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Horror (diverse)



Joe Schreiber

Besessen

rezensiert von Thomas Harbach

Nach “Untot” - im Original ”Chasing the Dead” -legt der amerikanische Horrorschriftsteller Joe Schreiber seinen zweiten Roman “Besessen” auch auf Deutsch vor. Auffällig ist schon auf den ersten Blick der mit knapp zweihundertfünfzig Seiten im Verhältnis zu anderen Autoren des Genres verhältnismäßig dünne Umfang. Schon in seinem Erstling hat Schreiber bewiesen, dass er ein Autor ist, der ungewöhnlich kompakt seine Geschichten verdichten kann. Seine Plots spielen sich innerhalb weniger Stunden und einem einzigen Ort ab. In diesem Fall wird in der letzten Nacht vor der Schließung des alten Krankenhauses noch ein Massenmörder zur Untersuchung eingeliefert, der natürlich ausbricht und die in dem Gebäude eingeschlossenen Männern und Frauen nacheinander umbringt. Der Plot hat schon einen Bart. Joe Schreiber kann der grundlegenden Prämisse alleine durch seinen Stil eine gewisse Spannung abringen, aber nach der Lektüre hat der aufmerksame Käufer das Gefühl, die Grundidee schon einmal in Filmen wie Wes Cravens “Shocker” gesehen zu haben und vor allem dem Handlungsverlauf schon einmal begegnet zu sein. Nämlich in Joe Schreibers erstem Roman “Untot”. Wieder ist der Antagonist ein Serienkiller, der sich nicht nur an dem Leid seiner Opfer erfreut, sondern vor allem seine Opfer zwingt, seinen Instruktionen zu folgen. Eine Idee, welche insbesondere Richard Laymon in seinem in dieser Hinsicht unerreichten “Das Spiel” auf die blutige Spitze getrieben hat. Eine Idee, welche Joe Schreiber aber auch in seinem Erstling eingesetzt hat. In beiden Büchern werden junge Kinder in gefährliche, lebensbedrohliche Situationen gebracht und müssen zerfetzte und verstümmelte Körper ansehen. In diesem Fall handelt es sich dabei um den Sohn von Mike und Sarah. Sarah misstraut ihrem Mann, seitdem er vor fünf Jahren einen Seitensprung unternommen hat. Sie findet in der Tasche ihres Mannes einen Zettel der Krankenhausschlampe Jolie - der Hinweis auf Angelika Jolie ist überdeutlich -, die ihm eine prickelnde letzte Nacht im Krankenhaus verspricht. Mike ist dort Assistenzarzt. Zusammen mit ihrem Sohn will sie ihren Mann in flagranti erwischen und landet natürlich auch im Einflussbereich des Massenmörders. In beiden Romanen spielt sich die Handlung in einem überschaubaren Zeitraum ab. Um die Hektik zwischen den vielen parallel laufenden Ereignissen komprimierter darzustellen, greift Joe Schreiber schreibtechnisch auf kurze, oft unvollständige Kapitel zurück. Einige dieser Abschnitte nehmen nur eine halbe Seite ein. Weiterhin spielt ein lang verschüttetes Geheimnis eine wichtige Rolle im Roman. In diesem Fall gehen die Opfer von einer falschen Identität des Täters aus. Mike stolpert durch Zufall über dessen Krankenakten, deren letzte Seite fehlt. Den Spannungsbogen extrapoliert Joe Schreiber dann eher unnötig ins Übernatürliche. Gut, es könnte die Spannung heben, wenn der eigentliche Massenmörder schon lange verstorben ist. Hier impliziert Schreiber die Möglichkeit eines Trittbrettfahrers oder eben – ohne zu viel vom Plot zu verraten – eine Idee aus Wes Cravens „Shocker“.

Bei den von Joe Schreiber in diese Nacht des Grauens ausgeschickten Charakteren kommt es zumindest für die wenigen Überlebenden zu einer reinigenden Katharsis. Durch die ungewöhnliche Bedrohung springen sie nicht nur über Schatten und wachsen über sich hinaus, sie wachsen in diesem Fall wieder ehetechnisch zusammen. Auch dieses Element hat Schreiber aus seinem ersten Roman übernommen. Es wird sich wahrscheinlich erst mit seinem nächsten Roman “The Black Wing” zeigen, ob der Amerikaner ein wirklich guter Horrorautor mit originellen Ideen und einem packenden, sehr rasanten Schreibstil ist oder er eine weitere Sternschnuppe am Horizont der literarischen Enttäuschungen bleiben wird, welche eine solide Idee immer wieder variiert. Joe Schreiber versucht in die sehr geradlinige, fast karge Handlung einige übernatürliche Hinweise zu integrieren. So hat der Killer eine Karte des Krankenhauses schon vor seiner Einlieferung in der Hand. Auf dieser Handlungsebene verkrampft Joe Schreiber und flüchtet schließlich gegen Ende des Buches in nicht überzeugende Allgemeinplätze.

Die psychologisch kranken Spiele, welche der Massenmörder insbesondere mit Mike, sowie natürlich den beiden Frauen Sarah und Jolie spielt erinnern in ihrem sexuellen Sadismus an Richard Laymons Thriller und lockern das stupide Morden im Horror technischen Sinne ein wenig auf. Weiterhin versucht Joe Schreiber nicht immer, die Taten direkt zu beschreiben. Nicht selten stoßen die Überlebenden auf die furchtbar zugerichteten Leichen, als sie im Dunkel durch die langen Gänge und Räume des immerhin sechs Stockwerke umfassenden Gebäudes fliehen. Unabhängig von diesen plottechnischen Versuchen hat sich Joe Schreiber für einen zweiten Roman zu sehr an den ersten Erfolg geklammert und zu wenig experimentiert. Von der Originalität her ist “Besessen” ein enttäuschendes Buch, das vielleicht eine neue Lesergeneration begeistern könnte, welche nicht mit den Slasher Streifen der achtziger Jahre aufgewachsen ist.

Bei den Protagonisten hat sich Joe Schreiber zumindest etwas einfallen lassen. Auch wenn er bei seiner Krankenhausmannschaft und der den Serienkiller begleitenden Polizei ein Klischee an das nächste reiht, gelingt es ihm zumindest, sie einigermaßen natürlich und stellenweise sogar sympathisch zu charakterisieren. Da wäre der Fremdgänger Mike, seine Frau Sarah verfügt über ein ungewöhnlich gutes Gehör und ein schlechtes Gedächtnis. Weiterhin ist sie rasant eifersüchtig. Der Hausmeister Steve ist Alkoholiker, die attraktive Krankenschwester Jolie ist die Schlampe, der Arzt Dr. Walker hat ein schreckliches Geheimnis und der ältere, nette Polizist ist das erste Opfer. Kaum hat der Leser einige der Figuren kennen gelernt, beginnt der Serienkiller Frank Snow sie auf mehr oder minder bestialische Weise zu ermorden.

Neben der soliden Zeichnung seiner Figuren gehört zu Joe Schreibers herausragenden schriftstellerischen Fähigkeiten, eine dunkle, nihilistische Atmosphäre zu erzeugen. Krankenhäuser sind von Grund auf keine Orte, in denen sich der Leser wohl fühlen kann und sollte. Vor allem alte Krankenhäuser, die kurz vor dem Abriss oder einem grundlegenden Umbau in Eigentumswohnungen stehen, die noch den Flair eines längst vergangenen Jahrhunderts und Tausende von Patientenschicksalen auf den schmalen Schultern tragen. Stilistisch auch in der soliden deutschen Übersetzung von Ulf Ritgen deutlich besser als sein Vorgänger gelingen Joe Schreiber einige sehr spannende Szenen. Zum einen im Stecken gebliebenen Fahrstuhl während eines Stromausfalls mit dem angeschnallten Serienkiller oder auf der Dachterrasse, als einer der Protagonistinnen die Flucht scheinbar gelungen ist oder in dem Tunnel unter dem Krankenhaus. Die langen, schier endlos wirkenden Gänge reizt der Autor atmosphärisch bis an die Grenze des Erträglichen aus. So bewegt sich Jolie mittels ihrer Digitalkamera und deren Blitz durch die dunklen Gänge. Sie nimmt den vor ihr liegenden Weg mit Blitz auf, prägt sich das aufgenommene Bild ein und kämpft sich so Meter und Meter durch die Dunkelheit. Auch der Tomograf wird von Joe Schreiber sowohl zu Beginn des Buches - hier gibt es einen deutlichen Hinweis auf das Ende - als auch im Showdown sehr effektiv eingesetzt. Aber diese guten und vor allem spannend entwickelten Szenen wirken im Gesamtkontext des Romans wie Versatzstücke. Einige Schwächen kann Schreiber mit seinem wirklich rasanten Stil und seiner Fähigkeit, auch das kleinste von den insgesamt 56 Kapiteln sowie Epilog auf einem Cliffhanger enden zu lassen, ausgleichen, aber nicht alle. Vor allem macht er im Epilog den Fehler, dem befriedigend, wenn auch eher konstruiert endenden Plot noch ein unheilvolle Note nachschieben zu wollen. Eine Vorgehensweise, die klischeehaft und unnötig ist. Wie auch Richard Laymons Thriller werden die beiden ersten Romane Joe Schreibers das Horrorgenre keinen Schritt voranbringen. Mit der vor allem in Hinblick auf die Opfer neutralen und emotionslosen Beschreibung von Gewalt kommen sie den Gore- Pornos und Folterfilmen wie den “Saw” Fortsetzungen oder “Hostel” ungemütlich nahe. Als Lesefutter für den Flug oder die Zugfahrt ist der Roman akzeptabel, aber die psychologischen Möglichkeiten seiner Geschichte wie auch eine Reihe von losen Enden ignoriert der Autor bei seinem rasanten literarischen Flug aus der Perspektive eines psychotischen Massenmörders durch die dunklen Gänge eines verlassenen Krankenhaus. Der Originaltitel “Eat the Dark” ist eine Hommage an Ray Bradburys herausragenden Roman “Something wicked this way comes”. Würdigungen dieser Art hat Ray Bradbury nicht verdient.

Joe Schreiber : "Besessen"
Roman, Softcover, 256 Seiten
Bastei Verlag 2008

ISBN 9-7834-0415-8898

Weitere Bücher von Joe Schreiber :
 - Untot

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