Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Krimi (diverse)



Richard Bachmann (Stephen King)

Qual

rezensiert von Thomas Harbach

Stephen King entschuldigt sich in seinem Vorwort – in der englischen Ausgabe – bzw. seinem Nachwort – in der deutschen Hardcoverausgabe – bei seinen Lesern, ihnen mit „Blaze“ einen Schubladenroman zu präsentieren. Unabhängig von der Tatsache, ob dieser sechste Richard Bachmann Roman mehr als dreißig Jahre nach seiner Entstehung im Jahre 1973 noch eine Veröffentlichung wert ist, beschreibt Stephen King den Wunsch, nach dem Kurzroman „Oklahoma Kid“ noch einen hardboiled Krimi zu veröffentlichen. ER erwähnt, dass sowohl der Kurzroman als auch „Blaze“ klassische Taschenbuchware ist, um ihn dann sowohl in den Staaten als auch Deutschland als teuren Hardcover zu veröffentlichen. Zumindest gehen alle Erträge an die Haven Foundation für Künstler in Not, so entzieht sich King dem Unmut seiner Leser, die für einen Taschenbuchtext den teuren Mantel bezahlen müssen. Alleine die Geschichte des Manuskripts „Blaze“ ist allerdings eine kleine Reise in Kings Vergangenheit wert. 1973 geschrieben konnte Stephen King den Roman nicht veröffentlichen. Zusammen mit weiteren drei weiteren Büchern, die alle Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre entstanden sind. In seinem Nachwort zu „Different Seasons“ führt King weiter aus, dass er mit „Carrie“ schließlich seinen ersten Roman verkaufen konnte. Als Folgeprojekte stellte er sowohl „Salems Lot“ als auch „Blaze“ vor. „Salems Lot“ ist gekauft worden, der Name King wurde zu einem Markenzeichen für modernen Horror. Verschiedene Sekundärwerke begannen im Zuge von Kings zunehmender Popularität auch die verschollenen Romane zu analysieren. Richard Bachmann hatte seine vier Romane veröffentlicht, beim vierten Band fiel die Tarnung, da „Thinner“ im Grunde eine klassischer Stephen King gewesen ist. Vor zwei Jahren im Zuge der Arbeit an „Kid“ hat sich King schließlich auf die Suche nach dem Manuskript zu „Blaze“ gemacht und sich entschlossen, den Band unter seinem alten Pseudonym Richard Bachmann zu veröffentlichen. Die richtige Entscheidung, denn obwohl der Roman von ihm grundlegend überarbeitet worden ist, gehört „Blaze“ in die Reihe seiner oberflächlich spannenden, aber im Grundtenor nihilistischen Romane. Wer an das Ende von „The Running Man“ denkt oder „Rage“ noch einmal liest, wird Kings dunkle Intention auch in Hinblick auf soziale Kritik a la John Steinbeck kennen. Richard Bachmanns Roman sind stilistisch ganz bewusst grob und mit einem Straßenslang geschrieben, sie sind dunkel und dreckig im Sinne des Film Noirs. Im Gegensatz zu seinen Horrorromanen müssen sich die Protagonisten mit bodenständigen, wenn auch übertrieben extrapolierten Szenarien auseinandersetzen, sie sehr kompakten Bücher packen den Leser am Hals und lassen ihn über die stringenten Handlungsstränge hinweg nicht mehr los. Und in diese Kategorie fällt der überarbeitete „Blaze“. Auch wenn der Hauptplot das Augenmerk des Lesers auf sich zieht, ist er nur der prozentual kleinere Teil des Buches. Der geistig minderbemittelte, aber körperlich sehr kräftige Blaze entführt ein Baby, um eine Millionen Dollar von den Eltern zu erpressen. Die Idee stammt nicht von ihm. Sein vor zwei Jahren ermordeter Partner hat diesen Plan ausgeheckt, Blaze führt ihn von einer Geisterstimme geleitet durch. Auch wenn Blaze ein Verbrecher ist und vor allem den Eltern des Kindes einen gehörigen Schrecken einjagt, ist Stephen King routiniert genug, den Leser zu manipulieren. ER verzichtet fast gänzlich auf die Perspektive der Eltern, lässt das Gesetz fast ausschließlich in Form der kompetenten Polizei agieren und konzentriert sich auf den Antihelden Blaze. Die Hauptgeschichte ist für die Spannung zuständig, die Hintergrundepisoden, die mehr und mehr den größten Teil des Buches einnehmen, für das tragische Pathos. Blaze ist kein schlechter Mann, obwohl er ein Verbrecher ist. Der Kleinganove, der sich bislang mit Trickdiebstahl über Wasser gehalten hat, wird eher unfreiwillig zum Schwerverbrecher. Seine bislang aus einer sehr naiven Perspektive betrachtete Welt bricht zusammen. Den Weg zu diesen Ereignissen beschreibt King in einer Art Spirale. Gleich zu Beginn des Buches erfährt der Leser, dass der eher verschlossene Blaze durch seinen Vater schwer misshandelt worden ist. Als der Junge ihn beim Fernsehen stört, schmeißt er ihn dreimal die Treppe hinunter. Mit der Folge, dass Blaze geistig behindert ist, während er körperlich zu einem überdurchschnittlich kräftigen Mann heranwächst. Den Weg seiner Jugend verfolgt Stephen King in einigen Episoden. Das Niveau seiner Novelle „The Body“ erreicht er in einer Sequenz, in der Blaze zusammen mit einem Freund aus dem strengen Waisenhaus für einen Wochenendtrip entflieht. Zwischen der Aneinanderreihung von dunklen Szenen der einzige Lichtblick in Blaze Leben. Auch wenn es im Nachhinein eine eher unverantwortliche Manipulation des Lesers ist, konzentriert sich Stephen King darauf, dem Leser die Welt aus den Augen eines körperlich erwachsenen Kindes zu zeigen. Obwohl Blaze sich mehrmals bemüht, sich nicht in den Teufelskreis aus Armut und Verbrechen zu verfangen, ist er schließlich der Meinung, dass das Leben ihm keine andere Wahl lässt. Das ist auf der einen Seite tragisch, auf der anderen Seite vielleicht auf den ersten Blick naiv. Doch King hat sich bemüht, alle zeitlichen Hinweise in seinem Roman zu tilgen und ganz bewusst die Geschichte als eine Pulphommage an „Of Mice and Men“ anzulegen. Wenn King davon spricht, dass sein Roman kein reiner Krimi ist, sondern das Portrait einer „minor tragedy of underclass“ liegt er richtig und gleichzeitig falsch. In seiner Argumentation macht es sich King ein wenig zu leicht, die einzelnen Fragmente passen teilweise zu gut zusammen und eine Entgegnung lässt der Autor nicht zu. Es gibt auch sehr viele Menschen in ärmlichen Verhältnissen, die willensstark und stolz genug sind, nicht zu Verbrechern zu werden. Deren hartem Leben entzieht King mit diesem Buch im Grunde die Basis, die Psychologie ist zu pathetisch einseitig angelegt und teilweise wirkt das Buch in seinen Argumenten wie Kings Horrorromane mit einem großen Holzhammer geschrieben. Natürlich will King in erster Linie unterhalten und in zweiter Hinsicht provozieren. Wie unsicher der Autor in Hinblick auf den Gesamteindruck ist, zeigt sich am Ende des Buches, in dem Blaze einen Polizisten mittels eines Schlags tötet und damit die Grenze zwischen Sympathieträger und Verbrecher überschritten hat. Auch wenn der Leser ihm einen kleinen Erfolg in seinem nicht immer einfachen Leben gönnt, ist das Töten von Polizisten, die nur ihre Pflicht tun und das Baby retten wollen, eine Grenze, die nicht hätte überschritten werden dürfen. Das Blaze für seine Taten bestraft wird, ist folgerichtig. Auch bei der scheinbar gespaltenen Persönlichkeit greift Richard Bachmann auf Stephen Kings Stilmittel zurück. Da es sich um einen realistischen Roman handelt, ist es unwahrscheinlich, dass die Stimme seines alten Partners George eine übernatürliche Erscheinung ist. Blaze selbst vergisst sehr viel in Folge der Kopfverletzungen, durch die Misshandlung seines Vaters. Ist die Stimme vielleicht sein Unterbewusstsein, begraben unter den Traumata der Misshandlungen. Gibt sie einen Einblick über eine fiktive dritte Person in Blazes eigentliche Psyche? Die sehr vagen Hinweise, dass George eine Geistererscheinung sein könnte, negierte King selbst sehr schnell in seinem Handlungskonzept. Auch wenn diese Dialoge( Monologe) zu den besseren Passagen des Buches gehören, fügen sie sich unwillig in den Gesamtkontext des Buches ein. Es ist, als wolle Richard Bachmann in seinem wahrscheinlich letzten Buch noch einmal auf die Verwandtschaft zu Stephen King hinweisen, eine unnötige Geste.

Zusammenfassend gehört „Blaze“ sicherlich zu den besseren Bachmannbüchern, steht in einem angenehmen Kontrast zu dem nihilistischen Zorn, den Romane wie „Rage“ oder auch „Running Man“ ausstrahlen. Die Überarbeitung des Textes im Vergleich zum Original lässt sich nicht beurteilen, aber Stephen King wirkt teilweise unnötig belehrend, dazu kommt die vordergründige sehr geradlinige und vorhersehbare Geschichte. Einzig die Rückblenden mit ihren tragischen Episoden heben den Roman aus der Masse heraus. In seinem Gesamtwerk hat King mehrmals seine Leser überrascht. Das beginnt mit der Reflektion über das Schreiben in „Mysery“ über „Rose Madder“ bis schließlich „Love“. Nicht alle Experimente sind wie nicht alle seine Romane – man denke nur an „Tommyknockers“ – wirklich gelungen. „Blaze“ gehört in die Kategorie des Hardboiled Experiments mit einigen sehr gelungenen, anrührenden Szenen und einer in seiner Simplizität enttäuschenden Handlung. Zumindest in dieser Hinsicht haben die anderen Bachmannromane neben mehr Brutalität und Gewalt den Leser eher überraschen können. Neben dem Nachwort hat Stephen King werbewirksam geschickt dem Buch eine Kurzgeschichte „ Memory“ hinzugefügt, die der Aufhänger seines neuen Romans „Duma Key“ sein soll. Dieser wird im nächsten Jahr veröffentlicht. Anscheinend könnte sie den Anfang des Buches darstellen. Es ist eine weitere Aufarbeitung von Stephen Kings schwerem Unfall. Er erzählt dunkel vom Schicksal eines erfolgreichen und glücklichen Unternehmers, der durch einen Autounfall zum Krüppel wird und dessen Leben sich auf einen Schlag gänzlich ändert. Sein Sprachzentrum funktioniert nicht mehr richtig. Das Ende der Geschichte wirkt allerdings aufgesetzt, soll auf den drohenden Schrecken hinweisen. Auf der einen Seite kann Stephen King aufgrund der eigenen Erfahrungen insbesondere die Schmerzen und die Bewusstseinsveränderung sehr real beschreiben, auf der anderen Seite sucht der Autor mit dem offenen Ende und der Szene, in der ein Hund getötet wird, wieder den „billigen“ Schrecken. Dieser Kontrast zieht sich wie ein roter Faden durch Stephen Kings gesamtes Werk und wenn man „Memory“ in einen direkten Zusammenhang mit „Blaze“ stellen möchte, dann in Hinblick auf die nicht immer homogene Mischung aus hervorragend geschriebenen, intimen Szenen und handlungstechnischen Kompromissen auf dem einfachsten gemeinsamen Nenner.

Richard Bachmann (Stephen King): "Qual"
Roman, Hardcover
Heyne 2007

ISBN 3-4532-6583-1

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::