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rezensiert von Thomas Harbach
Nach langer Verzögerung – der Band war als Nummer zehn der MADDRAX Hardcoverreihe geplant und ist als Nummer vierzehn erschienen – veröffentlicht der Zaubermond- Verlag aus der Feder Jo Zybells „Rulfan“, weniger die Geschichte des Neo- Barbaren, sondern seiner Eltern. Schon in seinen ersten beiden Hardcovern hat Zybell bewiesen, wie gut ihm im Gegensatz zu herkömmlicheren Abenteuertexten die chronikartige Erzählung mit ihrer episodenhaften Struktur liegt. Diese Tendenz setzt sich im vorliegenden, mit über 300 Seiten deutlich umfangreicheren als die letzten Veröffentlichungen Hardcover fort.
Für den Kenner der Serie entsteht die Spannung aus dem mosaikartigen Zusammensetzen von bekannten Fragmenten mit einer stringenten vielschichtigen Handlung, einer Reihe von neuen Charakteren und vor allem einer sehr stark wechselnden, manchmal aus ungewöhnlichen Perspektive. Wie in den Heftromanen versucht Zybell mit dieser Prämisse den ruhelosen Charakter Rulfans weiter herauszuarbeiten, diese Anstrengungen sind aber nicht unbedingt von einem erfolgreichen Abschluss. Zumindest auf den ersten Blick ungewöhnlich beginnt er Rulfans Chronik nicht mit dessen Eltern, sondern nimmt sich auf den ersten Blick leider nur den Raum und die Zeit, eine Art Vorgeschichte zu entwickeln. Aus der Perspektive eines Rudels Wölfe wird der Überfall auf eine der kleinen menschlichen Siedlungen in bester Conan- Manier erzählt, die Flucht eines jungen Mädchens zum Rudel, das sie aufnimmt. Da sich der Autor bemüht, diese auf den ersten Blick nicht unbedingt innovative oder gar originelle Handlung durch die ungewöhnliche Erzählweise zu beleben, gelingt es ihm, eine zumindest ansatzweise exotische Atmosphäre allerdings ohne viel Spannung zu erschaffen. Kaum hat er das Wolfsmädchen Ly charakterisiert, schwenkt die Handlung zu den Bunkermenschen und insbesondere Sir Leonhard Gabriel, der sich entschließt, eine der wenigen Bunkerstädte dieser postapokalyptischen Welt zu verlassen. Obwohl er es bei einem jungen Mädchen, das von Wölfen aufgenommen worden ist, deutlich schwieriger hat, eine dreidimensionale Charakterisierung zu erschaffen, wirkt sie überzeugender als der von Selbstzweifeln und Zukunftsängsten gequälte Gabriel. Auch die sich entwickelnde Liebesgeschichte ist mit Ecken und Kanten versehen, immer wieder weicht Zybell auf actionorientierte Szenen aus, um den Spannungsbogen im Grunde unnötig hochzuhalten. Nicht selten negiert er mit dieser Vorgehensweise die von ihm überraschend trefflich aufgebaute Atmosphäre im Mittelteil des Buches nach anfänglichen Schwierigkeiten.
Viele „Maddrax“ Romane funktionieren am besten durch die Integration einer Quest oder einer Expedition durch eine auf der einen Seite fremdartige, auf der anderen Seiten nicht zuletzt aufgrund der inzwischen exotisch verfremdeten Namen zumindest vordergründig bekannten Landschaft. Die erste offene – trotz aller Zweifel auf beiden Seiten – Begegnung zwischen doch nicht so primitiven, sondern umweltangepassten Barbaren und Bunkermenschen in ihrem an Energiemangel leidenden SWAT gehört nicht zuletzt dank des Abschleppdienstes der riesigen Heuschrecken zu einem der amüsanten Höhepunkte dieses Buches. Es ist diese Mischung aus skurrilen Ideen und gutmütigen Humor, die sich - im Vergleich zu den manchmal zu quatschig angelegten verkrampften Parodien - gut lesen lässt. Hier schwimmt sich die Serie von den vielen Postdoomsday- Geschichten der Science Fiction frei und beginnt sich ihre eigene Identität weiter zu erarbeiten. Es sind auch die besten Passagen des vorliegenden Textes.
In seiner nicht zuletzt aufgrund der Episodenstruktur sehr kompakt wirkenden Erzählung – im Gegensatz zu einigen zuletzt erschienenen Hardcovern, bei denen die Kernidee zu weit ausgewalzt werden muss, um die gewünschten zweihundertfünfzig Seiten zu füllen – hat Zybell die Möglichkeit, zwischen den einzelnen Handlungsfäden nicht nur gut zu wechseln, sondern nicht unbedingt ausbaufähige Ebenen möglichst schnell und unauffällig zu beenden. Nach dem eher handlungstechnisch schwerfälligen, aber nicht langweilig geschriebenen Anfang zieht das Tempo deutlich an, der Leser hat inzwischen genug Zeit gehabt, sich mit den wichtigen Protagonisten Gabriel und Ly vertraut zu machen. Geschickt stellt er die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten der Barbaren und der Bunkermenschen gegenüber. Als Gabriel schließlich mit seiner Frau und dem Neugeborenen Rulfan in die Bunkerstadt Salisbury zurückkehrt, zeigt der Autor sehr deutlich das wenig zukunftsträchtige Verhalten der über Jahrzehnte isoliert und verängstigt lebenden Bunkermenschen. Sie entheben Gabriel von seinem Amt als Prime, lassen ihn und seine Familie aber in der Stadt leben. Diese wird mehr und mehr zu einem Gefängnis für die Barbarin, die schließlich die Gemeinde und lebt bei irischen Fischern und in den Wäldern um Stonehenge. Schließlich macht sie sich auf die Suche nach den Lupas, um mit denen wieder in Frieden leben zu können.
Auf den ersten Blick könnte ein aufmerksamer Leser kritisch anmerken, dass Rulfan als Titelperson im Kern keine wichtige oder gar tragende Rolle spielt. Er macht sich zwar schließlich auf die Suche nach seiner Familie und kann deren Erzfeind unter der gütigen Mithilfe der Lupas in einem Duell töten. Schließlich wird ihm vom Rudelführer ein weißer Welpe geschenkt, Zybell konzentriert sich auf eine spannende Schilderung der Details, während der Leser die groben, übergeordneten Züge schon aus der Heftromanserie kennt. Insbesondere sein Vorleben – bevor er Maddrax und Aruula begegnet – wird im Zeitraffer abgehandelt. Es entsteht der Eindruck, als wenn hier nur der erste Teil einer geplanten Chronik in Buchform vorliegt und insbesondere das letzte Viertel des Buches auf der einen Seite kompakt, auf der anderen Seite aber auch ein wenig hastig niedergeschrieben worden ist, um „endlich“ diesen Roman veröffentlichen zu können. Die Vorgehensweise erlaubt zwar Zybell, insbesondere aus den letzten Kapiteln das Gerüst eines weiteren Romans zu bilden, aber rückblickend bleiben zu viele Ansätze frustrierend offen. Im Gegensatz dazu finden sich insbesondere in den ersten Zwei Dritteln des Buches sehr viele Ansätze, das tragisch düstere Wesen des Neobarbaren zu erklären, seine innere Zerrissenheit und seine Schwierigkeit, sich dieser ebenfalls nicht einfachen Gesellschaft ohne soziale Ordnungen anzupassen. Zybell verzichtet auf umfangreiche Erläuterungen oder gar Ansätze von Psychoanalyse, er impliziert sehr viel und lässt den Leser schließlich sein eigenes Urteil bilden. Diese Vorgehensweise hebt den Roman aus den zuletzt ein wenig enttäuschenden „Maddrax“- Hardcovern des Zaubermond- Verlages deutlich heraus. Es ist eine kraftvoll geschriebene, wenn auch nicht immer besonders originelle Geschichte. Einige Passagen wirken – das enge Gerüst der Heftromanserie berücksichtigt – wie Versatzstücke, die routiniert und mit etwas Schwung zusammengefügt worden sind, aber nicht unbedingt harmonieren. Insbesondere zu Beginn des Romans hat Zybell Schwierigkeiten, eine wirklich bedrohliche Atmosphäre in Kombination mit einer interessanten Handlung zu präsentieren, vieles wirkt ein wenig gedehnt und pragmantisch niedergeschrieben. Hier wäre eine Straffung zu Gunsten der gegen Ende des Buches zu abgehetzt erscheinenden Episoden wünschenswert gewesen.
Stilistisch ist „Rulfan“ eine gute Arbeit, die Dialoge sind überzeugend, manchmal pointiert und humorvoll, mit der richtigen Distanz geschrieben, insbesondere die Hintergründe farbenprächtig gestaltet.Sie lenken nicht von den verschiedenen Handlungssträngen ab, sondern unterstützen diese. Ein wenig mehr Exzentrik, einige ausgefallene und vor allem überraschende Ideen hätten aus dieser grundsoliden, insbesondere für die „Maddrax“ Fans elementaren Geschichte einen herausragenden Roman machen können. Zybell erreicht aber zumindest die Qualität seiner ersten beiden Hardcover, in denen er einmal die Vorgeschichte vor dem Einschlag des Kometen packend niedergeschrieben hat – eine noch schwierigere Arbeit, da in diesem Fall das Ende der Geschichte bekannt ist, während der Leser in „Rulfan“ eher verfolgt, wie sich die einzelnen Fragmente zu einem Ganzen verbinden – und eine Chronik aus der Zeit nach dem unmittelbaren Einschlag des Kometen bis zum Einsetzen der Heftromanserie geschrieben hat. In Hinblick auf seinen inzwischen sehr angenehm Schreibstil ist „Rulfan“ allerdings die Beste dieser drei Arbeiten und wirkt nicht mehr so spröde distanziert wie seine ersten Romane, in denen das chronologische Abarbeiten von Ereignissen den Fluss noch deutlich gehemmt hat.
Jo Zybell: "Rulfan"
Roman, Hardcover, 320 Seiten
Zaubermond Verlag 2007
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