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Horror (diverse)



Graham Masterton

Das Insekt

rezensiert von Thomas Harbach

In den letzten Jahren hat sich der in Irland lebende Graham Masterton auf den Grenzbereich zwischen Horror und psychologischen Thriller konzentriert. Auch die ursprünglich unter dem passenden ironischen Titel „Bonnie Winter“ im amerikanischen Kleinverlag Cemetary Dance
Erschienene längere Novelle, die Heyne hier zu einem Roman aufbläst, gehört in diese Kategorie.
Im Mittelpunkt dieser spannenden, stellenweise entnervend unter die Haut gehenden Geschichte steht Bonnie, eine Frau, die sich aus der Not in einer Marktnische selbstständig gemacht hat. Sie reinigt oft auf Rechnung von Versicherungen Tatorte. Brutale, schreckliche Orte des Verbrechens, dort wo Menschen die ihnen am nächsten Stehenden brutal umbringen. Meistens im Schlafzimmer, wie die Protagonistin Bonnie mit einem Hauch Zynismus dem Fernsehstar auf seiner Party ins Gesicht sagt.

Ihr Mann ist arbeitslos und ist unwillig, einen neuen Job zu finden. Faul, machohaft und selbst verliebt lässt er seine Frau gleich mehrere Jobs erledigen, das Haus säubern und ihm amerikanisches und nicht mexikanisches Essen kochen. Ihr Sohn hat eine schwierige Phase in seiner persönlichen Entwicklung und prügelt eines Nachts auf Mexikaner ein.

Auf ihrer zweiten Arbeit versucht ihr sadistisch-masochistisch veranlagter Chef ihr an die Wäsche zu gehen. Er kitzelt aus ihr hervorragende Leistungen als Verkäuferin seiner Produkte heraus und weiß, dass er sie auf der nächsten Konferenz als Betthäuschen für seinen größten Kunden braucht.

Der einzige ruhende Pol in Bonnies Leben ist der Detektiv, der ihrer Reinigungsfirma die Aufträge gibt.

Zu Beginn führt Bonnie ein schwieriges, doch normales Leben. Nur ihr ungewöhnlicher Beruf hebt sie von den Anderen ab. Nach und nach verändert sich ihre Welt, es treten mehr ungewöhnliche und kritische Situationen im Familienverbund auf . In seinem geradlinigen Aufbau nutzt Graham Masterson Elemente, die in Deutschland in erster Linie Walter Kempowski Familiensagen schmücken: Kochrezepte, Artikel, Einkaufszettel. Diese eingestreuten alltäglichen Dinge lenken das Auge des Lesers immer wieder vom unvermeidlichen Abstieg in den Wahnsinn ab. Mit dramatischer, verletzender Offenheit beschreibt der Autor stellvertretend in Person der Reinigungsfrau die Folgen von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Selbstmorden und Verbrechen aus Leidenschaft. Drastisch entlarvt er die in ihrer Kunstwelt verharrenden Schauspieler als die größten und mitleidslosesten Voyeure. Gierig saugen sie echte Tragödien ein und Bonnie muss erkennen, dass ihr Job und nicht ihre Persönlichkeit ihr die Tür einen Augenblick in die High Society geöffnet hat.
Das der deutschen Ausgabe den Titel gebende Insekt führt Masterton meisterlich als augenscheinliches Horrorelement in die Handlung ein. Und der Leser möchte ihm seine Fiktion glauben, weil er inzwischen so sehr an Bonnies bitterem Schicksal teilnimmt, weil er Mitleid mir ihr hat und auf der anderen Seite seinen Hut vor ihrer Geduld zieht. Ein größeres Kompliment bei der Erschaffung eines literarischen Charakters kann der Leser einem Autoren nicht machen.

Dabei versteckt der Autor nicht einen Augenblick seine Intention, seinen Weg. Die Stärke dieser originellen Charakterstudie liegt im Unglauben seiner Leser, ihm wirklich auf diesem Weg zu folgen. Mit seiner realistischen Darstellung alltäglicher Begebenheiten und der Dekonstruktion des klassischen Familienverbandes zu einer Gemeinschaft von gegenseitig abhängigen Parasiten beschreibt er die moderne, rücksichtslose Industriegesellschaft als den klassischen Nährboden unglaublicher Gewalt. Und das im Gewand einer lesenswerten und unglaublich konzentrierten Studie einer Frau am Rande des Abgrundes.

Graham Masterton: "Das Insekt"
Roman, Softcover, 255 Seiten
Heyne 2005

ISBN 3-4534-3007-7

Weitere Bücher von Graham Masterton:
 - Bluterbe

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