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Nick Mamatas

Northern Gothic

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Northern Gothic“ legt die Edition- Phantasia als limitierte signierte Sonderedition mit Samtschuber mit Zeichnungen von Thomas Franke und Reinhard Kleist Nick Mamatas erste längere Arbeit aus dem Jahr 2001 in Deutschland auf. Seinen ersten Roman „Move under Ground“ hat das Team um Joachim Körber schon im letzten Jahr veröffentlicht. Sowohl für „Northern Gothic“ als auch „Move under Ground“ ist der auf Long Island Amerikaner mit griechischen Wurzeln für den Bram Stoker Award nominiert worden. Ein weiterer Roman aus Nick Mamatas Feder befindet sich als Paperback in der Vorbereitung.
Wie in seinem Roman „Move under Ground“, der Elemente der Beatnick Kultur mit H.P. Lovecrafts Mythen verbindet, versucht Nick Mamatas in seiner ersten Novelle die Idee der nicht körperlich, sondern nur geistig stattfindenden Zeitreise mit verschiedenen, sehr dunklen Themen zu einer komplexen sozialkritischen Auseinandersetzung zu verbinden.
Wie sich die beiden sehr unterschiedlichen Handlungsstränge – einer spielt im Jahr 1863, der zweite in relativer Vergangenheit in Bezug auf die Entstehung des Romans 1998 –schließlich miteinander verbinden, ist ein erster Hinweis auf das literarische Talent Mamatas. Er verzichtet auf komplexe oder komplizierte Strukturen und löst in der Mitte seines Romans auch die strenge Kapitelaufteilung gänzlich auf. Das ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, waren doch bislang die immerhin durch 125 Jahre getrennten Ereignisse auch technisch separiert.
Der ungelernte Arbeiter William Patten hat Angst. Er arbeitet im New Yorker Hafen. 1863 beginnt die Rekrutierungswelle für die Sklavenbefreiung im großen amerikanischen Bürgerkrieg mehr und mehr nach allen wehrfähigen Männern zu greifen. Nur mit 300 Dollar – einer utopischen Summe – könnte man sich von dem Dienst freikaufen. Männer wie Patten beginnen auf den Straßen zu demonstrieren, die Unternehmer „stellen“ gegen Hungerlöhne farbige Arbeiter ein, um die Streikenden zu ersetzen. Aus den Demonstrationen wird schließlich ein lokal begrenzter Aufstand, der weit von den Idealen weg ist, die Lincoln für die Union vertritt. Höhepunkt dieser Aufstände ist der Überfall auf ein Waisenhaus, in dem sich farbige Kinder befinden. Der Mob möchte diese unschuldigen Opfer zusammen mit ihrem Haus verbrennen. Schließlich besetzt die Armee die rebellierenden Viertel und stellt unter Kriegsrecht zumindest vorläufig die Ordnung wieder her.
Auch wenn die in dieser wilden Vergangenheit spielende Handlung auf den ersten Blick die actionorientierte packende Handlungsebene zu sein scheint, überzeugen die Ereignisse des Jahres 1998 eher durch ihre bissige Ironie. Ahmadi Jenkins ist gerade in New York angekommen. Er hat einen Job, der ihm das zum Überleben notwendige bezahlt, ansonsten ist er eher blank. Er ist ein homosexueller Farbiger, ein hoffnungsloser Schauspieler. Er beteiligt sich an brutalen homosexuellen S/m Spielen. Hier geht Nick Mamatas sehr in die Details und entwirft im Gegensatz zum Überlebenskampf des 19. Jahrhunderts eine Spielbühne der Dekadenz, auf der sich junge Leute zu amüsieren suchen. Jenkins scheint aber eine Pechsträhne mit in den Big Apple gebracht zu haben. Er leidet unter Verfolgungsangst und als schließlich das Haus mit seiner Wohnung niederbrennt, wird er zum Obdachlosen. Niemand will ihm Hilfe gewähren. Dazu leidet er mehr und mehr unter Visionen. Im Gegensatz zum Leser ahnt er nicht, dass sich aus unerklärlichen Gründen eine Schleuse in die Vergangenheit geöffnet hat, aus der Pattens blinder Hass ungefiltert in die Gegenwart strömt.
Sowohl Octavia Butlers Zeitreisegeschichte „Die Wilde Saat“ als auch Steven Barnes Parallelwelttrilogie „Zulu Heart“ haben ihre Rassismuskritik auf starken positiven wie negativen Charakteren aufgebaut. Sie haben den Leser an die Hand genommen und durch die teilweise sehr brutalen Passagen geführt. Diese Identifikation mit dem leidenden Protagonisten – insbesondere in „Die Wilde Saat“, in der eine junge farbige Frau unserer Zeit in die Vergangenheit des amerikanischen Bürgerkriegs und der Sklaverei auf den Plantagen versetzt worden ist überzeugt hier eindrucksvoll und wäre eine Neuauflage mehr als Wert - hat das Leseerlebnis, von einem Vergnügen lässt sich nicht sprechen, intensiviert. Nick Mamatas geht einen gänzlich anderen Weg. Beide Protagonisten sind dem Leser nicht sympathisch und unternehmen wenig, um eine Brücke aufzubauen. Der Charakter Pattern des Jahres 1863 ist ein opportunistischer Feigling, der verzweifelt versucht, seine eigene Haut zu retten. Zumindest zu Beginn deutet der Autor an, dass er als Werftarbeiter nicht zu den faulsten Arbeitern gehört, er wohnt aber bei seinem Bruder und dessen Frau in einer Behausung, die das Wort Loch verdient. Das Geld reicht in erster Linie für Alkohol und Frauen. Als der Krieg nach ihm zu greifen droht, nimmt er am Aufstand teil und sein bislang latent vorhandener Rassismus bricht offen aus. Die Todesstrafe und Hinrichtung am Ende des Buches wird schonungslos beschrieben, ist aber zusätzlich mit fast boshafter Ironie überzeichnet. Da einer der Soldaten seinem Rassismus und seinen Handlungen zustimmend gegenübersteht, hat dieser absichtlich daneben geschossen und so muss Pattern wie ein Schwein verbluten. Der Farbige Jenkins dagegen des 1998er New York ist ein Träumer, der sich in einem unterbezahlten Job von einer Woche zur nächsten kämpft. ER lebt in einer idealisierten Subkünstlerszene, ist homosexuell und nimmt zumindest an sado- masochistischen Spielen teilen. Diese teilweise sehr graphische Beschreibung der sexuellen Handlungen wird manchen Leser verstören, sie stehen aber in einem sehr guten Kontrast zu der ausufernden Brutalität der Dockarbeiteraufstände des Jahres 1863. Obwohl Jenkins deutlich positiver gezeichnet worden ist, lässt Mamatas niemanden an diese Figur heran. Kaum glaubt der Leser, das emotionale Innenleben zumindest von Jenkins nachvollziehen zu können, wird er sofort wieder entfremdet. Im Grunde verfolgt man das immer grausamer mit ihm spielende Schicksal aus der passiven Beobachterrolle. Als sich schließlich die beiden Zeitebenen zu überlagern beginnen, ist es fast zu spät. Am Ende seines Kurzromans verdichtet Nick Mamatas die beiden Handlungsebenen, überlagert sie und lässt den Leser mit seinen eigenen Gedanken zurück. Der Autor bietet keine Lösungsansätze, will nicht polarisieren, sondern nur schockieren.

Was vor allem überzeugt ist die authentische Atmosphäre des Hafenviertels New Yorks. Hier hat Nick Mamatas einiges an Recherche in seinen Roman einfließen lassen. Mit wenigen Beschreibungen malt er ein düsteres Bild der Stadt, eines Hexenkessels und Schmelztiegels, der so gar nicht den Vorstellungen der Politiker wie Abraham Lincoln von einer freien demokratischen Gesellschaft entspricht. Joachim Körber hat sich bemüht, den Slang der Bewohner angemessen ins Deutsche zu übersetzen. Die Stimmung, welche das Buch zeichnet, ist nihilistisch und die Eruption der Gewalt folgerichtig. Es gibt hier keine Hoffnung und der Krieg ist zumindest für die Männer die einzige Möglichkeit, ihre armselige Existenz früher zu beenden. Die Bezahlung bei den Unionstruppen ist schlecht, die Verpflegung miserabel und in der Heimat müssen sie sehen, wie Farbige für sehr viel weniger Geld ihnen die Arbeit wegnehmen. Am Ende stellen die amerikanischen Truppen zumindest eine Art von Ordnung wieder her und lassen die Anführer hinrichten. Der Status Quo erscheint wieder hergestellt, aber Nick Mamatas entlarvt diese vorgebliche Ruhe als Illusion.


„Northern Gothic“ ist mehr als eine New Yoker Schauergeschichte. Aus einem sehr gut recherchierten und literarisch beeindruckend umgesetzten Elendsviertel heraus hat Nick Mamatas mehr als eine intellektuelle Zeitreise geschrieben. Stilistisch noch nicht so überzogen provokativ wie „Move under Ground“ ist die Grundidee weder neu noch originell – siehe auch Bücher wie „Die Wilde Saat“ -, aber die Geschichte an sich ist eindrucksvoll, unangenehm lebendig niedergeschrieben worden und fesselt den Leser nicht zuletzt aufgrund der unsympathischen Figuren.

Die „Edition Phantasia“ hat den Band in einer signierten – vom Autoren und den beiden Zeichnern – auf 250 Exemplare limitierten Auflage veröffentlicht. Ganz bewusst hat sich das Team für zwei Zeichner entschieden, jeder symbolisiert eine Zeitebene des Buches. Thomas Frankes Zeichnungen bestimmen die Vergangenheitsebene und erinnern manchmal ein wenig an die Kupferstichartigen Bilder, die in erster Linie historische Bücher verzieren. Reinhard Kleist hat mit starken schwarzweißen Kontrasten die nicht weniger düstere Gegenwart portraitiert. Die Bilder begleiten gut die Geschichte, lenken nicht vom eigentlichen Plot ab und lassen dem Leser noch ausreichend Raum, sich seine eigenen Vorstellungen von den Figuren zu machen. Im Gegensatz zu Autoren wie China Mieville fließt Nick Mamatas sozialistisch linkes Gedankengut eher subversiv in die Geschichte ein, der Autor bietet keine Alternativen an. So bleibt „Northern Gothic“ auch auf der politischen Ebene eher ambivalent und lässt dem außen stehenden Betrachter die notwendigen Freiheiten, um auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Geschichte einfach nur zu folgen, im Elfenbeinturm dagegen kann er über die historischen Ereignisse nicht nur nachdenken, sondern sein Wissen über die wechselhafte Geschichte des amerikanischen Schmelztiegels vervollständigen.





Nick Mamatas: "Northern Gothic"
Roman, Hardcover, 150 Seiten
Edition Phantasia 2007

ISBN 3-9249-5978-1

Weitere Bücher von Nick Mamatas:
 - Move under Ground
 - Unter meinem Dach

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