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Witali Rutschinski

Teufels Werke

rezensiert von Holger Lodahl

Teufels Werke ist einer der Romane, die es ohne eine andere fiktive Story nicht gegeben hätte. Schon auf dem Cover des Buches wird der Leser darauf hingewiesen:
Ein Roman um Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ steht da unter dem Haupttitel, und unwillkürlich fragt man sich, ob man sich nicht erst diesen Titel zu Gemüte führe sollte.
Die Antwort ist leicht: Man kann, muss es aber nicht.

Dennoch ist es interessant, auf welches Werk sich der Autor Rutschinski bezieht. Sein Vorbild Bulgakow gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte durch seine Dramen und Romane unter der stalinistischen Diktatur zu leiden. Viele seiner Werke erschienen erst nach seinem Tod, auch Meister und Margarita: Es ist eine fantastische Abenteuergeschichte und beißende Zeitsatire. Es beschreibt das Wesen von Gut und Böse, die menschlichen Schwächen, die destruktiven Auswirkungen von Unfreiheit und Unterdrückung und die Entlarvung der Lügen: Um 1930 taucht in Moskau der Satan Voland mit seinem Gefolge auf. Er bringt mit seinen Mächten die Stadt und deren mächtige Bewohner völlig durcheinander. Vielen wird übel mitgespielt, und viele verdienen es nicht anders – es herrschen Verlogenheit, Machtgier, Egoismus und Opportunismus.
Eine Ausnahme bilden ein Schriftsteller und seine Geliebte. Der Schriftsteller ist über seine Verzweifelung, dass niemand sein Werk veröffentlichen will, krank geworden und hat seine Geliebte aus den Augen verloren. Um ihm zu helfen, geht die Frau einen Pakt mit dem Teufel ein. Als Lohn für ihren Mut wird sie wieder mit ihrem Geliebten zusammen geführt, und sein Roman wird vor dem Vergessen gerettet.

Rutschinski folgt in Teufels Werke einem ähnlichen Muster:
Die Geschichte seines Romans spielt in Moskau. Die Stadt ist in den späten 1980er Jahre am Anfang der Perestroika. In den aufkommenden Zeiten des Umbruchs sind die Menschen verunsichert und arm. Darüber hinaus frieren sie: Der kalte, russische Winter macht seinem Ruf alle Ehre.
Erneut erscheint Voland mit seinem Gefolge und seinen Helfern. Voland lässt sich Zeit, die Menschen zu beeinflussen: In Rückblenden wird erzählt, dass er schon vor zwei Jahren auf der Suche nach einem Testobjekt mit seiner Kutsche durch die Stadt fuhr. Dieses findet er in einem einfachen Streifenpolizisten, dem er den Geist öffnet und der daraufhin seine literarischen Talente erkennt. Er schreibt seinen Kampf gegen Korruption und für Recht und Ordnung auf, wird entdeckt und gefeiert, um bald darauf wieder in Vergessenheit zu geraten.
Der arme Mann war nur Versuchskaninchen für Voland:
Sein eigentliches Objekt der Begierde ist der erfolglose Autor Jakuschkin. Dieser versucht verzweifelt, seinen Roman verlegen zu lassen. Doch er stößt nur auf Desinteresse: Sein Manuskript wird von dem Verleger nicht mal gelesen und wortlos abgelehnt. In dieser für Jakuschkin verzweifelten Situation beginnt Voland, seine teuflischen Einflüsse geltend zu machen. Er bringt Jakuschkin dazu, in das berühmte „Haus der Literaten“ zu gehen und dort den arroganten Verleger mit körperlicher Gewalt abzustrafen. Voland rettet Jakuschkin vor der ankommenden Miliz und nimmt ihn mit. Die Anwesenheit Volands zieht immer größere Kreise und beeinflusst letztendlich ganz Moskau, ja sogar das Ausland und die Welt.
Voland ist das ganz recht. Er gibt sich keine Mühe, seine Anwesenheit geheim zu halten oder vorsichtig zu intrigieren. Doch alle, die seine Machenschaften erkennen und sich ihm in den Weg stellen, werden abgestraft: Seine menschlichen Gegner werden in andere Zeitzonen versetzt, in denen sie dann erschossen werden; sie erwachen plötzlich auf einsamen Inseln und sind so aus dem Weg geräumt, oder ihre Autos machen sich selbstständig und bringen ihre Besitzer weit weg vom Machtzentrum Moskau.

Der Autor Jakuschkin ist nicht zufällig das Objekt der Begierde. Es ist der ungeliebte Roman des Autors, auf den sich das Interesse Volands richtet. In ihm beschreibt Jakuschkin die Geschichte um merkwürdige Tests in einem Akademieinstitut, in dem einfache Heupferde (auch Heuschrecken genannt) mit unerhörter Sprungkraft gezüchtet werden. Ein Schwindel, wie in dem Manuskript zu lesen ist. Allerdings erzeugt ein Mitarbeiter versehendlich ein mutiertes Kaninchen, dessen Biss jedermann dazu bringt, sich gegen die Brust zu schlagen und in einem Anfall von Bekennerwut und Wahrheitsliebe die geheimsten Betrügereien, Lügen und Vergehen zu beichten.

Das Kaninchen ist Volands Ziel: Er bietet Jakuschkin an, das Kaninchen lebendig werden zu lassen – als Gegenzug müsse er allerdings sein Manuskript verbrennen. Und so kommt es: Das kleine Tier entspringt den Seiten, hüpft fortan durch das kalte Moskau und beisst!

Mit verheerenden Folgen: Die Opfer der Bisse entlarven sich schnell des Betruges, der Geldgier und selbst die höchsten Politiker der Stadt geben lautstark zu, nichts von Politik zu verstehen und keine Ahnung von ihrer Arbeit zu haben.

Nach und nach gerät die ganze Stadt in Aufruhr. Das Kaninchen beisst sich durch; Menschen verschwinden in Zeitlöcher, aus denen umgekehrt verwirrter Personen der Vergangenheit in die Gegenwart gelangen; das KGB weiß gar nicht mehr, was geschieht und was man tun könnte.

Volands Taten geschehen jedoch nicht aus Boshaftigkeit. Ihm liegt Moskau und deren Einwohner am Herzen. Er nennt die Politiker resigniert „eine Bande korrupter und nutzloser Regierender, die das Land endgültig in einen Abgrund stürzen“ und möchte die Bewohner aufrütteln, sich zu wehen.

Nachdem die Parteispitze der Stadt erkennt, dass Voland der Leibhaftige ist, dem man nur mit Kreuzen, Ikonen und Aufrufen der Heiligen auf die Pelle rückt, geschieht das Unwahrscheinliche (und in einem Rechtsstaat illegale): Staatlichen Gewalten und die nicht minder korrupte Kirche arbeiten zusammen, um sich gegen Voland zu stellen. Die Taufe wird für jeden Bürger Pflicht; Politiker werden über Nacht religiös; die Geistlichen übernehmen politische Ämter.

Und obwohl sich das Volk mit Protesten wehrt, scheint Voland zu resignieren. Er verlässt Moskau und überlässt es seinem Schicksal.
Ob die Menschen ihren Weg zur Freiheit finden werden?

Rutschinski hat einen satirisch-grotesken Roman verfasst, der nicht zufällig zu Zeiten der beginnenden Perestroika spielt. Der Autor weiß, wovon er spricht: Als Redeschreiber war er unter anderem für Michail Gorbatschow tätig und mit den Regierungskreisen vertraut. Es scheint, als hätte Teufels Werke auch viele autobiographische Züge. Unterstützt wird diese Vermutung durch die Art der Erzählung. Rutschinski präsentiert eine Geschichte, in der sich der Erzähler direkt an den Leser wendet. Über weite Teile gibt der Erzähler zu, die Story auch nur gehört zu haben, doch leitet er das brisanteste Kapitel, in dem er die Kooperation von Staat und Kirche beschreibt, mit den Worten ein:

„Nun wird es Ernst! Wir kommen nun zu Ereignissen, die ich selbst miterlebt habe ... und werde mich gänzlich an objektiv gesicherte Fakten halten!“

Es wird sehr deutlich, was Rutschinski von den Mächtigen seines Landes hält. Die zahlreichen Bezüge auf den Vorbildroman „Meister und Margarita“ sind notwendig, um zu erkennen, dass sich in den vielen Jahren zwischen den beiden Besuchen des Teufels Volands in dem Land nicht viel verändert hat: Die Menschen sind korrupt, haben nur profitable und devisenbringende Auslandsbesuche im Blick; achten einzig auf ihr Prestige und sind in ihrem Job – sei es nun die hohe Politik oder die dramaturgische Beurteilung des Theaters – unfähig.

Beim genaueren Hinsehen muss man als aufmerksamer Leser bemerken, dass das Teufelchen Voland das Geschehen in Moskau weniger beeinflusst als es den Anschein hat: Es sind weniger Teufels Werke, mit denen sich die Menschen in diesem gewaltigen Land und auch anderswo herumschlagen müssen. Viel eher verweisen Volands Gemeinheiten auf die Taten der Menschen. Die Führungselite erliegt der Täuschung, eine Annäherung an die Kirche könnte Volands Wirken in der Stadt beenden. Doch ist es die Massentaufe in dem Fluss Moskwa, die ein Massenertrinken der Bürger zur Folge hat. Auch beginnt das Drama schließlich mit der Faulheit und Respektlosigkeit des Dramatikers, der Jakuschkins Werk keine Aufmerksamkeit widmet und sich eher den Bauch im „Haus der Literaten“ vollschlägt, während die gemeine Bevölkerung hungern muss.

Trotz der satirischen Kritik merkt man Teufels Werke an, dass Rutschinski seine Stadt Moskau liebt. Er macht sich mit einem liebevollen Augenzwinkern über die kleinen und großen Machthaber lustig, was maßgebend dem Unterhaltungswert beiträgt.

Wenn man sich erst einmal an die fremdklingenden, russischen Namen gewöhnt hat und diese auseinander halten kann, taucht man in die Geschichte ein und amüsiert sich. Ein Buch, das auch neugierig auf Moskau macht und Fragen nach der Kompetenz und Humanität der Menschen stellt.

Und diese Fragen sind international und immer aktuell.

Witali Rutschinski: "Teufels Werke"
Roman, Softcover
Piper 2002

ISBN 3-4922-4306-1

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