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Bram Stoker

Das Schloss der Schlange

rezensiert von Thomas Harbach

Aus heutiger Sicht ist Bram Stokers letzter Roman „Das Schloss der Schlange“ durch Ken Russells Low Budget, aber optisch eindrucksvolle Adaption noch bekannt. Viele halten den 1847 in Irland geborenen Bram Stoker aufgrund des nachhaltigen, aber nicht schlagartigen Erfolges seines Romans „Dracula“ für das klassische Ein-Buch- Wunder. Wie im Vorwort der Neuauflage erläutert wird, war Stoker bis zu seinem achten Lebensjahr ans Bett gefesselt, erst danach entwickelte er sich zu einem gesunden und sportlichen Mann. In späteren Jahren widmete er sich neben einer durchwachsenen literarischen Karriere einem anderen charismatischen Zeitgenossen. Sir Henry Irving, einem der bekanntesten Shakespeare Darsteller seiner Zeit. Insgesamt siebenundzwanzig Jahre arbeitete er als Faktotum für Irving. In dieser Zeit lernte er nicht nur die Welt kennen, sondern andere Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle. Mit dem 1897 veröffentlichten „Dracula“ veränderte sich nicht gleich Bram Stokers Karriere. Er erlebte eine verhalten positive Resonanz auf seinen Roman, gute, aber nicht herausragende Verkaufszahlen. Der Roman um den inzwischen weltberühmten Grafen erlebte mehrere Theateradaptionen und mittels der Bretter, die die Welt bedeuten begann es sich langsam herumzusprechen, dass Bram Stoker im Zeichen der industriellen Revolution einen Roman voller Mystik und Kontrasten geschrieben hat. Wie sehr Bram Stoker mit dem Original gekämpft haben mag, unterstreicht die Tatsache, dass eine der besten Passagen des Buches nachträglich im Rahmen der Storysammlung „Draculas Gast“ veröffentlicht worden ist. Mit dem Kino begann endgültig der Siegeszug der Dracula-Figur, aber nicht unbedingt des Romans. Auch heute noch ist es ein offener Widerspruch, den verschachtelt und teilweise unnötig distanziert/ steif geschriebenen Roman wirklich adaptieren zu wollen. Allerdings offenbart die intensive Lektüre des Romans eine Hülle von eindrucksvollen Szenen, die im Verlaufe der unzähligen und nicht selten unsäglichen Verfilmungen immer wieder variiert verwendet worden sind. Mit den auf „Dracula“ folgenden Romanen hatte Bram Stoker im Grunde ebenfalls kein Glück. Sowohl „Das Geheimnis der schwimmenden Särge“ als auch „Die sieben Finger des Todes“ konnten das englische Publikum nicht begeistern. Auch wenn sie unter Berücksichtigung ihres Alters über die gleichen Stärken und Schwächen wie „Dracula“ verfügen. So diente insbesondere „Die sieben Finger des Todes“ als Quell einer ebenfalls nicht mehr zu kontrollierenden Anzahl von „Mumien“ – Filmen. „Das Schloss der Schlange“ ist nur einmal sehr frei, aber sehr gut von dem Regieexzentriker Ken Russell verfilmt worden.

Wie in „Dracula“ ist der Katalysator die Reise eines jungen Mannes. In diesem Fall kehrt der junge Adam Salton zu seinem Onkel nach England zurück. Vordergründig soll der Waise Ahnenforschung betreiben, in Wirklichkeit ist er der einzige Erbe des beträchtlichen Familienvermögens. Die Gegend ist nicht nur reich an Geschichte, sondern vor allem Geschichten. Da gibt es die junge attraktive Witwe, die nach dem Tod ihres Gatten bemerkt hat, dass sie nur Schulden geerbt hat und möglichst schnell einen reichen Mann benötigt, um das Anwesen zu erhalten. Dazu kommt die mystische Vergangenheit der Gegend, in der sowohl die Römer als auch die Kelten anscheinend falschen Gottheiten gedient haben. Dabei spielt ein riesiger weißer Wurm eine Rolle. Die ersten Anzeichen, dass dessen Aktivitäten nicht nur in der Vergangenheit sich abgespielt haben, ist ein vermehrtes Auftreten kleiner Schlangen.

Der Plot ist selbst für einen über einhundert Jahre alten Roman recht klassisch einfach konzipiert. Durch die Augen des zu gereisten jungen Mannes hat der Leser die Möglichkeit, alle wichtigen Fakten sehr komprimiert präsentiert zu bekommen. Seine Lehrstunden dienen oft nur der Vermittlung von wichtigen und teilweise unwichtigen Informationen. Wie sehr sich Bram Stoker bemüht hat, neben der gruseligen Geschichte auch einen gut recherchierten Roman zu schreiben, lässt sich an der erdrückenden Flut aus Fakten und Fiktionen erkennen. Hier wäre es aus literarischer Sicht sicherlich besser gewesen, Adam Salton eine aktivere Rolle zuzugestehen. Auf der anderen Seite wird er allerdings von allen Seiten manipuliert. Die Witwe möchte in erster Linie sein Geld und geht dabei für einen viktorianischen Roman relativ offen vor. Sein Onkel kann und will ihm nicht alles verraten und bemüht sich, den Wissensdurst seines Enkels nur in notwendigen Punkten zu stillen. Adam Salton verfällt in erster Linie dem Charme der jungen Witwe nicht, weil er ein einfaches Mädchen aus der Gegend liebt, das unter ihrem Vater zu leiden hat. Später verschwindet das Mädchen spurlos und soll wie bekannt geopfert werden. Auch dieser Handlungsbogen wird aus einer leicht veränderten Perspektive in Stokers „Dracula“ Roman fast bis zum Klischee gespielt.

Was dem Buch allerdings fehlt, ist ein charismatischer Antagonist. Die guten Charaktere sind vom Autor naiv, moralisch unerschütterlich, körperlich überlegen und letzt endlich entschlossen beschrieben worden. Die Schurken sind meistens keine Engländer, sie sind natürlich verschlagen und hinterhältig. Die Guten können bis zu einem bestimmten Grad vom Schein der holden und üppigen Weiblichkeit verführt werden. Ein Motiv, das Bram Stoker nicht zuletzt aufgrund seiner Bewunderung für die „Camilla“ Erzählung in einer Reihe seiner Bücher immer wieder vergeblich zu übertreffen suchte. Am Ende der Geschichte müssen sie allerdings als eine Art moralische Reinigung und christliche Beichte erkennen, dass sie auf falsche Wege geleitet worden sind. Nach dieser Erkenntnis – die im Zuge des Romans sehr ausführlich analysiert wird sind sie bereit, in dem obligatorischen Showdown das Böse aus eigener Kraft zu vernichten. „Das Schloss der Schlange“ leidet in erster Linie unter Bram Stokers sehr statischer Erzählweise. Im Gegensatz zu Ken Russells Verfilmung gelingt es ihm kaum, Lady Sylvia Marsh als überzeugende Bedrohung zu etablieren. „Dracula“ selbst bedroht nicht nur das Leben der einzelnen Protagonisten, sondern vor allem deren männliche Libido. Die Frauen fühlen sich zu dem Grafen hingezogen und vernachlässigen die spröden englischen Männer. Um unter den strengen moralischen Maßstäben eine ähnliche Bedrohung durch eine Frau zu erschaffen, hätte Bram Stoker über die Grenzen des damals Zuträglichen hinaus schreiben müssen. Dazu fehlte ihm der Mut. In Russells Verfilmung mit der charismatischen und schönen Amanda Donohoe in der Hauptrolle reicht eine Einstellung, um mehr als tausend Worte auszudrücken. Außerdem entwickelt sich das Verhältnis zwischen Adam und Mary Trent noch, ist noch so „gefestigt“, wie zwischen Harker und seiner Verlobten. Auch wenn diese Beziehung nicht unbedingt auf reiner Liebe aufgebaut zu sein scheint. Darum ist das Eindringen Draculas in diese Beziehung auch prägnanter und nachhaltiger als im vorliegenden Roman. Auf der anderen Seite geht Bram Stoker vor allem in Hinblick auf die Wurzeln des Menschen opfernden Kultes zu wenig ein. Im Gegensatz zu späteren vor allem britischen Filmen verzichtet er auf eine groß angelegte Verschwörung, darum haben es seine Protagonisten auch relativ einfach, das Übel mitsamt der Wurzel aus Mutter Erde herauszutrennen.

Im Gegensatz zu der sehr einfallsreichen und dank der Briefstruktur sehr abwechselungsreichen bis verwirrenden Erzählperspektive wirkt Bram Stoker im vorliegenden Roman insbesondere zu Beginn aufdringlich belehrend. Diese Distanz zum Geschehen macht das Buch aus heutiger Sicht noch steifer, noch schwieriger zu lesen. Einige Passagen sind insbesondere stimmungsmäßig sehr gut zu lesen, im Grunde klassische Szenen der viktorianischen Gruselschule. Sobald Stoker allerdings die mystische Ebene verlässt und versucht, auf die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe einzugehen, fehlt ihm die notwendige Ironie. Insbesondere im Vergleich zu Wilkie Collins auch heute noch empfehlenswerten gruseligen Kriminalromanen ist „Das Schloss der Schlange“ nur noch aus historischer Sicht interessant und als Lektüre empfehlenswert.

Bram Stoker: "Das Schloss der Schlange"
Anthologie, Hardcover, 252 Seiten
Bastei Taschenbuch 2007

ISBN 3-4041-5590-4

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