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Horror (diverse)



Fritz Leiber

Hexenvolk

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Hexenvolk” erscheint zum ersten Mal ungekürzt und in neuer Übersetzung durch Joachim Körber einer der drei Horror bzw. sehr dunkle Phantasie Romane aus Fritz Leibers Feder in Deutschland. 1976 veröffentlichte der Pabel- Verlag eine gekürzte Ausgabe des Romans unter dem Titel “Spielball der Hexen”. In den USA ist das Buch unter dem Titel “Conjure Wife” in den vierziger Jahren aus zwei unterschiedlichen Novellen zusammengesetzt worden, die Fritz Leiber einzelnen in entsprechenden Pulp Magazinen veröffentlicht hat. Auch wenn es Christian Enders in seinem eloquenten Nachwort anders sieht, die Zusammensetzung aus zwei unterschiedlichen Texten merkt der aufmerksame Leser und vor allem Leiberkenner dem vorliegenden Text an. Nicht unbedingt stark, aber nach einer dynamischen ersten Hälfte braucht die Geschichte im getragenen Mittelteil einige Zeit, bis sie wieder an Tempo aufnimmt und schließlich in einem pointierten Showdown ohne große Knalleffekte, aber mit bissiger Ironie geschrieben kumuliert. Sicherlich gehört “Conjure Wife” zu den ersten modernen Horrorgeschichten, in denen von den Vehikeln der gotischen Gruselgeschichte ganz bewusst Abstand genommen worden ist. Mit einer Mischung aus Ironie und Zynismus überträgt Fritz Leiber klassische Elemente des Aberglaubens in die moderne Gegenwart, wobei sich der Autor einen Spaß mit seinem Protagonisten, dem Universitätsprofessor Norman Saylor, macht. Seine wohl geordnete Welt an der kleinen Universität besteht nicht aus strenger Logik und Fürsorge für die anvertrauten Studenten. Ihm Grunde handelt es sich bei dieser wohl bekannten Realität um eine Fiktion, die von der hinter den großen Männern stehenden Frauen mittels weißer oder schwarzer Magie aufrechterhalten wird. In den ersten Kapiteln demontiert Fritz Leiber mit sichtlichem Vergnügen diese geordnete, aber aus seiner Sicht auch langweilige und überflüssige Welt des typischen Mittelstandsamerikaners. Als Saylor im Arbeitszimmer seiner Frau heimlich die Hexenartefakte entdeckt, glaubt der Professor, das er diese “Krankheit” mittels Verdrängen aus seiner Realität scheuchen kann. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum ist das letzte Glücksamulett vernichtet, bricht Saylors vorher schon brüchige Welt zusammen. Eine Studentin berichtet, das er sie angeblich verführt hat, was nicht der Wahrheit entspricht. Saylor hat allerdings an einer sehr wilden Party eines befreundeten Schauspielerehepaars teilgenommen, was bislang in den Universität nicht bekannt gewesen ist. Saylors Frau hat mit ihren Hexenritualen nicht nur seine Karriere gefördert, sondern seine Exzesse - egal wie platonisch diese rückblickend auch sein mögen- geschützt. Saylor muss schließlich erkennen, dass seine Frau ihn nicht nur geschützt hat, sondern das die anderen Frauen der Universitätsprofessoren dunkle Magie durchaus aggressiv zum Vorteil ihrer Männer einsetzen. Diese Tatsache zerstört seine bis dahin wohl geordnete Welt und zwingt ihn, den Spuren zu folgen, die seine plötzlich verschwundene Frau ausgelegt hat. In dem er sich quasi selbst entwurzelt, kann er wieder zu sich selbst und vor allem auch zu ihr finden.

Fritz Leiber hat im vorliegenden Roman nicht nur Attribute des klassischen Horrors - wie bösartige Hexen und dunkle Magie - sehr gut modernisiert und in seine gegenwärtige Gesellschaft integriert. Subversiv spielt der Autor auch mit dem magischen Realismus, der durch Autoren wie Robert Nathan und auch Thorne Smith plötzlich in den USA populär geworden ist. Die verschiedenen Hexenkulte hat Leiber für den vorliegenden Roman sehr genau recherchiert. Er bemüht sich, den Leser in diese auf den ersten Blick vollkommen fremdartige Welt zu ziehen und dabei die dem Leser vertraute Realität zu demontieren. Diese Vorgehensweise - mit dem notwendigen Ernst erzählt - funktioniert insbesondere in der ersten Hälfte des Buches ausgezeichnet. Während Norman Saylor mit einem deutlich spürbaren schlechten Gewissen die privaten Sachen seiner Frau durchstöbert, macht Fritz Leiber Protagonisten und Leser mit dieser Zwischenwelt vertraut. In ernsten Töne, ohne lächerlich zu erscheinen, erläutert ihm schließlich seine Frau von den entsprechenden Praktiken, die anfänglich nur Glücksbeschwörungen gewesen sind. Im Verlaufe der Jahre an dieser besonderen kleinen Universität hat sie ihre Zauberkraft mehr und mehr steigern müssen, um die “anderen” Elemente von ihm Mann fernzuhalten. Die Stärke des Romans ist die Ernsthaftigkeit, mit welcher Fritz Leiber diese im Grunde unglaubliche Situation erzählt. Der Leser vertraut diesen Charakteren. Mit kleinen Schwächen und sicherlich auch einigen Zügen des Autoren versehen erscheinen sie selbst heute noch dreidimensional und überzeugend. Immer am Rande der Screwballkomödie ohne deren kindlichen Humor zu imitieren gelingt es dem Stilisten Leiber, eine fiktive Realität zu erschaffen, die absolut überzeugend ist. Pointiert “baut” er in seinem Roman eine umgekehrte Pyramide auf, erst eine Katastrophe, dann das nächste Gerücht und schließlich ein Kampf an allen Fronten gegen das Establishment und schließlich auch gegen die eigene Überzeugung. Dabei erfährt Norman Saylor, das ihm seine Frau auch als Hexe lieb und teuer ist. Viel wertvoller als seine verschrobenen Vorstellungen und vor allem die Pflicht, sich den Erwartungen der Öffentlichkeit dieser kleinen Universitätsstadt anpassen zu müssen. Diese Erkenntnis, diese innere Reifungsprozess von einem gestandenen, aber lebensuntüchtigen Universitätsprofessor, der in seinen Vorträgen subversiv gegen die öffentliche Meinung argumentiert, diese aber niemals auslebt, zu einem Mann, der sich den Konflikten auch alleine stellt und zu kämpfen lernt, nimmt den zweiten Teil des Romans ein. Es ist erstaunlich, wie dominant die Beziehung zwischen Norman Saylor und seiner Frau Tansy ist, obwohl letztere über weite Strecken des Buches wie ein lebendiger Zombie ihre Seele sucht. Spannungstechnisch spielt Fritz Leiber im vorliegenden Roman deutlich mit der Erwartungshaltung seiner Leser. Ihm gelingt insbesondere für die damalige Zeit ein klassischer Cliffhangar, bevor er schließlich die Handlung in einer Art Epilog zur vollsten Zufriedenheit der Leser ohne auf mögliche Fortsetzungen schielend auflöst.

Wie ein roter Faden durchzieht den Roman der stetigre Konflikt zwischen der Rationalität und dem Aberglauben. Ganz bewusst ergreift Leiber zu keinem Abschnitt der Romans Partei. Der Roman wirkt wegen der Gegenüberstellung der beiden durchaus überzeugend mit Argumenten unterstützten Positionen so überzeugend. Noman Saylor vertritt die Partei der Geistesmenschen, während seine Frau Tansy die einzige wirklich sympathische Hexe, im Grunde sogar die einzige emotional reife Frau des ganzen Buches ist. Bei den Antagonisten lässt sich Fritz Leiber teilweise dazu hinreißen, diese nicht zu charakterisieren, sondern zu karikieren. Der Leser kann sie und ihre im Grunde statischen Verhaltensweisen nicht ernst nehmen. Sie werden zu Chiffren. Das nimmt einigen Szenen das Spannungs- und Konfliktpotential. Ganz bewusst hat Fritz Leiber aber auf spektakuläre Zaubertricks verzichtet. Der Leser wie auch Norman Saylor verfolgen in erster Linie die Folgen dieser Hexerei und müssen mit den Konsequenzen leben. Bis zu seiner Erweckung hat er die Ursachen vieler Entwicklungen nicht weiter verfolgt. Jetzt sieht er sie mit offenen Augen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist “Hexenvolk” weder eine klassische Gesellschaftssatire mit phantastischen Zügen noch eine aus heutiger Sicht Horrorgeschichte. Der Roman gehört eher in den Bereich der Weird Fiction oder Dark Fantasy, aber nicht unbedingt in das Horrorgerne an sich. Cineastisch entspricht er den Werken, die der Produzent Val Lewton genau zu dieser Zeit auf die Leinwand brachte. Filme wie “Cat People” bebildern die Stimmung, welche Fritz Leiber über weite Strecken in seinem Werk auszudrücken suchte und ausdrücken konnte. In diesen Bereich gehört “Hexenvolk” zu den sicherlich lesenswertesten Werken. Lars Nestler hat ein schönes, stimmungsvolles Titelbild zu dieser überfälligen Neuauflage des Romans beigetragen. Im Vergleich zu seinen späteren guten Arbeiten - Leiber hat insbesondere in der Alkoholsucht leidend sehr viele schlechte oder durchschnittliche Geschichten niedergeschrieben - fehlt ihm in diesem Frühwerk vielleicht die Lebenserfahrung, welche er als Autor seinen Figuren ins Logbuch schreibt, aber stilistisch ansprechend, originell erzählt und vor allem pointiert niedergeschrieben ist “Hexenvolk” einer seiner besten Romane und zusammen mit “Our Lady of Darkness” ein absolut lesenswerter Höhepunkt der Weird Fiction allgemein.

Fritz Leiber: "Hexenvolk"
Roman, Softcover, 252 Seiten
Edition Phantasia 2008

ISBN 9-7839-3789-7318

Weitere Bücher von Fritz Leiber:
 - Das Meerweib
 - Der traurige Henker
 - Der unheilige Gral
 - Die Herren von Quarmall
 - Die Umtriebe des Daniel Kesserich

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