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Horror (diverse)



Jack Ketchum

Beutegier

rezensiert von Thomas Harbach

Rechtzeitig vor der anstehenden insgesamt vierten Verfilmung seiner Bücher veröffentlicht der Heyne Verlag die literarische Vorlage “Offspring” aus der Feder Jack Ketchums als Taschenbuch für die lauen Sommernächte in der Natur. Es handelt sich um die Fortsetzung zu „Offseason“, dem Buch, mit dem Jack Ketchum 1981 debütierte. „Offseason“ ist unter dem Titel „Beutezeit“ schon im letzten Jahr im Heyne Verlag erschienen. Stellte schon „Offseason“ verkaufstechnisch eine Sensation dar, welche sich mit knapp 250.000 Exemplaren in den ersten Auflagen sensationell verkaufte, bevor das Buch auf einen internen Index gesetzt worden ist, bedeutete diese moralische Entrüstung für die Fortsetzung eine Art Medienblitzkrieg. Kritiker haben sich wegen der brutalen Gewaltdarstellung mit Begriffen wie Splatterpornographie in die Haare bekommen. Im Internet dagegen sind unglaubliche Preise für den Roman verlangt und bezahlt worden. Das Buch ist sensationell schnell 1989 ausverkauft gewesen und fast fünfzehn Jahre nicht nachgedruckt worden. Die Fortsetzung leidet unter einer doppelten bzw. dreifachen Belastung. Kann und will Jack Ketchum die schaurig brutalen und schockierenden Szenen des Erstlings erreichen und übertreffen? Ist es ihm möglich gewesen, die teilweise doch ein wenig hölzern charakterisierten gezeichneten Protagonisten des ersten Bandes lebendiger darzustellen? Ist das Ende der Auseinandersetzung zwischen dem in den Wäldern hausenden Kannibalenstamm und der „Zivilisation“ genauso überraschend und subversiv wie im ersten Roman oder recycelt der Autor nur Ideen?

Obwohl die Fortsetzung insgesamt elf Jahre nach dem ersten Buch spielt, hat Jack Ketchum auf den ersten Seiten die beiden Teile sehr geschickt miteinander verbunden. Der damalige Sheriff von Deep River, Maine George Peters wird immer noch von den Geschehnissen verfolgt. In der Zwischenzeit ist seine geliebte Frau verstorben. Er hat sein Amt niedergelegt und wird nur noch vom Alkohol getröstet. Auch wenn Jack Ketchum im Grunde das Klischee eines gebrochenen Mannes zeichnet, gelingen ihm eine Reihe von überzeugenden, allerdings nicht sympathischen Charakterzügen. Natürlich holt Peters die Vergangenheit wieder ein. Der neue Sheriff besucht ihn und bittet ihn hinsichtlich zweier unglaublich brutaler Morde um seine Mithilfe. Der Tatort kommt Peters schnell bekannt vor. Die Opfer sind ausgeweidet und teilweise angefressen worden. Der Leser und Peters ahnen bzw. wissen, dass der Clan zurück ist. Das eine Mitglied, das die Ereignisse des ersten Bandes überlebt hat, hat sich durch Zucht und Kidnapping eine neue Gefolgschaft herangezogen. Im vorliegenden Band wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der nur knapp elf Jahre, die vergangen, aber für die Gründung eines komplett neuen Stammes nicht ausreichend sind, handelt es sich in erster Linie um Kinder, die Opfer der wilden Kannibalen werden. Ein weiteres Tabu, das Jack Ketchum mit sichtlichem Vergnügen bricht und ausschlachtet.

Es ist sicherlich keine Überraschung, dass sich Jack Ketchums Texte zur Zeit einer unglaublichen Beliebtheit bei den unabhängigen Filmstudios erfreuen. Ketchum ist ein unglaublich cineastischer Schriftsteller. Im Horrorbereich käme ihm nur Richard Laymon gleich, eine weitere tragische Figur, die im Windschatten von Koontz und King am Tabu kratzende, erotische und sadistische Horrorthriller geschrieben hat. Es ist vielleicht keine Überraschung, dass Ketchum und Laymon lange nach ihrer Blütephase jetzt das Rückgrat von Heyne Hardcore Reihe bilden. Ketchum zieht seine unauffällig, aber mit der Faszination eines Voyeurs, der für Voyeure schreibt, in das Geschehen hinein. Im Vergleich wirkt allerdings „Offseason“ deutlich rauer, deutlich provozierender und letzt endlich als Roman auch deutlich überzeugender. Im Erstling spürt der Leser, das Jack Ketchum in erster Linie ein Buch geschrieben hat, in dem er der Meinung gewesen ist, dass es seine einzige Chance auf literarischen Blutruhm sein könnte. Ketchum nimmt keine Gefangene. Zwischen „Offseason“ und „Offspring“ liegen zumindest zwei andere Thriller, die sich trotz deutlich effektiverer Plots schlechter verkauft haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund wirkt die Fortsetzung deutlich berechnender. Ein aufmerksamer Leser kann sehr schnell die potentiellen und tatsächlichen Opfer von den Überlebenden unterscheiden. Es gibt im Gegensatz zum ersten Roman hinsichtlich der „Verluste“ keine Überraschungen. Eine große Schwäche des vorliegenden Bandes. Auch der Kannibalenclan wirkt weniger intensiv beschrieben. Impliziert beschrieb Ketchum sicherlich nicht ohne Ironie klassische Familienwerte in seinem Kannibalenclan, denen die bekannte Zivilisation schon lange entsagt hat. Teilweise zynisch, teilweise sarkastisch entlarvte er die „Menschen“ als nur eine Stufe von den Wilden entfernt. Insbesondere während der Kämpfe in den dichten Wäldern Maines schwanden die Unterschiede zwischen Menschen und Kannibalen schnell. Alles Punkte, die im vorliegenden Band gestreift, aber nicht weiter extrapoliert werden. Hier hätte insbesondere die Anhänger Ketchums deutlich mehr erwartet und auch erwarten dürfen.

Wie schon eingangs ausgeführt sind die einzelnen Figuren - trotz ihrer teilweise klischeehaften Aktionen - dreidimensionaler und überzeugender charakterisiert. Im ersten Band ist es einem nicht immer aufmerksamen Leser schwer gefallen, die stereotypen Charaktere wirklich voneinander zu unterscheiden. Nicht das es hinsichtlich des Plots wirklich wichtig gewesen ist. Ketchum ist kein Autor, der auf eine große Sympathiebrücke zwischen Charakter und Leser wert legt, um seine dunklen und brutalen Geschichten zu erzählen. Alleine aufgrund seiner stilistischen Fähigkeiten erzeugt er aus dem Nichts heraus eine morbide Atmosphäre, welche sich mit der nihilistischen Geschichte genial verbindet. Am Ende von „Offseason“ gibt es nur noch Wahnsinn und gebrochene Charaktere. Im vorliegenden Roman steuert der Autor sicherlich nicht zufallsbedingt ein glücklicheres Ende an. Von einem Happy End zu sprechen, wäre wahrscheinlich übertrieben, aber viele Sequenzen am Ende des Buches wirken wie ein Kompromiss weniger gegenüber dem Leser als dem Verlag. Dem Buch fehlt auch der Fatalismus des ersten Bandes und nicht selten fragt sich der Leser, ob Jack Ketchum diese Fortsetzung aus Überzeugung geschrieben hat oder um als Schriftsteller einen monetären Erfolg zu erzielen. Jeder sehr gute Sequenz - und davon gibt es im Verlaufe des Romans einige - steht eine entsprechende fad, distanziert geschriebene Szene geschrieben. Dank der Dynamik der Handlung und der Tatsache, dass Jack Ketchum kein Autor eloquenter Beschreibungen ist, sondern auf Action und Splatter wert legt, verfügt „Offseason“ immer noch über eine erstaunliche handlungstechnische Geschwindigkeit. Das größte Manko dieser Fortsetzung ist die Tatsache, dass die dunkle Pointe zu Beginn des Buches schon bekannt ist. Mit dem vorliegenden Roman wird sich der Autor keine neue Lesergemeinde erschließen. Er beschenkt seine treuen Anhänger mit einer weiteren Kannibalengeschichte, einem neuen Clan, aber plottechnisch keiner wirklich neuen Idee. In erster Linie ist „Offseason“ für Jack Ketchum Anhänger und Fans des ersten Romans eine Pflichtlektüre. Wer den berühmt berüchtigten, aber kommerziellen immer nur solide agierenden Jack Ketchum kennen lernen möchte, sollte zu „The Girl next door“ - inzwischen verfilmt und ebenfalls im Heyne Verlag erschienen - oder zum ersten Band der Reihe greifen.



Jack Ketchum: "Beutegier"
Roman, Softcover, 320 Seiten
Heyne- Verlag 2009

ISBN 9-7834-5367-5629

Weitere Bücher von Jack Ketchum:
 - Amokjagd
 - Beutezeit
 - Die Schwestern
 - Evil
 - Wahnsinn

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