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Horror (diverse)



Joe Hill

Black Box

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Black Box“ legt der Heyne- Verlag die erste Kurzgeschichtensammlung des amerikanischen Autoren Joe Hill vor. Um es gleich vorweg zu nehmen, Joe Hill ist Stephen Kings Sohn und die Ähnlichkeit auf dem Foto ist frappierend. Joe Hill möchte sich allerdings als Mensch und Autor außerhalb des übermächtigen Schattens seines Vaters bewegen. Darum verbietet sich auch ein Vergleich mit dem jetzigen bzw. früheren Stephen King Werk. Christopher Golden berichtet sehr euphorisch von seinen ersten literarischen und schließlich der einzigen persönlichen Begegnung mit Joe Hill. Hill dagegen nimmt den Faden sehr viel bescheidener wieder auf und integriert in sein Vorwort eine kurze, pointierte Geistergeschichte. Der einzige Text der Sammlung, welcher aus der Perspektive einer Frau geschrieben worden ist. Es ist eine melancholische Story um eine Schreibmaschine, welche auch nach dem Tod des Vaters sklavisch treu jeden Abend drei Manuskriptseiten von alleine verfasst. Das die von ihr geschriebenen Kurzgeschichten intensiver, emotionaler und vielschichtiger sind als die Texte, welche der Vater noch zu seinen Lebzeiten verfasst hat, ist eine ergreifende und sensible Pointe.

Zu Hills bekanntesten Texten gehört sicherlich die Auftaktgeschichte „Best New Horror“. Eddie Carroll gibt seit sechzehn Jahren die jährliche Anthologie „Best New Horror“ raus. Nicht mehr aus Überzeugung, sondern weil er den Scheck über 12.000 Dollar benötigt, um keinen richtigen Job übernehmen zu müssen. Moderner Horror mit seinen unzähligen Dracula- Variationen und Locevraft Hommage ermüdet ihn. Er vermisst seine Tochter. Als ihm ein unbekannter eine Geschichte aus seinem Magazin zuschickt, ist er von der Perversität und dem nihilistischen Ende begeistert. Er will „Button Boy“ unbedingt publizieren und macht sich auf die Suche nach dem Autoren. Über einen kleinen Fantasy- Con führt der Weg direkt in der amerikanische Hinterland und damit eine Gegend, welche Horrorfilmfans aus der Westentasche kennen. Das Interessante an Hills Geschichte ist weniger der Plot per se- dieser ist geradlinig und der Leser ahnt im Gegensatz zu Carroll, der es wissen müsste, das Ende voraus -, sondern Joe Hills unauffällige, sehr fundierte Art des Erzählens. Im Grunde drückt Hill das aus, was viele Horrorfans denken. Sie möchten, das das Genre wieder zurück zu den Wurzeln geführt wird. Zu den schönsten Geschichten der Sammlung gehört „20th Century Ghost“, eine Art „Field of Dreams“ Geisterstory. In einem kleinen Kino spuckt es. Ein Mädchen unterhält sich während der Vorstellungen mit dem Publikum. Der Erzähler erfährt, dass sie während der Aufführung von „The Wizard of Oz“ gestorben ist. Der Geist begegnet ihm zum ersten Mal als Jungen, später wird er selbst das Kino übernehmen. Als die Zeit der Puschentheater vorbei ist, helfen ihm einige Freunde, das Haus komplett zu renovieren. Alle haben ebenfalls das Mädchen in einer Vorstellung gesehen. Natürlich wird zur Premiere „The Wizard of Oz“ aufgeführt und damit ahnt der Leser wie bei „Best New Horror“ den Ausgang der Geschichte. Joe Hill ist allerdings kein Erzähler, der geradlinig auf eine billige und einfache Pointe zusteuert. Bei ihm zählt die ganze Geschichte und mit einfachen, aber effektiven Mitteln erschafft er sympathische, bodenständige Charaktere, an deren Schicksal der Leser teilnimmt. Wenn Hill dann auch noch die Atmosphäre der alten Kinos in Kombination mit den inzwischen selten aufgeführten Filmen verbindet, ist die Hommage an eine längst vergangene Zeit perfekt.

Zu den eher absurden, aber nicht minder faszinierenden Texten gehört „Pop Art“. Es geht um die tragische Freundschaft zwischen einem Jungen und einer aufblasbaren Plastikpuppe. Bevor die pervers sexuelle Phantasie mit den Leser durchgeht, diese Puppe lebt. Sie kann natürlich sich keinen spitzen Gegenständen nähern, sie kann nicht sprechen, sondern nur schreiben, sie ist kein Freund, mit dem man draußen toben kann, aber ohne auf Hintergründe einzugehen ist sie real. Eine sehr ruhige, aber emotional ergreifende Geschichte mit einem pointierten Ende. Es ist kein Horror, aber auch keine Mainstramliteratur. Mit „Pop Art“ nimmt Joe Hill die Feder von Ray Bradbury ohne dessen erzählerische Fähigkeiten zu kopieren oder zu erreichen auf. Er präsentiert eine absurde Idee mit einem ernsten Erzählergesicht und zieht den Plot bis zum bittersüßen Ende durch.

“Abrahams Söhne” ist eine Hommage an die Figuren die Bram Stoker entwickelt hat. Wie Hill allerdings in seinen kurzen Anmerkungen schreibt, wünscht er sich manchmal, andere Charaktere einfach zu adaptieren, um ihnen dann doch eigene Schöpfungen an die Seite zu stellen. In dieser Geschichte zeigt er auf, wie seltsam es für Van Helsings Söhne gewesen sein muss, ohne Mutter - Mina Harker - in den USA aufzuwachsen, während ihr Alkoholkranker Vater immer noch Vampire jagt. Er versucht die Söhne davon zu überzeugen, auch das Jagen von Vampiren zu erlernen- natürlich mit den entsprechend fatalen Folgen. Der Plot lebt aber nur von der originellen Prämisse, die Handlung selbst läuft zu geradlinig und manchmal ein wenig zu sehr mit dem Holzhammer entwickelt bis zum fatalistischen, aber wie oft für erfahrene Horrorleser sehr früh erkennbaren Ende ab.

In das Reich der “Twillight Zone” driftet Hill mit “das schwarze Telefon” ab. Ein Serienkiller entführt Jungen bis 12 Jahren, sperrt sie in seinen Keller und tötet sie schließlich. Im Keller gibt es ein altes schwarzes Telefon, das nicht angeschlossen ist. Natürlich kommunizieren zum ersten Mal die bislang getöteten Jungen mit dem aktuellen Gefangenen und versuchen ihm Ratschläge zu geben. Die Atmosphäre it dunkel und erdrückend, insbesondere die Figur des gefangenen und sich seines Schicksals bewussten Jungen außerordentlich gut gezeichnet. Hill hat der Geschichte wieder den gekürzten Epilog hinzugefügt, was den Plot auf einer Zufriedenstellenden und Nachhaltigen Note abrundet.

Mit „Das Cape“ wendet sich Joe Hill zum zweiten Mal nach einem „Spiderman“ Comic dem Superheldengenre zu. Ein Junge findet durch einen Zufall heraus, dass er mit dem selbst gemachten Cape – einer alten Decke, einem aufgenähten Blitz und dem Abzeichen seines in Vietnam gefallenen Vaters – fliegen kann. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Dieser lässt ihn für lange Zeit in seinem depressiven Leben nicht los. Die Geschichte endet auf einer sehr bitteren, düsteren Note, mit der Hill viele typische Verliererzüge seines Protagonisten negiert. Im Vergleich zu Ray Bradburys Geschichten um verlorene Unschuld und Jugend eine wunderbar geschriebene Geschichte mit dunklen Zügen und einem nihilistischen Ende, wie es nicht besser in unsere Gegenwart passt.

„Ein letzter Atemzug“ ist eine bizarre Geschichte. Durch einen Zufall gerät eine Familie in das Museum eines exzentrischen Sammlers. Dieser stellt hier in Glasbehältern die unsichtbaren letzten Atemzüge von bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten aus. Die Prämisse ist makaber und entspricht den Zeichnungen von Charles Addams – wie Joe Hill in seinen Bemerkungen auch treffend herausstellt -, die Geschichte selbst geradlinig und im Vergleich zu einen anderen Storys stimmig verhalten verfasst.

Zu den Höhepunkten gehört sicherlich „Bobby Conroy kehrt von den Toten zurück“. Gute Horrorgeschichten – in diesem Fall allerdings mehr eine Liebesgeschichte um zweite Chancen – funktionieren immer am besten, wenn die einzelnen Charaktere stimmig und überzeugend gezeichnet worden sind. Auf dem Set von Romeros „Zombie“ trifft Bobby Conroy seine alte Schulliebe wieder. Unter Zombie- Makeups unterhalten sich die beiden, er trifft ihren Sohn und später auch ihren gelangweilten Mann. Conroy selbst hat sich als Standup Komiker mehr schlecht als recht durch das Leben geschlagen, ist aber im Inneren immer noch der kleine Junge. Sie führt eine unglückliche Ehe, deren einziger Lichtblick ihr Sohn ist. Mit viel Gefühl baut Joe Hill die Chemie zwischen den beiden emotional angeschlagenen Menschen auf dem Kaufhausset auf. Der Hintergrund ist natürlich den Horrorfans vertraut und vor dieser mit viel Liebe zum Detail beschriebenen Kulisse spielt sich eine klassische, nicht pathetisch-kitschig oder emotional überzogene Liebesgeschichte ab. Eine lesenswerte Arbeit.

“Die Maske meines Vaters” ist eine dieser verstörenden Geschichten, in welcher die Prämisse fasziniert, die Ausführung aber noch Joe Hills Fähigkeiten überfordert. Eine Familie reist zur Hütte des kürzlich verstorbenen Großvaters, um dessen Nachlass für die eigenen Spielschulden zu verkaufen. Im Haus muss man Masken tragen und die einzelnen Familienmitglieder beginnen sich mehr und mehr zu entkleiden. Bis schließlich die Masken zu den Alter Egos ihrer Träger werden. Gegen Ende des Textes kann Joe Hill seine bislang wilde, aber nicht unbedingt einzigartige Idee nicht weiter ausführen und verliert sich in einem offenen unbefriedigenden Ende. Die Titelgeschichte “Black Box” ist eher eine Mainstreamgeschichte. Nolan legt sich mit dem Schulschläger Eddie Prior an und zieht den Kürzeren. Nolans geistig zurückgebliebener Bruder muss ihm schließlich helfen. Als dieser Jahre später aus seiner geschlossenen Anstalt verschwindet, beginnt sich Nolan an seinen Helfer zu erinnern. In diesem Text ähnelt Joe Hill am ehesten Stephen King. Ihm gelingt es, eine fremdartige Welt aus den Augen eines Normalen sichtbar zu machen und die Leser zum Nachdenken zu animieren. Dabei nutzt er im Grunde eine sehr einfache Allegorie. Die Jungen bauen eine riesige überdimensionale Ritterburg aus Kartons und anderen Resten. Sie wird zur neuen Stütze im Leben des behinderten Bruders, ein Platz, an welchem er sich zurückziehen kann und vor allem in dem er letzt endlich im übertragenen Sinne auch verschwindet. Eine schöne, anrührende Geschichte mit einem konsequenten, aber stimmigen Ende.


In einigen der Geschichten ist das phantastische Element auf das Rudimentäre reduziert. In den drei Texten seiner Baseballtrilogie setzt er sich in erster Linie mit den einfachen Menschen und ihren nicht einfachen Lebensabschnitten auseinander. Dann wieder experimentiert Joe Hill mit Kafka´schen Elementen - die Verwandlung eines Jungen in ein Rieseninsekt. Hill legt Wert auf eine genaue Charakterzeichnung seiner Figuren und zeigt, dass es im Leben trotz aller Widrigkeiten eine zweite und manchmal sogar eine dritte Chance gibt. Die ganze Sammlung von insgesamt siebzehn sehr unterschiedlichen Texten zeigt deutlich besser im Vergleich zu seinem ersten Roman „Heart Shaped Box“ Joe Hills erzählerisches Talent und seinen Mut, immer wieder neue Wege zu gehen. Neben den offensichtlichen Mainstreamtexten hat der Autor eine klassische Kriminalgeschichte der Sammlung beigefügt. Für den Horrorfan sind natürlich in erster Linie die phantastischen Geschichten interessant. Vom Splatter über Würdigungen der Klassiker des Genres bis zu psychologischen Thrillern ist alles vorhanden. Eine interessante und empfehlenswerte Kurzgeschichtensammlung.

Joe Hill: "Black Box"
Roman, Softcover, 400 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4538-1164-X

Weitere Bücher von Joe Hill:
 - Blind
 - Teufelszeug

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