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Horror (diverse)



Richard Laymon

Inferno

rezensiert von Thomas Harbach

Richard Laymons in den USA 1995 ver√∂ffentlichter Roman ‚ÄúDas Inferno‚ÄĚ geh√∂rt auf der einen Seite zu seinen umfangreichsten Arbeiten, ist aber auch leider auf der anderen Seite ausgesprochen signifikant f√ľr die St√§rken wie Schw√§chen seines umfangreichen Werkes.

Ein schweres Erdbeben ersch√ľttert Los Angeles. Nicht das wirklich gro√üe Beben, aber mit √ľber 8 auf der Richterskala reicht es aus, um starke Verw√ľstungen in der Stadt zu verursachen, die Kommunikation zu unterbrechen und schlie√ülich eine Handvoll ausgesprochen unterschiedlicher Charaktere aus der Bahn zu werfen.
Clint wird von dem Beben an seinem Arbeitsplatz √ľberrascht und muss zusammen mit dem cleveren Em die Stadt durchqueren, um nach Hause zu kommen. Clints Tochter befindet sich in einem anderen Viertel und versucht ebenfalls, durch das ausbrechende Chaos heimzufahren. Dort befindet sich die attraktive Sheila in der schlimmsten Lage. Sie liegt nicht nur nackt unter den Tr√ľmmern ihres Hauses, gerettet von der umgekippten Badewanne, in der sie w√§hrend des Ausbruchs des Beben gelegen hat. Sie wird von ihrem Nachbarn Stanley bedroht, einem gewaltbereiten sadistischen Psychopathen, der schon l√§nger ein Auge auf Sheila geworfen hat und jetzt die Chance sieht, seine Gewaltphantasien auszuleben.

Im Vergleich zu seinen bisherigen und zuk√ľnftigen Romanen greift Laymon auf ein au√üergew√∂hnliches Ereignis - in diesem Fall ein Erdbeben - zur√ľck, um die bestehende Ordnung aus den Angeln zu heben. Das l√§sst manche Aspekte seiner Romane - ein g√§nzliches Fehlen eingreifbereiter Ordnungskr√§fte; Nachbarn, die ausschlie√ülich mit sich selbst besch√§ftigt sind und schier endlose Fluchtversuche - realistischer erscheinen, da es im Chaos wichtigere Dinge gibt, als einen Psychopathen zu fangen bzw. die Verkehrsregeln einzuhalten oder eine Frau mit der Waffe zu kontrollieren. Da Problem des vorliegenden Buches liegt aber in diesem au√üergew√∂hnlichen Ereignisses. Als Schriftsteller scheint Richard Laymon √ľberfordert, eine dunkle, bedrohliche und vor allem nihilistische Atmosph√§re zu entwickeln, in welcher der Leser glaubhaft die Zerst√∂rungskraft des Erdbebens und ggfs. Einiger Nachbeben auch nachvollziehen kann. Das erste Beben bildet einen kleinen H√∂hepunkt - in ironischer Hinsicht doppelt zu interpretieren -, dessen Folgen sich durch den Roman in mehr oder minder grausamen bis grotesken Details - ein abgetrennter Kopf sei hier stellvertretend erw√§hnt - ziehen. Aber alles wirkt aufgesetzt, distanziert und nicht so nat√ľrlich entwickelt wie die scheinbar friedlichen mittelst√§ndischen Kleinst√§dte, in denen im Grunde an jeder Ecke verklemmte Psychopathen lauern, die nichts lieber machen, als Cheerleader oder untreue attraktive Ehefrauen zu fangen, zu foltern, zu vergewaltigen und schlie√ülich zu t√∂ten suchen. Clint und Ems verzweifelte Versuche, nach Hause zu kommen, sind zwar packend beschrieben, wirken aber eher hinsichtlich des wichtigsten Plots wie F√ľllstoff, der minder interessant und stellenweise zu stark konstruiert dargeboten wird. Zumindest √ľberzeugen die beiden ungleichen M√§nner als Charaktere, deren St√§rken wie Schw√§chen sich schlie√ülich zu einer interessanten und in erster Linie √ľberlebensf√§higen Mischung erg√§nzen. Richard Laymon macht auf dieser Handlungsebene nur das Notwendigste, um den Leser teilweise von seiner eigentlichen Intention abzulenken. Auch der Wechsel der Erz√§hlperspektive zwischen erster - Sheilas Tochter - und dritter Person - beide Elternhandlungsb√∂gen - wirkt teilweise unstrukturiert und nicht immer wirklich effektiv eingesetzt. Der Versuch, den Leser n√§her an das Geschehen heranzur√ľcken, scheitert schlie√ülich an der Unentschlossenheit des Autoren.
Die Haupthandlung bildet je nach Perspektive den st√§rksten oder schw√§chsten Teil des Buches. Dieser Widerspruch l√§sst sich nur mit der Erwartungshaltung eines Lesers an einen Richard Laymon Roman kl√§ren. Perverse, sexuelle Szenen mit einer offensichtlichen Frauenfeindlichkeit, wobei sich nicht selten die weiblichen Charaktere nach einer wahren Tortur gegen ihre eher d√ľmmlichen, aber sadistischen und zumindest brutal vorgehenden Peiniger durchsetzen k√∂nnen, die ihre aggressive Sexualit√§t im Grunde aus einem Hass auf die eigene Mutter gewonnen haben. Zu oft hat Richard Laymon dieses Plotelement verwandt. In manchen seiner Romane wie ‚ÄúDie Insel‚ÄĚ funktioniert die Mischung ausgesprochen gut und der Rand des Mainstreams wird mehrmals √ľberschritten, in anderen B√ľchern wie seine pers√∂nlichen Haunted House Trilogie hangelt sich der kaum vorhandene Plot von einem ‚ÄúH√∂hepunkt‚ÄĚ zum n√§chsten, um dann den Leser mit einem provozierenden Schock, aber im Grunde keiner echten Reinigung zur√ľckzulassen.
Sheila wird in einer unangenehmen Situation vom Psychopathen Stanley gestellt. Auf den ersten Seite erf√§hrt der Leser nicht nur, das Stanley Witwer und inzwischen wieder bei seiner Mutter eingezogen ist, sondern das er die Nachbarin jeden Morgen √ľber den Zeitungsrand beobachtet und sich vorstellt, wie er sie vergewaltigt. Das Erdbeben gibt ihm in Form einer weiteren Nachbarin die M√∂glichkeit, seine Wahnvorstellungen zu testen. Er vergewaltigt die Frau in ihrem Schlafzimmer, zwingt sie, ihm nicht nur zu Willen zu sein, sondern sich ihm unterzuordnen und ermordet sie schlie√ülich. Sheila liegt wie schon angesprochen nach dem Erdbeben nackt im vorl√§ufigen Schutz ihrer umgekippten Badewanne. Stanley versucht ihr vordergr√ľndig zu helfen, wobei der Leser wei√ü, das seine Absichten deutlich finsterer sind. Der Roman bezieht seine einzige Spannung aus dieser im Grunde ‚ÄúNo Win ‚ÄúSituation f√ľr Sheila.
W√§hrend Richard Laymon immer wieder die Grenzen des Genres - in erster Linie hat Laymon seine Taschenb√ľcher in Warenhausketten oder Flughafenbuchhandlungen verkaufen k√∂nnen - ausgetestet hat, geht er im Grunde mit Stanley einen Schritt zu weit. Die Figur ist vom ersten Augenblick - bei √ľber sechshundert Seiten Umfang eine ungl√ľckliche Vorgehensweise - ein gef√§hrlicher Psychopath. In Kings Romanen oder Shaun Hudsons Exzessen braucht es eine gewisse Zeit, bis der Leser die Gef√§hrlichkeit dieser Figuren einsch√§tzen kann. Diese Holzhammermethode wirkt genauso konterproduktiv, wie Richard Laymon Stanley weder Motive noch einen Grund auf den dicken Leib geschrieben hat, um die Nachbarn brutal zu vergewaltigen und schlie√ülich auch zu t√∂ten. W√§hrend ein Erdbeben kein Motiv ben√∂tigt, um eine friedliche Gemeinde auf den Kopf zu stellen, w√§re ein wenig Charakterentwicklung nicht schlecht, um zumindest eine nicht unbedingt positive emotionale Beziehung zum Leser aufzubauen. Hier bleibt ‚ÄúDas Inferno‚ÄĚ in den Startl√∂chern stecken.
Die sympathische Sheila erweist sich dagegen wie viele Laymon Figuren als K√§mpferin, die dank ihrer Intelligenz, aber auch ihrer Sportlichkeit die Auseinandersetzung lange Zeit offen halten kann. Nicht jede Szene ist wirklich originell und manche Situation kommt dem Richard Laymon Fan schon aus anderen B√ľchern bekannt vor. Alleine die Ausgangssituation - nackt unter einer umgest√ľrzten Badewanne zu liegen - ist brillant und h√§tte bei einer konsequenteren Ausf√ľhrung f√ľr einen √ľberdurchschnittlichen Thriller gereicht. Richard Laymon h√§tte den ganzen Romane alleine auf dieses Ausgangsszenario zuschneiden sollen. Ein Verzicht auf die brutale Vergewaltigung der Nachbarin und vor allem die √úberzeichnung Stanleys auf den ersten Seiten h√§tte in Stephen King Manier eher die Spannung erh√∂ht als reduziert. Die Nebenhandlung mit dem zu Hilfe eilenden, aber unwissenden Ehemann rei√üt den Leser immer wieder aus dem dominanten Psychoduell. Vor allem erweisen sich viele dieser kleinen Episoden eher als unterinteressant und werden auch unterdurchschnittlich beschrieben. Nat√ľrlich ist in der Katastrophe der gr√∂√üte Feind des Menschen der Mensch selbst, aber da Laymon seine perverse Ausgangssituation nicht √ľberbieten kann, bleibt manche Szene St√ľckwerk.
Wie schon angesprochen, f√ľr unkritische Laymon Fans angesichts der bekannten Ideen und der routiniert rasanten Ausf√ľhrung ein absolutes Muss. Wer sich gerne mit dem Ph√§nomen Richard Laymon auseinandersetzen muss, geht in diesem deutlich explizierteren, grenzwertigen im Vergleich zu einer Reihe eher aus Geldnot herunter geschriebenen Romanen kein Risiko ein. Wer sich mit den St√§rken und Schw√§chen des Amerikaners auseinandersetzt und √úberraschungen in seinen Romanen sucht, wird bis auf die Eingangssequenz eher einem mechanisch erstellten Buch begegnen, aus dessen Pr√§missen Laymon viel mehr Spannung als nur Sex und Gore heraus wringen k√∂nnen und auch m√ľssen.

Richard Laymon: "Inferno"
Roman, Softcover, 640 Seiten
Heyne Verlag 2010

ISBN 9-7834-5367-5827

Weitere BŁcher von Richard Laymon:
 - Das Grab
 - Das Spiel
 - Das Treffen
 - Der Gast
 - Der Keller
 - Der K√§fig
 - Der Pfahl
 - Der Regen
 - Der Ripper
 - Der Wald
 - Die Insel
 - Die Jagd
 - Die Show
 - Finster
 - Nacht
 - Night Show
 - Rache

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