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David Wellington

Krieg der Vampire

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Krieg der Vampire“ – im Original sehr viel treffender und als Hommage sowohl an Comics wie Garth Ennis „The Preacher“ als auch Filme wie „From Dusk till Dawn“ gemünzt – legt David Wellington eine Fortsetzung zu „Der letzte Vampir“ – als erster Band einer Trilogie ist der im Original „13 Bullets“ heißende Band zumindest titeltechnisch eine Farce – vor. Es ist der Mittelband einer geplanten Trilogie. Wellington ist von den Verlagen durch seine dynamischen auf der eigenen Homepage publizierten Fortsetzungsromane entdeckt werden. Seine ersten beiden Arbeiten „Monster Island“ - ebenfalls bei Piper erschienen – und der schon angesprochene „13 Bullets“ litten plottechnisch noch unter der seriellen Struktur mit immer wieder eingeschobenen, teilweise eher provozierten Cliffhangars. „99 Coffins“ ist dagegen trotz der zahlreichen Kapitelwechsel ein deutlich geschmeidigerer, aber nicht weniger brutaler Roman. Im Nachwort geht der Übersetzer darauf ein, dass Wellington das Buch ausschließlich an authentischen Schauplätzen hat spielen lassen. Der Übersetzer verweist, dass „99 Coffins“ eine der ersten Arbeiten ist, die insbesondere im Vampirgenre mit dieser Prämisse geschrieben worden sind. Alleine aufgrund der Unzahl von Veröffentlichungen lässt sich diese These nicht überprüfen, sie muss allerdings stark angezweifelt werden. Unabhängig davon hat sich David Wellington mit der kleinen Ortschaft Gettysburg natürlich einen geschichtsträchtigen Platz ausgesucht. Sein Roman spielt in Form von Tagebuchaufzeichnungen und Dokumenten sowohl während des amerikanischen Bürgerkriegs und der berühmten Schlacht als auch in der Gegenwart. Bei Ausgrabungen an einem unbedeuteten Munitionslager werden in einer verschlossenen Höhle insgesamt 99 versiegelte Särge gefunden. Sie stammen aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs und enthalten natürlich 99 Überreste von Vampiren. Jameson Arkeley ist von seiner Auseinandersetzung mit den Vampiren aus dem ersten Band der Serie immer noch schwer gezeichnet. Er kann nicht alleine sich der neuen Gefahr stellen und ruft somit seine eher aus der Not geborene Partnerin Laura Caxton zu Hilfe. Diese trennt sich widerwillig von ihrer neuen Lebensgefährtin und möchte im Grunde weder etwas mit Arkeley noch weiteren Vampiren zu tun haben. Schließlich trägt sie noch zu viele innerliche wie äußerliche Narben der letzten Begegnung mit sich herum. Gemeinsam fahren die beiden nach Gettysburg und stellen sich bald die Frage, warum es nur 99 Särge sind. Anscheinend gab es einen weiteren Sarg mit einem lebenden Vampir in der Höhle, der entweder entkommen oder befreit worden ist. Die Behörden sind überfordert und fürchten um den stetigen Touristenstrom, welcher das Schlachtfeld und die Museum jeden Tag aufsucht. Caxton und Arkeley dagegen befürchten, das der Vampir seine schlafenden Kollegen wieder erwecken wird und die dann insgesamt 100 Vampire die Stadt und das Umland in Schutt und Asche legen. Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz versucht Caxton nach dem Tod eines Polizisten in Gettysburg die Politiker und Bevölkerung vor der drohenden Gefahr zu warnen und erntet nur Unglauben und Abscheu. Caxton und Arkeley erkennen, das sie alleine auf sich gestellt sind und versuchen müssen, das Erwecken der anderen Vampire zu verhindern. Dabei entblättern sie nach und nach nicht nur die Historie der anscheinend ersten Vampireinheit im amerikanischen Bürgerkrieg, sondern müssen sich einer Opposition stellen, die ganz andere Ziele verfolgt.

Insbesondere seine ersten beiden Romane lebten von einer pausenlosen Anzahl an Actionszenen. Die originären Szenarien waren düster und wurden von David Wellington mit allen Mitteln des modernen Spannungsromans extrapoliert. Dabei ist sich der Autor immer bewusst gewesen, das er einfache, aber geradlinige Pulpunterhaltung seinen Lesern präsentiert und hat auf künstliche Psychologie verzichtet. Kritisch gesprochen wirkten insbesondere seine ersten beiden Bücher drauf los geschrieben, als wenn Wellington kein starres Expose oder Konzept gehabt hat, um die Geschichte zu beenden. „Krieg der Vampire“ wirkt deutlich strukturierter, auch wenn insbesondere die Actionszenen teilweise zu lang erscheinen und sich zu wenig unterscheiden. In seinen Büchern können Vampire nur durch einen Schuss direkt ins Herz getötet werden und wie im ersten Band versucht Caxton ihrer neuen Hilfstruppe zu erläutern, das sie im Grunde ihre bisherige Ausbildung über Bord werfen müssen. Natürlich ist ein Konflikt mit einer Hundertschaft Vampire deutlich eindrucksvoller und größer als die Auseinandersetzung mit einem Einzelgänger und seinem Hilfsvolk. Am ehesten lässt sich der Unterschied zwischen „Der letzte Vampir“ und „Krieg der Vampire“ an „Alien“ und seiner Fortsetzung „Aliens“ festmachen. Aber wie auch Camerrons Films droht am Ende des vorliegenden Roman eine Art Overkill und der Leser verfolgt die brutalen, aber niemals wirklich sadistischen Actionszenen eher mit mäßigen Interesse als wirklicher Spannung. Dazu kommt, dass neben der fehlenden Individualität Wellington seine Figuren in extreme Situationen bringt, aus denen er sie nur mit manchmal sehr einfallsreichen, dann wieder vorhersehbaren literarischen Kniffen retten kann. Zu den schönsten Szenen gleich zu Beginn gehört die Sequenz, in welcher Caxton von dem Vampir entführt wird. Der Vampir tötet den Collegeprofessor, um an wichtige Informationen zu kommen und vor allem Blut zu trinken, als Südstaatengentlemen vergreift er sich allerdings nicht an Frauen und lässt die hilflose Caxton Leben. Im Laufe des Buches entwickelt sich dagegen ein Widerspruch zu dieser ehrenwerten Einstellung, denn der Leser lernt die Geschichte dieses Gentlemanvampirs ohne entsprechende Hinweise auf dessen höhere Erziehung kennen. In einer anderen Sequenz wird Caxton ein weiteres Mal aus einer Gefahrensituation gerettet, in dem ein Nachtwächter den Vampir mit seiner starken Taschenlampe blendet. Warum diese „Waffe“ später bei der Vernichtung der Vampire nicht in Kombination mit Herzschüssen eingesetzt wird, um die Vampire erst zu paralysieren und dann zu töten, ist eine der offenen Fragen des Buches.

In Hinblick auf die beiden wichtigsten Protagonisten des ersten Bandes agiert David Wellington ein wenig zu ambivalent. Jameson Arkeley ist durch die Konfrontation immer noch arg geschwächt, greift aber zumindest intellektuell mehr und mehr in das Geschehen bis zur Mitte des Romans ein. Danach wird seine Figur zu einem Stichwortgeber. Noch mehr als Arkeley ist die attraktive Polizisten Laura Caxton von den Ereignissen des ersten Buches gezeichnet und verschreckt. Die Medien haben ihre Geschichte inzwischen in einem billigen B- Movie verfilmt. David Wellington macht sich ein wenig über diesen kurzen Ruhm lustig, auf der anderen Seite ist die Reaktion der Gettysburger Politik nicht verständlich, als Caxton die Gefahr durch einhundert Vampire drastisch, aber überzeugend auf der Pressekonferenz schildert. Zumindest irgendein Politiker muss nicht zuletzt aufgrund der von Wellington angesprochenen Medienhysterie von der Ereignissen des ersten Bandes gehört haben. Hier wäre es entweder sinnvoller gewesen, auf diese Nebenhandlung zu verzichten und die Ereignisse des „Letzten Vampires“ unter eine Mediensperre zu legen oder – was handlungstechnisch sehr viel interessanter gewesen wäre – den neuen Vampir ganz anders agieren zu lassen. Wellingtons lässt das Pendel je nach Bedarf in die eine oder andere Richtung schwingen, ohne wirklich in diesem Punkt überzeugen zu können. Unabhängig von dieser fragwürdigen Position gelingt es Wellington sehr gut, eine zweifelnde, ängstliche und doch entschlossene Caxton zu zeichnen, die sich ihrer Verantwortung als Vampirjägerin wider Willen stellt und insbesondere in den zahlreichen Actionsequenzen ihren „Mann“ steht. In Kombination mit Jameson Arkeley bilden sie ein gutes Gespann, das auch in den wenigen ruhigen Passagen des Buches bei der klassischen Ermittlungsarbeit gut harmoniert und dem Leser unauffällig wichtige Informationen übermittelt. Die Nebenfiguren inklusiv des Antagonisten sind dagegen eher schemenhaft und teilweise zu eindimensional gezeichnet. Zu den überzeugenden Vampiren gehört noch eine alte Vampirdame, die auch in den Rückblicken auftaucht, welche gegen geringe Blutspenden – eine unangenehme, aber sehr effektive Szene – Informationen austauscht. Da sie aufgrund ihrer geschwollenen Zunge nicht mehr sprechen kann, kommuniziert sie mittels einer Schreibmaschine. Das zieht diese Szenen etwas in die Länge, aber Wellington entwickelt erstaunlich überzeugend eine morbide, nihilistische Atmosphäre.

Was „Krieg der Vampire“ auszeichnet, ist die Kombination aus dem Bürgerkriegsgeschehen – nicht umsonst hat der Autor mit Gettysburg nicht nur als eine der blutigsten und brutalsten, sondern auf einem Zufall entstandenen Schlachten der Menschheitsgeschichte für seinen Roman genommen – mit dem tierischen Verhalten der Vampire in der Gegenwart. Der Leser kann im Grunde nicht mehr unterscheiden, was unmenschlicher ist. Der Kampf Bruder gegen Bruder oder die Jagd der Vampire nach Menschen. Wenn am Ende des Buches in einem Rückblick davon gesprochen wird, das die Vampireinheit Gott sei Dank nicht zum Einsatz gekommen ist, fragt sich der Leser, ob sie angesichts des dreitätigen, teilweise sehr sinnlosen Dahinschlachtens einer ganzen Generation junger Menschen auf dem Schlachtfeld in Hinblick auf die Brutalität wirklich noch einen Unterschied gemacht hätten? Wellingtons Vampire zeigen nur wenige, aber dann gut erkennbare menschliche Züge, während sie auf der anderen Seite brutal, nur von ihrem Überlebensinstinkten getrieben agieren. Nur am Ende hätte sich der Leser eine engere Verbindung zwischen dem zu abrupt beendeten Geschehen auf dem Schlachtfeld Gettysburgs und der laufenden Handlung gewünscht. Insbesondere die Aufstellung der Vampireinheit erweist sich rückwirkend als eine im Grunde falsche Spur.
Wellington mischt sehr geschickt klassische Vampirmotive aus den Volkssagen in seine Geschichte, verfremdet diese Ideen, um einen geradlinigen, originellen neuen Vampirstoff zu erschaffen. Auch wenn seine übernatürlichen Wesen mehr den „Aliens“ aus Camerrons Film mit ihren Überlebensinstinkten und ihrem tierischen Drang nach Blut ähneln, zeichnet der Autor durchaus ein dreidimensionales Portrait, nach dessen Lektüre der Leser ihre Handlungen nachvollziehen und verstehen, aber nicht gutheißen kann. Diese Fähigkeit, aus einem bekannten Stoff eine zumindest lesenswerte packende, wenn auch nicht gänzliche neue Geschichte mit einer überzeugenden morbiden Atmosphäre zu erschaffen, zeichnet auch den neuen dunklen Thriller David Wellingtons aus.

Um keine falschen Vorstellungen zu wecken: „Krieg der Vampire“ ist ein brutaler, harter Horror- Roman mit überwiegend überzeugenden Protagonisten und trotz zweier gut zusammenlaufender Handlungsebenen einem sehr geradlinigen Plot, der keine Gefangenen macht.

David Wellington: "Krieg der Vampire"
Roman, Softcover, 384 Seiten
Piper Verlag 2008

ISBN 9-7834-9226-6451

Weitere Bücher von David Wellington:
 - Der letzte Vampir
 - Stadt der Untoten

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