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Horror (diverse)



Andreas Gößling/ H.R. Giger

Dea Mortis

rezensiert von Thomas Harbach

Der Knaur Verlag etabliert sich mit einer Reihe von Romanen deutscher Autoren wie zum Beispiel Andreas Richter als Mystery- Anbieter. Im November 2005 erschien eine auf den ersten Blick kongeniale Ehe zwischen dem deutschen Autoren Andreas Gößling und dem Monsterschöpfer Giger. Der durch seine Bilder für Filmprojekte wie „Alien“, „Species“ oder „Dune“ über die Grenzen seines Landes bekannte Künstler hat sich schon früh auch an eine moderne graphische Umsetzung von Lovecrafts Mythen und Kreaturen macht. Jetzt werden seine Bilder von einem exklusiv geschriebenen Roman umgeben. Der nächste Schritt wäre eine Neuveröffentlichung von Lovecrafts ursprünglichen Werken mit neuen Bildern Gigers.

Von der äußeren Aufmachung her entpuppt sich der Band als Augenweide. Insgesamt fünfzig Illustrationen des Schweizers H. R. Giger finden sich auf schwerem Kunstdruckpapier gedruckt im DIN A 4 Format als stimmungsvolle Untermalung der gruselig geplanten Geschichte wieder. Geschickt wechseln sich schwarz und weiß als Hintergründe ab. Dazu ist das Buch mit Fadenheftung und einem geprägten Metallglanzcover versehen worden. Die Airbrusharbeiten Gigers haben ihren besonderen Reiz. Die Schwierigkeit besteht in der Kombination der Kunstwerke mit einer nach ihnen geschriebenen Geschichte. So finden sich Motive aus „Alien“ neben Gigers „Necronomicon“ in diesem Buch.
Die bekannten Zeichnungen lenken von der zugrunde liegenden Handlung Gößlings ab.

In den dreißiger und vierziger Jahren – dem Höhepunkt der Magazinära – war es gang und gäbe, für bereits gekaufte Titelbilder Geschichten schreiben zu lassen. An dieser undankbaren Aufgabe sind andere Autorenkaliber als Andreas Gößling gescheitert. Unwillkürlich hat ein Leser schnell das Gefühl, dass die Geschichte ein Eigenleben entwickelt und sich mehr an klassischen Vorbildern wie H.P. Lovecraft orientiert als versucht, Gigers Bildkompositionen in Worte zu fassen. Diese hervorragenden Wiedergaben überstrahlen mit ihrem morbiden Reiz allerdings den Textteil.

Nicht zuletzt aufgrund seiner zwei Maya- Romane hat sich Andreas Gößling einen Namen als Autoren spannender Bücher gemacht. Dazu kommt das Sachbuch „Das große Buch der Feen und Elfen“. Dazwischen unternimmt er auf Kreuzfahrtschiffen Lesereisen und versucht den modernen Kreuzfahrern einen Einblick in die untergegangene Kultur zu geben. Im vorliegenden Roman geht der Autor eine fast ähnliche Aufgabe an: aus Fragmenten, Bildern und Berichten einen lebendigen Roman und dessen Welt realistisch oder phantastisch, aber auf jeden Fall logisch und prägnant zu erschaffen. Hier sind es die abstrakten, verfremdeten Wesen Gigers, die Gößling am Ende seines Buches aus ihrem dunklen Versteck in der Erde holt.

Rick lebt nach einer längeren Odyssee inzwischen in soliden Verhältnissen. Er arbeitet bei einer Computerfirma im Sicherheitsbereich, seine Freundin Rachel ist schwanger und es gibt keinen Grund, nicht zufrieden in die Zukunft zu schauen. Bis ihn Rachel auffordert, mit ihm zu einem unbekannten Ziel aufzubrechen. Aus dieser Reise wird ein Horrortrip in der Tradition H.P. Lovecrafts.

Das Auge des Betrachters fällt unwillkürlich und nachhaltig auf die mehr als 50 Bilder Gigers. Erst danach beschäftigt er sich mit der geradlinigen, interessanten, aber nicht sonderlich spannenden Geschichte. Nur selten kommt es zu einer echten Synthese zwischen den Bildern und der zugrunde liegenden Geschichte. Das erste Mal ist es wirklich in der Passage der Fall, die in einem modernen exklusiven Hotel spielt. Der eher einfach gestrickte Rick beobachtet eine Modenschau. Die Modelle tragen seltsame, unwirkliche Kleider. Unwillkürlich fällt das Auge des Lesers auf die diesen Textabschnitt begleitenden Bilder. Oft versucht Gößling einzelne Motive Gigers in Form von Modeschmuck oder Zeichnungen in seinen Roman aufzunehmen. Das gelingt ihm nur zum Teil. Es fällt dem Autoren schwer, eine
morbide, bedrohliche und vielleicht traumhafte Atmosphäre zu erschaffen. Zu selten nutzt er die klassischen Möglichkeiten der Monstergeschichte wirklich aus. Über weite Strecken zu Beginn des Romans gelingt es ihm nicht, eine Sympathieebene mit seinen Charakteren herzustellen. Zu wenig erfährt der Leser über die beiden die Handlung tragenden Protagonisten. Fragmentarisch wird dem außenstehenden Betrachter Rick als wieder auf die Füße gekommener, bodenständiger Kerl mit Beziehungsängsten vorgestellt. Er ist stolz auf seinen kürzlich angetretenen Arbeitsplatz und freut sich auf seine sehr hübsche, fast exotische Freundin und das gemeinsame Kind. Darum fällt es schwer, eine begründete Motivation für die plötzliche gemeinsame Flucht zu finden. Er wehrt sich auch zu wenig gegen die auf den ersten Blick launenhafte, aber verschlossene und erschöpfte Rachel. Blinde Liebe oder eine devote Haltung als Motive herbeizuziehen, fällt Andreas Gößling schwer. Zu hölzern wirken seine Figuren. Erschwerend kommt hinzu, dass Rachel marionettenhaft dargestellt worden ist. Bevor der Leser die als außergewöhnlich hübsch und exotisch beschriebene Frau wirklich kennen lernen und ein vielleicht ein durch einen ungewöhnlichen Verlauf der Schwangerschaft abweichendes Verhalten feststellen kann, setzt sie die Reise durch das Hinterland der USA in Gang. Danach wird sie andauernd als erschöpft bezeichnet. Hier hätte Andreas Gößling dem Geschehen eine entsprechende Vorgeschichte geben müssen oder im Rahmen einer Parallelhandlung eine fiktive Bedrohung, auf die Rachel instinktiv reagiert, aufbauen können.
Auch die offensichtliche Hommage an H.P. Lovecraft – der Pater Howard Loveham – bleibt eine farblose Gestalt. Zusammen mit der unter anderen Gesichtspunkten Integration eines Filmteams, das billige Horrorproduktionen dreht, hätten sich hier skurrile oder exzentrische Charakter etablieren können. Beispielhaft sei hier auf die überdrehten und deshalb unterhaltsamen frühen Filmproduktionen Brian Yuznas und Stuart Gordons verwiesen. Die beiden haben sich Lovecrafts Themen von einer ganz anderen und damit überraschenden Seite genähert. Rick begegnet auf seiner Suche nach Rachel einer Reihe von unterschiedlichen Charakteren, die ihm entweder gute Ratschläge oder falsche Tipps geben. Leider gelingt es Gößling überhaupt nicht, seine vorhandenen literarischen Fähigkeiten adäquat umzusetzen und seine Figuren überraschend oder eindrucksvolle zu beschreiben. Damit nimmt er seinem Roman bis zum alien- und damit klischeehaften Ende fast jegliche Spannung.


Zwar finden sich während ihrer Fahrt eher klischeehafte und seltsam distanziert beschriebene bedrohliche Situationen – der Hund, die Anhalterin, die verschwindet und Mitglieder einer Sekte-? – im Hotel -, aber ohne Konsequenz führen diese Andeutungen nicht zu einer Bedrohung. Diese hätte die Spannung im ersten Handlungsabschnitt deutlich ansteigen lassen. Zu viele der Hinweise und oft weit schweifenden Erklärungen führen ins Nichts. Kurze, prägnante Spannungsbögen mit einer Auflösung hätten dem so schwerfällig wirkenden Text gut getan. Sehr auffällig sind die Schwierigkeiten, kontinuierlich eine unwirkliche Atmosphäre aufzubauen. Es finden sich sehr gute Momente eingestreut und damit fast zusammenhangslos in einer ansonsten fast langweilig erzählten Reise ins Unbekannte. Im Gegensatz zu Clive Barkers Romanen, der mit unglaublicher Leichtigkeit eine derart fremdartige USA beschrieben und diese Vision konsequent bis zum Höhepunkt des Romans ausgebaut hat, wirkt Andreas Gößlings Exposition wie ein Frühlingsausflug von verkaterten Städtern. Zu selten dringt der Autor in seinen die Handlung tragenden Erzähler/ Protagonisten Rick ein. Dieser macht sich zwar immer wieder Gedanken, aber die Irrealität dieser Reise wird nicht in eine Wahnvorstellung oder Bedrohung umgesetzt. Unwillkürlich erinnern die Beschreibungen an einen unterhaltsamen Kinoabend, der Leser sitzt zwar in der ersten Reihe, aber selten ist er mittendrin statt nur dabei.

Diese Distanz zwischen Protagonist und Leser wird ein wenig beim Erreichen der obligatorischen Kleinstadt – Idleton – in der Abgeschiedenheit der Berge aufgehoben. Eine interessante Parallele zu Andreas Grubers letztem Roman „Der Judas-Schrein“. Während dieser in den österreichischen Bergen spielt und einen Inspektor als Eindringling in eine verschlossene und geschlossene Dorfgemeinschaft in den Mittelpunkt rückt, trennt Gößling Rick und Rachel nach dem Erreichen des Ziels und lässt Rick seltsame Visionen ebenfalls als Eindringling in eine fremdartige Gemeinschaft erleben. Beide Autoren scheitern aber an der Schwierigkeit, überzeugend LOvecraft´sche Motive in die gegenwärtige Literatur zu übertragen.

Auf der anderen Seite gelingen Andreas Gößling trotz der zum Teil abstrusen Handlung – der Bahn einer U-Bahn in der Kleinstadt weckt die alten Götter – einige eindrucksvolle und sehr gut geschriebene an Gigers Werke angelehnte Passagen. In diesen Beschreibungen ragt Gößling über die Durchschnittlichkeit seiner Handlung heraus und erzeugt eine beunruhigende Atmosphäre. Erst mit der Auflösung dieser Passagen und dem Fortgang der Handlung kann er seine Ideen nicht entsprechend in Spannung umsetzen. Das macht die Lektüre dieses Buches zu einem oft frustrierenden Leseerlebnis.

Gigers unbeschreiblich fremdartige, aber faszinierende Bilder in dieser herausragenden drucktechnischen Wiedergabe in einem schönen Hardcover sind eine Augenweide. Mit einem deutlich erfahrenen Autoren hätte dieser Band eine der empfehlenswertesten Veröffentlichungen des Jahres 2005 sein können. So bleibt der Textteil deutlich hinter den Erwartungen zurück, die die opulente Ausstattung weckt. Trotz vieler Schwächen in der Charakterisierung und dem handlungstechnischen Aufbau gelingen Gößling einige sehr lesenswerte und unheimliche Passagen. Als Roman ist es zu wenig. Zu statisch bewegt er sich an den literarischen Vorgaben Lovecrafts und kann dessen Thematik von den alten Göttern, die in der Erde schlummern nicht umsetzen. Die Idee, dass das Geschlecht die Menschen als Sklaven geschaffen hat, wird nur kurz angedeutet, aber in keiner Passage wirklich als origineller Handlungsteil aufgegriffen. Warum sich Gößling nicht auf ein eigenständiges Werk konzentriert hat, in das einige – vielleicht wenige, aber passende – Zeichnungen Gigers integriert werden können, wird sein Geheimnis bleiben. So findet der aufgeschlossene Leser einen hervorragenden Bildband in Kombination mit dem Torso eines Romans.

Andreas Gößling/ H.R. Giger: "Dea Mortis"
Roman, Softcover, 304 Seiten
Knaur 2005

ISBN 3-4266-6200-0

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