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Horror (diverse)



Andreas Gruber

Der Judas-Schrein

rezensiert von Thomas Harbach

Der Österreicher Andreas Gruber legt mit „Der Judas-Schrein“ seinen ersten mit einer durchlaufenden Handlung konzipierten Roman vor und kehrt mit der Thematik zu den Wurzeln seiner ersten Geschichtensammlung „Der fünfte Erzengel“ zurück. An diese inzwischen im Shayol Verlag neu aufgelegte Ausgabe folgte die Science Fiction Collection „Die letzte Fahrt der Enora Time“ und der kriminalistisch angehauchte und humorig ausgestattete Episodenroman „Jakob Rubinstein“.
Wie „Jakob Rubinstein“ spielt „Der Judas Schrein“ im heimischen Österreich, dieses Mal nicht in und um Wien, sondern in einem abgelegenen Dorf in der Bergen.
Ausgangspunkt dieser im Universum H.P. Lovecrafts angesiedelten Geschichte ist wieder ein Kriminalfall, der sich für das ermittelnde Team nicht nur zu einer schwer zu knackenden Nuss entwickelt, sondern den leitenden Beamten Alex Körner an den Ort seiner Jugend zurückführt und sein Ermittlungsteam in lebensbedrohliche Situationen bringt.
Das bisherige Werk Grubers offenbarte ein Faible für atmosphärisch dichte, oft skurrile Geschichten mit einem Hang zum Surrealen. Dabei sind seine Stärken in den längeren Texten ausgeprägter zu finden – in seine Novellen hat er den notwendigen Platz, Plots und Charaktere besser zu entwickeln, während seine Kurzgeschichten oft hektisch und zu komprimiert wirken . Darum stellt sich bei der Lektüre dieses umfangreichen Erstlingsromans unwillkürlich die Frage, ob er den Spannungsbogen auf Romanlänge erweitern und gleichzeitig seine konzentrierte Erzählstruktur verbessern kann.


Ein junges Mädchen wird grausam in einem kleinen Ort in den Bergen ermordet. Die Wiener Polizei schickt Alex Körner, der bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr dort gewohnt hat. Seine Eltern sind bei einem Brand in ihrem Haus ums Leben gekommen und er fand danach bei seiner Tante in Wien Aufnahme. Im Nachbarort lebt noch seine Ex-Frau mit ihrer gemeinsamen Tochter. Körner selbst hat sich gerade ein Ermittlungsverfahren auf die Schultern gelegt. Er hat dank seiner ausgezeichneten Selbstverteidigungsausbildung einen Schwerverbrecher ins Krankenhaus befördert, nachdem dieser Geiselnehmer ihm kinderleicht die Dienstwaffe entwunden hatte und auf die Kollegen schoss. Das sein Leichtsinn die Affekthandlung des in die Ecke getriebenen Mannes zumindest begünstigte, wird von der Presse und einigen Herren bei der Staatsanwaltschaft in den Vordergrund gerückt, während die Entschärfung des umfangreichen und explosiven Waffenmaterials des Verbrechers lieber unter den Teppich gekehrt wird.
Zu seinem Ermittlungsteam gehört ausgerechnet seine langjährige Freundin, die sich vor kurzem von ihm getrennt hat.
So muss Kröger nicht nur mit aktuellen Beziehungsproblemen kämpfen, sondern sich seiner Vergangenheit stellen und in einem Dorf ermitteln, dass ihn nicht akzeptiert, sondern als fremden Eindringling behandelt.
Gleichzeitig droht dem Ort eine Flutkatastrophe. Durch die Regenfälle tritt der Fluss Trier über seine Ufer und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Deiche die Wassermassen nicht mehr halten können.

Schnell stellt Kröger fest, dass den ganzen Ort ein Geheimnis umgibt, das viel weiter als seine eigene persönliche Vergangenheit reicht und von dem es kein Entkommen zu geben scheint…

Das größte Problem nicht nur diesen Romans ist es, eine klassische Gruselgeschichte in einer hochmodernen Industrielandschaft spielen zu lassen. Naturgeister oder Lovecrafts Die Alten haben es eben schwerer im Zeitalter des Handys, des Internets und schließlich des Gameboys. Selbst einfach zu beeinflussende Seelen lassen sich nicht mehr so leicht fangen und die Hinweise auf das dunkle Erbe der Vergangenheit erhalten unwillkürlich und ungewollt schnell einen märchenhaften und die bedrohliche Atmosphäre zerstörenden Touch.

Geschickt isoliert Andreas Gruber mit fortschreitenden Ermittlungen seine Ordnungskräfte von ihrer technologisch fortschrittlichen und vertrauten Umgebung. Darum kämpfen seine Charaktere an zwei Fronten: gegen die offensichtliche Feindseligkeit im Dorf und die eigene fortschreitende Isolation von allem Vertrauten. Selbst Körner, in dieser Abgeschiedenheit aufgewachsen, kehrt erst nach und nach zu seinen Wurzeln zurück. Sobald er diese Situation akzeptiert, wird aus dem eher passiven Ermittler – von Hinweis zu Hinweis geleitet – ein aktiver und entschlossener Überlebensspezialist.
Wie bei einer Zeitreise kehren sie zu den Wurzeln ihrer Polizeiarbeit zurück und passen sich der Oase in der Zeit, die das Dorf scheinbar darzustellen scheint, komplett an. Erst durch diese gedankliche Anpassung offenbaren sich weitere Geheimnisse. Um diese Isolation perfekt zu machen, nutzt Gruber Besonderheiten der österreichischen Bergwelt. Wird alleine durch das ständig regnerische Wetter die Stimmung der Polizisten beeinflusst, geht der Autor einen Schritt weiter.

Die hier beschriebene Überflutung der Flüsse und die drohende Überschwemmung des Ortes mit gleichzeitiger Unterspülung der Deiche sind zeitliche Druckmittel und der ständig fallende Regen verschärfen die Situation, eine zusammenstürzende Brücke zerstört den einzigen Zugang zum kleinen, abgeschiedenen Ort, den Handys geht der Saft aus und schließlich fallen die Telefonleitungen und der Strom aus. Spätestens ab dieser Sekunde werden die zivilisierten Großstädter auf die gleiche Stufe zurückversetzt wie Lovecrafts tragische Helden knappe hundert oder zweihundert Jahre früher. Die Konfrontation Polizist-Dorfgemeinschaft/ Wesen reduziert sich wie in den gotischen Horrortexten auf ein Duell des Verstandes –soweit von den Ereignissen noch nicht in Mitleidenschaft gezogen – und der körperlichen Kraft.

Mit diesem literarischen Kniff lassen sich Lovecrafts ansonsten oft verstaubte und befremdliche Schöpfungen in eine Gegenwart übertragen, deren übernatürliche Bedrohungen eher aus dem Fernsehen denn aus dem Inneren der Erde auf die Menschen übergreifen.
Außerdem kennt Andreas Gruber die kleinen verschlafenen Dörfer in den österreichischen Bergen. Kurz, prägnant mit pointierter Schärfe führt er seine Leser in diese von der Zeit vergessenen Stellen unter Gottes weitem Himmel ein. Im Laufe des Romans erweitert und verengt er gleichzeitig die Perspektive des Betrachters. Je mehr er von dem kleinen Ort kennen lernt, desto so enger werden die Beziehungen der einzelnen Bewohner untereinander, um so stärker das Netz, das sie um sich als Schutz gegen die Außenwelt gewoben haben. Diesen Hintergrund verfeinert Gruber im Laufe des Romans immer weiter und zieht seine Leser – im Gegensatz zu den Ermittlern, die über weite Strecken des Romans ihrem Unglauben frönen und eine Mordtheorie nach der anderen entwickeln – in den Bann dieses Ortes.

Neben der Atmosphäre ist die Charakterisierung der agierenden Protagonisten ein weiteres wichtiges Element. Neben Alexander Körner als Handlungsträger führt Andreas Gruber die Mitglieder seines Teams mit kurzen, prägnanten, aber ein bisschen klischeehaften Beschreibungen ein. Die enttäuschte Freundin, die sich schließlich auf seine Seite schlägt, eine Kollegin, für die er mehr als ihm gut tut zu empfinden beginnt oder seine Ex-Frau, die ihn lieber gehen als kommen sieht.
Die große Überraschung neben der Ausgestaltung der einzelnen Figuren ist die Tatsache, dass alle „sterblich“ sind.
Die Bewohner des Dorfes hat Gruber bewusst flach und zweidimensional beschrieben. Erst im Laufe der Handlung kann der Leser dem Autoren auf dieser literarischen Abzweigung folgen. Zwischen den Zeilen kommt ihm zwar immer wieder ein Verdacht - und spätestens mit der Einführung der 1937 spielenden Einschübe wird es zur Gewissheit – aber Andreas Gruber kann alle bei der Stange halten, bis er den Vorhang von seiner Kreatur und ihrem Geheimnis zieht. Schlagartig erweitert er hier wieder die Perspektive und zerstört damit einen Teil der Faszination, die über hunderte von Seiten aufgebaut worden ist. Die Oase eines kleinen Bergdorfes kann er ohne Zweifel nachvollziehen, die Vision einer weltweiten Symbiose zwischen Mensch und Kreatur dagegen wirkt übertrieben und vollkommen unnötig.
Über weite Strecken erscheint Alexander Körner als akribischer, aber selbstverliebter Beamter auf der Suche nach innerem Frieden mit der Überzeugung, möglichst viel selbst in die Hand zu nehmen. Das ist vor dem Einsetzen der Handlung entsetzlich schief gegangen und setzt ihn bei diesem Fall noch mehr unter Druck. Im Laufe der Ermittlungen isoliert er sich mehr und mehr von seinem Team. Als nach und nach verschiedene Mitglieder der Gruppe ermordet werden, beginnt er an seinen eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Diesen langsamen Verfall seines Handlungsträgers hat Gruber über weite Strecken sehr packend und vielschichtig beschrieben. Mit dem Epilog am Ende stellt sich für die Leserschaft eine weitere Frage: Haben die Ereignisse wirklich so stattgefunden oder ist Körner inzwischen Opfer seines eigenen Wahnsinns geworden.
An einer Stelle wird allerdings Grubers Enthusiasmus auf eine harte Probe gestellt: Als er im Keller eines der Gebäude die Leiche eines seiner toten Kameraden findet, legt er seine gezogene Waffe zur Seite, birgt den Körper und vergisst die Pistole mit schrecklichen unmittelbaren Folgen. Nachdem Auftakt mit dem Geißelnehmer und in der Situation, in der sich Körner befunden hat, ist es sehr unwahrscheinlich, dass er seine Waffe beim Entdecken der schrecklich zugerichteten Leiche seines Teamkameraden einfach liegen lässt.

Auch die danach folgenden Ereignisse wirken gehetzt und unnötig zusammengedrängt. Erst gegen Ende des Romans nimmt sich der Autor wieder die notwendige Zeit, eine Geschichte von fast vierhundert Seiten adäquat zu Ende zu führen.

Nach der ĂĽberwiegend guten Charakterisierung seiner Figuren und einem interessanten und betrachtenswerten Hintergrund stellt sich die letzte Frage, ob die eigentliche Handlung einen so umfangreichen Roman auch tragen kann.
Andreas Gruber hat eine Geschichte in der Tradition Lovecrafts geschrieben. Aus heutiger Sicht sind viele seiner Texte immer noch sehr lesenswert, aber handlungstechnisch veraltet und leben mehr von ihren Andeutungen und ihrer unglaublichen Atmosphäre voller Irrsinn und Mythen. Das gleiche Konzept nutzt Gruber zu Beginn seiner Handlung und fährt sehr gut damit. Die Polizei geht von einem Ritualmord aus, erst die Erkenntnisse der Spurensicherung, dass die Tat von innen ausgeführt sein könnte, gibt Körner eine gänzlich andere, vollkommen neue Perspektive. Die in der Vergangenheit spielenden zwei Handlungsebenen – das Grubenunglück im Jahr 1937 und das Tagebuch des Küster, in dem er den geistigen Verfall des angeblich später ermordeten Pastor Dorns und die Geschichte seines Titel gebenden Judas Schreins niedergeschrieben hat – sind klassische Elemente Lovecrafts und wirken –obwohl sehr gut geschrieben – wie direkte Hinweise auf das eigentliche Plotelement. Spätestens nach der Hälfte des Buches kann Gruber das Geheimnis seiner Idee vor kundigen Lesern nicht mehr verstecken und während die Polizei noch nach dem Warum fandet, interessiert die Leser mehr die Frage, wer wird das anschließende fast schon obligatorische Sterben überleben.
Andreas Gruber scheut sich nicht, sympathische Figuren sterben zu lassen, auch wenn er die größte Überraschung am Ende des Buches negiert und sich hier den Unmut seiner Leser zuzieht. Diese Wendung der Ereignisse ist auch unnötig und inkonsequent. Vielmehr sollte der Tod außen stehender Charaktere etwas Absolutes darstellen. So hätte der Autor einen guten Kontrast zu der dörflichen Gemeinschaft darstellen können.
Die Konfrontation zum Höhepunkt des Romans erinnert auch mehr an eine Hommage der „Stirb Langsam“ Filme unter extremen Wetterbedingungen als an einen gruseligen Unterhaltungsroman. Auch wenn die Symbiose, die Gruber an verschiedenen Stellen in unterschiedlich deutlichen Details beschreibt und ihre weit reichenden Folgen andeutet, eine innovative Zusatzinformation ist, klebt der Roman plottechnisch zu sehr an Altbekannten. Der geschickte Handlungsaufbau wird durch eine bekannte und auch nicht irgendwie anders präsentierte Idee negiert.

„Der Judas Schrein“ ist ein weiteres Beispiel für die einfache Tatsache, dass Andreas Gruber ein lesenswerter Geschichtenerzähler ist. Wie bei einigen seiner kürzeren Texte liegt seine Schwäche hier im Geschichtenerfinden. Wer gerne eine weitere Variation der lovecraft´schen Mythen dieses Mal in der österreichischen Bergen lesen möchte, der wird prächtig unterhalten. Wer einen atmosphärisch dichten und stilistisch ansprechenden mit vielen kleinen Details untermalten Roman lesen möchte, der liegt mit seinem Erstling auch nicht verkehrt. Wer einen Krimi mit Gruseleinlagen lesen möchte, wird bis zur Hälfte des Buches sehr gut, danach nur noch bekannt unterhalten. Ging Gruber mit seinen oft makaberen und den guten Geschmack überschreitenden Horrorgeschichten den berühmten Schritt zu weit und unterhielt glänzend, so wirkt dieser Roman besonders in der zweiten Hälfte zu durchkonstruiert und zu sehr bemüht, einzelne Schockeffekte in eine schwächelnde Handlung zu integrieren. An manchen Stellen hätte sich ein aufmerksamer Leser mehr Elan gewünscht, mehr Mut, etwas wirklich Neues zu präsentieren und die Grenzen zu überschreiten.
Interessanterweise zeichnet die gleichen Schwächen „Imagon“ von Michael Marrak aus. Beide Arbeiten lesen sich sehr ansprechend, verfallen aber im Laufe der Ereignisse auf die eingetretenen Pfade zurück und hinterlassen im Leser ein Gefühl der Leere. Und das kommt nicht von den Wesen unter uns. Daran erkannt der aufmerksame Betrachter, dass Geschichten im Lovecraft Universum die ausufernde Phantasie eher hindern und der Rahmen zu eng gesteckt ist, um wirklich kreativ zu sein. Verschiedene andere, etablierte Autoren wie Michael Shea weisen in ihren schon in dieser Reihe erschienenen Romanen ähnliche Symptome auf.

Trotz dieser Schwächen ist „Der Judas Schrein“ für einen Erstling erstaunlich selbstsicher konzipiert und komponiert und ein weiterer Beweis für die Vielseitigkeit Grubers. Wenn er sich aus dem Schatten von Lovecraft befreit, wird er seinen Lesern vielschichtigere und originellere Texte aus seiner spitzen Heimatverbundenen Feder präsentieren. Mit Schaudern denken wir an das, was noch kommen kann.

Andreas Gruber: "Der Judas-Schrein"
Roman, Hardcover, 460 Seiten
Festa 2005

ISBN 3-9358-2283-9

Weitere Bücher von Andreas Gruber:
 - Das Eulentor
 - Der fĂĽnfte Erzengel
 - Die EngelmĂĽhle
 - Rachesommer
 - Schwarze Dame
 - Todesfrist

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