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Horror (diverse)



Richard Laymon

Nacht

rezensiert von Thomas Harbach

Nach „Rache“, „Die Insel“ und „ Das Spiel“ legt der Heyne- Verlag im Rahmen seiner Heyne Hardcore Reihe einen weiteren Roman des im Jahre 2001 frühzeitig verstorbenen amerikanischen Pulphorrorautoren Richard Laymon vor. Geschrieben in der Ich- Perspektive erzählt die 26 jährige Alice den fatalen Ablauf einer Nacht und die sich anschließende Kette von Gewalt, Vergewaltigung, Kannibalismus und schließlich einem neuen Aufbruch. Mit sadistischem Vergnügen zeigt er erst auf den letzten hundert Seiten auf, dass Alices erster Instinkt, sich gegen den fremden Mann im Swimming Pool ihrer Freunde, zu wehren. Dieser hat ihr förmlich in der ersten Nacht, in der sie auf das Haus ihrer Freunde aufgepasst hat, förmlich aufgelauert und an die Fensterscheibe ejakuliert. Gleichzeitig ruft Tony seine Ex- Freundin Judith an und bietet sie, ihn wieder zurückzunehmen. Nur wählt Tony in seiner Aufregung die falsche Nummer und landet bei Alice. Diese berichtet ihm von dem Einbrecher und Tony macht sich ganz der Gentlemen – entgegen seines sonstigen Charakters, wie der Leser später von Judith erfahren wird – auf den Weg, Alice zu helfen. Diese sieht allerdings in ihm den Einbrecher und spaltet ihm mit einem an der Wand hängenden Säbel den Schädel. Diese Kette von Ereignissen beschreibt Richard Laymon auf den ersten Seiten seines Romans so konsequent, aber auch rasant, dass weder Alice noch dem Leser wirklich Zeit bleibt, über das Geschehen nachzudenken und/ oder alternative Wege zu beschreiten. Da Alice in ihrer Vergangenheit schon einiges erlebt hat und von drei Männern, die sie eine Nacht richtig „ran genommen“ haben, auch lebendig begraben worden ist, geht sie nicht zur Polizei, sondern beseitigt die Spuren der Leiche sehr sorgfältig selbst. Sie fährt den Wagen zurück in dessen Tiefgarage und macht sich auf den Weg nach Hause. Dann fällt ihr ein, dass es Wahlwiederholungen und Anrufbeantworter, die Gespräche mitschneiden, gibt. Also muss sie sich wieder auf den Weg machen, in Tonys Wohnung einbrechen und die letzten Spuren beseitigen. Leider ist die Anschrift allerdings nicht Tonys Wohnung, sie gehört Judith und die macht Alice mitten in der Nacht die Tür auf. Ab diesem Moment sinnt Alice nur nach Möglichkeiten, auch diesen roten Faden abzuschneiden. Koste es, was es wolle. Zum Glück hat Tony bei seinem hilflosen Versuch, Alice vor dem Einbrecher zu beschützen, eine geladene Pistole in der Tasche gehabt.

Richard Laymon lässt keine Zweifel, das zumindest Alice überleben wird. Sie erzählt ihre Geschichte. Mit ironischen Seitenhieben weißt sie die Leser gleich darauf hin, dass sie ihnen eine unglaubliche Story erzählen wird. Das sie Menschen ermordet hat. Das alle Namen erfunden sind. Das sie sich die Geschichte nicht unbedingt von der Seele schreiben will, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Immerhin hat sie nur zwei unschuldige Menschen umgebracht, den einen aus dem Affekt heraus, den anderen, weil er als Krimiautor zu neugierig gewesen ist. Zynisch könnte der Leser noch anmerken, dass der Kriminalschriftsteller vor seinem frühen Tod den Sex seines Lebens gehabt hat. Alice ist nicht unbedingt eine sympathische Figur, in wenigen fragmentarischen Rückblenden erfährt der Leser von ihrem nicht ganz leichten Leben, doch jetzt wohnt sie in einer kleinen Wohnung über der Garage bei guten Freunden, hat zwar kein Einkommen, aber dank ihrer Ersparnisse zumindest ein Auskommen. Sie ist kein schlechter Mensch und den ersten Mord im Affekt kann der Leser aufgrund der Umstände, dem Einbrecher, der Angst vor einer Vergewaltigung mit anschließender Ermordung auch verstehen. Am Ende des Buches wird Alice vor Augen gehalten, welches grausame Schicksal ihr gedroht hätte, wenn der Fremde auf der Terrasse ins Haus eingedrungen wäre. Nach der Ermordung Tonys versucht sie die Spuren zu beseitigen, alle Spuren. Und hier funktioniert Richard Laymons Roman am besten. Der Leser bleibt immer auf Augenhöhe der Protagonistin. Nicht selten hat er das Gefühl, als müsse er sich selbst an die Stirn schlagen, weil auch er das Offensichtliche beinahe übersehen hat. Mit stoischer Akribie versucht Alice den Verdacht von sich abzulenken und löst eine Kette von mittleren Katastrophen aus. Dabei macht ihr das Töten keinen Spaß, sie sieht in ihren Taten folgerichtige Notwendigkeiten. Moralisch weiß sie, dass sie für die Taten verantwortlich ist, der Katalysator ist allerdings der anonyme Einbrecher.

Ab der Mitte des spannenden Buches beginnt Richard Laymon allerdings wieder zu übertreiben. So begegnen Judith und Alice einem fettleibigen Kannibalen, der erst junge Mädchen vergewaltigt und anschließend auffrisst. Diese Szene – sie wird später am Ende des Buches noch einmal wichtig werden – gehört zu Laymons Splatterwerken, steht aber in einem zu starken Kontrast zu der bislang psychologisch glänzend ablaufenden Handlung. Es wäre für einen Roman wie „Nacht“ auch besser gewesen, die Kette von verhängnisvollen Ereignissen – immerhin gehört auch die unschuldige, ein wenig eindimensional und zu devot beschriebene Judith inzwischen zu den Ärgernissen, die beseitigt werden müssen – weiterzuspinnen und Alice mehr und mehr in die Defensive zu treiben. Nach dieser Verbeugung an die Splatterfreaks inklusiv entsprechender devoter Posen gehört die Konfrontation mit dem schriftstellerisch tätigen Nachbarn von Tonys Wohnung zu den besten Passagen des Buches. Erotisch bis pornografisch überzeugend mit der richtigen Mischung aus Sex und Bondage, dazu eine hervorragende Täuschung Alices, welche einen Moment glaubt, dass das Rad der Geschichte an den Anfang der ersten Nacht zurückgedreht worden ist. Nur ist sie jetzt nackt gefesselt und geknebelt auf dem Bett eines Fremden und damit endgültig hilflos. Allerdings übertreibt es Richard Laymon ab diese Stelle auch. Alice entfremdet sich von ihm mehr und mehr. Den ersten Mord lässt er sich noch Gefallen, diese Tat ist sinnlos und brutal. Während die Distanz zwischen Erzähler und Leser deutlich größer wird, geht es dem Letzteren nur noch darum, zu verfolgen, wie und ob ihren Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Das Ende des Buches ist opportun, allerdings lässt Laymon zu Gunsten eines runden Abschlusses insbesondere in Hinblick auf Judiths Charakter jegliche Glaubwürdigkeit fallen. Ihre Wandlung von einfachen, hübschen Mädchen zur Mittäterin nach der Begegnung mit den Kannibalen geht zu schnell, zu nahtlos. Dazu passt es, dass sie eine wichtige Schlüsselszene aufgrund ihrer Verletzung vergessen hat. Diese wichtigen Prämissen lässt Laymon an mehr als einer Stelle notwendigerweise, um den Plotverlauf nicht weiter aufzufasern, unter den Tisch fallen. Während der Lektüre des Buches fallen diese Schwächen nicht gleich auf, erst nachdem man das Buch zugeklappt hat, erscheinen diese unbearbeiteten Ecken und Kanten.


Richard Laymons kompakter und sehr cineastischer Stil treiben die im Grunde sehr geradlinige Handlung vor an. Die Konzentration auf eine einzige Perspektive ermöglicht es dem Leser kaum, dem Geschehen wirklich zu entfliehen. Während Alice gezwungen wird, immer weiter zu machen, um die eigene Haut zu retten, bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als dem Geschehen ungläubig und atemlos zu folgen. Immer wieder provoziert der Autor mit einigen zynischen Kommentaren die Voyeure. Und auch Alice schreibt die Geschichte ja einige Zeit nach den Ereignissen nieder, weiß während des Verfassens des Textes, das es Leser – und in diesem Fall steht Leser gleichbedeutend für Spanner – gibt. Teilweise macht es Laymon/ Alice sehr viel Spaß, die Geschichte zu überdrehen und insbesondere die bürgerliche Moral als Farce zu entlarven. Allerdings zeigen sich auch Anzeichen eines latenten Wahnsinns in Kombination mit homosexuellen Neigungen und einer übersteigerten Gewaltbereitschaft Alices. Ein Kompromiss an das bigotte und konservative/ prüde amerikanische Publikum, das sich nur bis zu einem bestimmten Grad reizen lässt? Diese Frage lässt sich schwer beantworten, aber wenn Richard Laymon anstatt der vom Leben gezeichneten und deswegen auch so zynisch emotionslos agierenden Alice ein unschuldiges junges Mädchen genommen hätte, das noch niemals mit Gewalt und sexueller Unterdrückung in Berührung gekommen wäre, hätte sein Roman noch perfekter, noch besser und vor allem noch provokanter gewirkt. „Nacht“ ist die für Richard Laymons Werk so typische Mischung aus Sex und Gewalt, eine Alltagssituation, die eskaliert. Im Vergleich zu „Das Spiel“ oder „Die Insel“ wirkt die Basis, auf welcher er seine Geschichte entwickelt hat, sehr realistisch. Jede Frau und mancher Mann hat Angst vor einem brutalen Einbrecher, der das eigene Heim und schließlich den Körper schändet. Wie verhält man sich, wenn man in dieser Extremsituation einen Menschen erschlagen hat? Geht man zur Polizei und versucht mit ihnen eine Geschichte aus Missverständnissen und Affekthandlung gesetzestreu zu ordnen? Die meisten Leser werden diese Fragen mit einem eindeutigen Ja beantworten und doch mit einer Mischung aus Schuldgefühl und Lust „Nacht“ lesen. Auch wenn Richard Laymon kein großer Autor im Sinne eines Stephen King, Peter Straub oder Dean Koontz gewesen ist, gehörte es zu seinen Stärken, aus dem Nichts heraus eine ungeheure Spannung zu erzeugen. „Nacht“ ist ein typisches Beispiel, nicht mehr so Frauenfeindlich wie „Die Insel“, sondern mitreißend und packend geschrieben auf einem allerdings niedrige versteckte Instinkte ansprechenden Niveau. Laymon polarisiert nicht, er provoziert seine Leser mit seinen in Punkto Gewalt und Sex schwarz weiß geschriebenen Büchern.

Richard Laymon: "Nacht"
Roman, Softcover, 518 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4536-7536-3

Weitere Bücher von Richard Laymon:
 - Das Grab
 - Das Spiel
 - Das Treffen
 - Der Gast
 - Der Keller
 - Der Käfig
 - Der Pfahl
 - Der Regen
 - Der Ripper
 - Der Wald
 - Die Insel
 - Die Jagd
 - Die Show
 - Finster
 - Inferno
 - Night Show
 - Rache

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