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Horror (diverse)



Mark Z. Danielewski

Das Haus

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Mark Z. Danielewskis “House of Leaves” erscheint sieben Jahren nach seiner Erstveröffentlichung in den USA dessen erster Roman in einer voluminösen Ausgabe im Rahmen der Klett Cotta Reihe. In den USA erreichte das Buch nicht zuletzt aufgrund der interessanten Marketing Kampagne nicht nur die Bestsellerlisten, sondern vor allem Kultstatus. Getreu seiner anarchistischen Struktur sind zuerst Teile des Buches ins Internet gestellt worden. Danieleswski hat den semidokumentarischen Charakter seines Werkes noch durch die Publikation eines Begleitbandes „the Whalestoe Letters“ vorangetrieben. Viele Ausschnitte dieser den Titel charakterisierenden Briefe finden sich auch im vorliegenden Roman, im Begleitband sind sie allerdings komplett gesammelt. Als literarisches „The Blair Witch Story“ Phänomen ist das Buch von Danielewski von einigen Kritikern bezeichnet worden. Im Gegensatz zu dem Low Budget Überraschungserfolg geht der Autor sehr viel konzentrierter und medientechnisch brillanter an die Sache heran. Mittels eines eindrucksvollen Layouts, das mit teilweise fast wortleeren Seiten, unendlichen Fußnoten, optischen Tricks, die eine Dreidimensionalität suggerieren sollen und seiner ungewöhnlichen Erzählungsstruktur versucht der Autor von seinem im Grunde stringenten, klassischen Horrorplot abzulenken.

Denn Danielewski hat in der Tradition eines Theodore Roszak „Flicker“ – Film als subversives Mittel - einen Roman über einen Dokumentarfilm geschrieben, der wiederum die übernatürlichen Ereignisse in einem abgelegenen Haus mit einer ellenlangen Besitzerliste beschreibt. Wie in Robert Wises „The Haunting“ geht es nur vordergründig um Poltergeister, sondern expliziert um die leeren Flächen in der Psyche der Menschen. Das stetige Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Unsicherheit, dem Wissen und den Ahnen und den Schwierigkeiten, mit sich selbst im Reinen zu sein, mit der Umwelt zu kommunizieren und auf dem schmalen Grad zwischen Menschenachtung und Selbstbewusstsein zu wandeln. Es ist sicherlich nicht überraschend, dass Danielewski dem Leser immer wieder suggeriert, dass es mehr dort „draußen“ gibt als die einfachen fünf Sinne aufnehmen können, dass es im Grunde mehr geben muss als man erkennen und wahrnehmen kann. Teilweise mit Taschenspielertricks suggeriert er diese zweite Ebene. Der Zuschauer/ Leser – diese beiden Begriffe fließen zusammen, denn den ersten Teil des Buches beherrscht die Beschreibung und ausführliche, aber fiktive Analyse eines Dokumentarfilms – wird relativ schnell in eine Art moderne Umsetzung von „The Haunting“ versetzt. Mit dem imaginären Raum – obwohl die Sequenzen unheimlich beschrieben worden sind, hat man nicht selten das Gefühl, in einer Art literarischer Neuinterpretation von „Being John Malcovich“ auf Endlosschleife ohne dessen grotesken Humor festzustecken – geht der Autor für einen Erstling sehr routiniert um. So gehört die Expedition sicherlich zu den am meisten packenden Szenen des Buches. Stilistisch sicher, teilweise mit zynischem Humor unterlegt, mit einem guten Auge für die Situation, wenn auch die layout technisch optischen Tricks vor allem bei ihrer ersten Verwendung Verwunderung und Verärgerung hervorrufen. Danielewski bereitet allerdings den Leser auf den zweiten layouttechnischen herausragenden Block vor.

Bevor man allerdings „House of Leaves“ als literarische Adaption des „Blair Witch Projects“ ver- oder beurteilt, sollte auf zwei wichtige Aspekte des Romans eingegangen werden. Der indirekte Protagonist ist der Dokumentarfilmer und Fotograf Navidson. Er tritt im ganzen Buch nur durch seine Aufzeichnungen und Filmaufnahmen, seine für die Dokumentation wiedergegebenen Gespräche und schließlich Artikel über sich auf. Der Zuschauer findet keinen direkten Zugang zu dem Mann, der beim Einzug in sein neues Haus zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern glücklich zu sein scheint. Ein Schlüsselerlebnis ist sein mit den Pulitzerpreis ausgezeichnetes Foto von einem verhungernden Kind, an dessen Fleisch ein Geier zerrt. Hier zersprengt der Autor jegliche Fiktion und hält dem Leser direkt den Spiegel ins Gesicht. Die Gedanken, die sich fiktiv als Alter Ego des Autoren Navidson macht, gehen mehr unter die Haut als alle anderen spektakulären literarischen Tricks des Romans. Der zweite Aspekt ist mehr ironischer Natur. Das Buch handelt von einem Dokumentarfilm über eine Expedition in die plötzlich entstehenden dunklen Gänge eines alten Hauses, erzählt durch einen alten Mann namens Zampano, der blind (!!!) den Film beschreibt und kommentiert. Auch wenn die in zahllosen Fußnoten beigefügten Kommentare teilweise erschreckender zu lesen sind als der eigentliche Plot, neigt Danielewski hier auch zur Übertreibung. Das er diese Fußnoten noch einmal mit einem distanzierenden Mantel – ein literarisch begabter Junkie Johnny Truant findet die Notizen und macht sich, Zampanos nicht publiziertes Manuskript zu ordnen und einem Verlag anzubieten – entfernt den Leser noch weiter vom Geschehen und wirkt trotz alle Innovation teilweise wie ein Overkill. In zahlreichen Interviews hat Danielewski seine Leser darauf hingewiesen, „House of Leaves“ nicht wie ein klassisches Buch zu lesen. Mit dem außergewöhnlichen Layout des Buches möchte der Autor seinen Lesern mehr als eine eindimensionale Möglichkeit der Interpretation geben. Vergleiche mit James Joyce oder Thomas Pynchon erscheinen allerdings übertrieben. Im Vergleich zu diesen schwierig zu lesenden postmodernen Autoren ist nur das Äußere postmodern. Danielewski macht nicht den Fehler, die Leser ins Geschehen zu werfen und mit dem Ungetüm seines Epos – von einem Roman kann und sollte man nicht sprechen – alleine zu lassen. Sehr vorsichtig führt er seine Leser in die Handlung ein. Die verschiedenen Stimmen lassen sich vor allem zu Beginn des Buches sehr gut voneinander unterscheiden. Der Autor entwickelt erst ihre sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten – obwohl Truant im Grunde der einzige wirkliche Bezugspunkt zum Leser ist und dieser verliert im Laufe der Bearbeitung des Manuskripts seinen Verstand -, bevor er mit dem Geschehen fortschreitet. Gegen Ende des eigentlichen Zampano Manuskripts laufen verschiedene Ereignisse layouttechnisch parallel, handlungstechnisch aber ganz unterschiedlich ab, zu diesem Zeitpunkt hat sich der Leser allerdings an die Vorgehensweise und vor allem die Intention des Autoren gewöhnt. Nachdem allerdings der Dokumentarfilm ausgelaufen ist, fügt Danielewski in Person Truants dem Buch eine Reihe von unnötigen und teilweise klischeehaft ausgewalzten Szenen hinzu. Getreu der Horrorfilmtradition endet sein Werk in einer Endlosschleife. Das Interesse des Lesers lässt deutlich nach. Die Anhänge sind alle interessant, unterstreichen die Wirkung des Dokumentarfilms aber nur noch marginal. „House of Leaves“ hätte auch ohne dieses absichtlich postmodern gestaltete Beiwerk funktioniert, aber die Mainstreamkritiker weniger angesprochen. Manchmal fühlt sich „House of Leaves“ allerdings zu glatt, zu konzipiert an.

Was dem Buch trotz aller sprachlicher Brillanz – auch die deutsche Übersetzung ist gut, wenn auch Bambies Freund mit „Klopfer“ statt beim englischen Originalnamen zu bleiben pointierter übersetzt worden wäre – fehlt, ist eine Meinung. Danielewski möchte in seinem Inneren mit seinem experimentellen Buch möglichst viele ansprechen.

Zum einen das Horrorpublikum, das sicherlich in der Beschreibung des fiktiven Dokumentarfilms „The Navidson Record“ die gruseligsten Momente der Geschichte finden wird. Weiterhin die absichtlich schnodderig, aber emotionale überzeugende Lebensabschnittsgeschichte eines ziellosen jungen Mannes, der vom Leben nicht gefördert und gefordert wird. Mit beißender Ironie setzte Danielewsli mit den zahllosen Fußnoten den Studien ein Denkmal, welche weniger mit eigenen Gedanken, als Zitaten den Leser zu erschlagen suchen. Im vorliegenden Roman sind alle fiktiv, alle falsch. Nicht selten dreht der Autor in ein und derselben Fußnote seinen Lesern Fakten und die lange Nase gleichzeitig an. Verschwörungsjunkie finden ausreichend zumindest in der englischen Ausgabe sehr viele implizierte Botschaften, die sich aus den Anfangsbuchstaben einzelner Wörter ergeben. Der letzte Punkt könnte nur durch in einem weiteren Essay mit dem Vergleich der deutschen und englischen Ausgabe ausführlich aufgeschlüsselt werden. Zwischen diesen ganzen teilweise auch übertriebenen Spielereien findet man allerdings auch eine eher verzweifelte Liebesgeschichte von zwei Menschen, die einander viel bedeuten, die nicht dem Bild der Öffentlichkeit entsprechen und für welche das Haus eine Herausforderung darstellt, an der schließlich die Beziehung scheitert. Diese Passagen sind sehr emotional und eindringlich geschrieben worden, gehen aber im Gesamtkontext des Buches fast unter. Insbesondere im Mittelteil des Romans hat der Rezensent nicht selten das Gefühl, als könne oder wollte Danielewski diese Kapitel nicht in den Vordergrund stellen. Die schwierige Aufgabe, im Grunde drei Handlungsebenen aufeinander aufzubauen und gleichzeitig chronologisch hintereinander ablaufen zu lassen, überfordert den jungen Autoren allerdings auch an einigen Stellen. Keiner der Spannungsbögen wird gleichberechtigt behandelt und nicht selten ist der Leser frustriert, dass er zum Beispiel die Beschreibung des „The Navidson Record“ zu Gunsten Johnny Truants eloquenten Anmerkungen verlassen muss. Zynisch gesagt, seinem Leben fehlt die dramatische Komponente, um ihn zu diesem Zeitpunkt für den Leser interessant zu machen. Sein größter Erfolg ist das Auffinden von Zampanos Notizen zum Dokumentarfilm. Der Tanz auf vielen Hochzeiten hinterlässt auch seine Spuren. Nicht alle Ebenen sprechen den Leser gleichbedeutend an und teilweise hat man den Eindruck, als ob Danielewski manchmal einige weniger interessante und weniger provozierende Passagen etwas lethargisch angegangen ist.

„House of Leaves“ ist insbesondere für einen Erstlingsroman eine hervorragende Arbeit, es ist eine Mammutaufgabe, die sich Danielewski auf die Schultern gepackt hat und die er auch sehr gut stemmen konnte. Es ist sicherlich nicht der literarische Schlüsselroman des modernen Horrorgenres. Dafür benutzt der Autor zu viele „Ideen“, die insbesondere cineastisch in anderen Meisterwerken schon erfolgreich umgesetzt worden sind. An einigen Stellen hätte man den Plot auch deutlich straffen können, ohne vom Spannungsbogen elementare Situationen zu streichen „House of Leaves“ ist ein labyrinthischer Roman, ein sehr gutes und vor allem originelles Debüt. Die deutsche Buchausgabe des Klett Cotta Verlages ist sehr gut gelungen. Neben dem Überformat und dem stimmigen Titelbild, sowie dem grellen Buchdeckeln hat sich Ronald Hoppe mit seinem Satz bemüht, die optische Exzentrik des Originals adäquat zu übertragen.

Mark Z. Danielewski: "Das Haus"
Roman, Softcover, 827 Seiten
Klett Cotta 2007

ISBN 3-6089-3777-3

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