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Interviews



Im Gespräch mit Michael Iwoleit

Autor von "Am Rande des Abgrundes"

von Thomas Harbach

SF-Radio.net: Zu Beginn: Kannst Du uns etwas über Deinen bisherigen Werdegang berichten?

Michael Iwoleit: Ich wurde 1962 in Düsseldorf geboren, habe einige Semester Philosophie und Germanistik studiert, eine Ausbildung als Biologisch-technischer Assistent absolviert und auch einmal für zwei Jahre im Botanischen Institut der Düsseldorf Universität gearbeitet. Ich schreibe schon seit meinem elften Lebensjahr. Werner Fuchs, dessen Fantastic Shop anfangs der Achtziger noch ein SF-Buchladen war, hat mich in die SF-Szene eingeführt und mich mit Leuten wie Horst Pukallus und Ronald M. Hahn bekannt gemacht. 1984, kurz nach dem Erscheinen meines ersten Romans, habe ich mich das erste Mal als freier Autor versucht, 1989 haben mir dann einige umfangreiche Übersetzungen für den Heyne-Verlag die Möglichkeit verschafft, wieder Vollzeit-Autor und -Übersetzer zu werden. In den letzten Jahren habe ich neben meinen literarischen Projekten als Texter für Industrie und Werbung gearbeitet.

SF-Radio.net: Wie bist Du zur Science Fiction gekommen und welche Strömungen haben Dich da am meisten fasziniert?

Michael Iwoleit: Ursprünglich war ich ein ausgesprochener Weird Fiction-Leser, insbesondere ein glühender Verehrer von H.P. Lovecraft. Erst nach der Lektüre von John Brunners "The Sheep Look Up" und "Stand on Zanzibar" habe ich mich der Science Fiction zugewandt. Zu dieser Zeit, Anfang der Achtziger, hatte die SF eine gewisse Präsenz und politische Relevanz erreicht, und Brunners Werk überzeugte mich davon, daß sie ein wirksames Instruments zum Verständnis unserer Welt sein kann. Ich habe das Glück gehabt, Brunner noch persönlich kennenzulernen. Weitere wichtige Lektüreerfahrungen waren J.G. Ballard, an dem ich immer seine visuellen Qualitäten und seine bildhafte Sprache bewundert habe, und Philip K. Dick, der mich bis heute mehr aus menschlichen denn aus literarischen Gründen interessiert, wegen seiner Hingabe, seiner Lebensnähe. Ich bin immer eher ein Story- als ein Romanleser gewesen, und vor zwei Jahren habe ich angefangen, die Story als Backbone der SF-Geschichte genauer zu erforschen. Besonders fasziniert hat mich dabei die Tatsache, daß die Science Fiction weit über den angloamerikanischen Bereich hinaus zu einer internationalen Ausdrucksform geworden ist und in fast allen Regionen der Erde lokale kreative SF-Szenen existieren.

SF-Radio.net: Deine ersten veröffentlichten Geschichten lehnten sich thematisch an Deine Lieblingsautoren Philip K. Dick und James Ballard an. Aus Deiner Sicht: Warum zieht Dick immer mehr das Interesse der Öffentlichkeit auf sein Werk, obwohl er schon seit mehr als zwanzig Jahren tot ist?

Michael Iwoleit: Es ist die alte Geschichte: Ein Genie - und ich glaube, Dick war das einzige echte Genie, daß die Science Fiction bislang hervorgebracht hat - ist seiner Zeit um mindestens eine Generation voraus. Man könnte sagen, daß wir uns in eine immer Dickschere Welt hineinbewegen: Internet, Computerisierung, Kabel-TV und die ganze mediale Dauerberieselung mit manipulierten und geschönten Bilder lassen die Realität immer prekärer, immer "gemachter" erscheinen, und ich vermute, genau das hat uns Dicks Werk mit seinen Realitätsverzerrungen, Demiurgen, falschen Erinnerung etc. immer näher gebracht hat. Das gestiegene Interesse an Dick hat sicher auch etwas damit zu tun, daß in der Zwischenzeit mehr über das Leben Dicks bekannt geworden ist und wir uns - vor allem dank Lawrence Suttins Biographie - ein genaueres Bild von seinem Charakter machen können, von seiner besessenen Hingabe ans Schreiben, aber auch von seinen Neurosen, seiner Paranoia. Dicks Leben hatte die Qualität, aus der Legenden gestrickt sind, und ich glaube, seine charismatische Ausstrahlung auf jüngere Autoren hat im wesentlichen damit zu tun. Ich bezweifle, ob es noch einmal einen Science Fiction-Autor geben wird, der sein eigenes Leben in dieser Weise zum Stoff für seine SF macht.

SF-Radio.net: James Ballard hat sich in den letzten Jahren sehr stark mit dem Zusammenspiel "Mensch in einer isolierten Gruppe oder Gesellschaft" auseinandergesetzt . Verfolgst Du seine Arbeiten noch ?

Michael Iwoleit: Ich habe mich erst im letzten Jahr - für einen umfrangreichen Essay, der gerade im aktuellen SF-Jahr bei Heyne erschienen ist - wieder mit Ballards Werk beschäftigt. Diese High-tech-Wohlstandsparadiese in seinen neueren Romanen, in denen sich Verdrängtes und Unterdrücktes gewaltsame Auswege sucht - das ist eine sehr interessante Wendung in seinem Werk seit "Empire of the Sun". Es freut mich sehr, daß er außerhalb der SF die Anerkennung gefunden hat, die ihm zukommt. Er ist sicher einer der relevantesten Gegenwartsautoren seit William S. Burroughs.

SF-Radio.net: Zurück zu Deinen ersten Veröffentlichungen: Zu Beginn der achtziger Jahre stand ­zumindest was die Zahl der Verlage und der Neuerscheinungen angeht die Science Fiction auch in Deutschland in voller Blüte. War es leichter, seine durchaus kritischen Geschichten zu veröffentlichen?

Michael Iwoleit: Es war vielleicht zu leicht, Geschichten zu veröffentlichen. Anfang der Achtziger erlebte die deutsche Science Fiction einen kleinen Boom, und dabei ist vieles veröffentlicht worden, was das Papier nicht wert war, auf dem es gedruckt wurde. Ich glaube, daß die heutige deutsche SF im Schnitt wesentlich besser ist, und es ist tragisch, daß sich die Marktsituation für SF überhaupt, für deutsche SF im Besonderen so verschlechtert hat, tragisch zum Beispiel für ein Talent wie Marcus Hammerschmitt, der kaum noch adäquate Veröffentlichungsmöglichkeiten für seine Arbeiten findet.
Interessant finde ich, daß es heute eine ganze Reihe deutschsprachiger Autoren gibt, die sich auf souveräne Weise zwischen SF, Horror und Phantastik bewegen - Marrak, Sembten, Gruber, Haubold etc. - und ich glaube, was diese Autoren schreiben, wird wesentlich länger Bestand haben als das meiste aus den frühen Achtzigern. Allerdings ist damals eines der Meisterwerke der deutschen SF erschienen, nämlich Thomas Zieglers
"Die Stimmen der Nacht".

SF-Radio.net: Dein erster Roman "Rubikon" erschien 1984 im Ullsteinverlag. Viele sehen in ihm eine Hommage an Stanislaw Lem . War das damals beim Schreiben Deine Absicht oder ergab sich diese thematische Vergleichbarkeit erst im Laufe des Textes?

Michael Iwoleit: "Rubikon" war ein typischer Erstlingsroman und stand viel zu sehr im Schatten von Büchern, die ich zu dieser Zeit sehr bewundert haben, insbesondere Lems "Solaris". Es kann eine ganze Zeit dauern, bis ein Autor einen eigenen Stil entwickelt und sich von seinen Vorbildern emanzipiert hat, und damals war ich mit Sicherheit noch nicht soweit. Ich glaube, daß ich erst seit meiner Novelle "Wege ins Licht" ein Autor mit einem erkennbar eigenen Stil bin.

SF-Radio.net: Ab und an erschienen Geschichten von Dir : Hast Du weniger geschrieben oder konntest Du für Deine Geschichten keinen Verlag finden?

Michael Iwoleit: Es ist mir so ergangen wie vielen Autoren, die hauptberuflich in die SF eingestiegen sind und sich aus wirtschaftlichen Gründen als Übersetzer betätigen mußten. Irgendwann hat das Übersetzen überhand genommen und für die eigene kreative Arbeit keine Zeit mehr gelassen. In meinem Fall spielte der Umstand eine Rolle, daß ich mit David Wingroves "Chung Kuo" ein riesiges Romanprojekt übersetzt habe, das zudem einige begleitende Recherchen erfordert hat. Inzwischen habe ich das Übersetzen von Belletristik aufgegeben und verdiene mein Geld hauptsächlich als Texter für Werbung und die IT-Branche. Die Honorare sind besser, man ist zeitlich flexibler, und ich bin dadurch als Autor deutliche produktiver geworden.

SF-Radio.net: Zusammen mit Ronald M. Hahn und Helmuth Mommers gibt Du jetzt das
Magazin "Nova" heraus. Wie kam es dazu ?

Michael Iwoleit: Nachdem klar war, daß die Anthologiereihe bei Heyne eingestellt wird und damit eine der letzten regelmäßigen Veröffentlichungsmöglichkeiten für deutsche SF-Stories verschwindet, lag die Idee zu einem neuen deutschen SF-Magazin praktisch in der Luft. Ronald Hahn hatte ja schon Erfahrungen mit Book on Demand-Veröffentlichungen gemacht, und wir haben gelegentlich darüber diskutiert, gemeinsam ein SF-Magazin im BoD-Verfahren herauszugeben. Dann hatte Helmuth Mommers sein Comeback in der Szene, und er spielte auch mit dem Gedanken, eine regelmäßig erscheinende Anthologiereihe herauszugeben. Wir haben unsere Ressourcen zusammengelegt, ein gemeinsames Konzept ausgearbeitet, und schon ein halbes Jahr später war Nova 1 auf dem Markt.

SF-Radio.net: Seit Ihr mit der bisherigen Entwicklung zufrieden oder bleibt das Projekt hinter dem angestrebten Ziel zurück ?

Michael Iwoleit: Wir haben uns erst einmal bescheidene Ziele gesetzt, und in dieser Hinsicht hat Nova unsere Erwartungen voll erfüllt. Inzwischen hat das Magazin genug Leser, daß das weitere Erscheinen auf absehbare Zeit gesichert ist. Wir sind noch einige hundert verkaufte Exemplare von unserem Ziel entfernt, unsere Autoren und Grafiker honorieren zu können, hoffen aber, daß dieses Ziel im Laufe des nächsten Jahres erreicht werden kann. Inhaltlich können wir uns sicher noch steigern, aber ich sehe einige Autoren, Klöpping, Behrend, Küper, Kerber und andere, von denen ich mir für die Zukunft noch einiges verspreche.

SF-Radio.net: Ohne den Druck, auch bei einem kleinen Projekt einen Markt zu finden, wie sähe Dein Traum Science Fiction-Magazin aus ?

Michael Iwoleit: Nova ist der jetzigen Form gar nicht so weit von dem Magazin entfernt, das ich im Idealfall produzieren würde. Primär würde ich mir wünschen, daß wir anständige Honorare bezahlen könnte, um auch Autoren ins Boot zu holen, für die Nova einfach aus wirtschaftlichen Gründen nicht interessant ist. Marrak, Hammerschmitt, Eschbach besetzen im Moment wohl die Spitzenpositionen in der deutschen Science Fiction, und sie waren alle in Nova noch nicht vertreten.
Wünschenswert wäre es natürlich auch, an Vertriebskanäle zu kommen, über die sich ein Publikum erreichen ließe, das BoD-Veröffentlichungen (noch) ignoriert.

SF-Radio.net: Im Rahmen der "Titan Sternenabenteuer" ist jetzt Dein Roman "Am Rande des Abrgundes" erschienen. Hast Du als Jugendlicher die alten Abenteuer des Raumschiff Promets, in dessen Universum das Buch spielt, gelesen? Wie bist Du an das Buch herangegangen. Gab es ein festes Expose oder konntest Du Dich frei bewegen?

Michael Iwoleit: "Am Rande des Abgrunds" war ursprünglich als eigenständiger Roman geplant, aber weil sich keine andere Veröffentlichungsmöglichkeit ergeben hat, habe ich das Konzept auf Vorschlag von Jörg Kaegelmann umgearbeitet und in den Background der Promet-Serie eingefügt. Mit der Serie hatte ich mich vorher noch nicht beschäftigt, und es hat mir durchaus ein wenig Bauchschmerzen bereitet, das Konzept auf Serientauglichkeit umzustricken. Es hat aber doch ganz gut geklappt, und ich habe das Serienkonzept um einige neue Elemente bereichert, die von anderen Autoren wieder aufgegriffen wurden.

SF-Radio.net: Ronald M. Hahn ist mit seinen schnoddrigen Romanen bei "Raumschiff Promet- die neuen Abenteuer" gescheitert. Du bist einen anderen Weg gegangen und hast eine handfeste Space Opera erzählt . War das schon immer ein Stoff, der Dich gereizt hat?

Michael Iwoleit: Mein Roman ist bei Promet-Lesern nicht besser angekommen als Ronalds. Offenbar haben Leser einer eher nostalgischen SF-Serie kein Interesse daran, wenn man die Serie mit etwas originelleren und zeitgemäßen Elementen erweitert. Für mich war "Am Rande des Abgrunds" als Etüde wichtig. Ich wollte aus handwerklichen einen solide inszenierten, actionbetonten Roman mit ordentlichen Charakterisierungen schreiben. Bevor man sich an anspruchsvollere Projekte wagt, sollte man erst einmal das erzählerische Handwerk verbessern. Dazu war dieser Roman eine nützliche Erfahrung.
Das Schreiben von Space Operas hat mir einmal denkbar fern gelegen, aber der Trend in der britischen und amerikansichen SF hin zu neuartigen, anspruchsvoll konzipierten Space Operas, über die im aktuellen SF-Jahr gerade ausführlich berichtet wurde, interessiert mich doch, und es ist nicht auszuschließen, daß in absehbarer Zeit ein Projekt dieser Art aus meiner Feder zu lesen sein wird.

SF-Radio.net: Planst Du weitere "Titan" Romane zu schreiben? Welche andere Projekte harren der Verwirklichung?

Michael Iwoleit: Auf Bitte des Blitz-Verlags habe ich ein Expose für einen neuen Zweiteiler geschrieben. Das Projekt ist vom Verlag aber kurzfristig abgesagt worden. Ich bin nicht allzu enttäuscht darüber. "Am Rande des Abgrunds" wurde in der Bearbeitung durch Manfred Rückert und dann auch im Satz derart sinnentstellt, daß das Buch fast nicht mehr lesbar ist. Ich reiße mich nicht darum, mit einem Redakteur zusammenzuarbeiten, der ganz offensichtlich sein Handwerk nicht versteht. Ich bin übrigens nicht der erste Autor, der mit dem Blitz-Verlag solche Erfahrungen gemacht hat.
Aktuell habe ich vor allem Stories in Arbeit. Ich glaube, ich habe ausgesprochene Stärken auf dem Gebiet der Novelle, aber es sind auch einige Romane in Vorbereitung, die die SF nur noch am Rande berühren. Mich interessiert die ganze Kultur, die sich rund um Computer und Internet zu entwickeln beginnt, all das, was provisorisch als "Cyberkultur" bezeichnet wurde, die Veränderung unserer Vorstellungen, unserer geistigen Kategorien, die KI, KL, Computerwissenschaft anbahnen usw.
Die zeitgenössische Literatur läßt auf diesem Gebiet noch ganze Welten brachliegen, und ich habe einige Ideen für entsprechende Projekte.

SF-Radio.net: Eine letzte Frage: welche Wünsche hast Du für die Zukunft?

Michael Iwoleit: Ich wünsche mir, wie wahrscheinlich jeder in diesem Land, zunächst einmal, daß sich die wirtschaftliche Lage soweit bessert, um wieder etwas ruhiger in die Zukunft blicken zu können. Insbesondere für einen freien Schreiberling sind die Zeiten hart geworden. Ich wünsche mir aber auch, daß ich weiterhin das Durchhaltevermögen aufbringe, das nötig ist, um seine Ideen trotz aller Widrigkeiten in die Tat umzusetzen. Und daß es mir gelingt, die Qualität meine Arbeit in den nächsten Jahren weiter zu verbessern.