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Horror (diverse)



F. Paul Wilson

The Barrens & Others

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „The Barrens & Otter Stories“ liegt die erste Storysammlung F. Paul Wilsons seit vielen Jahren vor. Die meisten Texte stammen aus den achtziger Jahren. Wilson hat sie humorvoll mit Einleitungen versehen. Keine der Geschichten ist extra für diese Anthologie geschrieben worden, was angesichts einer Erstveröffentlichung als Hardcover auch auf den zweiten Blick enttäuschend erscheint. Auf der anderen Seite erhält der Leser die Möglichkeit, Einblick in einen der interessantesten, sehr vielseitigen Autoren des Genres zu nehmen, der im Bereich der Science Fiktion - siehe seine Veröffentlichungen im Bastei Verlag begonnen - und sich mehr und mehr als Horror und Thrillerautor etabliert hat.

Die ersten Geschichten der Sammlung sind Nachdruck der „Nightvisions 6“. Diese legendäre im gleichen Verlag veröffentlichte Anthologieserie kombinierte immer zwei etablierte Genreautoren mit einem relativen Newcomer. Jeder der Autoren durfte 30.000 Wörter für einen Band verfassen. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um eine einzige Novelle oder im übertragenen Sinne ein Dutzend Kurzgeschichten handelte. In den Anmerkungen zu den einzelnen Texten – geplant waren drei Kurzgeschichten mit jeweils zehntausend Wörtern, herausgekommen sind schließlich vier Storys, von denen eine nicht für die Anthologie genommen worden ist – spricht Wilson von einer schwierigen frühen Phase in seiner Karriere, als nach dem ersten Verkauf die nächsten Texte im Rundumverfahren von diversen Magazinherausgebern abgelehnt worden waren. Wilson stand beim Abgabetermin für die „Nightvisions 6“ zwischen zwei Romanen, wobei „Black Wind“ auch heute noch zu seinen originellsten und besten Langwerken gezählt werden muss.
Die hier nachgedruckten Texte sind im Grunde Pointen lastige „Twilight Zone“ Arbeiten. In „Feelings“ erinnert die Grundprämisse an Stephen Kings „Thinner“. Ein erfolgreicher Anwalt hat sich auf angebliche Kunstfehler spezialisiert. Als er auf einen Chirurgen trifft, der einem Mann dank seines beherzten Eingreifens in der Notaufnahme das Leben rettet und trotzdem verklagt wird, rächt sich dieser mit seinem Selbstmord. Er schickt dem Anwalt seine abgeschnittene Hand. Für den ändert sich plötzlich sein Leben. Wie es sich für derartige Texte gehört, natürlich für einen Augenblick zum Besseren, bevor seine Welt systematisch und gegen seinen Willen demontiert wird. Die erste Hälfte des Textes mit einem arroganten selbst verliebten Anwalt, der die Lücken im Gesetz und die Feigheit der Versicherungen ausnutzt, ist sehr gut geschrieben. Wilson gelingt es, eine durch und durch egoistisch unsympathische Figur zu etablieren, welcher der Leser ihr späteres Schicksal wünscht. Die zweite Hälfte ist eher mechanisch niedergeschrieben und endet in einem vorhersehbaren Szenario. Wilson hat später eine für die Anthologie abgelehnte Geschichte gänzlich umgearbeitet und dieser Sammlung hinzugefügt hat: „The tenth Toe“ spielt jetzt im Wilden Westen. Doc Holidy arbeitet als Zahnarzt in Dodge City, als er eines Tages bei einer Behandlung merkt, dass er seine Zunge nicht mehr im Zaum hat. Sie spricht all das aus, was der Arzt denkt. Anscheinend hat ihn jemand verflucht. Wilson folgt in dieser pointiert humorvoll geschriebenen Geschichte den Regeln des Genres, wobei er seinem Doc Holiday für den Betrug an einer Indianerin eine brutale, aber historisch korrekte Strafe zukommen lässt. Solide Unterhaltung, wobei der phantastische Hintergrund zu wenig in die Westernhandlung integriert erscheint und der Leser vielleicht ein oder zwei Wendungen mehr erwartet hätte.

Auch „Tenants“ als zweiter „Night Visions“ Beitrag ist keine gänzlich überzeugende Geschichte. Ein entflohener Mörder sucht Zuflucht bei einem alten Mann in dessen heruntergekommenen und abgeschiedenen Haus. Als seine Identität bekannt wird, hält er den Mann gefangen. Er ahnt nicht, dass es ganz besondere Untermieter gibt. Wilson bietet keine Zufriedenstellende Erklärung für die Natur der Untermieter an. Die Odyssee unter dem Haus hat einen surrealistisch märchenhaften Touch und das Ende ist morbide dunkel, ohne wirklich überraschend zu sein.
Die dritte der wie eine Reihe seiner Romane on Monroe spielende Geschichte „Faces“ gehört ohne Frage zu Wilsons besten Arbeiten. Sie wurde unzählige Male nachgedruckt. Ein Serienkiller treibt sein Unwesen. Er tötet schöne Frauen und scheint ihnen ihre Gesichter abzubeißen. Ein Detektiv mit einer eigenen Vergangenheit heftet sich auf die Spuren des Mörders, der plötzlich Kontakt zu ihm sucht. Aus heutiger Sicht muss berücksichtig werden, dass die Story Mitte der achtziger Jahre weit vor jeglichem Serienkillerwahn veröffentlicht worden ist. Einige Punkte wie die Identität des Killers sind originell. Das der Killer durch den Polizisten Bestrafung sucht, ist ein Fakt, den der Autor sehr überzeugend herausarbeitet. Im Grunde sind Polizist als „Täter“ und Serienkiller als „Opfer“ in ihrer Jugend die beiden Seiten einer Münze. Beide suchen Vergebung für ihre Sünden, ohne das sie dazu einen Weg finden oder auch nur finden könnten. Wilson gelingt es, Sympathien für den Täter im Leser zu erzeugen. Die Taten werden sachlich aus der Distanz beschrieben. Splattereffekte oder unnötige Gruseleinlagen vermeidet Wilson tunlichst. Das Ende wirkt vielleicht ein wenig überstürzt und ausgesprochen zynisch, ist aber angesichts der Entwicklung der Geschichte und der unterschiedlichen Positionen konsequent. Vielleicht hätten die Figuren noch etwas differenzierter entwickelt werden können, aber zusammenfassend nicht nur eine der besten Geschichten dieser Sammlung, sondern ein interessanter Einblick über das Äußere der Menschen hinaus in die Psyche.

„ A Day in the Life“ ist eine Repairman Jack Geschichte. Die Grundidee, einen ganz normalen Tag aus dem Leben des Problemlösers zu beschreiben, dem Wilson eine ganze Serie gewidmet hat, ist grundsätzlich gut. Jack übernimmt zwei im Grunde ähnliche Aufträge. Er soll eine Kneipe für aggressiven wie jugendlichen Schutzgelderpressern schützen und einem Chinesen helfen, dessen Wäscherei zu einer Geld gegen Drogen Umschlagstelle geworden ist. Jacks Vorgehensweise erinnert allerdings zu stark an Kurosawas bzw. Leones Filme. Er spielt die unterschiedlichen Parteien aus und kann im blutigen wie effektiven Showdown auch noch einen Mann erledigen, den er vor zehn Jahren ins Gefängnis gebracht hat und der jetzt alle offenen Rechnungen begleichen möchte. Die Story ist stilistisch unterhaltsam erzählt. Obwohl Jack das Gesetz biegt, reiht er sich in die Reihe von Vigilantenhelden wie „Das A- Team“ oder neuerdings „Human Target“ ein. Inhaltlich bietet der Text wenig wirklich Neues, die Auflösung erscheint eher konstruiert. Zwar bereitet F. Paul Wilson den Showdown clever vor, aber dass alle Parteien entweder Adrenalin gesteuert oder einfach nur naiv dumm sind, scheint unglaubwürdig.

Eine weitere harte Kriminalgeschichte ist „Slasher“. Die Tochter eines geschiedenen Mannes wird in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit entführt und bestialisch ermordet. Als ihm ein FBI Agent einen Tipp hinsichtlich des potentiellen Täters gibt, weil er angeblich als Familienvater mit dem Mann mitfühlt, sieht dieser seine Chance gekommen, die ermordete Tochter zu rächen. F. Paul Wilson spinnt ein sehr spannendes Garn. Die Grundprämisse eines psychopathischen Massenmörders, der von der Justiz noch als wichtiger Zeuge geschützt wird, ist sehr gut herausgearbeitet. Die Pointe zynisch und rückblickend schlüssig.

Die Titelgeschichte „The Barrens“ ist gleichzeitig die längste Arbeit der Sammlung. In seinem ausführlichen Vorwort geht F. Paul Wilson darauf ein, wie stark in Lovecraft und sein Werk später beeinflusst hat. Die Ich- Erzählerin wird von ihrem Exfreund überredet, nach dem Tasmanischen Teufel zu suchen. Da sie aus der hinterwäldlerischen Gegend der USA stammt, hofft der Freund sich einen Informationsvorteil, da sie mit den Einheimischen sprechen kann. Wilson nimmt sich sehr viel Zeit, den Plot ausführlich und stellenweise ein wenig zu beschwerlich aufzubauen. In erster Linie überzeugt die Story in dieser frühen Phase durch eine sehr detaillierte, liebevolle, aber auch klischeehafte Beschreibung des amerikanischen Hinterlandes mit seiner Affinität zu Selbstgebrannten. In der zweiten Hälfte zieht das Tempo deutlicher an, die Hintergründe der eigentlichen Forschung werden erläutert, wobei frustrierend die Plotauflösung sich wie bei Lovecraft auf Andeutungen beschränkt und die fremde Welt oberflächlich und spärlich beschrieben wird. Als moderne Hommage ohne Frage lesenswert, aber Wilson klebt zu sehr an seinem Vorbild, um seine Eigenständigkeit als Autor nachdrücklich unter Beweis zu stellen.
In den „Barrens“ spielt aber noch eine zweite Geschichte. „Pelts“ dürfte heute in erster Linie durch die Adaption im Rahmen der „Masters of Horror“ bekannt sein. F. Paul Wilson hat sie nach dem Eindruck, den eine drastische Reklame gegen das Abschlachten von Pelztieren in ihm hinterlassen hat, geschrieben. Er hat die Geschichte auch für eine kurze schockierende Bühnenstück umgeschrieben. Beide Fassungen sind in dieser Sammlung abgedruckt. Während die originale Kurzgeschichte selbst heute noch ein brutales, provozierendes und schockierendes Plädoyer gegen das Abschlachten von Tieren ist und nach dem biblischen „Auge um Auge“ Prinzip alle Täter der Kette bestraft, ist das Theaterstück weniger eine Verdichtung des Plots als eine fast zu übertriebene Einsatzaussage. Legt man noch die Fernsehfolge „Pelts“ drüber, die sich deutlicher am Original denn der Bühnenadaption orientiert, kann der Leser die unterschiedlichen Entwicklungsstufen eines Plots sehr gut verfolgen. Unabhängig von der angebotenen Variation ist „Pelts“ eine auch heute noch lesenswerte Geschichte mit einer Reihe sehr unangenehm blutiger, aber um der Sache willen nachvollziehbar drastisch gestalteter Szenen.
„Topsy“ ist eine der eher typisch zynischen Pointengeschichten. Anscheinend haben die lieben Verwandten einen geistig zurückgebliebenen Mann zu Tode füttern wollen, weil er im Lotto mehrere Millionen gewonnen hat. Die Hilfe im Krankenhaus kommt ein wenig zu spät und mit ungeahnten Folgen wie die Krankenschwester. So gut auch die stilistisch Ausführung ist und so sehr sich Wilson auch bemüht, in den Charakter zu blicken, so wenig überzeugend ist das drastische und zynische Ende.
Eine von insgesamt zwei Comicgeschichten dieser Sammlung ist „Definitve Therapy“ aus „The Further Adventures of the Joker“. Ein neuer Psychologe versucht den wieder im Arkham Asylum einsitzenden Joker zu therapieren. Dieser beginnt ein perfides Spiel mit ihm, das zeigt, wie durchtrieben dieser Irre in Wirklichkeit ist. Auch wenn das Ende ein wenig zu überzogen, aber zumindest konsequent erscheint, wirkt die Vorgehensweise des Jokers nach. Er analysiert die Schwächen seiner Mitmenschen und hält ihnen eine Art Eulenspiegel vors Gesicht. Er ködert sie mit Geschenken und plant wie eine Spinne seine tödliche Vorgehensweise. Überdurchschnittlich packend geschrieben zeigt sich, dass Wilson ein echtes Gespür für einen Joker entwickelt, der eher mit Nolans „Dark Knight“ Film denn der Tim Burton Verfilmung zu tun hat. Und das gute zwanzig Jahre vor „The Dark Knight Returns“.
Die zweite „Comic“ Kurzgeschichte aus dem Dick Tracy Universum „XXXX“ ist sehr gut mit einer von F. Paul Wilsons in dieser Sammlung kaum vorhandenen Science Fiction Geschichten verbunden. In beiden Texten geht es um Rock `n Roll. Während die Pointe in der Dick Tracy Geschichte ein wenig zu umständlich erscheint und die grundlegende Prämisse sehr weit hergeholt ist, überzeugt „Bob Dylan, Troy Johnson and the Speed Queen“ durch eine ausgesprochen originelle Idee. Der Ich- Erzähler ist ein begnadeter Musiker. Er kann alle Stücke nachspielen, ist aber ansonsten unoriginell. Er kann keine Songs schreiben. Da gerade die Zeitmaschinen erfunden worden sind, beschließt er, mit einer in die goldene Vergangenheit der sechziger Jahre zu reisen und dort die Lieder bekannter Musiker wie den Byrds oder Bob Dylan zu spielen bzw. zu variieren, bevor diese ihren großen Durchbruch schafften. So hofft er mit den zukünftigen Tantiemen reich zu werden. Der Plan scheint glänzend zu funktionieren, bis der Ich- Erzähler sich auf die Speed Queen einlässt, deren Neugierde im übertragenen Sinne sein Tod sein könnte.

„Glimglim“ ist das Drehbuch einer „Monsters“ Episode, die F. Paul Wilson geschrieben hat. In der Einführung berichtet er humorvoll von den Produktionsschwierigkeiten und seiner Besessenheit, dem Regisseur fast jeden Kamerawinkel vorzuschreiben. Dieser Detailfetischismus macht das Lesen des Drehbuchs nicht einfacher. Wahrscheinlich wirkt die unterhaltsame Folge am Besten an „Halloween“ vor dem Fernseher als in der hier vorliegenden sperrigen Drehbuchform.

Die Sammlung unterschiedlichster Geschichten mit einem Schwerpunkt Horror und Crime aus den achtziger Jahren unterstreicht nachhaltig, welch guter Kurzgeschichtenautor F. Paul Wilson zusätzlich zu seinen Romanen ist. Manchmal selbstkritisch humorvoll gibt der Autor einen Einblick in die Entstehungsgeschichte mancher Kurzgeschichten, welche die Arbeit an seinen Romanen einfach oder an einigen Werken mehrfach zurückgedrängt hat. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die meisten der hier versammelten Geschichten zwischen zwanzig und dreißig Jahren auf dem Buckel haben und aus einer Zeit stammen, als mancher Gewaltexzess noch nicht mittels Internet in die heimischen Wohnzimmer „ausgestrahlt“ worden ist. Die Texte selbst sind alle keine Erstveröffentlichungen. Neben „Night Visions“ oder „Shock Rock“ hat F. Paul Wilson eine von ihm auch zugegebene Affinität zu Martin Greenberg und seinen ultimativen Themenanthologien. In der hier konzentrierten Form wird der Leser die Texte aber an keiner anderen Stelle finden. Alleine das macht den Erwerb des allerdings teuren Hardcovers empfehlenswert.

F. Paul Wilson: "The Barrens & Others"
Anthologie, Hardcover, 379 Seiten
St. Martin´s Press 2000

ISBN 9-7803-1286-4163

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