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Andreas Gruber

Das Eulentor

rezensiert von Thomas Harbach

In seinem ersten Roman „Der Judas- Schrein“ beschäftigte sich Andreas Gruber schon einmal mit den Dingen, die tief unter der Erde auf unschuldige Menschen lauern. „Das Eulentor“ – als schöner Hardcover im Blitz Verlag erschienen – läuft vom ersten Moment an auch in diese Richtung. Allerdings sind der Handlungsort – die Insel Spitzbergen noch im ewigen tödlichen Eis – und die Handlungszeit – die erste Expedition startet 1911 und danach spannt Andreas Gruber einen Bogen über mehrere Jahre - eher eine Hommage an die Weird Fiction Literatur, die insbesondere neben H.P. Lovecraft Robert E. Howard, Clark Ashton Smith oder Abraham Merritt geschrieben haben. Als Erzählebene hat Andreas Gruber die erste, intimste Ich- Erzählerperspektive gewählt. Sicherlich auf der einen Seite ein Element, das die Spannung zumindest teilweise negieren kann, das auf der anderen Seite aber auch den Leser sehr nahe an das unmittelbare Geschehen heranrückt. Der Autor hat seinen Roman in drei sehr unterschiedliche Handlungsabschnitte eingeteilt, die jeweils mit einer schwarzweißen Zeichnung eingeleitet worden sind. Bis auf eine einzige Szene enthält das erste Kapitel keine phantastischen Elemente. Wie Poe mit den Reisen Pyms und Verne mit seinem Roman „Eissphinx“ zieht die reine Abenteuerlust und damit verbunden die Sucht nach unsterblichen Ruhm Grubers Charakter Alexander Berger in die weite Welt hinaus. Als Arzt und jung verliebter zukünftiger Ehemann könnte er in seiner Praxis ein vernünftiges Einkommen erzielen, aber zusammen mit einer Handvoll norwegischer Hundeführer und dem Walfänger von Rostock Jan Hansen will er die Hauptinsel Spitzbergen umrunden und karteographieren. Schon der Start der Expedition kurz vor dem Einsetzen des Winters lässt nichts Guten erahnen und schnell gerät die kleine Gruppe nach dem Tod einiger Schlittenhunde, einem immer stärker werdenden Sturm und schließlich dem Verlust zweier wichtiger Teammitglieder in arge Schwierigkeiten. In einem abgeschiedenen Fjord öffnet sich plötzlich ein Loch im Boden, Wassermassen zerstören den größten Teil der Ausrüstung und reißen ein Besatzungsmitglied in die Tiefe. In letzter Sekunde können Berger und Hansen gerettet werden. Im zweiten Teil beginnen die beiden von dem unnatürlich erscheinenden Loch besessenen Männer, das Phänomen zu untersuchen. Immer größer wird ihr Team - die Industrie und eine Universität unterstützen sie-, immer unbesiegbarer die Obsession. Aber das offensichtlich künstliche Loch mit dem Durchmesser der Zahl Pi scheint kilometerweit in die Tiefen der Erde zu ragen.

Das erste große Kapitel des Romans besteht fast ausschließlich aus Alexander Bergers Tagebuchnotizen. Gleich zu Beginn bemüht sich Andreas Gruber, eine direkte Sympathieebene zwischen dem scheinbar wichtigsten Protagonisten des Buches und seinen Lesern herzustellen. Die Tagebuchaufzeichnungen wirken in dieser Hinsicht ein wenig sperrig, immerhin erfährt der außen stehende Beobachter über weite Strecken nur indirekt von den Ereignissen. Sie werden ihm quasi in Form der Aufzeichnungen komprimiert und gefiltert präsentiert. Diese Form des Berichts erstreckt sich schließlich auch auf die Ereignisse an Bord des Segelschiffs, das die Expedition auf Spitzbergen abgesetzt hat. Trotzdem greift Gruber plötzlich auf direkte Rede und Dialoge zurück. Berger weist den Leser zwar darauf hin, das ihm und damit seinen Aufzeichnungen die Ereignisse an Bord des Schiffes erst später erzählt worden sind, aber hinsichtlich des Plots sind sie eher zweitrangig und arrangieren sich mit den bekannten Klischees abergläubischer Seeleute, die natürlich nicht dem Willen des Kapitäns folgen wollen. Unabhängig von dieser kleinen Schwäche gelingt es Andreas Gruber sehr gut und atmosphärisch dicht, die Expedition mit aus heutiger Sicht natürlich primitiven Hilfsmitteln zu beschreiben. Das gegenseitige Misstrauen und der Druck, zusammenarbeiten zu müssen, um die Strapazen überhaupt überleben zu können. Manchmal verliert sich der Autor zu sehr in auf den ersten Blick schockierenden Details wie dem Erschießen und Ausweiden der kranken Hunde. Das Bild, das er allerdings zeichnet, entspricht den schwarzweiß Fotos und Stummfilmen, die aus der Zeit der Eroberung des Nordpols übrig geblieben sind. In diesem Abschnitt etabliert der Autor auch die beiden relevanten Charaktere für den Roman. Zu einem wie angesprochen den Arzt Alexander Berger, der sich aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters lösen möchte. Er fühlt sich als Arzt nicht wohl, möchte mit dieser Expedition auch beruflich zu neuen Ufern aufbrechen. Körperlich leidet er zu Beginn sehr stark unter den Strapazen der Reise, entwickelt aber im Verlaufe der harten Wochen auf der kargen Insel eine erstaunliche Widerstandskraft. Mit dem Abschluss des ersten Kapitels tritt er insbesondere im eher ruhigen, fast statischen Mittelabschnitt zu sehr in den Hintergrund. Er organisiert zwar weiterhin die Erforschung des Loches, ist aber in erster Linie mit dem Geldbeschaffen beschäftigt. Unabhängig von den teilweise unglaublichen und verblüffenden Erkenntnissen entwickelt sich die Figur viel zu wenig weiter. Er heiratete eine schöne junge Schauspielerin, die ihm in einer schwierigen Situation hilft, aber die Distanz zwischen Protagonist und Leser wird deutlich größer. Auf der anderen Seite ist der Walfänger von Rostock. Jan Hansen, ein Mitglied einer reichen und einflussreichen Industriefamilie, der sich von seinen Verwandten losgesagt hat. Hansen macht als Figur im Verlaufe des Buches mehrere Wandlungen durch. Zu erst ist Hansen ein wortkarger Mann, der sich entschlossen hat, aus der Gesellschaft auszusteigen. Berger nähert sich ihm auch mehr über dessen Taten als einer subtilen Charakterstudie. Später fasziniert sie beide dieses unergründliche Loch im ewigen Eis. Während ihrer Untersuchungen wird Hansen mehr und mehr zu einem dominierenden Charakter, auch wenn sich seine unerwünschte Familie aus Eigeninteresse an der Expedition beteiligt. Im Vergleich zu Berger ist Hansen eine Figur, die sich im Verlaufe der Handlung weiterentwickelt und dessen Wandlung auch in einem engen Verhältnis zum spannenden, geradlinigen Plot steht. Nur am Ende im direkten Aufeinandertreffen der Figuren gelingt es Andreas Gruber nicht mehr, die einzelnen Figuren abzurunden. Hier greift er eher unentschlossen in die Klischeekiste des Genres.

Hinsichtlich weiterer Nebenfiguren hat der Leser das Gefühl, als habe Andreas Gruber zu erst versucht, auf eine Reihe von Charakteren zu verzichten. Er überzeichnet den arroganten deutschen Ingenieur, der später der gleichen Obsession verfällt wie Hansen. Später macht er ihn für einen Moment menschlicher und lässt ihn dann eher unentschlossen fallen.
Der Versuch, das Deutschtum aus österreichischer Sicht zu parodieren, wirkt teilweise zu aufgesetzt und stört den ansonsten sehr bodenständigen Handlungsansatz. Andere Figuren wie Bergers Verlobte und der Universitätsleiter dienen in erster Linie als Resonanzboden für den Leser. Sie stellen die Fragen und erhalten die einzelnen Thesen ausführlich erläutert, um den Plot griffig zu halten. Während der ersten Expedition gibt sich Andreas Gruber sehr viel mehr Mühe, einzelne überzeugende Charaktere zu entwickeln. Obwohl sie eher im Hintergrund agieren, kann der Leser die einzelnen Mitglieder der kleinen Gruppe sehr schön voneinander unterscheiden.

Der Mittelteil besteht fast ausschließlich aus der Erkundung des Schachts. Verschiedene physikalische Phänomene werden untersucht und die Ergebnisse sind verblüffend. Andreas Gruber bemüht sehr sich, diesen schwierig zu gestaltenden Mittelteil spannend und packend zu halten. Im Vergleich zum Gesamtroman wirkt er allerdings zu umfangreich und stört den insbesondere im ersten Abschnitt gut aufgebauten Spannungsbogen. Dass sich in dem Loch etwas befindet, was nicht unbedingt geweckt werden muss, weiß der Leser im Gegensatz zu den Protagonisten schon nach der ersten Begegnung. Gruber verliebt sich dann in die Tatsache, mit welchen Hilfsmitteln die Tiefe – in der Spitze über 70 Kilometer – „überwunden“ werden kann. Das ist zwar für Technikfans sehr interessant und erinnert im positiven Sinne an die nostalgischen Exkurse, die Jules Verne gerne unternommen hat, nimmt dem Roman aber insbesondere im wichtigen Mittelteil die Fahrt. Diese muss Andreas Gruber im letzten Abschnitt eher schwerfällig wieder aufnehmen. Natürlich spitzen sich die dramatischen Ereignisse zu und mit seinem Expeditionsteam aus Narren sowie Verrückten hätte Andreas Gruber dem Plot im letzten Drittel noch eine Wende geben können. So verläuft sehr viel zu geradlinig und in dem Moment, in dem sich der Schrecken manifestiert, verliert das Buch ähnlich wie „Der Judas- Schrein“ an Faszination. Die Ähnlichkeit einzelner wichtiger Plotelemente sowie teilweise hinsichtlich der klaustrophobischen Atmosphäre im Camp zu John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ gibt der Autor im Vorwort zu. Das wäre auf den ersten Blick nichts schlimmes, wenn der Showdown etwas Origineller und packender geschrieben worden wäre. Wenigstens macht Andreas Gruber nicht den Fehler, die Kreatur als grundsätzlich abgrundtief Böse darzustellen. Gruber bemüht sich, der Figur eine gewisse Tiefe zu geben, aber die Erwartungshaltung der Leser ist deutlich höher. Die dahinter stehende Idee wird zu wenig extrapoliert und die Neugierde des Lesers hinsichtlich der Eulenverbindung nicht befriedigt. Wenn dann auch noch der Plot auf altbackene und schon damals eher unglaubwürdige Weise aufgelöst wird, verliert „das Eulentor“ die packend einzigartige Dramatik, die es zu Beginn so ausgezeichnet hat. Sicherlich ist der Roman eine würdige Hommage an Jules Verne oder Edgar Allan Poe. Ohne Frage mit seiner Liebe zum Detail und seinen insbesondere im ersten Drittel überzeugend gezeichneten Figuren in einer im Grunde lebensfeindlichen Welt hat Andreas Gruber eine seiner atmosphärisch dichtesten und am meisten fesselnden Geschichten abgeliefert. Nach dem ehe schwerfälligen, aber zumindest hinsichtlich des Mysterys interessanten Mittelteil lässt der Autor schließlich hinsichtlich des Showdowns sehr viel an Originalität und Innovation vermissen. Mit dem herandämmernden Ersten Weltkrieg begräbt er endgültig seine abenteuerlich mystische Welt unter dem Grauen auf den Schlachtfeldern, das jegliche bösartige Kreaturen der Autorenphantasie übertreffen wird. „Das Eulentor“ ist kein schlechter Roman. Der Plot wird geradlinig, über weite Strecke allgemeinverständlich und mit einer gewissen stilistischen Eleganz erzählt. Aber die von ihm selbst aufgebaute Erwartungshaltung kann Andreas Gruber am Ende des Handlungsbogens nicht erfüllen. Eine Schwäche, die er leider noch aus seinem ersten umfangreichen Roman „Der Judas- Schrein“ übernommen hat. Stilistisch ist der Roman allerdings sehr ansprechend geschrieben und insbesondere im ersten Drittel gelingt es dem Autoren, die Atmosphäre der Abenteuerromane aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert überzeugend und lesenswert wiederzubeleben.

Andreas Gruber: "Das Eulentor"
Roman, Hardcover, 319 Seiten
Blitz Verlag 2008

ISBN 9-7838-9840-2736

Weitere Bücher von Andreas Gruber:
 - Der fünfte Erzengel
 - Der Judas-Schrein
 - Die Engelmühle
 - Rachesommer
 - Schwarze Dame
 - Todesfrist

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