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Horror (diverse)



Michael Marano

Dawn Song

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Dawn Song” beginnt der Suhrkamp Verlag einige Jahre nach ihrer markanten phantastischen Reihe unter dem Label “Newgothic” eine neue Reihe von Horrorromanen. Der Erstling des Amerikaners Michael Marano ist sowohl mit dem begehrten Bram Stoker Award als auch dem International Horror Guild Award ausgezeichnet worden. Dietmar Dath agiert nicht nur als Herausgeber der neuen Reihe, sondern führt in seinem kurzen, pragmatischen Vorwort “Das Heimweh der Teufelin” den schon 1998 in den USA veröffentlichten Roman ein.

Gerade die Stimmung vor dem inzwischen in die Jahre gekommenen Jahrtausendwechsel intensiviert Marano in seiner 1990 spielenden Geschichte mit einem überirdischen Konflikt. Anscheinend versuchen die höllischen Mächte in Form von Massenhysterie, Krieg, religiösem Verfolgungswahn und schließlich auch einem Sukkubus die nicht weniger unschuldigen Menschen zu verführen und in die Hölle zu locken. In der Vorweihnachtszeit des Jahres 1990 erreicht der Sukkubi ein unscheinbares Boston. Der Sukkubus muss die Seelen von zwanzig Männern sich einverleiben. Wie es sich für die Legende gehört, greift sie ihre Opfer bei deren Wünschen und Sehnsüchten an. Nur die höllischen Gegenspieler pflanzen das Werkzeug ihrer Zerstörung in die menschlichen Seelen. So kommt es natürlich schnell zum ewigen Kampf zwischen Böse und weniger Böse in den Straßen Bostons. Zwischen den Fronten als Mittler zum Leser agiert der melancholische Buchverkäufer Lawrence, der die Trennung von seinem letzten Liebhaber noch nicht überwunden hat.

Michael Maranos Erstling ist sicherlich ein ambitionierter Roman, der mehr impliziert als der Autor expliziert erklären möchte. Die grundlegende Idee des Sukkubus als Verführer des Mannes im Speziellen ist nicht sonderlich neu. Viele Autoren wie Edward Lee oder Jess Franco in einem seiner besten Filme haben diesen Stoff aufgegriffen und von archaisch sexistisch bis verspielt erklärt. Dabei ist es schwierig, im Sukkubus alleine eine tödliche Bedrohung zu sehen. Die Figur muss schon ausgesprochen gut charakterisiert sein, das der Leser für sie Partei ergreift und die schwachen Männer bemitleidet. Um seine Absichten zu verstecken, greift der Autor auf eine ungewöhnlich fragmentarische Handlungsführung zurück und verzichtet auf großartige Erklärungen. Die Mission des Sukkubi, zwanzig Seelen aufzusammeln, wird relativ schnell und im Verhältnis zu anderen Teilen des Buches geradlinig erläutert. Alleine die Absicht der überirdischen Kreatur verschleiert Michal Marano genauso verschachtelt wie der Konflikt zwischen den beiden bösen Wesenheiten. Sergej Lukianenko ist in seiner Wächter Tetralogie einen Schritt zurückgetreten und hat den Kampf gut gegen böse auf die bekannten Klischees reduziert, zwischen denen alleine die interessant beschriebenen Wächter gestanden haben. Im vorliegenden Roman macht der Autor sicherlich aus übertriebenen Ehrgeiz den Fehler, die bodenständigen Handlung nicht mit dem metaphysischen Oberbau zu verbinden. So fehlen an vielen Stellen die Anschlusserläuterungen. Wie ihre Mission eine Niederlage einer scheinbar so viel mächtigeren dunklen Inkarnation bewerkstelligen kann, fehlt vollkommen. Die Exkursionen ins Surrealistische - so berichtet der Sukkubus von seiner Fleischwerdung - beleben die Handlung, wirken aber im Verlaufe des umfangreichen Romans mehr und mehr wie interessante Fragmente, die manchmal sehr notdürftig und widerwillig mit einer greifbaren Rahmenhandlung umgeben worden sind. Um das Lesevergnügen noch weiter einzuschränken und die intellektuellen Fähigkeiten des zahlenden Publikums zu reizen, versucht sich Marano für einen Erstling vielleicht die eigenen Fähigkeiten überschätzend an Parallelhandlungen, in denen die gleichen Ereignisse leider sich wiederholend und nicht immer sonderlich packend aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. Ein erfahrener Autor hätte dieses durchaus legitime stilistische Mittel routinierter und vor allem effektiver eingesetzt. Anstatt sich auf eine Handvoll wichtiger Handlungsträger festzulegen, welche die Leser durch den schwierigen Plot begleiten, springt Marano nicht immer wirklich effektiv oder auch nur in Ansätzen nachvollziehbar zwischen den einzelnen Handlungsebenen und Perspektiven hin und her. Eine Identifikation insbesondere mit Lawrence, der über weite Strecken zufrieden stellend beschrieben worden ist, findet nicht statt. Anscheinend hat sich Marano aber auch innerhalb des Romans verschätzt, denn knapp nach der Hälfte des Plots wird der Konflikt zwischen den beiden übermächtigen Gegnern um die Zukunft der Erde fallen gelassen. Alleine die historische Einordnung des Buches in die hysterische Zeit während des ersten Golfkrieges - der Roman ist ja vor dem 11. September und damit auch vor den folgenden Kriegen geschrieben worden - und die dunkle, nihilistische Beschreibung Bostons als Vorgriff auf die höllischen Visionen, die Autoren wie China Mieville einige Jahre später abliefern sollten, hält das Interesse des Lesers aufrecht. Hinzu kommt die überragende Beschreibung des Sukkubus, dessen Sichtweisen positiv gesprochen, den größten Teil des Buches einnehmen. Michael Marano hat sich sichtlich bemüht, eine vielschichtige, nicht eindimensionale oder gar klischeehafte Kreatur zu erschaffen, die viele Widersprüche - auch der Menschen - in sich vereint. Dem Buch hätte es sehr geholfen, wenn die Menschen aus der Perspektive dieses Wesens noch fremdartiger, noch bösartiger erschienen wären. Viele Facetten ihres Charakters finden sich in teilweise grotesk übertriebener Form in den Seelen wieder, die sie für ihre obskure Mission erfüllen muss.

Der Klappentext bezeichnet den Autoren als Spezialisten für Alchemie, Kabbalah und die Geschichte des Mittelalters. Leider gibt sich der Autor wenig Mühe, dieses sicherlich umfangreiche Wissen im Verlaufe seines Romans zu erläutern. Erklärungen oder weitergehende Erläuterungen werfen mehr Fragen als Antworten auf. Die theologischen bis esoterischen Theorien bremsen nicht selten die sich eher phlegmatisch entwickelnde Handlung an mehreren Stellen aus. Der Leser beginnt sich schnell zu fragen, ob diese Hintergrundfragen zum Verständnis des Romans wirklich wichtig sind. Da Michael Marano schließlich wie schon angesprochen auf seinen Hintergrundkonflikt plötzlich und unerklärlicherweise verzichtet, erübrigt sich eine Beantwortung dieser Frage. Obwohl sich Eva Bauche- Eppers mit der Übersetzung des Romans sehr viel Mühe gemacht hat, kann sie die stellenweise fast wie Phrasen sich entwickelnde Handlung nicht konzentrieren und die teilweise unnötigen Ausflüge hinterlassen hinsichtlich des Gesamtwerkes einen ungeordneten bis übertrieben künstlichen Endruck. Damit die verschiedenen Handlungsebenen, die im zufrieden stellenden Showdown zusammenfließen, auch wirklich funktionieren, muss eine entsprechende Spannungsebene erschaffen werden. Gruselige Szenen und unheimliche Details reichen für einen komplexen Roman nicht aus. Einzelne Szenen sind teilweise grandios bis unangenehm brutal geschrieben und erinnern an die Bahn brechenden Kurzgeschichten Clive Barkers. Im Gegensatz allerdings zum Briten kann Michael Marano einen derartig komplexen, aber unglücklich konzipierten Plot noch nicht alleine fokussieren. Vor allem hat der Leser schließlich das unbestimmte Gefühl, das zwischen den teilweise bizarr schönen Szenen, den durchaus vorhandenen gruseligen Szenen, der Verbindung zwischen realem Horror einer sich im Konflikt befindlichen amerikanischen Schmelztiegelgesellschaft und durchaus interessant gestalteten Beziehungen zum ewigen Konflikt hinter den Kulissen leider nur eine konstruierte Geschichte steckt, deren Nahtstellen all zu deutlich zu erkennen sind. “Dawn Song” ist ohne Frage ein interessantes literarisches Experiment, das deutlich macht, Michael Marano kann schreiben und seine Leser schockieren/verstören/überraschen. Aber der Fokus liegt auf einer theologisch eher fragwürdig präsentierten Theorie und keiner Beziehungsgeschichte zwischen liebeskranken Menschen und überirdischen Sukkubi. Weniger wäre an mehr als einer Stelle mehr gewesen- die Konzentration auf eine einfache, aber gut geschriebene Geschichte mit vor allem einem für “normale” Leser verständlichen Hintergrund. “Dawn Song” wirkt wie ein Roman eingefasst in eine esoterische Theologie, von der sich der Autor im Verlaufe des Plots wieder beschämt abgewandt hat. Solange der Leser die Geschichte an der Oberfläche verfolgt und nicht wie Maranos Kreatur unter die Haut der Opfer dringt, unterhält “Dawn Song” zufrieden stellend. Viele der präsentierten Ideen und Thesen halten aber einer kritischen Betrachtung nicht stand. Sowohl stilistisch wirkt manche Sequenz zu flapsig geschrieben und die Struktur des Buches ist unnötig hektisch bzw. verwirrend. Vieles ist Stückwerk, auch wenn man den Hut vor einem ambitionierten und ehrgeizigen Debütanten ziehen muss, es zumindest gewagt zu haben.


Michael Marano: "Dawn Song"
Roman, Softcover, 572 Seiten
Suhrkamp 2010

ISBN 3-5184-6139-7

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