Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Horror (diverse)



Joe Hill

Blind

rezensiert von Thomas Harbach

Joe Hills Debütroman „Heart- Shaped Box“ erscheint als gediegen gestalteter Hardcoverband unter dem eher metaphorischen Titel „Blind“ im Heyne Verlag. Inzwischen ist bekannt geworden, dass Neil Jordan den Roman verfilmen wird. Nicht wenige Kritiker sprechen von Stephen Kings legitimen Nachfolger. Eine große Bürde, die auf die Schultern des 1972 geborenen Amerikaners gelegt wird. Nach einer Reihe von Kurzgeschichten, von denen einige den Weg in die „Year´s Best Anthologien gefunden haben, legt er mit „Blind“ seinen ersten Roman vor. Der vorliegende Roman hat aber in Bezug auf die Prämisse sehr starke Ähnlichkeit mit einer von Joe Hills Kurzgeschichten „Best new Horror“, die in seiner ersten Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht worden sind. In beiden Fällen handelt die Story von Männern, die in ihren außergewöhnlichen Berufen – Editor der jährlichen Horroranthologie und Rockmusiker – sich verzerrt haben. Sie sind beide müde. Während sich der Herausgeber der jährlichen Sammelbände nicht mehr durch den Dreck von Gewalt und Perversion quälen will, hat der Rockmusiker immer noch das abgeschwächte Bedürfnis, exotische, mysteriöse, groteske oder perverse Gegenstände zu sammeln. Dem einen kostet sein Beruf die Frau, dem Rockmusiker ein echter Snuff- Film, den er einem Polizisten abgekauft hat. Während der Herausgeber durch eine herausragende Geschichte motiviert wird, den Autor zu besuchen und mehr über das potentielle verstümmelte Opfer, das verzweifelt versucht, wieder mit seiner Umgebung in Kontakt zu treten, zu erfahren, wird dem Rockmusiker ein Geist angeboten. Im Gegensatz zum Editor hat er zumindest wieder eine sehr junge, attraktive Freundin. Diese sieht er allerdings mehr als Gespielin denn echten Partner an. Für beide wird allerdings der jeweilige Katalysator – die Geschichte oder einen Geist kaufen – zu einer die persönlichen Grenzen erweiternden Erfahrung. Am Ende der Kurzgeschichte und des Romans sind sie nicht mehr die gleichen Menschen. Für den Leser und ihre Mitmenschen sind sie allerdings deutlich zugänglicher geworden.

Mit der Figur des alternden Rockers Jude – dessen andere Bandmitglieder durch Drogen und einen Autounfall ums Leben gekommen sind – hat es sich Joe Hill nicht unbedingt leicht gemacht. In Stephen Kings besten Romanen gehörte eine sympathische Identifikationsfigur in den Mittelpunkt des Geschehens, um den schrecklichen Ereignissen eine emotionale schockierende Grundlage zu geben. So lebt er von der Welt abgeschieden mit seiner jungen auf gothic stehenden Freundin, seinen beiden Hunden, einem willigen Helfer, der sich um den technischen Kram seiner im Grunde vergangenen Karriere kümmert und seiner obskuren Sammlung auf einer abgeschiedenen Farm im Staat New York. Seine Freundinnen hat er immer nach den Staaten benannt, in denen er sie aufgegabelt hat. Jetzt lebt er mit Georgia zusammen. Im Grunde wird Joe Hills Beschreibung ihrer Person wie eine Chiffre. Reduziert auf vordergründige Klischees, eindimensional, fast frauenfeindlich. Im Verlaufe des Romans wird sich herausstellen, dass diese provozierende Charakterisierung Absicht gewesen ist. Nur so kann er den inneren Reifeprozess – bei einem Mann von immerhin vierundfünfzig Jahren eine „reife“ Leistung – Judes besser darstellen und ihn auch an Äußerlichkeiten sichtbar machen. Die Tragödie beginnt, als Jude aus Jux im Internet einen Geist für 1000 Dollar kauft. In einer herzförmigen Box inklusiv des besten Anzuges des verstorbenen alten Mannes wird der Geist geliefert und beginnt sein unseliges Werk. Im Verlaufe des Romans wird Jude – zusammen mit dem Leser feststellen -, dass der Geist mit seiner Vergangenheit in einem unmittelbaren Zusammenhang steht. Jude, Gloria und den Hunden bleibt nur die Flucht an den Ausgangsort dieses Terrors.

Joe Hill etabliert seinen Protagonisten Jude schon als verlorene leere Seele, bevor der Geist in sein Leben getreten ist. Er ist voller Schuldgefühle, weil er im Gegensatz zu seinen Bandmitgliedern nicht vorzeitig gestorben ist. Er trauert den Beziehungen insbesondere zu seiner geschiedenen Frau nach, die er fahrlässig zerstört hat. Er leidet immer noch unter seiner ärmlichen Kindheit und den Erinnerungen an seinen sadistischen Vater. Er kann sich den Erfolg als Rockstar nicht erklären. Kurz gesagt, er ist ein Mensch, der Selbstmord gefährdet ist. Seine erste Reaktion auf den aggressiven Geist und die Erkenntnis, dass es sich um Rache von Verwandten für eine seiner vielen Freundinnen handelt, ist Unverständnis, dann bedauern und schließlich der Versuch, das Geschehen aus einer anderen Perspektive zu erkennen. Mit diesen ersten wirklich überzeugenden menschlichen Zügen wird Jude zu einer abgerundeten Persönlichkeit. Der Leser beginnt langsam um ihn zu bangen. Sein Schicksal zu bedauern. Mit dem arroganten oberflächlichen Protagonisten Jude der ersten Seiten wäre der Roman trotz aller Versuche, den gängigen Klischees auszuweichen, gescheitert. Diese Wandlung ist aber nur halbüberzeugend. Jude erfährt, dass ihm in Bezug auf den Geist nicht die ganze Wahrheit gesagt worden ist. Wahrscheinlich ist nicht er der Verursacher der Katastrophe gewesen, sondern in dem Familienverbund hat sich eine unheilvolle Beziehung zwischen Sadismus, Masochismus und Inzest abgespielt. Mit dieser im Grunde nach einem faulen Kompromiss schreienden Lösung nimmt Joe Hill insbesondere Judes Schuldgefühlen sehr viel an Emotionalität und Effektivität. Aus dem verzweifelten Rockmusiker bricht die Wut aus, genauso manipuliert worden zu sein wie er es bislang mit seinen Freundinnen für einige Monate gemacht hat. Das Gefühl, benutzt zu werden, wird vom Autor sehr stark in den Vordergrund gestellt. Es stellt sich allerdings dem aufmerksamen Leser die Frage, was für ein Roman wäre „Blind“ geworden, wenn es nicht diese Auflösung gegeben hätte. Wenn wirklich nur Jude an der Rache des Geistes schuld gewesen wäre. Mit dieser Perspektive hätte der Roman ein kraftvolles, ergreifendes Buch werden können. So bewegt Joe Hill an einigen Stellen zu mechanisch die Tasten seines Plots und verschiebt ja nach Bedarf den Fokus.

Das Ende des Buches ist voraussehbar und wenig überraschend. Jude gesteht sich seinen Teil der Schuld ein und gelobt mit einer unübersehbaren Rückkehr zu seinen Wurzeln Besserung. Im Gegenzug wird seine Liebschaft mit Georgia – er spricht sie ab der Mitte des Buches zum ersten Mal mit ihrem richtigen Namen an – zu einer erfüllten Beziehung. Jude ist im Grunde nach den Ereignissen erwachsen geworden. Dem Sünder ist Gnade erwiesen, die eigentlichen Täter sind bestraft worden. So einfach kann die Welt in einem Joe Hill Horror- Roman sein. Es ist sicherlich nicht schlecht oder falsch, diese Bekehrung in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, sie verläuft allerdings zu geradlinig, zu wenig wirklich überraschend. Jude lernt, dass menschliches Leid nicht anderen vergnügen bereiten soll oder darf. Die Botschaft wird nicht unbedingt subtil, aber auch nicht aufdringlich dem Leser eingerieben. Dazu kommen einige sehr effektive, dunkle und spannende Szenen. Insbesondere Judes Erkenntnis, dass er keinen Scherzartikel, sondern einen echten, gefährlichen Geist gekauft hat, bestimmt die erste Hälfte dieses sehr cineastisch geschriebenen Romans. Beide Charaktere – Jude und Georgia – werden im Verlaufe der geradlinigen Handlung griffiger, bleiben aber rückblickend immer noch ein wenig roh und ungeschliffen. Das allzu süße Ende stört nicht all zu sehr, Jude hat sich diese zweite Chance im Leben zumindest aufgrund seiner Aktionen im Verlaufe des Romans verdient. Hill verzichtet im positiven auf einen bitterbösen Nachschlag in Epilogform, er lässt den Roman verhältnismäßig ruhig auslaufen. Als Gesamtpaket betrachtet ist „Blind“ allerdings konventionelle Horrorunterhaltung, nicht selten wenig überraschend konstruiert. Mit der Flucht vor dem Geist kann der Autor sehr gut seine handlungstechnischen Schwächen überdecken, an einigen Punkten den Leser mit neuen Fakten interessiert bei den Stange halten und Jude weiter entwurzeln. Was dem Buch vor allem fehlt, ist die intelligente, subversive Auseinandersetzung mit gängigen Themen des Horrorgenres, die Joe Hills Kurzgeschichten so auszeichnen. Das Hollywood diesen Roman mit Freunde genommen hat, ist nach den ersten hundert Seiten leicht zu erkennen. Hier schreibt ein Autor für die breite Masse, um deren Lesebedürfnisse zu befriedigen, aber dem Genre nichts Neues hinzuzufügen. In dieser Hinsicht ist der vorliegende Roman ein Kompromiss und mit der Hardcoververöffentlichung wird im Grunde das falsche Publikum angesprochen. „Blind“ ist ein typischer Taschenbuchhorrorroman. Nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger.


Joe Hill: "Blind"
Roman, Hardcover, 432 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4532-6546-7

Weitere Bücher von Joe Hill:
 - Black Box
 - Teufelszeug

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::