Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



Max Allan Collins

Road to Purgatory

rezensiert von Thomas Harbach

Michael Allan Collins hat mit „Road to Purgatory“ nicht nur eine Fortsetzung zu seinem erfolgreich verfilmten Comic – und späteren Roman – „Road to Perdition“ geschrieben, entgegen den Erwartungen des Marktes beinhaltet das Buch auch ein für das Verständnis der Serie elementares Prequel. Inzwischen ist ein dritter Band dieser Serie in den USA erschienen. Das interessante am vorliegenden Roman ist die Tatsache, dass es zum ersten Mal eine Fortsetzung in Prosaform eines Comics ist. Die umfangreiche Geschichte rechtfertigt allerdings auch die Änderung der literarischen Erzählform. Gleichzeitig schließt sich auch für den Autor ein Kreis. Zu seinen ersten sehr erfolgreichen und Aufsehen erregenden Werken gehörte eine Trilogie um den Privatdetektiv und Ex- Polizisten Nate Heller. Inzwischen hat Collins diese drei Romane zu einer erfolgreichen Serie ausgebaut. In den ersten Bänden – 1933 bis 1942 - wurde Heller in die Bandenkriege in seiner Heimatstadt Chicago verstrickt, in deren Mittelpunkt Frank Nitty zuerst als Capones rechte Hand und schließlich als illegitimer Nachfolger agierte. Wie Collins in seinem Nachwort erläutert, stand ihm nach der Recherche über diese bewegende Zeit soviel Material zur Verfügung, dass er sich entschlossen hat, dieses in die vorliegende ausbaufähige Serie zu integrieren. Nicht umsonst wirken Teile des Buches wie eine spiegelverkehrte, aber nicht weniger faszinierende Kopie der Heller- Romane. Während O´Sullivan aus dem inneren Kreis der Cosa Nostra heraus agiert und seine Rache zu vollenden sucht, wurde Heller immer mit den Auswirkungen des immer offener ausgetragenen Bandenkrieges konfrontiert.

Die Fortsetzung der „Road to Perdition“ beginnt zehn Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, auf der philippinischen Insel Baatan. Wahrscheinlich eine der blutigsten Schlachten des grausamen Pazifikkrieges. Und eine der politischen. Michael hat die Zeit zwischen dem Einsetzen der Handlung und dem Tod seines Vaters bei Zieheltern verbracht. Diese betreiben in einer kleinen Stadt in der Nähe Chicagos ein italienisches Restaurant. Er scheint die Vergangenheit vergessen zu haben. Erst die Grausamkeit der japanischen Angriffe, die er als Scharfschütze mit einer erstaunlichen Gelassenheit und Kaltblütigkeit kontert – er alleine tötet mehr als einhundert Feinde – weckt in ihm die Vergangenheit und den Drang nach Rache. Nachdem er einen General vor einem japanischen Tiefflieger gerettet hat, kehrt er verwundet – ein Splitter hat ihm ein Auge ausgeschlagen – als Kriegsheld, doch innerlich leer und emotionslos in die Heimat zurück. Er verspürt Wut und Enttäuschung. Seine Kameraden werden zum Sterben auf der Insel zurückgelassen, nur General Arthur und seine Familie werden zusammen mit ihm ausgeflogen. Dieses tiefe Misstrauen allen politischen Entscheidungsträgern gegenüber wird sich auch in seinem weiteren Leben stabilisieren. In der Heimat findet er sich nicht zurecht, nur der Gedanke, seinen richtigen Vater zu rächen motiviert in. Eliot Ness sieht seine Chance, ihn in das Syndikat Frank Nittys einzuschleusen und die Organisation von innen heraus zu sprengen.

Max Allan Collins Stärke liegt in der Verbindung von historischen Fakten mit außergewöhnlichen Spekulationen. Der Leser ist zwar mit historischen Charakteren - oder zumindest deren Fernsehauftritten - wie Frank Nitty, Eliot Ness oder Al Capone vertraut, aber auch Nebenfiguren wie Looney beinhalten authentische Züge. Collins gelingt es, diese Ikonen des Verbrechens auf der einen Seite als facettenreiche, nicht nur gewalttätige, sondern verschlagene Geschäftsleute darzustellen. Insbesondere Looney und Nitty stellen eine neue Art des Gangsters dar, deren Streben die Suche nach einem zwar nicht gesetzestreuen, aber sozialen Leben ist. Geschickt spielen sie insbesondere die politischen und polizeilichen Organe gegeneinander aus, gründen Scheinfirmen und Holdings, heben konsequent alle von unbestechlichen Polizisten wie Ness ins Auge gefassten Seitengeschäfte wie in diesem Fall Prostitution auf. Der Autor beschreibt ihre Stärken auch als ihre Schwächen. Wie in den Nate Hellerbüchern erscheint insbesondere Frank Nitty in seinem überraschend positiven Licht.

Aber seine Reaktion auf den von Michael alleine begangenen Überfall auf Capones Quartier in Miami wirkt nicht überzeugend. Von Anfang an geht Nitty von einer fremden Konkurrenzorganisation aus, die Capone töten wollte. Allerdings gibt es keine Leichen der Attentäter, die Angreifer hatten auch keine Zeit, ihre getöteten Kameraden mitzunehmen und Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens von außen finden sich ebenfalls nicht. Dabei braucht Nitty den nicht mehr zurechnungsfähigen Capone als Alibi seiner Herrschaft. Auf den Gedanken, dass Michael O´Sullivan – der ja in seiner Organisation relativ neu ist – der Angreifer sein könnte, kommt er nicht. Später fällt ihm allerdings die Ähnlichkeit zu seinem Vater auf, dessen Angebot gegen freie Hand für Nitty zu arbeiten er abgelehnt hat. Es sind diese Passagen, die zeigen, wie sehr Max Allan Collins zwischen Pflicht und Kür schwankt. Diese kleinen Nachlässigkeiten lassen sich in einer opulenten Verfilmung und/oder einem gut gezeichneten Comic besser verstecken als in einem breit angelegten Roman.


Als Gegengewicht etabliert Collins mit dem Schweiger Michael O´Sullivan einen klassischen Racheengel. Stoisch erledigt er seine Aufgaben, zeigt nach außen keine Gefühle, trennt sich schon vor seinem Flug nach Asien von seiner Freundin und „schenkt“ ihr gegen ihren Willen und arrogant ein eigenes Leben. Erst am Ende der dramatischen Geschichte bricht diese harte Schale auf und zeigt einen vereinsamten, zwar nicht ängstlichen, aber emotionsarmen jungen Mann. Es fällt dem Leser sehr schwer, wirklich überzeugende Sympathien zu dieser Figur aufzubauen. Wäre er ein ängstlicher, normaler Junge, der sowohl im Krieg an der Front als auch im Gangsterkrieg zwischen die Fronten gerät und sich nicht planmäßig, sondern eher durch Zufall an den Menschen rächen kann, die seinen Vater ermordet haben, würde das Buch auf einer elementaren emotionalen Ebene gewinnen. So verfolgt der Leser fast unbeteiligt, aber zumindest gut unterhalten die verschiedenen Aktionen und Reaktionen. Zu einer der besten Szenen des Romans gehört Michaels Eid auf die Cosa Nostra, geschickt lässt ihn Nitty bei seinem katholischen Glauben schwören, ein Schwur, den kein guter Katholik brechen wird. Bei der Charakterisierung übertreibt Collins aber auch an einigen Stellen. O´Sullivan ist von Beginn an der klassische amerikanische Held und Übermensch, der furchtlos Japaner und Gangster ermordet. Insbesondere bei der gelungenen Verfilmung überzeugte ein „normaler“ Mann wie Tom Hanks auf der einen Seite als liebevoller Familienvater und auf der anderen Seite als treuer Gefolgsmann eines Verbrechers. Da ihm die „private“ Seite gänzlich fehlt, wirkt O´Sullivan eindimensional und unfertig. Die grundlegenden Motive seines „Road to Perdition“ greift der Autor vollkommen überraschend für den Leser in der Mitte dieses Buches wieder auf. Er unterbricht an einer dramatischen Stelle den Handlungsfluss und integriert einen Rückblick in die Zeit vor „Road to Perdition“. Dieses Vorgehen ist nicht nur mutig, sondern fast waghalsig. Damit stört er die integrale Struktur eines Romans und setzt sich über die klassische Kontinuität von Gangstergeschichten hinweg. Ihm gelingt es nämlich nicht, an seinen dramatischen Cliffhanger mit einer wirklich überzeugenden Handlung anzuknüpfen und trotz einiger interessanter Szenen wirkt die zweite Hälfte des Buches gedehnt und extrem konstruiert. Zu schnell wechseln schließlich die politischen Lager. Ein klassisches Beispiel für eine Luftkonstruktion ist die brutale Ermordung seiner Freundin Estelle Carey. O´Sullivan hat die Betreiberin eines Quasi- Bordells – was die Verlierer in den Casinos in den oberen Etagen dieser Häuser machen, existiert zumindest für die Mafia und die Polizei nicht – kennen – und zumindest oberflächlich lieben gelernt. Eines Tages findet er ihren Leichnam brutal zugerichtet in der gemeinsamen Wohnung. Er macht sich auf die Suche nach den Tätern und wer jetzt eine Racheaktion einer der beiden konkurrierenden Mafia- Organisationen erwartet, wird enttäuscht. Zwei Kleinkriminelle haben aus Raffgier das Verbrechen begangen und wurden schnell im Lake Michigan entsorgt. Damit nimmt Collins diesem Handlungsteil unglaubwürdig schnell die Effektivität sowie Ansätze einer emotionalen Ebene. Er lässt den Leser mit einem Ablenkungsmanöver voller Fragezeichen zurück. Und das zu einem unglücklichen Zeitpunkt des Spannungsbogens, denn Nitty wird wegen der Hollywoodgewerkschaften unter Druck gesetzt und die Konkurrenz setzt ihm in dessen Notlage arg zu. Niemand ist mehr sicher vor den Racheaktionen der einzelnen Gruppen.

Wie in einigen anderen seiner empfehlenswerten Romane setzt sich der Autor sehr differenziert mit dem männlichen Generationenkonflikt auseinander. Fast mythisch überzeichnet verbindet er den Reifeprozess eines jungen Mannes mit dem Überschatten eines zwar nicht fehlerfreien, aber unangreifbaren Vaters. Die in der Vergangenheit spielenden Szenen unterstreichen diese perfekte Ikonisierung der Vaterfigur. O´Sullivan kann dem schweren Erbe seines Vaters nicht entkommen, er streift sich in fast klassischer Vigilantentradition dessen Mantel über und vollendet letzt endlich dessen nicht immer klar erkennbare Aufgabe. Er rächt nicht nur seinen Vater, sondern auch seinen ermordeten Bruder und seine Mutter. Mittelbar und nicht mehr wie im ersten Buch unmittelbar. Dabei bewegt sich der Roman zwischen einem überzeugenden Portrait und einer stellenweise fast schmalzigen Portion Kitsch. Denn trotz der auf den Straßen von Chicago herrschenden Brutalität und dem grausamen Zweiten Weltkrieg gibt es die Hoffnung, dass – wenn es auch kein schöner Morgen wird – es immer wieder Tag wird. Irgendwann und irgendwo.

Max Allan Collins: "Road to Purgatory"
Roman, Softcover, 384 Seiten
Heyne 2006

ISBN 3-4534-3091-3

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::