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Horror (diverse)



Stephen King

Love

rezensiert von Thomas Harbach

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht unbedingt auffällt, in den letzten Jahren ist King mit seinen Romanen zwar variantenreich, aber unverkennbar zu früheren Werken zurückgekehrt. Dabei zeigt sich nicht selten, wie sehr er insbesondere nach seinem tragischen Unfall als Schriftsteller gereift ist. War „Dreamcatchers“ noch ein sehr schwacher Versuch, den ebenfalls nicht überzeugenden Roman „Tommyknockers“ noch einmal zu erzählen, ist „The Buick“ eine überraschend kompakte, lyrische Variante von „Christine“ in Kombination mit seinem Fortsetzungsroman „The Green Mile“. Auch „Love“ – das Originaltitel „Liceys Story“ ist passender und schöner – ist eine Neuinterpretation seines Romans „Bag of Bones“. Dabei überzeugt der neue Roman insbesondere in den Passagen, die „Bag of Bones“ zu einem frustrierenden, aber trotzdem zumindest unterhaltsamen Lesevergnügen machten. In beiden Romanen geht es um übernatürliche Liebesgeschichten, um die zutiefst menschliche Auseinandersetzung mit der Trauer und dem Verlust eines geliebten Menschen. In beiden Fällen muss sich der Hinterbliebene auf der einen Seite mit der inneren Leere auseinandersetzen und sich seinen Ängsten stellen, auf der anderen Seite erfährt er durch das Aufräumen im Nachlass von Geheimnissen, die besser unentdeckt geblieben wären. In „Bag of Bones“ wirken allerdings die Protagonisten überdramatisiert, fast arrogant. Dazu kommt ein eher konstruierter, oft die einzelnen Figuren in ihrer Präsenz erdrückender Plot. Im vorliegenden Roman konzentriert sich King fast ausschließlich auf seine beiden Hauptprotagonisten – Lisey, die zurückgeblieben Ehefrau und immer präsent das erdrückende Erbe eines der populärsten amerikanischen Gegenwartsautoren Scott Landon. Auch wenn Stephen King in seinem humorvollen Nachwort davon spricht, dass insbesondere sein Lektor Nan Graham das Manuskript wieder und wieder korrigiert und an ihn zurückgeschickt hat, finden sich immer noch klassische Kingausflüge in den Slangbereich. Einige der Beschreibungen funktionieren in einem splatterigen Horrorroman wie „Cell“ besser als in einer traumatisch- dramatischen Liebesgeschichte und insbesondere im Mittelteil neigt der Meister dazu, sich zu wiederholen und vor allem in fast exzessive Beschreibungen abzugleiten, die am Ende weder die Charaktere noch den Leser wirklich interessieren. Anstatt diese Passagen zu kürzen, beginnt der Autor sie zu ignorieren. Weiterhin finden sich seine stilistische Eigenheiten wie unterbrochene und im Nichts endende Sätze, unheilvolle Höhepunkte am Ende eines ansonsten eher durchschnittlichen Kapitels, um die Spannung hochzuhalten, verschiedene Schrifttypen – mal effektiv bedrohlich, dann wieder launisch eingesetzt, der stetige Wechsel zwischen Prosa und Lyrik – in erster Linie Zitate aus Werken, die King im Laufe seines Lebens als Alterego zu Scott Landon lesen und lieben gelernt hat – der Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeitebenen – mit diesem Hilfsmittel kann er den toten, aber charismatischen Autoren „wieder“ auferstehen lassen – und schließlich die Beschreibung einem fast surrealistischen Niemandsland. Alle diese Elemente verbinden sich zu einem klassischen und leicht zu erkennenden Stephen King Roman. Es ist vielleicht bezeichnend für das Alterswerk von erfolgreichen Autoren wie Peter Straub und Stephen King, dass sie sich auf die Suche nach der inspirativen Quelle ihrer Werke machen und natürlich sich im Grunde ihrem inneren Wesen stellen müssen.

Bei King begann dieser Bogen mit Jack Torrance –„Shining“ -, der im Roman in der einen Szene aus einem komplizierten Theaterstück arbeitet, in der nächsten Szene aus der inneren Verzweifelung des Scheiterns heraus seine Familie mit der Axt durch die leeren Gänge des verschneiten Hotels jagt. Der nächste Autor wäre natürlich Thaddeus Beaumont aus „The Dark Half“, der für sich selbst nur erfolgreich sein kann, wenn er sich hinter einem Pseudonym versteckt und wie King selbst mit Richard Bachmann seiner dunklen, perversen Phantasie freien Lauf lassen kann.

Trotz dieser sehr unterschiedlichen Versuche, die Magie des Schreibens vielfältig zu interpretieren, wirken seine Autoren eher wie simplifizierte Abziehbilder eines Kingmythos als wirklich dreidimensionale Charaktere. Mit Scott Landon geht der Autor den überfälligen Schritt weiter. Er hat für sein phantastisches Werk den World Fantasy Award und vor allem den Pulitzer Preis erhalten, er ist populär, so populär, dass bei einer Grundsteinlegung ein Attentat auf ihn verübt wird, er ist erfolgreich und finanziell unabhängig. Er lebt in einem riesigen Haus mitten in den Wäldern und vor allem ist er seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Alles Attribute, die auf King zutreffen. Im Gegensatz zum Autoren will Landon keine Kinder haben, da er Angst hat, dass sich ein angeblich innewohnender Wahnsinn auf die nächste Generation vererbt. Ebenfalls im Gegensatz zu King hütet Landon ein dunkles Familiengeheimnis. Wie Landon fällt es King schwer, Bücher wirklich zu schreiben. Im Gegensatz zu seinen frühen Büchern, die er mit Fastfood von McDonalds verglichen hat, arbeitete er den Beginn des Buches wahrscheinlich nicht nur einmal um. Erst Auszüge aus „Licey´s Story“ finden sich in Kings eigener Handschrift in seinem Roman „Cell“, das zweite Kapitel hat er in „McSweeney´s Enchanted Chamber of Astonishing Stories“ veröffentlicht. Wer sich wirklich für Stephen Kings Werk interessiert, der sollte insbesondere diesen Auszug mit der amerikanischen Originalausgabe vergleichen. King nimmt in dem frühen Auszug noch mehr Bezug auf sein eigenes Werk, in erster Linie die „The Dark Towers“ Serie.

Da King sehr geschickt den Fokus von seinem fast überdimensionalen Erfolgsautor weg bewegt und in den Mittelpunkt des Geschehens dessen Witwe, eine fünfzigjährige bodenständige nicht unbedingt selbstsichere Frau aus Maine, stellt, wirkt seine Betrachtung des schwierigen Schreibprozesses weniger wie eine Katharsis als ein Katalysator, sich – wie in seinem Werk prädestiniert – der eigenen Vergangenheit zu stellen. Zu erst entlarvt King insbesondere die sich in erster Linie selbst feiernde Kritiker- und Literaturwissenschaftlergilde als Aßgeier, die versuchen, aus den literarischen Nachlässen ein wenig Ruhm von der Tafel der Autoren zu erhaschen und selbst die unwichtigsten Texte wieder ans Tageslicht zu zerren. Im Gleichschritt sollte allerdings auch die Kritik an den Autoren selbst folgen, die sich nicht selten überzogen vor den Karren der Öffentlichkeit spannen lassen. Während Lisey in erster Linie versucht, mit dem Verlust klarzukommen und sich erst nach knappen zwei Jahren traut, im Arbeitszimmer ihres Mannes für Ordnung zu sorgen, hat sie zu diesem Zeitpunkt schon eine wahre Flut von Beutegeiern über sich ergehen lassen müssen. Insbesondere diese frühen, sehr beklemmenden Passagen gehören zu den eindringlichsten des Buches und zeigen, wie stark sich King auch stilistisch an seine jeweiligen Stoffe anpassen kann. In der zweiten Hälfte des Romans gleitet das Thema mehr und mehr in das klassische Kingreich ab. In „Love“ bedeutet diese andere Welt die Herkunft von Scott Landons oft schrecklichen Ideen. Im Gegensatz zu den oft metaphorisch Quellen genannten Ideengruben anderer Autoren ist Landons Quelle real. Es ist eine Art Zwielichtwelt, in welcher die Sonne immer blutrot von einem bedrohlichen Himmel scheint, verrückte Kreaturen auf unschuldige Wanderer warten und schließlich ein unheimliches Wesen – im Original klassisch als „Lord of sleepless nights“ sehr treffend portraitiert – auf die Schriftsteller wartet. Im Falle von Scott Landon möchte dieses Wesen nicht mehr nur warten, sondern wartet auf seine überlebende Frau. Sie muss in dieses schauerliche Land reisen, um für ihren toten Mann eine letzte Pflicht zu erledigen. Klassischer könnte Stephen Kings Roman nicht sein. Aus dem Nichts der Realität heraus entwickelt er eine surrealistisch- phantastische Handlung, für die bislang bodenständigen, sehr plausibel charakterisierten Protagonisten ändert sich ihre Umgebung ein weiteres Mal und die finale Konfrontation endet in diesem Fall in einer nicht vorhersehbaren Überraschung.

Das Ergreifende an diesem Roman ist nicht Kings Versuch, Trauer zu erklären, sondern er zeigt auf, wie insbesondere Lisey ihrem verstorbenen Mann absorbiert hat. Belanglose Gespräche, einfache Haushaltsgegenstände erscheinen nach und nach in einem anderen Licht. Die Frau nimmt nicht nur unbewusst den Slang ihres Mannes an, sie beginnt dessen alltägliche Handlungen zu imitieren. In ihrem Handeln oder besser Nichthandeln liegt die tragische Komponente dieses Buches und hier gelingen King auch ungewöhnlich sensible Beschreibungen. Ihre bodenständige, leicht sarkastische Art wird in diesen Passagen in den Hintergrund gedrängt, der Leser erkennt, dass nach fast 25 Jahren Ehe die beiden unterschiedlichen Menschen ungewollt und wahrscheinlich unbewusst zu einer einzigen Persönlichkeit geworden sind, die nicht so einfach wieder getrennt werden kann. Kaum hat der Autor diese vielschichtige Persönlichkeit etabliert, geht er einen Schritt weiter. Lisey ist in der Lage, hinter die Geheimnisse zu schauen, vor denen sich ihr verstorbener Mann ein Leben lang gefürchtet hat. Die sehr subtil beschriebene Veränderung in seiner Protagonistin – Frauen hat Stephen King spätestens seit seinem Roman „Rose Madder“ deutlich besser beschreiben können als Männer – macht aus „Love“ einen empfehlenswerten Roman, die phantastischen Elemente wirken in diesem Kontext wie unnötiges Beiwerk und lenken an manchen Stellen sogar von der Charakterisierung ab. Je älter ein Leser ist, desto mehr Weisheit, Lebenserfahrung, aber auch Angst vor dem großen Nichts, dem Tod und der Reaktion der Angehörigen kann er diesem Roman entnehmen. Nicht umsonst hinterlässt „Love“ den Eindruck, als wenn sich King auch mit diesem Thema zu beschäftigen beginnt – der Bruch in seinem Werk, die Akzeptanz der Sterblichkeit erfolgte mit seinem schweren Autounfall – und als wenn es ihm eine höllische Angst einjagt.

Stephen King: "Love"
Roman, Hardcover, 737 Seiten
Heyne 2006

ISBN 3-4532-6532-7

Weitere Bücher von Stephen King:
 - Puls
 - Wahn

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