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Horror (diverse)



Stephen King

Das Mädchen

rezensiert von Thomas Harbach

Der Pan- Verlag legt mit “Das Mädchen” - im Original passender und poetischer “The Girl, who loved Tom Gordon” - als Hardcover in Neuauflage auf. Baseball hat Phantastikautoren schon seit vielen Jahren intensiv beschäftigt. Michael Bishop hat in seinem wahrscheinlich eindringlichsten Roman “Brittle Innings” die Frankensteinlegende in die Kriegsliga der vierziger Jahre verlegt bzw. extrapoliert. Jahre später hat King selbst eine interessante Novelle “Bronco Billy” geschrieben, die eher den Legendenartigen Ton Bishops Roman trifft. “Das Mädchen” ist in vielerlei Hinsicht eine Variation der Ideen aus seinem im Grunde perfekten Roman “It” - ein Kind muss sich gegen seine Urängste durchsetzen, die sich mehr oder minder in Form eines “Bösen” manifestieren - nicht zuletzt dank der kompakten und experimentellen Erzählstruktur aufs Intensivste kompakt zusammengeschmolzen.
Die Handlung wird auf der ersten Seite mit den ersten drei Sätzen passend zusammengefasst. Um zehn Uhr sitze die kleine Trisha noch neben ihrem nervigen Bruder im Auto ihrer Mutter. Die Eltern sind geschieden und die Mutter möchte mit den Kindern einen Ausflug in den Wald unternehmen. Um halb Elf verirrt sich Trisha im Wald, weil ihre Mutter im stetigen Zwiegespräch mit dem Bruder nicht auf das Mädchen achtet, das neben dem Wegesrand pischt. Trisha ist der festen Überzeugung, mittels einer kurzen Abkürzung durch das Gestrüpp den Stimmen folgend den Weg zu finden. Um elf Uhr beginnt sie Angst zu haben. Obwohl eher rudimentär durch zahllose Hefte auf den Wald und seine zahlreichen Gefahren - Mücken, wilde Tiere, später Hunger und Durst - vorbereitet, schleicht sich ihre Angst in Form einer vermutlich imaginären Stimme immer stärker bei ihr ein.
Stephen King hat in seiner langen und sehr erfolgreichen Karriere immer wieder bewiesen, dass er wie kein zweiter amerikanischer Autor alltägliche bis alltäglichste Dinge aus Ausgangspunkt seiner Schreckensgeschichten machen kann. Die Idee- King verirrt sich im tiefen Wald - ist genauso einfach wie brillant. Erinnerungen an seine ersten Geschichten wie “Cujo” - ein tollwütiger Bernhardiner bedroht eine Mutter und ihren kleinen Sohn in deren Wagen - werden wach. Ohne groß auszuholen entwickelt Kind mit der sympathischen Trisha ein ausgesprochen lebendiges kleine Mädchen, das unter der Scheidung ihrer Eltern leidet. Sie fühlt sich von ihrer Mutter wie ihr größerer Bruder unverstanden. Sie leidet unter der Trennung von ihrem Vater, der anscheinend als einziger Erwachsener wirkliches Verständnis für sie aufbringt. Diese relevanten Informationen flechtet der Autor in die anfänglich eher ruhige Handlung in regelmäßigen Abstanden ein. Wenn Trisha in ihrem Rucksack einen Gegenstand findet und lange überlegt, ob er ihr in ihrer eher verzweifelten Situation helfen kann, öffnet sich förmlich eine Schleuse und zahlreiche Erinnerungen schießen förmlich heraus. Manche helfen ihr, das Schicksal leichter zu ertragen, die meisten machen es ihr aber innerlich schwerer, mit ihrer Situation fertig zu werden. Als sie ihren Walkman mit eingebauten Radio wieder findet und anschaltet, öffnet sich eine geistige Brücke zu Tom Gordon, ihrem Idol bei den Red Soxs, der während sie durch den Wald stolpert, ein wichtiges Spiel für seine Mannschaft bestreiten muss.
Obwohl dieser Bogenschlag zu einem für King typisch amerikanischen Helden ähnlich wie in Kevon Costners “Feld der Träume” ein wenig pathetisch patriotisch erscheint, verzichtet der Autor auf kitschige Moment und manifestiert Tom Gordon als Rettungsanker der fast schon wahnsinnig werdenden Trisha. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie nicht nur eine von Tom Gordon signierte Baseballmütze während ihres Ausflugs trägt - ein Geschenk ihres Vaters -, sondern sich an Tom Gordons couragiertem Spiel wieder aufbaut. Alleine die Verzweifelung des jungen Mädchens in einem dunklen und - wer die amerikanischen Wälder kennt - schier endlos erscheinenden Wald sich zu verirren, wird vom Amerikaner ausgesprochen plastisch dreidimensional ohne Mitleid für seine patente “Heldin” zu entwickeln beschrieben. Die Veränderungen der Lichtverhältnisse; die zahlreiche fremden Geräusche;
die Gleichförmigkeit der unendlichen Zahl von Bäumen; der verzweifelte Versuch, einen Fluss zu finden, an dessen Ufern sie den Wald verlassen könnte; die schwindenden Lebensmittel und Wasservorräte ohne die Möglichkeit, sie in dem Dunkel des Waldes aufzufrischen werden von King so intensiv, so bedrohlich beschrieben, das der Leser im Grunde dabei ist und Trisha über die Schultern schaut.
Im weiteren Verlauf des Buches scheinen sich ihre Ängste in Form des für die Horrorliteratur so typischen, für Kings Frühwerk bezeichnenden Monster zu manifestieren. Anfänglich nur eine Stimme im Unterbewusstsein, die Trisha schlimmste Ängste hervorruft kann der Leser über weite Strecken des Buches Spannungsfördernd nicht erkennen, ob sich Trisha diese Stimme nur einbildet - bei einem King Roman eher unwahrscheinlich - oder welche Art von Bedrohung zuletzt zu ihrem durch den tiefen Wald irren auf sie zukommt. Diese Ambivalenz ermöglicht es King auf der einen Seite, zahlreiche Möglichkeiten förmlich durchzuspielen und ausreichend falsche Spuren zu legen. Im Vergleich allerdings zu einer ähnlichen Bedrohung in “It” und die Konzentration auf nur eine Protagonisten fehlt dem Buch insbesondere im Mittelabschnitt die Dynamik. Viel mehr versucht King geschickt ein wenig Seiten zu schinden, in dem er förmlich jeden Schritt Trisha zu einem Ereignis werden lässt. Außerdem greift King gerne auf manches Klischee zurück. So stürzt das Mädchen und verliert einen Teil ihrer sowieso schon kargen Ausrüstung, nur der Walkman “überlebt” den Sturz. Weiterhin lässt der Plot - um auf einer möglichst realistischen Ebene zu bleiben - nur wenige Variationsmöglichkeiten, die King durch die neutralere Dritte- Person- Ebene schon weitgehend ausschöpft. Das dreidimensionale Titelbild der PAN Neuauflage versucht den Inhalt allerdings märchenhafter darzustellen als Kings über weite Strecken ausgesprochen realistischer Roman in Wirklichkeit ist.
Trotz dieser formalen Schwächen - wobei dieser Begriff an sich schon zu stark ist - überzeugt King insbesondere hinsichtlich des Finals, in dem Trisha über sich hinauswächst - nicht zuletzt gestärkt durch ihre geistige Verbindung zu Tom Gordon - und nicht nur ihre Ängste besiegt, sondern wie es sich für die späteren Kingromane (“Carrie” und “Cujo” stehen stellvertretend für die frühe Phase, in welcher Kings wichtige Protagonisten auch sterben konnten) den Übergang zum Erwachsenen schafft.
Stilistisch kompakt geschrieben, auch wenn die inneren Monologe teilweise ein wenig zu aufgesetzt wirken ist “Das Mädchen” auch ohne die so typisch amerikanische Heroisierung des Baseballs ein trotz der angesprochenen Schwächen intensives Buch, nicht immer wirklich spannend, aber von einer packenden Atmosphäre durchzogen und ausgesprochen “persönlich” geschrieben. Insbesondere für jugendliche Leser ein idealer nicht ganz so blutiger Einstieg ins Kings Schaffen, dem mit guten Nerven “It” folgen sollte.

Stephen King: "Das Mädchen"
Roman, Hardcover, 304 Seiten
Pan 2011

ISBN 9-7834-2628-3561

Weitere Bücher von Stephen King:
 - 11/22/63
 - Blockade Billy
 - Colorado Kid
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 - Der Wind
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 - Glas
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