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Horror (diverse)



Richard Laymon

Der Ripper

rezensiert von Thomas Harbach

„Der Ripper“ ist vor einigen Jahren schon unter dem Titel „Im Zeichen des Bösen“ beim Goldman Verlag erschienen. Im Zuge der Laymon Renaissance hat der Heyne- Verlag den Roman wieder im Rahmen der Heyne Hardcore Reihe aufgelegt. Für viele Anhänger gehört „Savage“ – wie das Buch im Original treffend, aber auch für Laymon charakteristisch heißt – zu seinen besten Arbeiten. Das wird meistens mit der Tatsache begründet, dass der Autor auf eine historische Figur – Jack, the Ripper – zurückgreift und die Handlung in einem vergangenen Jahrhundert ansiedelt, was auf den ersten Blick eine eingehende Recherche erfordert.

Der fünfzehnjährige Trevor Bentley ist zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Eine geradezu klassische Idee in Richard Laymons Genre. Er beobachtet einen der brutalen Morde, die Jack the Ripper nachts in dem einfachen Arbeiterviertel ausführt. Er verfolgt nicht nur dessen Tat, sondern er erkennt das geheimnisvolle Phantom. Schlimmer noch, der irrsinnige Mörder erkennt auch Bentley und beginnt ihn zu verfolgen. In seiner Verzweifelung stürzt sich Bentley in die Fluten der Themse und kann sich in letzter Sekunde an Bord eines vorbeifahrenden Schiffes retten. Hier wird er niedergeschlagen. Als er erwacht, muss er zu seinem eigenen Entsetzen feststellen, dass sich der Ripper ebenfalls an Bord geschlichen hat. Zusammen mit einer amerikanischen Familie soll er den Massenmörder in die USA bringen. Dort erhofft sich der Ripper Anerkennung für seine grausamen Morde bei den aus seiner Sicht wilden und primitiven und deswegen sich auf einer Ebene mit ihm bewegenden Indianern. Der Ripper hält zusammen mit Bentley die Tochter der Familie in seiner Kabine gefangen und foltert sie, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, in die Staaten gebracht zu werden.

Diese erste Teil des Romans ist gewohnt dynamisch bis hektisch geschrieben. Laymon gibt seinem jugendlichen Charakter ab dem Augenblick, in dem er Zeuge des Mordes geworden ist, keinen Augenblick mehr Zeit, um Luft zu holen. Insbesondere die erste Verfolgungsjagd durch die engen dunklen Straßen Londons und der nur scheinbare Rettung an Bord des vorbeifahrenden Schiffes gehört zu den besten Passagen in Laymons Werk. Allerdings erinnern einige Sequenzen hinsichtlich der Konzeption und Ausführung her sehr stark an den ebenfalls schon auf Deutsch veröffentlichten Romans „Das Spiel“. Der Mittelteil an Bord des kleinen Schiffes ist eine nicht schlechte, aber teilweise vorhersehbare Neuinterpretation ähnlicher Passagen aus seinem Roman „Die Insel“. Bentley versucht die schockierten Mitreisenden zum Widerstand aufzurufen. Einige von ihm selbst ausgeführte Aktionen scheitern in letzter Sekunde teilweise an frustrierenden Zufällen. Auf der anderen Seite – ebenfalls ein Motiv, das Laymon in „Die Insel“ zumindest impliziert hat – versucht der Ripper dem Jungen seine Allmacht insbesondere über hilflose Frauen zu demonstrieren und ihn quasi auf seine verführerisch dunkle Seite zu ziehen. Dabei spielt wie nicht selten in Laymonds Werk die Reduktion von Frauen auf Sexobjekte genauso eine wichtige Rolle wie der implizierte Hang zu manchmal sehr komplexen SM- Spielen. Immer wieder bewegt sich Laymon bis an die Grenzen des Erträglichen heran. Durch die Schilderung der Vorgänge aus der voyeuristischen Perspektive Bentleys distanziert der Autor zwar den Leser von den Taten, aber er verführt den außen stehenden Betrachter immer wieder, hinzuschauen. Aus der drangvollen Enge des kleinen Bootes auf einer schier endlosen und gefährlichen See hätte man allerdings mehr machen können. Das große Problem des Mittelabschnitts liegt in der Tatsache, dass Bentley im Vergleich zum überdimensional beschriebenen Jack the Ripper viel zu schwach ist. In den Gegenwartsthrillern beginnen sich die zu Beginn des Plots wehrlosen Opfer schneller und nachhaltiger zu wehren. Bentley wirkt in dieser Hinsicht gehemmt. Kurz vor Erreichen der Küste kann er über Bord springen. Der Ripper ermordet die Familie, bevor er die Vereinigten Staaten erreicht. Damit bleibt nur ein einziger Augenzeuge übrig, der ihn identifizieren kann.

Mit dem Erreichen der USA bzw. des Wilden Westens offeriert Laymon seinem treuen Publikum eine neue Herausforderung. Eine Art Splatterpunkwestern – insbesondere der Showdown, der offen Anleihen bei Mark Twain nimmt. Laymon ist in stilistischer wie erzähltechnischer Hinsicht sicherlich nicht mit dem großen amerikanischen Erzähler und seinen Tom Sawyer Geschichten zu vergleichen, aber das klassische Motiv der Reifeprüfung dominiert den interessant und vielschichtig geschriebenen dritten großen Handlungsbogen des Romans. Bentley wird schnell erwachsen. Er verliebt sich, lernt zu schießen, überlebt in der Wüste und gegen die Indianer. Mit viel Freude spult Laymon alle klassischen oder modernen Elemente des Western vor dem Leser ab. Dabei droht teilweise die Handlung unter den vielen ineinander übergehenden Ideen unterzugehen und etwas weniger wäre überzeugender und aufs Ganze gesehen deutlich mehr gewesen. Bentley – stellvertretend für den Leser – muss auch den Ripper im Auge behalten. Das es zu einer finalen Konfrontation kommt, die der junge Erzähler nur überleben kann, macht Richard Laymon vom ersten Augenblick an klar. Damit nimmt er sich wie in seinen aus der Ich- Erzählerperspektive geschriebenen Romanen teilweise die Spannung, aber wer eine Story des Amerikaners liest, interessiert sich in erster Linie für den Gorequotienten und rasant brutale Szenen als eine gänzlich logisch durch komponierte Handlung. Unabhängig von den teilweise wie üblich etwas überhastet geschriebenen Passagen funktioniert die dunkle Westernhandlung ausgesprochen gut. Sie erinnert an die zahlreichen, stilistisch allerdings deutlich effektiveren Experimente eines Joe Landsdales. Vor allem weil sich Laymon hinsichtlich des Anteils an expliziert brutalen Szenen sowie pornographisch angehauchten und niemals emotionalen Sex stark zurückhält.

Im Gegensatz zu deutschen Ausgabe zeigt sich deutlich stärker ein gänzlich überraschendes Problem in der englischen Originalfassung. Laymon kann keinen Akzent schreiben. Das viktorianische Englisch ist gekünstelt, die Dialoge teilweise sehr steif und unbeholfen. Kaum sind die Charaktere in den USA angekommen, werden ähnliche Phrasen einfach insbesondere den Texanern in den Mund gelegt. Jeglicher Sense of Wonder wird durch diese Unachtsamkeit Laymonds negiert. In der deutschen Übersetzung hat man bemüht, die Dialoge etwas lebhafter und weniger gestelzt darzustellen, aber dafür wirken die beschreibenden Passagen ein wenig zu steif und eckig. Diese sprachlichen Missgeschicke machen es auch schwer, insbesondere die Nebenfiguren wirklich zu mögen. Laymons moderne Thriller zeichnen sich durch dessen Fähigkeit aus, mit wenigen Sätzen Figuren zu definieren, die keine drei Seiten überleben und trotzdem einen emotionalen Nachhall im Leser bewirken. Der Tod insbesondere der amerikanischen Familie lässt einen im vorliegenden Buch leider viel zu kalt und Jack the Ripper wird zu dämonisch überzeichnet, als das er wirklich einem der allgegenwärtigen Psychopathen Laymons in Ansätzen entsprechen kann. Es ist schade, dass sich der Autor hinsichtlich der weiteren Nebenfiguren bis auf den zugänglichen und die Handlung auf seinen schmalen Schultern tragenden, anfänglich ein wenig zu naiven Bentley so wenig Mühe gegeben hat.

Die grundlegende Idee, eine gänzlich andere Erklärung für das Aufhören der Ripper Morde in England zu finden und die Bestialität Jack the Rippers mit den wilden Indianern zu verbinden, ist dagegen interessant aufgebaut und auch überzeugend extrapoliert. Sie gleicht eine Reihe von Schwächen im vorliegenden Band aus. Zusammengefasst ist „Der Ripper“ ein so typischer Laymon, allerdings hinsichtlich des Gore und des Sex auf ein erträgliches, aber keinesfalls normales Niveau heruntergeschraubt. Anhänger des Autoren werden den Roman sowieso kaufen und goutieren. Wer sich intensiver mit Richard Laymons Romanen auseinandersetzen will, kann im vorliegenden Band eine Reihe von positiven Abweichungen von den inzwischen statisch gewordenen Schemata seiner in der Gegenwart spielenden Horrorthriller finden. Handlungstechnisch ist das Buch in drei große Abschnitte – Flucht, Überleben und schließlich Lebenserfahrung sammeln – aufgeteilt, die von unterschiedlicher Qualität sind. Wer sich alleine an Laymons sadistisch- erotischen Exzessen laben möchte, wird im Vergleich zu „Die Insel“ oder seiner „Beasthouse“ Trilogie wahrscheinlich enttäuscht sein, als Horrorroman an sich gehört „Der Ripper“ zu seinen besseren, aber vor allem zu seinen originellsten, wenn auch nicht gänzlich befriedigend umgesetzten Arbeiten.


Richard Laymon: "Der Ripper"
Roman, Softcover, 528 Seiten
Heyne- Verlag 2009

ISBN 9-7834-5367-5810

Weitere Bücher von Richard Laymon:
 - Das Grab
 - Das Spiel
 - Das Treffen
 - Der Gast
 - Der Keller
 - Der Käfig
 - Der Pfahl
 - Der Regen
 - Der Wald
 - Die Insel
 - Die Jagd
 - Die Show
 - Finster
 - Inferno
 - Nacht
 - Night Show
 - Rache

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