnen Szenarien überzeugend harmonieren. Nach den Schüssen regiert in seinem Buch das Prinzip Zufall. Stachelmann sucht sich ohne nähere Begründungen die attraktivste Person seiner Gruppe als Verdächtige aus und landet gleich einen Volltreffer. Am ersten Tag seiner privaten Überwachung rettet er sie gleich vor den Nazis und kommt ihr so näher. Er sieht ihn ihr aber nicht nur eine Informationsquelle, sondern schätzt die junge attraktive Frau über die intellektuelle Basis hinaus sehr. Für seine Lebensgefährtin Anne wie auch den Leser eine vertraute Situation, die sich aber inzwischen im Verlaufe der vorliegenden Romane abgeschliffen hat. Diese Attraktivität wird auf eine Standardformel reduziert. Warum trifft Stachelmann nicht einmal auf schöne Frauen, für die er erstens nichts empfindet? Immer beschreibt von Ditfurth Stachelmanns unter seinen zumindest im vorliegenden Fall gedanklichen Eskapaden leidende Lebensgefährtin mehrmals als attraktiv. Nachdem allerdings sich der Plot durch diesen „Zufallstreffer“ in die richtige Richtung bewegt, wird der Roman interessanter. Das liegt unter anderem auch an von Ditfurths teilweise ironisch überzeichneten Nebencharakteren. Mit Verlegern und Vorgesetzten kann der Autor wenig anfangen, beide werden als Feiglinge entlarvt und wirken absichtlich wie eindimensionale lebende Klischees. Die einzelnen potentiellen Verdächtigen, denen Stachelmann auf seiner Suche nach der dann doch so nah liegenden Wahrheit begegnet, sind gut gezeichnet, das Spektrum ist von den ewig gestrigen beider politischer Lager bis zu den naiven Jugendlich breit gesteckt. Leider kommt es wie so oft, dass der herausragend verdächtige Täter natürlich unschuldig ist. Hier verschenkt von Ditfurth sehr viel Potential, denn sein Alibi hätte sich später doch als falsch herausstellen können und die Verbindung zum eigentlichen Drahtzieher über die politischen Glaubenslager hinweg wäre interessanter und origineller gewesen als der eher erzwungen wirkende Schluss. Wenn schon die grundlegende Idee, das Stachelmann unabsichtlich bei der Beschreibung eines Einzelschicksals eine verhängnisvolle Kette in Gang setzt, für Christian von Ditfurths historische Herangehensweise exemplarisch ist, nimmt er einen Gedanken am Ende des Buches nur impliziert wieder auf. Die Verantwortung des Historikers bei der Beschreibung von geschichtlichen Ereignissen. Gerade mit dieser Idee spielt er zumindest theoretisch sehr intensiv, auch wenn der Weg von der Integration in eine Habilitationsarbeit über die Amateurforschung einer über die anfänglichen Thesen in Bezug auf Thälmann erbosten Studentin bis zur Erpressung eines Doktortitels und der Feststellung, dass die opportunistischen Nazis auch nach 1945 bis in die 60er Jahre hinein die junge Bundesrepublik zumindest in wichtigen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen noch unter Kontrolle hatten. Es ist alles vorhanden, was einen guten historisch orientierten Krimi mit einer soliden Mischung aus Unterhaltung und Information ausmacht. Und doch fügen sich die einzelnen Teile sehr schwer zueinander und einen Schwachsinnigen ohne das Wissen oder zumindest die Mithilfe seines Vaters als Täter mit einem Bauerntrick zu überführen, ist nicht überzeugend. Irgendwie hat der Leser das Gefühl, als scheue der ansonsten so kritische von Ditfurth eine konsequente Auseinandersetzung bis zum bitten Ende. Hier wäre ein alter Weggefährte, der letzt endlich einen Gefallen einlöst und Stachelmann erst verschreckt und schließlich eine Mitwisserin umbringt, überzeugender gewesen und hätte besser in von Ditfurths historisches Bild gepasst. Weiterhin ist die Konzentration auf einen Täter im Gesamtkomplex unlogisch, denn zielstrebig lenkt von Ditfurth den Verdacht auf eine über alle Zweifel integere Person, die mit dem Mord an der jungen Studentin zumindest in einem mittelbaren Zusammenhang stehen muss. Das Stachelmann sich trotz aller Selbstzweifel ein weiteres Mal nicht an die Polizei wendet bzw. zumindest einen anonymen Hinweis zuspielt, lässt sich noch halbwegs begründen. Das von Ditfurth über diese Person am Ende beim aus der Luft gegriffenen Showdown außen vor lässt und Stachelmann trotz der Erkenntnis, das sich Betrug am Ende – wenn auch manchmal nach sehr langer Zeit – nicht durchsetzt, alles hinschmeißt, wirkt genau unglaubwürdig wie die teilweise arg in die Länge gezogene Charakterisierung seines Hauptprotagonisten. Warum von Ditfurth im Gegensatz zu seinen ersten Büchern nicht alle handlungstechnischen Fäden konsequent abschließt, wird sein Geheimnis bleiben.

„Lüge eines Lebens“ ist im Grunde der Kompromiss eines Krimis. Er folgt direkt ein Jahr nach dem letzten Stachelmannkrimi. Bislang hatte von Ditfurth immer eine historische Spielerei und dann einen Stachelmannkrimi alternierend geschrieben. Jetzt konzentriert er sich nur noch auf die Kriminalromane. Für das nächste Jahr ist wieder ein Buch angekündigt und das Ende des vorliegenden Romans deutet an, dass auch im Privatleben des Josef Maria Stachelmanns unabhängig von seiner düsteren Zukunft dunkle Wolken aufziehen. Dem Plot hätte allerdings eine Pause von einem Jahr gut getan. Teilweise wirkt der Roman zu bemüht, zu krampfhaft konstruiert, auch der grundlegende Katalysator ist auf sehr dünnem Eis gebaut. Wahrscheinlich hätte die Uni die Beweise verschwinden lassen, den Schuldigen in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet und Stachelmann auf dessen Schuld gehievt. Das gleichzeitig die Habilitationsarbeit beim Verlag gesetzt und im Unibüro kopiert wird, erscheint eher plottechnisch erzwungen. Im normalen Leben hätte der Verlag von Stachelmann unter der Bemerkung der Persönlichkeitsrechte leichte Änderungen beim Schicksal des von Nazis nach Buchenwald verschleppten und ermordeten Historikers erbeten und die Wahrheit wäre für immer unter dem Teppich geblieben. Christian von Ditfurth muss in seinen nächsten Romanen darauf Acht geben, dass sich die originelle Idee eines Historikers als Hobbydetektiv der deutschen Geschichten nicht zu sehr abnutzt. Mit seinem nächsten Buch sollte er auf die Schiene eines „Mit Blindheit geschlagen“ zurückkehren, ansonsten könnten die Leser das Interesse an der Figur verlieren. Der Roman an sich verfügt über einige sehr packend geschriebene Szenen insbesondere. Diese finden sich im gut gestalteten Mittelteil. Ihnen stehen aber sehr viel graue Theorie und Bemühen gegenüber. Zuviel um, überhaupt eine wirklich stringente und letzt endlich befriedigend abgeschlossene Geschichte zu erzählen.

Christian von Ditfurth: "Lüge eines Lebens"
Roman, Hardcover, 427 Seiten
Kiepenheuer& Witsch 2007

ISBN 3-4620-3433-4

Weitere Bücher von Christian von Ditfurth:
 - Das Dornröschen- Projekt
 - Das Luxemburg-Komplott
 - Das Moskau Spiel
 - Die Akademie
 - Labyrinth des Zorns
 - Schatten des Wahns

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