Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Horror (diverse)



Jack Ketchum

Beutezeit

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Beutezeit” aus der Feder Jack Ketchums liegt nicht nur dessen erster Roman – 1980 zum ersten Mal veröffentlicht, 1999 ein weites Mal und schließlich vor zwei Jahren zusammen mit der Fortsetzung „Offspring“ noch einmal als ungekürzte(!) Ausgabe erschienen – vor, sondern eines der Werke, das die Diskussion um den Begriff der Gewaltpornographie anheizte. Zwischen der Erstveröffentlichung und der ersten Deutschen Ausgabe sind 27 Jahren vergangen und wie bei einer Reihe von Titeln aus der Heyne Hardcore Reihe hat ein deutscher Verlag jetzt erst den Mut, diese Bücher herauszubringen. In den Staaten sind Autoren wie Richard Laymon – dessen Bücher allerdings meistens als billige Taschenbuchausgaben erschienen sind -, Ray Garton und Jack Ketchum Geheimtips für die Leser, die sich beim Mainstream- und psychologischen Horror a´la Peter Straub oder Stephen King langweilen. Das Kino hat deren Gewalt tätige und oft absichtlich provozierende Bücher erst jetzt mit Machwerken wie „Saw“ oder „Hostel“ erreicht. Das Absurde an dieser Tatsache ist, dass sich in den USA der Horror wieder auf eine psychologische Ebene zurückzieht und selbst Autoren wie eben Ketchum inzwischen hervorragende Mischungen aus der von ihm erwarteten Gewalt und entsprechender Charakterentwicklung abliefern. In den achtziger Jahren wollte der unter dem Ketchum- Pseudonym schreibende Autor sich in erster Linie einen schnellen und notorisch berüchtigten Ruf erschreiben.

Im Mittelpunkt seines Buches steht die Legende um den primitiven Clan um Sawney Beane, der in einer Höhle in der Nähe des Meeres in Schottland gehaust hat. Sie haben sich von Menschenfleisch ernährt, Wanderern, welche in dieser einsamen Gegend verschwunden sind. Erst später hat die britische Armee sind gejagt und schließlich getötet. Diese Legende bildet die Grundlage für eine Reihe von Filmen. In den siebziger Jahren “The Hills have Eyes”, “Raw Meat” – hier haust der Clan in einem verlassenen U-Bahnschacht – oder mit komödiantischen Tendenzen „C.H.U.D.“ Der letzte Nachkomme dieses Subgenres ist im Jahre 2005 „The Descent“ gewesen. Jack Ketchum verlegt seine Geschichte in die Wälder Maynes, in Stephen Kings Reich. Dieser hat sich in seinem umfangreichen Werk niemals expliziert mit Kannibalismus auseinandergesetzt. Wie King verfügt Ketchum über einen sehr fließenden, sehr cineastischen Stil, in dem er seine Geschichten erzählt. Im Falle von „Beutezeit“ ist dies auch notwendig, da der grundlegende Plot dem Leser sehr schnell bekannt vorkommt. Eine kleine gemischte Gruppe will ein unbeschwertes Wochenende in einer einsamen Holzhütte verbringen und natürlich werden sie Opfer der wilden Jäger. Ohne direkt auf einen politischen Hintergrund zuzusteuern, muss sich Ketchum doch den Vorwurf gefallen lassen, insbesondere die schönen, naiven, aber reichen Stadtbewohner sehr eindimensional bis unsympathisch charakterisiert zu haben. Im Film könnte man von klassischen Opfern sprechen, in einem Roman ist diese Art der Beschreibung eindeutig zu wenig. Wenn Jack Ketchum schon in seinem ersten Buch das oberflächliche Leben des amerikanischen Mittelstandes mit seinen wechselnden sexuellen Partnerschaften, den fehlenden Begriffen von Treue und Ehre kritisieren wollten, sind interessante Ansätze vorhanden. Aber dieses Lamentieren nimmt immerhin Zweidrittel des Buches ein und ist für einen Horrorroman eindeutig zu viel. Wenn schließlich die „Familie“ auftaucht und beginnt die Städter zu dezimieren, dann nimmt sein Roman rein aus dem Gesichtspunkt der Gewalt an Fahrt auf. Über Generationen hat bei den Kannibalen Inzest geherrscht, was sich nicht nur in den degenerierten Genen zeigt. Während der Zuschauer der Kannibalenfilme bis auf die verachtenswerte Gewalt gegen Tiere meistens über die schlechten Tricks lachen kann, nimmt Jack Ketchum hier kein Blatt vor den Mund. Brutal, grausam, sadistisch, voller Blut, Gore und Splatter schlachtet der Autor auf den letzten Seiten die einzelnen Städter ab. Im Gegensatz zu einer Reihe von Filmen wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“ unterscheidet der Autor zwischen den verweichlichten Zivilisationsmenschen und den unüberwindlichen Kannibalen. Der zynische Humor der ersten Seiten verschwindet gänzlich und zurück bleibt eine Orgie der Gewalt, welche die bisherigen Veröffentlichungen von Romanen eines Richard Laymon oder Ray Garton in den Schatten stellt.

In späteren Interviews hat Ketchum mehrmals betont, dass er dem immer oberflächlicher werdenden Horrorgenre mit diesem Roman sein blutiges Herz zurückgeben wollte. Das er sich im Genre an sich sehr gut auskennt, lässt sich an einigen sehr spannenden Passagen des Buches ablesen. Immer wieder hat der Leser das Gefühl, diese Situation, diese Szene schon einmal wo anders gelesen oder gesehen zu haben, wenn der Autor den Spieß umdreht und im Rahmen seines Szenarios das bisher Geschehene auf den Kopf stellt. Aufgrund der oberflächlichen Charaktere und der Absonderlichkeit der Familie hält sich allerdings das Vergnügen der Leser über die reine Gewalt hinaus in Grenzen. Sicherlich ist der Vorwurf der Gewaltpornographie berechtigt, aber Jack Ketchum verlegt sein Szenario in eine Art Niemandsland mit einer aus heutiger Sicht eher phantastischen Prämisse. Im Vergleich zu der Realität oder guten Hardboiled Kriminalliteratur – siehe etwa die Romane Andrew Vachss, dessen Ermittler Burke die schwächsten Mitglieder des Großstadtmolochs oft vergeblich zu schützen, dann allerdings zu rächen sucht - lässt sich Ketchums eindeutig als Fiktion gekennzeichnete Story noch eher ertragen. Im Vergleich zu den zu Beginn der Besprechung angesprochenen Filmen, von denen einige in der Gegenwart unnötige Remakes erleiden mussten, haucht er der alten Legende neues Leben ein. Das liegt weniger an der stringenten Handlungsführung, deren drei Ebenen nicht immer gut harmonieren und die natürlich vorhersehbar und wenig überraschend im letzten Drittel zusammenlaufen, sondern an Ketchums Art zu schreiben. Kurze, prägnante Sätze, die Dialoge sind absichtlich überzeichnet und am Ende des Buches zeigt der Autor auf, zu welchen Grausamkeiten Menschen gegenüber der eigenen Rasse fähig sind. Aus der Sicht des Clans geht es um ein sadistisches Vergnügen der Nahrung gegenüber. Es stellt sich für den Leser unbewusst die Frage, wenn er von den unwürdigen Umständen der Tiertransporte und dem Leiden der Nutztiere liest, ob Jack Ketchums in seine blutigen Zeilen nicht doch eine Warnung integriert hat. Sie ist vielleicht – im Vergleich zu seinen späteren Büchern – zu zart und zu leicht zu überhören, aber „Beutezeit“ ist eines der am meisten kritisierten Bücher. Splatterfans wie Chas Balun haben Ketchum und seinen Roman in den höchsten Tönen gelobt. In den letzten fast dreißig Jahren ist der Roman nicht nur in Würde gealtert, sondern vor allem hat sich das Genre an sich auf sein Niveau herunter begeben und Filme wie „Hostel“ müssen wohl oder übel auf ihre Wurzeln in diesem Roman hinweisen. Kein Buch für zartbeseitete Leser und vor allem nicht jedermanns Geschmack.

Jack Ketchum: "Beutezeit"
Roman, Softcover, 300 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4536-7507-X

Weitere Bücher von Jack Ketchum:
 - Amokjagd
 - Beutegier
 - Die Schwestern
 - Evil
 - Wahnsinn

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::