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Horror (diverse)



Richard Laymon

Der Gast

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Der Gast” legt der Heyne Verlag einen weiteren Richard Laymon Roman aus dem Jahr 1996 vor, in dem der König des Splatters ein wenig mit Fantasy- Elementen und zumindest oberflĂ€chlichem Humor experimentierte.

Wie viele seiner Romane beginnt “Der Gast” ausgesprochen dynamisch und packend. Eine alltĂ€gliche Situation, die zu einer Spirale von Gewalt und Gegengewalt fĂŒhren könnte.
Eines Nachts rettet der junge Neal Darden - ein typischer Laymoncharakter mit einer Reihe von StĂ€rken, aber auch ihn sympathisch machenden menschlichen SchwĂ€chen - eine junge Frau vor einem perfiden Killer. Elise ist nackt und an einen Baum gefesselt. Das perfekte Opfer in einem Laymonroman. Als Geschenk erhĂ€lt er ein magisches Armband, das es ihm wie der Originaltitel “Body rides” suggeriert ermöglicht, in andere Körper zu wechseln und deren Gedanken zu lesen. Die Grundidee ist nicht sonderlich neu, darum muss sich der Amerikaner plottechnische Variationen ausdenken, um seine Leser bei der Stange zu halten.
Der Besucher kann nur zuschauen, die Handlungen des Wirtskörpers nicht beeinflussen. Neal Darden probiert das magische Armband gleich aus und erfĂ€hrt eine Art Orgasmus, als er in Elises Körper eindringt und ihre GefĂŒhle erfĂ€hrt. Laymon gelingt es erstaunlich anschaulich, dank des fĂŒr ihn ungewöhnlichen Humors die Unterschiede zwischen MĂ€nnern und Frauen herauszuarbeiten. Wie es sich allerdings ebenfalls fĂŒr einen Laymon gehört, muss Neal Darden erkennen, das der von ihm angeblich getötete psychotische Killer nicht tot ist. Ohne das dieser es weiß, hat er Dardens aktuellen Gastkörper zu seinem nĂ€chsten Opfer erkoren. Die Jagd ist eröffnet.

“Der Gast” ist einer von Laymon umfangreichsten Romanen, dessen StĂ€rken und SchwĂ€chen stellenweise im gleichen Kapitel aufeinander treffen. Wie schon angesprochen ist die Grundidee nicht unbedingt neu. Dank des magischen Armbandes braucht der Autor nicht auf vielleicht technisch zu wenig ausgereifte ErklĂ€rungen zurĂŒckgreifen. Neal Dardens Unglaube wird angesichts des Testfluges schnell beseitigt. Anstatt aber die Grundidee weiter zu extrapolieren und vor allem die verschiedenen Möglichkeiten weiter zu untersuchen, konzentriert sich auf die bekannten wie markanten Mischungen aus Sex & Crime. In seinen anderen BĂŒchern beobachten die nicht selten perversen wie gewalttĂ€tigen Killer stellvertretend fĂŒr den Leser als Voyeure eine Reihe von erotischen Szenen, die in der Phantasie sehr vieler “normaler” Menschen sich manchmal abspielen. Dabei reicht das Spektrum vom lesbischen Sex ĂŒber Entjungferungen beiderlei Geschlechts bis zu den spezifischen Gewaltphantasien, die Laymon so erfolgreich gemacht haben. Neal Darden darf in zwei weiblichen Körpern mit reiten, wĂ€hrend nur eine der beiden Frauen sich revanchiert. Zu den StĂ€rken gehört sicherlich der Versuch, die unterschiedlichen Perspektiven von Frauen und MĂ€nnern herauszuarbeiten. Auch wenn vieles oberflĂ€chlich und stellenweise doch irgendwie auf die bekannten Klischees zurĂŒckfallend erscheint. Vor allem fehlt diesen Passagen der Ritt auf der zensurtechnischen “Rasierklinge”, mit dem Richard Laymon die Grenzen des fĂŒr das Massenpublikum noch akzeptablen immer stĂ€rker erweitert hat. Die zahlreichen erotischen Szenen erregen in einem nach der LektĂŒre fast beschĂ€mend erscheinenden Maße, aber es fehlt der letzte Kick, der einige LaymonbĂŒcher so einzigartig zu “Playboy” BĂŒchern des Horrors machte. Zu den SchwĂ€chen gehört insbesondere
der fast ausschließliche Fokus mit dem fast ausschließlich hormonell gelenkten Neal, der in Sex der verschiedenen Variationen gipfelt die GlaubwĂŒrdigkeit des Plots untergrĂ€bt und ins Wunschdenken abdriftet. Da wird manches auf einen reinen Geschlechtsverkehr reduziert, was vielschichtiges und vor allem unterhaltsameres Potential beinhaltet.
Da das magische Armband nur ein Beobachten ermöglicht, fallen zumindest positiv die ĂŒblichen faden Geschlechtwandlungswitze aus unzĂ€hligen Eddie Murphy oder Robin Williams Komödien positiv weg.
Richard Laymon ist es wie schon angesprochen meistens in seinem umfangreichen Werk sehr gut gelungen, typische Opfer zu beschreiben, die angesichts der Herausforderungen ĂŒber sich hinauswachsen und schließlich zumindest fĂŒr einen Augenblick ĂŒber das Böse zu dominieren. In “Der Gast” geht er einen Schritt weiter. Als Gast in einem fremden Körper ist insbesondere Neal Darden in doppelter Hinsicht hilflos. Er kann das eigentliche Opfer aufgrund seiner passiven Beobachterrolle nicht warnen und weiterhin hat er keine Möglichkeit, auf die Aktionen des Mörders zu reagieren. Diese Idee hĂ€tte einen ganzen, allerdings deutlich kĂŒrzeren Roman tragen können und vielleicht sogar mĂŒssen. Leider vertraut Richard Laymon dieser einfachen, aber effektiven PrĂ€misse zu wenig. Er setzt sich pointiert, aber zu wenig konsequent ein. Mit Neal Darden ist ihm wenigstens ein ĂŒberzeugender Charakter gelungen, mit dem sich der Leser nicht zuletzt aufgrund seiner mutigen Tat am Beginn des Buches sehr gut identifizieren kann. Frauen sind nicht selten klassische Opfer, die im Grunde bei Richard Laymon in zwei Kategorien fallen. Die attraktiven wie dummen Opfer, die am Ende eines Kapitels tot sind oder die Frauen, welche Romane wie “Das Beben” oder “Die Insel” dominieren und sexuell misshandelt und versklavt den Spieß umdrehen und letzt endlich “gewinnen”. Mit Sue und Marta verfĂŒgt der Roman ĂŒber zwei potentielle Frauen, die in beiden Kategorien fallen könnten. Da Sue auch Neal Dardens Körper besucht und sich dabei nicht zu dumm anstellt, möchte der Leser, das sie das Geschehen ĂŒberlebt. Zusammengefasst hĂ€tten die Figuren etwas ambivalenter, weniger dem Handlungsverlauf unterworfen charakterisiert werden mĂŒssen, aber sie tragen die elementare, wenn auch eher die Phantasie der Leser anregende erotische “Nebenhandlung”. Der ganze Plot kommt wĂ€hrend des Buches eine Freizeitparks zum Stillstand, wo Richard Laymon sich fast einhundert unendlich lange erscheinende Seiten lang aufhĂ€lt, ohne der GrundprĂ€misse signifikante Informationen hinzuzufĂŒgen oder die Idee des Körpergastes weiter zu entwickeln. Ein kritischer Lektor hĂ€tte diese ganze Passagen weg gestrichen und sich mehr auf die Horrorthrillerbasis des Buches konzentriert, die auf eine fĂŒr den Amerikaner ungewöhnliche Art und Weise negativer im GedĂ€chtnis bleibt.

Es ist ĂŒberraschend, das ausgerechnet das fĂŒr Laymon markanteste Element des Buches - der psychotische Killer - am wenigsten funktioniert. Das er nicht nach der ersten Begegnung mit Neal Darden tot sein kann, erfĂ€hrt der Leser im Vergleich zu den Figuren deutlich frĂŒher. SpĂ€ter ist die Figur zu wenig entwickelt. In vielen seiner BĂŒcher dringt er in die kranken Psychen seiner Massenmörder ein und versucht ihren Gedanken eine pervers kranke Logik zu geben. In “Der Gast” findet dieser Prozess nicht statt. Er bleibt eine Chiffre, wĂ€hrend sich Laymon auf die Gedankentransformation konzentriert. Zumindest gönnt er seinem TĂ€ter einen kurzen Triumph und schockiert den Leser in bekannter Manier, in dem er dreidimensional eingefĂŒhrte und sympathische ĂŒber das Nebenfigurenniveau hinausgehende Protagonisten grausam sterben lĂ€sst.
Unter der schwachen Zeichnung des Antagonisten leiden insbesondere die Actionszenen, in denen Richard Laymon in Normalform selbst einer gewöhnlichen Begegnung wĂ€hrend eines Nachtspaziergangs paranoide ZĂŒge abgewinnen kann. Viele Szenen wirken wie aktiv ĂŒbertragene Zitate aus seinen anderen, deutlich besseren BĂŒchern, wie der Kontrast zwischen dem magischen Armband sowie der Serienkillerhandlung nicht grĂ¶ĂŸer sein könnte. Der ungewöhnliche Humor kann diese SchwĂ€chen nicht zufrieden stellend ausgleichen, zumal das Ende zu stark konstruiert und im Vergleich zu einer Reihe anderer seiner Thriller noch abrupter erscheint. Nicht selten bleibt nach der LektĂŒre selbst eines guten Richard Laymon Buches das unbestimmte GefĂŒhl zurĂŒck, als habe der Autor nach der HĂ€lfte das Interesse an diesem Buch verloren und will es nur noch hinter sich bringen. Bei “Der Gast” hat man das GefĂŒhl, als suche der Autor verzweifelt nach einem zufrieden stellenden Höhepunkt am Ende und dreht sich einfallslos im Kreise. “Der Gast” ist ein eher durchschnittlicher Richard Laymon, der nach einem starken Beginn unstrukturiert, um mindestens einhundertfĂŒnfzig Seiten zu lang und Sex fixiert erscheint. Richard Laymon muss sich den Vorwurf gefallen lassen, das er selbst bei interessanten außergewöhnlichen Ideen seine stereotypen Plotmuster nicht verlassen hat.

Richard Laymon: "Der Gast"
Roman, Softcover, 768 Seiten
Heyne- Verlag 2012

ISBN 9-7834-5343-5315

Weitere Bücher von Richard Laymon:
 - Das Grab
 - Das Spiel
 - Das Treffen
 - Der Keller
 - Der KĂ€fig
 - Der Pfahl
 - Der Regen
 - Der Ripper
 - Der Wald
 - Die Insel
 - Die Jagd
 - Die Show
 - Finster
 - Inferno
 - Nacht
 - Night Show
 - Rache

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