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rezensiert von Thomas Harbach
Das Haus von Usher- sicherlich die berühmteste Familie des Poe Werkes, wenn nicht sogar der Horrorgeschichte, auch wenn meistens nur der Name und kaum noch die zugrunde liegende Geschichte bekannt ist. Der Erzähler der Story folgt dem Ruf seines Jugendfreundes Roderick Usher, dem letzten männlichen Nachkommen der Familie. Dieser fühlt sich von düsteren und geheimnisvollen Mächten bedroht, die aus dem Gebäude selbst zu kommen scheinen. Der Jugendfreund soll ihm in dieser Situation helfen. Seine Schwester leidet an einer mysteriösen Krankheit und nach ihrem plötzlichen Tod vergraben die beiden Männer sie in der Familiengruft .Einige Tage später taumelt die in ein Leichentuch und vom Kampf aus der Gruft gezeichnete Schwester in Ushers Raum und er stirbt an einem Schock. Der Erzähler kann dem Haus und seiner schrecklichen Familie entfliehen, bevor die Mauern zusammenstürzen. Niemand weiß, ob das alles in Wirklichkeit geschehen ist oder nur in der Vorstellung des Erzählers stattgefunden hat. Mit den Themen Wahnsinn, Lebendig Begraben, Familienflüche und den engen Familienbanden finden sich gleich mehrere von Poes Lieblingsthemen in dieser Geschichte und somit auch in dieser Sammlung.
Markus H. Korb hat die Idee aufgegriffen, mit "Jenseits des Hauses Usher" eine Hommage an den Meister mit neuen Kurzgeschichten überwiegend junger deutscher Autoren zu kombinieren. Die Sammlung erschien am 07.10.2002, dem Todestag Edgar Allen Poes.
"Vor knapp einem Jahr stellte ich fest, dass es zwar zu Ehren anderer Autoren ganze Buchreihen gab, sich aber niemand für den Mann zu interessieren schien, der die Grundlage schuf, auf dem die Nachfolger aufbauen konnten: EA. Poe" erläutert Korb in einem Interview mit phantastik.de " Zunächst schrieb ich einige mir bekannte Autoren an und fragte, ob Interesse an einer Poe Hommage bestünde. Nachdem mir einhellige Begeisterung entgegenschlug und auch schon einzelne Storys in hervorragender Qualität vorlagen (z.B. von E.M. Angerhuber, Boris Koch) mailte ich Internetsites an und machte die Ausschreibung öffentlich. Einfluss auf die Texte habe ich nur in einem Fall genommen. Alle anderen durchliefen allein das Lektorat des Verlages- eine Zensur fand nicht statt."
Dabei sollen keine Duplikate produziert werden, sondern Hommage heißt immer noch Würdigung, Ehrung und genau das ist das Ansinnen vieler Autoren. Aber nicht nur Poe wird Ehre zuteil, der gesamte Gothic Horror auch mit den Bezügen zu W. Hodgson, H.P. Lovecraft oder auch Algernon Blackwood (der in einer Geschichte selbst auftaucht) steht wieder auf und fängt vergleichbar den lebenden Toten eine unheilvolle Existenz an.
Als Herausgeber fasst Korb vor jeder Story einen wichtigen Aspekt, ein Motiv der Werke Poes zusammen und benutzt als Unterstreichung entsprechende Zitate des Meisters. Er kombiniert diese Informationen mit einem kurzen Portrait des jeweiligen Autoren.
Für Korb waren folgende Fragen wichtig: " Ich habe über 200 Geschichten gelesen und bewertet. Meine Fragestellung war hierbei: Greifen Sie Themen oder Motive von Poe auf? Besitzen die Geschichten Eigenständigkeit (keine Plagiate, kein billiger Abklatsch!). Genügen sie gehobenen literarischen Qualitäten (wie Poe)- sind sie also stilistisch gut (Wortwahl, Satzbau, etc.) ? Gründet das Grauen in der Psychologie der Figuren? Machen sie Angst?"
"Das Souvenier" von Edie M. Angerhuber ist eine stimmungsvolle Geschichte, die die Begegnung des Protagonisten mit seiner Vergangenheit schildert. Er versucht einen begangenen Frevel zu heilen, den der Ich-Erzähler vor vielen Jahren begangen hat, aber wie bei einem Spiegel kann man die Scherben in den Rahmen passen, das Ganze ist aber nicht zu heilen.
Genau wie wie viele Poe Geschichten finden wir mehr Impressionen als eine Geschichte in dieser Arbeit, aber diese Stimmungen sich gut zu lesen.
In "Eine englische Nachtmusik" von Christian von Aster trifft sich eine elitäre Herrenrunde (u.a. Oscar Wilde oder Algernon Blackwood), um über die wichtigen Dinge der Kunst und des Lebens in der erlauchten Atmosphäre des Rauchersalons zu diskutieren. Aus ihrer Mitte entspringt ein Disput zwischen Maybrink und Davies über den besseren Komponisten. Sie inszenieren in ihren Musikstücken für den Wettstreit eigene Erlebnisse und schlagen ihre Zuhörer in ihren Bann. Dabei drückt Maybrink die dunkle Seite, den Tod und die ewige Ruhe im Grab aus. Nachdem sich in zwei Sitzungen kein Sieger gefunden hat strebt der Wettstreit einem unheilvollen Höhepunkt entgegen.
Hier verbinden sich verschiedene Elemente zu einer guten Geschichte: Die Irrealität des Wettstreits zusammen mit der Abgeschlossenheit des Clubraums drängen die unterschiedlichen Geister zusammen. Die Bedrohung von außen wird mit jedem Schritt spürbarer, der Wahnsinn pocht an die Tür, auch wenn die Pointe interessant (die Verbindung zu einem ungeklärten Geheimnis im englischen Mutterland), aber ein bisschen antizyklisch ist. Hier hätte man einen Paukenschlag erwartet (wo blieb die Energie der ersten Tat ?) , es bleibt ein Flüstern, das atmosphärisch aber sehr gut platziert ist.
"Die Anstalt des Ambrosius" von Tobias Bachmann beginnt mit einem Anstellungsgespräch, wie es sich keiner in seinem Leben wünscht. Der neue Nachtwärter wird eingestellt und Ambrosius selbst erklärt ihm stolz seine neuen Elektroschockbehandlungen am Beispiel eines junges Mädchens, das ihre Eltern getötet hat.
Dunkel. Atmosphärisch dicht, ideenreich- das ist die Exposition, leider bietet die anschließende Handlung keine Überraschungen mehr. Zu geradlinig ohne Abweichungen von den klassischen Strängen folgt die Geschichte bis zum feurigen Ende nur den ausgetretenen Wegen dieser speziellen Literaturtochter. Als Hommage an Poes Atmosphäre eine gelungene Würdigung, aber ohne das Leben des Meisters und seine grauenvolle Originalität.
"Abendessen mit Konversation" von Alfred Bekker ist mehr eine Skizze, die sich wieder mit der Mischung aus Tod und Wahnsinn beschäftigt. Aber sie nicht mehr als eine Skizze. Der Ich-Erzaehler berichtet von seiner Einsamkeit und den Besuchern, die er sich zum Abendessen einlädt. Die Pointe ist auch hier früh abzulesen, selbst für eine so kurze Geschichte leider zu früh.
"Das Lied des Todes" von Corina Bomann beschäftigt sich mit dem in Poes Werken immer wiederkehrenden Thema des Lebendig begraben sein und den Möglichkeiten, sich aus der Gruft heraus bemerkbar zu machen. Die Violine ist eine gute Idee (man stelle sich in Gedanken die Ausführung vor), eine gekonnte Gänsehautatmosphäre wird von der Autorin in Form der Ich-Erzählerin aufgebaut und konsequent führt sie die Geschichte zu ihrem dunklen Ende.
"Engelstränen" von Markus H. Brandt bekommt die Kürze ihrer Länge. Er schildert die Begegnung mit einer bezaubernden Frau (oder auch nicht) und die Veränderung des Liebenden/Verzauberten. Daraus entstehen die typischen Folgen (Geldnot, Einsamkeit und schließlich Wahnsinn). Kurz prägnant, fast gehetzt wirkt der Text und genau wie das Schicksal unseres Helden in die Verdammnis führt geht der Text direkt auf seinen Höhepunkt zu. Dem setzt Brandt noch einen aus dem Handgelenk geschüttelten Nachschlag drauf, um dem Wahnsinn ganz die Tür zu öffnen.
"Die fremde Frau" von Clemens Brunn ist eine der Geschichten, die den Leser ob ihrer einfachen gelungenen Idee in Kombination mit der zielsicheren Ausführung im Gedächtnis bleiben .Der unscheinbare Herr Heinzmann trifft für einen Augenblick eine ihm unbekannte Frau, sieht sie und verliert sie, da er schnell seine Bahn erreichen möchte. Aus dieser Begegnung entwickelt sich ein Prozess, der ihn seine Welt vergessen und in die Irrealität eintreten lässt. Genau wie seine Figuren Durchschnittscharaktere (Schatten auf der großen Bühne unserer Welt sind) erwächst aus diesem alltäglichen Ereignis (Pendler mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehen jeden Tag hunderte von Fremden und doch mit der Zeit vertraute Begleiter, fast schon bekannte, die ihm das Gefühl geben, in Sicherheit zu sein. In dem Augenblick, wo er einen anderen Zug oder eine andere Bahn nimmt, bricht dieser Panzer in sich zusammen und er fühlt sich unwohl) eine dichte, dunkle und doch hoffnungsvolle Geschichte. Herr Heinzmann überschreitet schließlich seine persönliche Grenze und entschwindet auf seiner Reise für immer aus unserer Ebene ?
Myra Cakans "Der Krähenmann" ist eine klassische (im Aufbau und der Idee) Gruselgeschichte. Ein Fremder dringt unbewusst in eine geschlossene Dorfgemeinschaft ein, alte Geschichten kommen zu neuem Leben ( jeder neuer Zuhörer gibt ihnen Kraft), die Saat wird neu ausgeworfen und ein weiteres Opfer verfängt sich. Oft enden sie mit dem Tod des Eindringlings oder seinen überstürzten Flucht, bevor die erweckten Kräfte des Bösen die Oberhand gewinnen. Man merkt dieser Geschichte an, dass die Autorin stolz die Vorbilder als Grundlage genommen hat. Stilistisch gereift und entsprechend angepasst erzählt sie ihren kurzweiligen Garn unterhaltsam. Der Leser kommt sich hier in den Details vor, als ob er an einem Fenster steht und direkt in die Vergangenheit schaut und diese blickt natürlich zurück.
"Der Dorn im Auge" von Marc Alastor E.E. ist die erste direkte Fortsetzung einer Poe Geschichte in dieser Sammlung. Man muss das weltberühmte Original nicht gelesen haben, es erhöht aber das Vergnügen beim herzschlagähnlichen Finale. Ein älterer Mann möchte einen neuen Lebensabschnitt für sich beginnen und zie htineineneueWohnunginderStadt.Geräusche machen ihm zu schaffen, das Verhältnis zu seiner Umwelt wird immer schlechter, er zieht sich in seine Traumwelt zurück( oder versteht ihn die Umwelt nur nicht ?)und schließlich geschieht ein Mord, um die explosive Atmosphäre mit einem Knall aufzulösen.
Aber zwischen den Zeilen packt den Leser diese Geschichte nicht wirklich am Hals. Im Gegensatz zu vielen anderen Storys wird der Leser nicht in den Bann gezogen, und er sucht mehr das zugrunde liegende Poesche Werk als die neue Idee. Diese ist auch nicht vorhanden und so bleibt ein Torso, ein wunderschön mit Gold verzierter Rahmen, dem das Bild, das Herz fehlt und das kann der Leser auch gedanklich geschweige denn der Autor nicht in die gewöhnliche bekannte Handlung einbringen.
"Blick in die Nacht" von Charlotte Engemann vertritt - nur auf den ersten Blick- die Kriminalgeschichte, ein Genre, dessen Ursprünge eng mit Poe verbunden sind. Eine junge Fotografin wird ermordet und die Polizistin findet Fotos eines Mannes, der sich selbst befriedigt und dabei heimlich abgelichtet worden ist. Auf dem Dach des Tatorts beobachtet sie das Nebenhaus und trifft auf den blonden Mann mit seinem schwarzhaarigen Geliebten. Sie wohnen im Haus gegenüber. Es stellt sich heraus, dass er der Exfreund der Frau ist.
Die Polizistin erliegt der erotischen Ausstrahlung des dunklen, geheimnisvollen Fremden, aber dieser hilft ihr auch, den Fall zu lösen. Was als klassische Kriminalgeschichte begonnen hat, geht hier in ein erotisches Spiel über, um dann eine übersinnliche Lösung zu präsentieren. Damit schließt sich der Kreis zu seinen Horrorgeschichten wieder, aber der Engemann gelingt es pikant, eine erotische Atmosphäre aufzubauen und den Leser in dieser letztlich unkriminalistischen Geschichte zu fangen.
Andreas Grubers "Mesmeristische Experimente" ist einer der Glanzpunkte dieser Sammlung. Mit viel Spaß am Kombinieren, Fabulieren und Extrapolieren lässt er historische Persönlichkeiten (Wells, Bram Stoker, Jack the Ripper und . that would be telling) eine schaurig schöne Nacht in White Chapel verbringen, aus der zwei literarische Giganten erwachen, aber auch in die Zukunft gesehen, gefühlt und aufgenommen wird. Gruber greift sich nur leine Elemente aus dem zugrunde liegenden Oevre und einem Künstler würdig lädt er seine Leser ein, den frei fliegenden Gedanken in ein bizarres Kabinett zu folgen, dessen Grenzen alleine die Phantasie des Autoren setzt. Obwohl Gruber betont, dass ihm die Novelle als Ausdrucksform mehr liege, kann er hier die Kürze des Textes zu einer gekonnten Pointe aufbauen und hätte noch mehr als genug Material, um eine Novelle zu füllen. Viele Szenen werden dem Leser im Gedächtnis bleiben und bei bestimmten Ereignissen stoßen die wieder an die Oberfläche und lassen ihn das Gelesene neu reflektieren.
"Leonora" von Frank W. Haubold ist wieder eine Skizze, dieses Mal von den Liebenden, die aus dem Jenseits auf die Lebenden zurückgreifen (oder auch nicht). Atmosphärisch schön, aber vom Inhalt her weder originell noch überraschend wirkt sie hier seltsam blass ,blutarm und unterstreicht, dass eine gute Hommage Hand in Hand mit einem Schuss Einfallsreichtum gehen muss.
"Angst" von Ines Heckmann ist eine über weite Strecken sehr gut umgesetzte Schilderung eines Zustandes und in der gedrängten Story passt sie Stil und Inhalt gekonnt an. Zum Ende hin hebt sie geschickt die Spannung auf und entlässt den Leser und sich selbst wieder aus der zeitlupenhaften Betrachtung eines unnatürlichen Vorgangs in sein richtiges Leben. Mehr eine alltägliche Fallstudie als eine Story.
"gothic lovers" von Sven Klöpping führt uns von der Zukunft in die Vergangenheit. Um das alltägliche Dasein gut zu überstehen, flüchten immer mehr Menschen in die Irrealität des Cyberraums. Hier läßt Pärchen die Atmosphäre eines Friedhofs wieder auferstehen . Schöne kompakte Geschichte mit einer sehr originären Komponente, die die Vorgaben des alten Meisters auf eine neue Ebene transportiert.
Mit einer anderen Art von Zeitreise setzt sich Boris Koch in "Der Mann mit den toten Augen" auseinander. Menschen werden von den immer gleichen Alpträumen gequält und scheinbar liegt eine der Ursachen in einem Mutspiel der Jugend. Ein Junge hat sich für die Ehre und ein Pfund verpflichtet, eine gewisse Zeit an einem gemiedenen Platz zu verbringen. Er kehrt als gebrochener Charakter zurück und begeht schließlich - von seiner Umwelt isoliert und unverstanden- Selbstmord. Sein Freund fürchtet sich viele Jahre vor diesem Geheimnis und beschließt schließlich, den gleichen Weg zu gehen und hinter den Vorhang zu schauen. Dabei erweckt er Geister (in seinem Inneren und seiner Umwelt, die er lieber hätte schlafen lassen). Wie kaum ein anderer verwebt Stephen King die Zeit der Heranwachsen mit ihren Wundern aber auch Gefahren mit dem Erwachsensein. Der Blick zurück in eine inzwischen Traum- oder Alptraumwelt der unbeschwerten Jugend zeichnet Kochs Geschichte ebenso aus wie die Storys und Romane des Meisters. Ist es möglich, sich genauso zu fürchten wie in der Zeit als junger Knabe oder ist diese Furcht und deren Ergebnis etwas anderes. Präzise, mit viel Herz und Einfühlungsvermögen verbindet Koch die beiden Ebenen zu einer kompakten Story, die den Leser in seinen Bahn schlägt und lange Zeit nicht mehr loslässt. Und wenn sie schließlich zu Ende ist, wissen wir, das alle einen neuen Besucher haben, der auf dem Kamin hockt und mit seinen toten Augen traurig und verschlagen seine neue Umgebung betrachtet.
Der Herausgeber selbst Markus Korb präsentiert sich mit der Rachgeschichte "Das Fass Brouilly im Hospitalkeller". Seit Jahren gärt der Streit zwischen den Familien Zorn und Mühlenstein. Überraschend möchten sich die Zorns mit ihren Erzfeinden verbrüdern und laden sie zu einer Festivität in den Hospitalkeller ein. Am Ende steht aber zumindest für eine der beiden Parteien eine böse Überraschung. Korb hat eine sehr dichte mit einer boshaften Pointe versehene Geschichte geschrieben, die geradlinig ihren Weg durch die kulinarischen Köstlichkeiten nimmt. Der erfahrene Leser ahnt im Laufe der Handlung sehr schnell (angelockt durch den geplanten Rachegedanken, der viele Poe Geschichten durchzieht und im kurzen Vorwort auch expliziert noch einmal erwähnt wird), worauf der Plot unweigerlich hinsteuert und spätestens nach der kurzen Erzählung der Maid ist alles klar. Aber man wird ein Glas guten Wein vielleicht nach dieser Story etwas anders betrachten.
Über seine eigenen Werken sagt er in dem Interview: "Ich bin mir einer Duaelitaet der Seele bewusst, daher akzeptiere ich die dunkle Seite in mir. Viele Menschen scheuen sich einzugestehen, dass es diese Seite in jedem Menschen gibt. Sie haben Angst, zu erkennen, dass sie sich von ihrem Ego nur ein einseitiges Bild gemacht haben. Aber der Reiz der Weird Fiction liegt für mich noch ganz woanders. Ich liebe das Spiel mit der Verunsicherung des Lesers. Wenn ich es schaffe, dass der Leser für die Zeit der Lektüre und noch danach , sein Weltbild in Fragen zu stellen vermag, wenn der Boden unter ihm schwankt, dann habe ich mein Ziel erreicht. Das mag philosophisch abgehoben klingen, hat aber dennoch einen Realitätsbezug." Diese hohen Ansprüche erreicht er mit dieser Story nicht, aber zumindest unterhält er seine Leser sehr gut und wenn alle Autoren diese -auf dem Papier- niedrigen Ansprüche erfüllen könnten, wäre der Büchermarkt öfter ein erfreuliches Erlebnis und kein Kampfplatz für Neurosen und Psychosen einiger Möchtegernmachos."
Mit "Das gespenstische Anwesen" von Thomas Ligotti präsentiert sich der namhafteste Autor der Sammlung. In dem Interview erläutert er kurz, wie er an die Geschichte gekommen ist: "Zu Tom kam ich über Eddie M. Angerhuber. Sie hat ja mit ihren Ligotti Übersetzungen und ihrer Ligotti Website einen maßgeblichen Anteil daran, dass Thomas Ligotti überhaupt im deutschen Sprachraum ein Begriff geworden ist. Sie schrieb Tom an, ob er Lust habe, eine in Deutschland noch unveröffentlichte Story beizutragen. Seine Professionalität und Hingabe an die Literatur ist unglaublich. Er hatte seine ersten Veröffentlichungen in der amerikanischen Kleinverlagszene und war deshalb von meinem Projekt sehr angetan. Dazu kommt, dass er Poe als einer seiner großen Vorbilder ansieht. Er war gerne bereit, eine Story beizutragen. Ich habe ihm eine Erzählung von mir übersetzen lassen, welche er überaus lobend besprochen hat, was mich sehr freut, da ich Tom für DEN zeitgenössischen Autoren von innovativer Phantastik schlechthin halte."
Seine Geschichte ist eine nette Anekdote, routiniert mit seinem individuellen Stil geschrieben, aber tief im Inneren leer. Zum Abschluss sucht er die unoriginelle, abgehalfterte Handlung noch in das Metaphysische zu drehen, um sich das Mäntelchen von Einsatz um die Schulter zu hängen. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren versteckt er sich in seinem nihilistischen Kosmos, aus dem es kein Entrinnen gibt (Vorwort von Markus Korb), aber wenn das alles ist, um ein Markezeichen zu erhalten, dann ist es deutlich zu wenig und im Gegensatz zu vielen mit Herzblut geschriebenen Geschichten wirkt dieses Werk aus dem Jahr 1994 noch nicht ausgereift genug.
"Die Kälte des Kopfes" von Soeren Prenscher ist ein Spiel mit den Varianten Schlafwandel und schlechtem Gewissen. Unser Erzähler erfährt, dass in seiner Stadt in einer Nacht drei Frauen vergewaltigt und ermordet wurden. Unbewusst schleicht sich ein böser Gedanke in den Kopf. Wo war ich in der Nacht ? Bin ich etwa schuld ? Aus diesem Szenario entwickelt Prescher über weite Strecken ein Katz- und Mausspiel ohne dem Protagonisten und dem Leser die Möglichkeit zu geben, hinter den Vorhang zu schauen. Das im Zusammenspiel mit dem offenen und doch abgeschlossenen Ende macht einen großen Teil des Reizes dieser Erzählung aus. Ein gelungenes Psycho-Spiel ohne oder mit dem Psychopathen aus unserer Nähe.
Nicole Rensmann setzt sich in der Skizze "Schlafveränderung" mit dem Zerfall eines Menschen auseinander. Kurz prägnant, anfangs in Tagebuchform gehalten (nichts repräsentiert den Zerfall eines Menschen genauer als seine täglichen Aufzeichnungen und die darin enthaltene Veränderung des Charakters) unausweichlich auf das einzig mögliche Ende hinsteuernd. Sehr kurz, aber im Großen und Ganzen nur ein impulsiver Ausbruch, ein Ruf , der im gewaltigen täglichem Lärm der Umwelt
schließlich untergeht (wie diese Impression zwischen den verschiedenen Geschichten).
"Morbus Axaroth" von Malte S. Sembten verbindet Poe mit Lovecraft, seinem berühmtesten literarischen Bewunderer. Ausgangspunkt ist ein grausiger Mord und die Geschichte schildert in unserer heutigen Zeit den Weg dorthin. Es stellt sich heraus, dass die ersten Bilder falsch sind und die beiden Fremden mit dem gemeinsamen Ziel (die Suche nach einem geheimnisvollen Musikstück, das in Paris aus dem Fenster in den Himmel gesogen wurde) auch eine Beschwörung der dunklen Mächte um uns herum beinhaltet. Brutal, duester, dunkel, spannend. Aus der Realität gelöste, vom Forscherdrang um jeden Preis besessene Einsiedler der Wissenschaft durchbrechen die Grenzen des bekannten Universums und der Vernunft auf der Suche nach einem tropfen Wissen. Sembten hat hier eine sehr lesenswerte Variante der Lovecraft Themen in unserer Zeit versetzt und einen schönen Stoff daraus gewoben.
"Das Portrait" von Michael Siefener ist die Umsetzung einer Poe Geschichte in die Neuzeit, aber mit einer deutlichen Tendenz, aus der zugrunde liegenden Geschichte seinen Stoff zu beziehen und sie konsequent im Kopf des Erzählers weiterzuentwickeln. Kurz, impressionistisch, modern, aber dicht, prägnant und leicht zu lesen.
"Der perfekte Firnis" von Thomas Wagner ist ein würdiger Abschluss des Prosateils dieser Sammlung. Der Titel unterstreicht die Handlung und mit der gleichen Grausamkeit, die für viele Poe Geschichten steht, geht Wagner an sein Werk. Dabei muss man seinem Protagonisten nicht einmal den Vorsatz unterstellen, unschuldig wie ein Kind möchte er seiner Geliebten etwas Gutes tun, und versucht mit ihrer Krankheit fertig zu werden. Dabei überschreitet er alle Grenzen und aus seiner perversen, aber im Grunde logischen gefühlskalten Aktion wird fü den außen stehenden Betrachter ein nicht zu ertragender Moment. Unheimliche Atmosphäre, ein gekonnter Aufbau mit einer guten Grundidee und einem stilistisch angemessenen Rahmen sorgen in diesem spannenden Text mit einem Stich Wahnsinn für eine lange im Gedächtnis bleibende Geschichte. Eine echte Hommage an Poe und gleichzeitig eine konsequente Weiterentwicklung einer der dunkelsten Einfälle des Meisters.
Zum Abschluss- wie nach einem gelungenen Konzert die Zugabe- entlässt Christian von Aster den Leser mit seinem Gedicht "Die Mitternachtsraben" in das Dunkel der Nacht. Eine gelungene Arbeit (am besten laut bei Kerzenlicht lesen), natürlich eine Anspielung auf einer der berühmtesten Schöpfungen Poes (The Raven). Skurril, mitreißend, mit ganzem Herzen erzählt schließt es die qualitativ hoch stehende Anthologie ab.
Auf die Verbindung zu dem kleinen, sich aber immer etablierenden BLITZ VERLAG angesprochen äußerte sich Korb wie folgt:" Es folgten viele Absagen , nach dem Motto Von Poe inspirierte Storys- tolle Idee! Leider lassen sich Kurzgeschichten nicht verkaufen !- eine Meinung, die ich ganz und gar nicht teilen kann. Kurzgeschichten haben gerade in unserer Fast-Forward Zeit ihre Daseinsberechtigung. Ich kenne viele Leser, welche keine Zeit haben, sich in Romane zu vertiefen, welche sie nach einer Woche aus der Hand legen und sich dann nicht mehr darin zurechtfinden können. Diese Menschen greifen gerne auf Kurzgeschichten zurück. Und was wird ihnen auf dem großen Buchmarkt - ich rede zunächst nicht von der Kleinverlagszene- angeboten ? Fast nichts. Die Verlage verlassen sich auf die vorgefaßte Meinung, dass sich Kurzgeschichten nicht verkaufen würden, vergessen aber nachzudenken, warum das so sein könnte. Jeder Verlag puscht Romane bis zum geht- nicht-mehr. Storyanthologien haben da keine Chance. Es ist schlicht und ergreifend Marketing- es ist halt einfach einen Roman zu vermarkten, da der nur einen Autorennamen auf dem Cover hat, anders als eine Storyanthologie, wo sich viele Schriftsteller tummeln."
Auf der einen Seite hat Korb mit seinen Äußerungen Recht, aber natürlich beleuchtet er bewusst nur eine Seite der Münze (er gibt ja eine Anthologie heraus). Es gibt genügend Leute, die kaufen Romane von einem Autoren, weil sie ihn als guten Unterhalter schätzen oder weil die Presse ihn zu einem Star hochstilisiert. Besonders Pendler lieben die Romane mehr, denn meistens reicht eine Kurzgeschichte nicht für eine Fahrt (fange ich dann noch eine zweite an oder lasse ich das Buch weg ? Wie viel Zeit habe ich noch bis zu meinem Endziel ? Wie lang ist die nächste Geschichte ?) Bei einem kontinuierlichen Lesen stellen sich diese Fragen nicht. Der zweite Punkt ist, dass man einen Roman nicht nur leichter vermarkten kann., sondern auch weiß, was man vermarktet. Wie oft haben wir die Mogelpackung Anthologie. Eine oder zwei gute Geschichte von namhaften Autoren und der Rest nach billigsten Kriterien zusammengestellt ? Die meisten Leute, die so wenig Zeit haben, lesen insgesamt zu wenig.
IN der Geschichte war die Kurzgeschichte immer schwerer zu verkaufen und in der goldenen Zeit der Pulp-Magazine war es nicht der Glanz dieser Publikationen, sondern eher der Mangel an Taschenbuchern. Erst im Laufe der Jahre hat sich das Taschenbuch (und in Deutschland der Heftroman) zu Lasten der Magazine etabliert. Der Hauptpunkt ist die Tatsache, dass sich Science Fiction oder Phantastik in Deutschland nur noch generell sehr schwer verkaufen lassen. Der Markt (und die Generation) ist weg gebrochen. Aber das lag auch nicht an einem internen Wendepunkt, sondern an der Tatsache, dass die Schwemme Anfang der achtziger bis in die neunziger Jahre von außen induziert worden ist. STAR WARS und STAR TREK haben viele zur Science Fiction gebracht, aber diese Welle ist weitergewandert. Mit der Verbreitung des Computers wurde diese Bewegung noch verstärkt und ging zu anderen lasten. Die Fussballstadien oder Sportvereine beschwerten sich über Besuchermangel und Mitgliederschwund. Jetzt hat sich wieder eine Stadionkultur etabliert, neue Talente schießen in fast allen Sportarten in den Himmel und der Computer ist wieder ein Hilfsinstrument, aber weniger ein Lebensinhalt.
Ein gutes Marketing hat sich in den Staaten in Bezug auf Storysammlungen etabliert. Die Themenanthologie hat sich in den letzten Jahren einen guten Ruf erarbeitet (und in die gleiche Kerbe geht auch Korb).
"und dann auch noch eine mit deutschen Autoren, welche - glaubt man den Aussagen mancher Verleger - eh kaum fesselnd schreiben können sollen. (zum Teil ein Marketingschachzug, um die Aufmerksamkeit der Leser auf sich zu ziehen, wie inzwischen zugegeben wurde- bedauerlicherweise ging der Marketing- Gag auf Kosten deutscher Phantastik- Autoren). Aber das ist definitiv falsch- und ich möchte ein für allemal dieses Gerücht aus der Welt geschafft haben. Ich sage es deutlich: Deutsche Autoren können spannend schreiben- schlechte Schreiber, die nur billige Nachahmer von bekannten Schriftstellern sind, gibt es hier wie dort. In USA/GB ebenso wie bei uns. Das ist keine Frage der Herkunft, sondern des Handwerks. Und auch ohne Schreibkurse in den Universitäten kann man durch Selbststudium viel für seinen Stil tun. Wer es nicht glaubt, lese in der Poe Anthologie nach. Dort sind Beispiele für einen guten Schreibstil zu finden, der abseits des seichten Maintream Horrors auf seine Entdeckung wartet."
Auch hier wirft Korb provokativ eine alte Floskel in den Raum. Deutsche Autoren können spannend schreiben und das ist auch seit Jahrzehnten in den Verlagen bekannt. Das Problem (seit den achtziger Jahren) ist die Tatsache, dass viele deutsche Autoren sich nicht mit spannender Literatur begnügen wollten. Sozialkritisch, aufrüttelnd, der große deutsche Science Fiction oder Phantastik Roman sollte es sein. Über die Heftchenschreiber wurde hergezogen und die Nase gerümpft. Darin liegt ein großes Problem der Autoren. Sie sind an ihren eigenen Idealen gescheitert. Wenn ich meine Messlatte so in den Himmel schraube und nicht rüberkomme, kann ich nicht anfangen zu weinen und den anderen die Schuld geben. An diesem Image hat die deutsche Phantastik viele Jahre gekrankt. Bezeichnenderweise schreiben jetzt einige der damaligen Mauler "Gastromane" in etablierten Heftromanserien oder Hommage an die große alte Pulpzeit, um neben den Übersetzungen Geld zu verdienen. Alleine die Perry Rhodan Autoren wie auch neue Sprinter wie Andreas Eschbach oder Markus Heintz haben gezeigt, dass sie spannend erzählen können. Die Schere wurde enger als die Leser den sozialkritischen oft auch linken Touch der Autoren nicht mittragen wollten (dann kann ich mir auch den Spiegel oder die Zeit kaufen, wenn ich mich richtig informieren möchte) und die Bücher nicht kauften. Aber selbst ein kritischer John Brunner hatte zum Ende seiner Karriere Probleme, seine Bücher zu verkaufen
Alle Kurzgeschichten dieser Sammlung sind ansehenswert. Eine Handvoll (Wagner, Gruber, Angershuber oder von Aster) ragen sogar aus der Masse mehr als heraus. Aber einige der Stories sind auch nur Fragmente, in eine Zeitmaschine gesteckte Stilübungen aus dem vorletzten Jahrhundert, viel Form mit wenig Inhalt. Über einen weiten Zeitraum verteilt erfreut sich der Leser an ihnen, aber in der Masse wirken sie wie ein Strauss schöner Blumen. Auf den ersten Blick freut sich das Auge, dann beim zweiten Mal nimmt es einige Details auf, beim dritten Mal aber wird es kaum noch registriert.
Man sollte die Anthologie als einen guten Freund angehen, sich immer einmal mit ihm unterhalten, das Buch auf Reisen mitnehmen und immer wieder aufschlagen, um eine Geschichten zu lesen. Dann entfaltet sich das ganze Aroma dieser Anthologie. Viele junge und unbekannte Autoren aus der Kleinverlagszene haben die Möglichkeit am Schopf gepackt, sich mit ihren meistens in England oder den Staaten spielenden Geschichten dem Meister zu nähern. Natürlich muss Markus Korb auch für sein Engagement und die Energie, die er in diesen Projekt gesteckt hat, ausdrücklich gelobt werden. Ihm ist eine schöne Sammlung gelungen, ungewöhnlich auch angesetzt mit ihren klassischen Themen (Wahnsinn und Angst, unerfüllte Liebe und Familiengeheimnisse) im Gegensatz zum Hightedch Terror. Mit viel Gefühl und Erfahrung hat er entsprechende Poe Zitate den einzelnen Geschichten zugeordnet und seine kurzen Einführungen in den Autor und sein Werk geben dem Betrachter die Möglichkeit, sich ein kleines Bild der Beteiligten zu machen. Das gibt der Anthologie eine persönlichere Note.
Das Schlusswort überlassen wir wieder Herrn Korb: "Ich habe mal in einer Buchhandlung provokanterweise nach Storyanthos deutscher Phantastik Autoren gefragt- die Antwort war ein verlegenes Schweigen. Fehlanzeige von den großen Verlagen. Da muss man schon zur Smallpress greifen, wo man bestens bedient wird. Aber auch hier macht sich die folgenschwere Tendenz breit, deutsche Kurzgeschichtenautoren mitleidig zu belächeln- warum eigentlich ? Sind Kurzgeschichten schlechtere Literatur als Romane ? Wie viele Romane hat Poe geschrieben ? Keinen einzigen (eine längere Novelle ist kein Roman) - wie viele Romane hat Lovecraft verfasst ? Keinen einzigen (auvch hier- eine lange Novelle ist noch kein Roman). Die beiden hatten ihre Gründe. Es ist verdammt schwer, einen reinen Horror Roman zu schreiben. Doch zurück zur Poe Antho. Am Schluss der Verlagssuche zeigten mehrere Verlage Interesse Der BLITZ Verlag hat von allen das interessanteste Angebot bzgl. Vertrieb und Marketing usw. Gemacht."
Poe und Lovecraft hätten bei einer entsprechenden Idee auch ihre Romane geschrieben. Beide wurden nicht alt genug , um das beurteilen zu können (und sich hier hinzustellen und die Romanarmut der zwei Autoren als Beweis für die Güte der Kurzgeschichte schlechthin herzuziehen, ist kein schlagkräftiges Argument). Kurzgeschichten haben genau wie Romane ihren Platz in der Literatur und werden ihn auch immer haben. Es kommt auf die erzählerische Güte an und wie -auch in den Staaten üblich- strebt alles., was über den Mainstream hinausgeht, in die Kleinverlagszene (siehe cemetary dance und subpress)
Dabei steht erst an zweiter Stelle ob Roman oder Kurzgeschichte. Die Qualität ist immer noch ein Entscheidungskriterium und hier liegt ein schönes Geschenk für die Leser vor und wartet darauf, ausgepackt zu werden.
Markus K. Korb (Hrsg.): "Jenseits des Hauses Usher"
Anthologie, Softcover, 348 Seiten
BLITZ-Verlag 2002
ISBN 3-8984-0852-3
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