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Marcus Sedgwick

Buch der toten Tage

rezensiert von Thomas Harbach

In den letzten Jahren ist ein erstaunlicher Trend zu beobachten. Die phantastische Jugendliteratur wird immer erwachsener und spricht mit besonderer Offenheit, aber Sensibilität zeitkritische Themen an, während die eigentliche Fantasyliteratur und ein wichtiger Teil der Science Fiction Literatur – die frühere Space Opera – sich immer mehr mit Scheinproblemen und infantilen Storys auseinandersetzt.

Neben dem Carlsen- Verlag beginnen sich mit den Häusern Beltz – Kenneth Oppel Fledermaus Trilogie und sein phantastischer Roman „Wolkenpanther“ und Hanser – siehe auch trotz vieler Fehler Sages „Magyk“ – zwei weitere Häuser in den Bereich unterhaltsam- anspruchsvoller Youth Adult- Geschichten hinein zu entwickeln.

Dieser Aufschwung fördert in vielen Ländern neue Talente. Nicht umsonst tritt eine Autorin wie Cornelia Funke jetzt aus dem langen Schatten „Harry Potters“ und schreibt wunderschöne, lesenswerte Abenteuerbücher, in denen sie vom Geiste und Gefühl, aber auf keinen Fall vom Inhalt her die Tradition großer Geschichtenerzähler wie Hans Bemann und natürlich Michael Ende fortsetzt. Auch in England hat die Harry Potter Mania die Verlagshäuser für junge, unverbrauchte Autoren sensibilisiert. Zu denen gehört der 1968 geborene Engländer Marcus Sedgwick. Inzwischen lebt er in Sussex und hat sich nach seinem Lehrjahren als Buchhändler seit 1994 als Autor von Jugendbüchern selbstständig gemacht. Mit dem Hardcover „Das Buch der toten Tage“ erscheint zum ersten Mal in Deutschland einer seiner Romane. In diesem Jahr wird in England sogar die obligatorische Fortsetzung zu diesem gut lesenswerten, aber am Ende enttäuschenden Buch erscheinen.

Ganz bewusst knüpft der Autor nicht nur an die Tradition des englischen Schauerromans mit seiner namenlosen Stadt und dem namenlosen Jungen – Boy –genannt an. Unwillkürlich aber wahrscheinlich absichtlich erinnern Teile des Buches an Charles Dickens berühmte Geschichte „Oliver Twist“, eben nur mit phantastischen Elementen.

Die Welt, die Marcus Sedgwick erschaffen hat, ist eine Hommage an China Mievilles umfangreiche Romane um die Perdido Street Station. In beiden Welten stehen die Naturwissenschaften erst am Anfang einer rasanten, wenn auch bizarren Entwicklung und in beiden Welten gibt es noch Spuren von echter, reiner Magie. Wo diese ihren Ursprung genommen hat, verschweigt der Autor. BezĂĽge zu den Elfern werden angedeutet, aber in diesem ersten Buch noch nicht hinterfragt.

Schon der Auftakt mit dem so genannten toten Tagen beflügelt die Phantasie. Als „tote Tage“ werden die Tage zwischen Weihnachten und dem Neuen Jahr bezeichnet. Die Tage, die in vielen Kulturen den Monat mit 30 Tagen und dem Jahr mit 360 Tagen auffüllen, um einen Sonnenumlauf der Erde zu beschreiben. In diesen traurigen Tagen spielt der Roman. Den Hintergrund bildet eine Welt, die an unsere Realität des 17. oder 18. Jahrhunderts am Vorabend der industriellen Revolution erinnert. Boy, eine Waise, lebt unter der Knechtschaft seines Ausbilders, Herrn und Meister, dem Magier Valerian. Täglich führen die beiden in dem einzigen Theater der namenlosen Stadt ihre Kunststücke auf. Ein großer Teil des Aktes stellt im Grunde eine Spielerei da, nur die letzte Aufführung mit dem bezeichnenden Titel „Auf ins Feenland“ scheint echte Magie zu sein. Diesen Trick hat Valerian seinem Haussklaven auch nicht erläutert. Während dieser fünf toten Tage scheint Valerian unter besonders hektischen Druck etwas zu suchen. Erst einen Namen eines Toten, dann dessen Grabstelle und schließlich etwas, was in diesem Grab versteckt zu sein scheint. Das einzige, was sicher ist, ist die Tatsache, dass das Leben des Jungen und seines Meisters bedroht ist…

Das Buch lebt von seiner besonderen Atmosphäre. Ohne zu sehr in die Details zu gehen, entwickelt der Autor eine morbide, bedrohliche Welt, vor deren Hintergrund er seine Figuren agieren lässt. Im Gegensatz zur sehr detailliert und liebevoll ausgestalteten Welt wirken diese oft holzschnittartig und klischeehaft. Weder der Junge Boy auf der Suche nach seiner eigenen Identität und einem liebevollen Zuhause noch die junge Willow – daran erkennt ein aufmerksamer Leser, dass Segdwick seine Namen einfach, aber einprägsam gestaltet hat – wirken überzeugend charakterisiert. Der Leser braucht seine Zeit, um in diesem kurzweiligen und nicht zu langem Roman eine gewisse Sympathie zu den beiden Waisen aufzubauen. Valerian ist dagegen eine Inkarnation wie aus dem klassischen Schauerroman. Eine Mischung aus dem Phantom der Oper – ähnlich wie dieser hat Valerian im Grunde seine Seele verkauft – und den britischen Vampirgentlemen – er trinkt aber kein Blut, sondern scheint sich nur von seinem Wissen ernähren zu können. Mit diesen drei klassischen Archetypen bleibt der Autor auf der sicheren Seite und unterhält ein jugendliches Publikum – die Bücher sind ab 12 Jahren – entsprechend gut. Ältere Leser werden mit den einzelnen Charakteren eher Probleme haben und sich mehr auf die Handlung konzentrieren.

In seinem vielschichtigen und spannenden Handlungsbogen legt der Autor eine Reihe von falschen Fährten aus. Wie bei einer Schnitzeljagd mit einzelnen Höhepunkten nähern sich die drei schicksalhaft verbundenen Charaktere dem Ziel. Wunderschön ist die Hommage an Frankenstein. Valerian schenkt dem Wächter über die Bücher der Toten eine kleine „Lichtmaschine“, mit der er seine Tiere – zusammengesetzt aus unterschiedlichsten Teilen – wieder lebendig machen kann. Symbolträchtig wird vom Herrn der Toten als erstes ein Miniaturdrachen wiederbelebt. Mit solchen Kontrasten arbeitet Sedgwick sehr gerne. Hier gelingt es ihm mit seinem cineastischen Stil, Leben in seiner Welt zu erschaffen.

In dieser namenlosen Stadt lauern Gefahren. Menschen werden auf bestialische Weise umgebracht, die Polizei ist korrupt und das Geld regiert. Das man in dieser grausamen Welt auch Wärme und Liebe finden kann, gehört zu den klassischen Themen guter Jugendliteratur und wirkt in diesem Fall und vor diesem Hintergrund fast ein bisschen kitschig rührend. Trotzdem hätte Sedgwick diesen Themenkomplex sehr gut zu einem befriedigenden Ende führen können, wenn ihm nicht der Mut und die Entschlossenheit gefehlt hätte, übernatürliche Elemente mit seinem realistisch- phantastischen Hintergrund zu verbinden.

Die große Enttäuschung dieses Romans liegt in der nachgeschobenen Auflösung des Plots. Auf dem Höhepunkt des Romans suggeriert Sedgwick, dass Boy die Seele Valerians sein könnte. In dessen schwärzesten Moment als Gewissen schaffen. Da eine solche Erklärung zu metaphysisch und zu gewagt für einen Jugendbuchroman erschienen ist, reduzierte der Autor diese Zusammenhänge zwischen Herrn und Sklave auf Blutsverwandtschaft und ließ selbst diese frustrierend offen. Warum nicht in einer Welt der Magie eine Seele Fleisch werden? Dann hätte Valerian versucht, nach seinem Körper auch seine Seele zu verkaufen. Dieses Bild hätte überzeugend gewirkt und den Roman krönend abgeschlossen.


Trotz dieser Schwäche ist „Das Buch der toten Tage“ zumindest der Auftakt einer interessanten Serie. Der Leser möchte mehr über die Auswirkungen dieser besonderen Tage wissen, den Hintergrund der Welt besser kennen lernen und vor allem die Zusammenhänge zwischen der latent vorhandenen Magie und der vorindustriellen Welt verstehen. Viele sehr gute Ideen dieses Buch hängen noch in der Luft. Das sich Sedgwick mehr auf den britischen Schauerroman als die ungezählte und oft selten variierte „Harry Potter“ Imitationen konzentriert, macht das Buch zu einem angenehmen Begleiter. Bei knapp zweihundertachtzig zum Teil großzügig bedruckten Seiten vergeht die Zeit ungenehm schnell und nicht nur zum nächsten Fest wäre der Roman ein sehr schönes, gruseliges Geschenk.

Marcus Sedgwick: "Buch der toten Tage"
Roman, Softcover, 283 Seiten
Hanser 2005

ISBN 3-4462-0607-8

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