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Horror (diverse)



Neil Gaiman

Coraline

rezensiert von Thomas Harbach

Neil Gaiman ist für Überraschungen gut. Nach dem epischen, düsteren und phasenweise unglaublich packenden „American Gods“ legt er ein kleines, wenn auch gleichfalls düsteres Buch für jüngere Erwachsene und erwachsene Jugendliche vor. Im Gegensatz zum Vorgängerroman mit mehr als fünfhundert Seiten benötigt ein routinierter Leser knappe eineinhalb Stunden für dieses interessante Buch. Gaimans Stärke als Schriftsteller ist seine verblüffende Fähigkeit, seine Geschichten besser oder bedeutender erscheinen zu lassen als sie im Kern sind. Neben einem guten Auge für Details schmückt er seine Texte mit einer Unmenge von historischem Wissen – oft aus dem Kontext gerissen und auf eine andere zeitliche, auf den ersten Blick konträre Ebene versetzt – aus. Dabei konzentriert er sich auf eine gelungene Atmosphäre, die oft Schwächen im Handlungsaufbau oder einer geradlinigen Handlungsführung überdeckt. Das funktioniert in seinen Comics ebenso glänzend wie in verschiedenen seiner Romane. Selbst in seinem auf einem Drehbuch basierenden Erstling „Neverland“ konnte er im heutigen London eine morbide Zeitwelt etablieren. In einer so kurzen Geschichte, für ein jugendliches Publikum geschrieben, funktionieren einige seiner Stärken nicht von vorneherein und eine gewisse Inhaltsleere stellt sich ein.

Coraline Jones Familie ist in ein in Eigentumswohnungen aufgeteiltes altes Haus umgezogen. Eine Woche vor Schulbeginn langweilt sich das Einzelkind schrecklich. Obwohl beide Elternteile zu Hause arbeiten, haben sie keine Zeit vor ihre Tochter. Der Vater sitzt vor dem Computer, die Mutter versucht die häuslichen Pflichten als eine Art Pflichtübung abzuarbeiten und Coraline mehr mitzuschleifen als zu integrieren. Zwei Nachbarn im Haus behaupten in ihrer Jugend Schauspielerinnen gewesen zu sein, der Mann unter dem Dach trainiert Ratten, die noch niemand gesehen hat. Sie sollen Instrumente spielen lernen.

Auf einer ihrer Expeditionen durch das Haus und dessen unmittelbare Umgebung stößt das Mädchen in der Wohnung ihrer Eltern auf eine verschlossene Tür. Ihre Mutter zeigt ihr, das die Wand hinter der Tür zugemauert worden ist. Dahinter liegt eine weitere Wohnung.
Am gleichen Tag lesen die beiden älteren Damen in ihren Teeblättern Gefahr für Coraline, die Ratten lassen ihr durch ihren Trainer ausrichten, dass sie auf keinen Fall durch die Tür gehen soll und schließlich entdeckt sie beim zweiten Öffnen der Tür einen Durchgang – die Mauer ist verschwunden – in eine zweite Wohnung. Diese gleicht der ihrer Eltern bis aufs Haar, selbst Mutter und Vater sind vorhanden. Der gravierende Unterschied sind die Knopfaugen – das ist genauso gemeint wie es Gaiman beschrieben hat – der Eltern und das sich diese Coraline als ihre anderen Eltern vorstellen. Diese bemühen sich um eine übertrieben liebevolle Atmosphäre. Doch Coraline hat bei ihnen ein schlechtes Gefühl und kehrt schließlich in ihre Welt zurück. Dort sind ihre echten Eltern verschwunden.

Anscheinend lieben ihre anderen Eltern das Mädchen so sehr, dass sie alle Hindernisse für eine glückliche Familie aus dem Weg räumen. Oder haben sie andere Motive ?

Die Kürze der Geschichte erlaubt es Gaiman, eine Reihe von Schrecken in seine geradlinige Geschichte zu integrieren. Dabei zieht er alle literarische Register- von der unheimlichen Atmosphäre im Haus, den skurrilen, wahrscheinlich verrückten und doch interessanten Nachbarn, über die lieb- und gedankenlosen Eltern bis zur Warnung, nicht durch die Tür zu schreiten, reihen sich typische Elemente klassischer und moderner Märchen in loser Folge aneinander. Gaimans Stärke ist, diese einzelnen Handlungspunkte zu verstärken, die Atmosphäre zu intensivieren und dem Leser das Gefühl zu geben, eine einmalige Geschichte zu lesen und Sympathie zu allen Charakteren aufzubauen. Alle diese Punkte funktionieren mit einer schon beneidenswerten Routine in diesem Buch. Gaiman beherrscht seine Nische zu sehr als das er nur einen Augenblick Zweifel an seinen schriftstellerischen Fähigkeiten aufkommen lässt. Wie einige andere seiner „Kindergeschichten“ in Comicform ist CORALINE Grenzbereich, nicht unbedingt für das Zielpublikum – achtjährige Kinder – geeignet und mit einigen inhaltlichen Schwächen versehen, um ein älteres Publikum zu befriedigen.

CORALINE ist keine gewalttätige Geschichte. Im Vergleich zu Grimms Märchen geht es über weite Strecken friedlich zu und es finden sich eher Parallelen zu Roald Dahls Kurzgeschichte „The Witches“ als zu den klassischen Märchen. Das Ziel von Märchen ist es auch weniger, Kinder in den Schlaf zu wiegen, sondern aufzurütteln und vor Gefahren zu warnen. Das Leben im Märchen ist keine zuckersüße Schlaraffenlandsaga, sondern eine Widerspiegelung eines stetigen Überlebenskampfes. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Texte immer weicher und angepasster. Die stetige Mahnung vor Gefahren und das Befolgen von elterlichen Befehlen sind allerdings weiterhin die dominierenden Bestandteile gut erzählter Märchengeschichten. Das kommt die obligatorische Moral am Ende der Geschichte. Von Fremden keine Geschenke annehmen oder einfach auf eigene Faust in der Gegend herumwandern, weil dir Gefahren drohen. Heute aktueller denn je. Seit jeher war das Ziel der Märchen, den Glauben an die klassischen Werte zu stärken und den Zusammenhalt der Familie gegen jegliche Gefahren zu unterstreichen. Obwohl sie oft die Anweisungen der Eltern (noch) nicht verstehen, meinen sie es gut und wollen nur das Beste für ihr Kind. Obwohl Gaiman zumindest zu Beginn seiner Geschichte ähnliche Ansätze verfolgt, verliert er schnell den roten Faden. Ist die Moral dieser Geschichte, keine verschlossenen und zugemauerten Türen zu öffnen? Welche Metapher plante Gaiman mit den auf den ersten Blick faszinierenden Anderen Eltern? Warum führte er diese Idee auf breiterer Ebene nicht weiter aus?

Eine andere Botschaft arbeitet Gaiman richtig heraus, macht aber den Fehler, der Message keinen Rückhalt, keinen Boden zu geben. Coralines andere Eltern versprechen ihr alle Dinge, die sie von ihren richtigen Eltern aufgrund deren Gleichgültigkeit nicht bekommen kann. Coraline lehnt dieses Angebot ab, weil sie schnell erkennt, dass Dinge, die man sich nicht verdient, keinen Wert haben. Dieser auch heute noch wichtigen Moral fehlt allerdings die Grundlage. Coraline wird als bodenständiges, wenn auch aufgeschlossenes und neugieriges Kind beschrieben. Sie ist aber weder eitel noch fordert sie ständig etwas von ihren Eltern. Das einzige, was sie vermisst, ist elterliche Fürsorge und Liebe. Ausgerechnet die beiden wichtigsten Dinge, die Kinder nie fordern sollten und die ein Kind auf gar keinen Fall sich verdienen muss. An keiner Stelle des Textes spielt Gaiman mit dem Gedanken, seiner jungen Heldin mehr in den Mund zu legen als diese beiden elementaren Forderungen. Damit negiert er komplett seine zu hastig formulierte Botschaft und beginnt seine eigene Geschichte zu untergraben.

Außerdem verzichtet er auf jegliche Erklärungen. Der Leser muss sich selbst Gedanken über die Herkunft der anderen Eltern machen. Oft war in Gaimans Comics die Kombination phantastischer Elemente mit bizarr simplen bodenständigen Erklärungen der Schlüssel zu seinen Texten.
Außerdem lässt sich nicht klar erkennen, warum die Anderen Kinder fangen. Wie setzt sich die Spiegelwelt zusammen?

Alles Fragen, die die Geschichte komplizieren könnten. Sollte es die Intention Gaimans gewesen sein, den Text einfach für Jugendliche zu halten, so hat er vergessen, ihnen ein notwendiges Gegengewicht zu den alptraumhaften Bildern seiner Story zu geben. Kinder können auch böse Geschichten verarbeiten, wenn sie die gesunde und elementare Botschaft am Ende der Ereignisse verstehen können und umzusetzen lernen.

Gaiman geht einen Schritt weiter und verschlimmert seine wahrscheinlich gut gemeinte Absicht. Coraline ist eine eigenständige Persönlichkeit, ein Mädchen, das gelernt hat, im Rahmen der elterlichen Fürsorge auf eigenen Beinen zu stehen und sich auf das eigene Urteil zu verlassen. So kommt es nicht überraschend, dass sie in unserer Welt sich dem Bösen stellt und es in dem obligatorischen Showdown besiegt. Damit überschreitet allerdings der bislang realistische Text mit surrealistischen Einlagen die Grenze zur Fantasy. Denn das Böse lässt sich niemals auf eine so simple, fast schon aufreizend einfache Art besiegen und der Autor suggeriert damit eine falsche Sicherheit. Viel wichtiger wäre es gewesen, den Kindern aufzuzeigen, dass sie sich dem Bösen nicht alleine stellen sollen und das das Böse zu raffiniert ist, um von einem Kind BESIEGT zu werden. Viel wichtiger ist es für Kinder, sich von Beginn an vor dem Bösen in ACHT ZU NEHMEN. Damit vermittelt Gaiman den Lesern ein falsches Gefühl der Sicherheit. Das ist auf gar keinen Fall das Ziel selbst des düstersten Märchens und Gaiman verfehlt die selbstgesteckten Ziele, eine märchenhafte Geschichte für Jugendlich zu schreiben deutlich. Hier kann der Leser Gaiman fehlende Lebenserfahrung im direkten Umgang mit Kindern erkennen.

CORALINE ist weiterhin eine unterhaltsame Geschichte, eine Mischung aus verfehlten Jugendbuch und Comic mit einer geradezu simplen und oberflächlich angelegten Geschichte. Es ist auf keinen Fall ein Märchen für Achtjährige, es ist gar kein Märchen. Dessen müssen sich verantwortliche Eltern im Klaren sein, wenn sie dieses Buch kaufen und vielleicht achtlos an Kinder verschenken. Damit spielt er nicht den anderen Eltern in die Hand, sondern hilft der Dummheit, einen weiteren Sieg zu erringen.

Neil Gaiman: "Coraline"
Roman, Softcover
Heyne 2005

ISBN 3-4534-0060-7

Weitere Bücher von Neil Gaiman:
 - American Gods
 - Anansi Boys
 - Zerbrechliche Dinge

Leserrezensionen

Leserrezensionen
28.09.05, 22:10 Uhr
Christina
unregistriert


Ich stimme damit überein, dass "Coraline" wohl nicht das harmloseste Kindermärchen ist, aber welches Märchen ist schon wirklich "harmlos"?

Ich habe das Buch auf jeden Fall sehr genossen, allerdings eben vom Standpunkt eines erwachsenen Lesers, dem schaurige, bizarre Geschichten gefallen.

Es wird immer wieder kritisiert, dass Gaiman die Motive der Anderen, Coraline bei sich haben zu wollen, nicht aufklärt, ich finde schon, dass er einen Hinweis gibt.
Die Katze selbst verrät Coraline, dass die andere Mutter sie dabehalten will, weil sie sich "something to love" wünscht.
Für mich steht die andere Mutter als ein Symbol für eine pervertierte, grausame Art von Liebe, wie es sie eben auch in der Wirklichkeit geben kann.
Vielleicht kann man das nur als Erwachsener nachvollziehen, das muss allerdings nicht sein.

"Coraline" bleibt für mich auf jeden Fall eines der spannendsten und interessantesten Bücher, die ich gelesen habe, und ich würde es - wenn auch nicht unbedingt kleinen Kindern - sofort weiterempfehlen.