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Horror (diverse)



Richard Laymon

Die Jagd

rezensiert von Thomas Harbach

Unter dem schlagkräftigen Titel “Endless Night” schon 1993 veröffentlicht, gehört “Die Jagd” zu Richard Laymons am ehesten sadistischen und menschenfeindlich brutalsten Büchern. Es könnte ein gutes Doppellesefeature mit „Regen“ bilden. Im Gegensatz allerdings zu „Regen“, der in erster Linie gegen Ende seiner stringenten Handlung durch Nachlässigkeit und Lustlosigkeit abfällt, ist „Die Jagd“ vom ersten Augenblick an ein überzogener Gore- Roman, der nur durch seine selbst für einen Richard Laymon Roman überzogenen und leider rückblickend absolut sinnlosen Brutalität auffällt. Das liegt sicherlich auch in der Tatsache begründet, dass sich Richard Laymon wenig Mühe macht, vom klassischen Slasherstoff abzuweichen und eine Gruppe von Jugendlichen eindimensional bis klischeehaft als Antagonisten etabliert. Sie nennen sich nach einer Gruppe Kannibalen aus einem Horrorfilm. Sie lieben es, nachts in die Häuser von unschuldigen Menschen einzubrechen, die Bewohner zu foltern, die Frauen zu vergewaltigen und schließlich brutal zu ermorden. In einer der wirklich wenigen überzeugenden Prämissen Laymons brennen die Täter anschließend das Haus nieder, um so einen Unfall vorzutäuschen und ihre Verbrechen zu verbergen. Bislang haben sie sehr erfolgreich ihre Taten verbergen können. Da es keinen Laymon- Roman geben würde, wenn sie erfolgreich weiter machen, beschreibt „Die Jagd“ ihren ersten Missgriff beim Aussuchen ihrer Opfer. Sie dringen in das Haus der Familie Clark ein. Der zwölfjährige Andy und die sechszehnjährige Jody, eine Freundin der Clark Tochter - sie hat neben ihrem Alter alle Attribute einer klassischen Laymon Helden auf sich vereint – entkommen den Angreifern. Es ist natürlich wichtig für die Jugendbande, die beiden potentiellen Zeugen in der Nacht zu finden und umzubringen. Um die Spannung zu erhöhen und in einem dieses Mal wirklich misslungenen Versuch, die Distanz zwischen eindimensionalen Tätern und den Leser zu überbrücken, lässt Laymon einen der Angriff Simon Quirt seine Taten in einen Kassettenrecorder quasi live als Hommage an „Henry- Portrait of a serial Killer“ (1986) sprechen.

Wie es sich für einen Richard Laymon Roman gehört, kann der Leser keine lange Exposition oder gar Vorbereitung auf die gruseligen Szenen erwarten. Die ersten knapp einhundert Seiten sind ungewöhnlich dynamisch und packend geschrieben. Der Autor wechselt die Perspektive zwischen Täter und Opfern, wobei der Leser schnell weiß und nicht wie in manchem Mainstreamthriller nur ahnt, was die Clark zugefügt werden soll. Der Überfall ist dynamisch geschrieben, allerdings zeigt sich hier schon Laymons in diesem Roman erdrückender Hang, den Sadismus zu übertreiben und die Schwächen des Plots im wahrsten Sinne des Wortes in sexueller Gewalt und Blut zu ertränken. Dank Eigeninitiative und verzweifelter Entschlossenheit können Jody und Andy den brutalen Angreifern entkommen. Dieser kurzfristige Erfolg wird von Laymon sehr überzeugend und im Handlungsrahmen auch nachvollziehbar beschrieben. Die erste Verfolgungsjagd erzeugt soviel innere Spannung, das der Leser fast den Atem anhält. Er weiß, dass Jody und Andy zumindest in dieser Sequenz (noch) nicht als Sieger hervorgehen können. Unabhängig davon fiebert man mit ihrem verzweifelten Überlebenskampf mit. Zu Beginn wechselt Laymon nicht nur die Perspektive, sondern lässt einzelne Szenen sowohl aus der Sicht Jodys und Andys erzählen und vervollständigt dann das Geschehen mit Quirts Tonbandaufzeichnungen. Hinzu kommt, das Quirt in erster Linie für das Entkommen der Jugendlichen verantwortlicht ist und zweitens, das Quirt sich an einer David Hess Inkarnation – siehe „Last House on the Left“ oder „Hitchhiker“ – versucht und natürlich kontinuierlich und selbst in den hektischen Verfolgungsszenen in erster Linie scharf darauf ist, es Jody ordentlich zu besorgen. Diese grundsätzlich gute Idee überzeugt auf den ersten Seiten, wird aber im späteren, deutlich weniger dynamischen und lustloser erzählten zweiten Teil des Buches zu oft bemüht. Diese doppelte Erzählstrategie überdehnt einzelne, rückblickend nicht unbedingt wichtige Sequenzen und nimmt der ganzen Geschichte die angesichts der zahlreichen Handlungslöcher notwendige Geschwindigkeit und Dynamik.

Danach fokussiert Laymon die Handlung nicht, sondern bricht den sorgfältig aufgebauten Spannungsbogen auseinander. Zum einen sind die Dialoge zwischen Jody und Andy nicht nur langweilig, sondern vor allem gestelzt und unnatürlich geschrieben. Dabei ist Laymon normalerweise ein Meister des pointierten und natürlich wirkenden Dialoges. Die Gespräche zwischen den beiden verzweifelten Jugendlichen bringen die Handlung gegen jede Logik nicht weiter voran. Weiterhin entschließt sich Jodys Vater – ein Polizist -, seine Tochter in Sicherheit zu bringen. Der Leser weiß, dass Quirt ihr auch wegen der Drohung der anderen Bandenmitglieder, ihn bei einem Scheitern ebenfalls zu foltern und zu töten, ihr überall hin folgen wird. Im Gegensatz allerdings zu Stephen King hat Richard Laymon nicht die Fähigkeit, mittels seiner Beobachtungsgabe und einer Handvoll lakonischer Bemerkungen, ein Portrait des gegenwärtigen Amerikas zu zeichnen. Er beschreibt ausführlich Diner, Motels und Tankstellen, aber spätestens nach der zweiten Übernachtung wirkt alles Seiten füllend, aber nicht den Plot vorantreibend. Vor allem muss der Leser sich immer vor Augen halten, dass kein Laymon Polizist sich von Jugendlichen jagen lässt. Er greift eher zur Selbstjustiz a la Dirty Harry und bereinigt die Bedrohung auf seine Weise. Dazwischen berichtet Quirt dem Leser, welche kriminellen Taten er während der Verfolgung Jodys begeht. Dabei hinterfragt der Leser inzwischen das natürlich psychopathische Handeln nicht mehr, das immer das Risiko der Entdeckung in sich trägt. Und selbst Quirt glaubt nicht einen Augenblick, im Gefängnis vor seinen Mittätern sichern zu sein. Anstatt die finale Konfrontation ausführlich und überzeugend vorzubereiten, schindet Laymon im langweiligen und phlegmatischen Mittelteil eifrig Seiten, um dann plötzlich fast durch einen Zufall hektisch die lange erwartete blutige, brutale und überzogene Konfrontation zwischen Verfolgten und Verfolgern einzuleiten. Das Finale ist angesichts der Länge des Romans ein wenig zu kurz, aber im Gegensatz zu zum Beispiel „Der Regen“ deutlich überzeugender und von Laymon mit zynischer Konsequenz bis zum bitteren Ende durchgeplant.

Im Gegensatz dazu wirken die Figuren holzbrettartig und sehr eindimensional gezeichnet. Andy und Jody können zu Beginn des Buches noch überzeugen. Jody verliert aber insbesondere im Verlaufe des Plots durch eine unnötig aufgezwungene Passivität im Schatten ihres ebenfalls lustlos charakterisierten Vaters sehr viel von ihrer Persönlichkeit, um plötzlich aus dem Nichts heraus wieder durchzustarten. Quirt ist zu sadistisch brutal, zu klischeehaft überzogen beschrieben als das er wirklich als Antagonist überzeugen kann. Die Tonbandaufzeichnungen bringen den Charakter nicht dem Leser näher, sondern wirken bald aufgrund ihrer stetigen Wiederholung von brutalen Taten – so pervers es klingt – einschläfernd. Auch vernachlässigt Laymon gute Ansätze. Um der örtlichen Polizei zu entkommen, verkleidet sich Quirt als Frau. Später gibt er diese Verkleidung nicht auf, obwohl sie ihn in seinen Handlungen hemmt. Hier wäre es angebracht gewesen, eine überzeugende Erklärung zu finden und so Quirts Figur etwas „aufzuwerten“.

Die größte Schwäche des Buches ist die Konzentration auf Vergewaltigung, Brutalität und Mord. In seinen anderen, nicht selten wie an einem Fließband niedergeschriebenen Büchern, hat Laymon eine erträgliche Balance zwischen diesen für ihn und seine Romane so signifikanten Exzessen und einer dynamischen Grundhandlung gefunden. „Die Jagd“ verzichtet im Grunde auf einen Plot – die eigentliche Handlung spärlich zu nennen, grenzt an eine Übertreibung – und konzentriert sich alleine auf das Erste. Das ist selbst für einen Richard Laymon Roman zu wenig, der sich im Vergleich zu seinen anderen Büchern wie „Der Regen“ noch stärker aus bekannten ins fast Unerträgliche gesteigerten Versatzstücken seines inzwischen umfangreichen Werkes zusammensetzt.

Richard Laymon: "Die Jagd"
Roman, Softcover, 527 Seiten
Heyne Verlag 2009

ISBN 9-7834-5367-5421

Weitere Bücher von Richard Laymon:
 - Das Grab
 - Das Spiel
 - Das Treffen
 - Der Gast
 - Der Keller
 - Der Käfig
 - Der Pfahl
 - Der Regen
 - Der Ripper
 - Der Wald
 - Die Insel
 - Die Show
 - Finster
 - Inferno
 - Nacht
 - Night Show
 - Rache

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