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rezensiert von Thomas Harbach
Wenn Christian Montillon – ein Pseudonym – im Vorwort davon spricht, dass er zum Schreiben dieses Romans, die Hilfe von Christian Schwarz – ein echter Name – in Anspruch nehmen musste, dann droht meistens wegen der Hetze zum Abgabetermin Ungemach. In diesem Fall harmonieren die beiden Christians sehr gut und die Übergänge lassen sich nicht durch stilistische Unterschiede feststellen. Allerdings macht es den beiden die Struktur des Buches mit seinen vielen Rückblenden auch sehr leicht, eine stringente Arbeit vorzulegen. Mit dem dunklen Kind – „Minette“ – kümmern sich die beiden Autoren um das Schicksal eines Charakters, dem Professor Zamorra im Laufe seines Lebens schon zweimal begegnet ist. Einmal sogar vor seiner eigentlichen Laufbahn als Dämonenjäger. Die Haupthandlung des Buches besteht aus der Beschreibung von Minettes von Beginn an nicht einfaches Leben. Dieses wird an Hand von Videoprotokollen seit ihrer frühesten Jugend an durch Professor Zamorra in mehreren Sitzungen festgehalten. Hier erfährt der Leser von ihrer absonderlichen Geburt, ihren Kräften und vor allem ihrem Körper, der ab einem bestimmten Grad nicht mehr altert. Das junge Mädchen muss sich alleine durch die allerdings moderne und dank seiner vielfältigen Technik leichter zu überwindenden Welt schlagen. Sie nimmt eine Reihe von Kinderschändern dank ihrer dämonischen Fähigkeiten aus. Das Internet und Kontaktanzeigen erlauben es ihr, ihre Opfer in einsame Hotels zu locken und dort zu töten und zu berauben. Hier drehen die Autoren ganz bewusst den Spieß um. Es sind nicht die jungen Mädchen, die von bösartigen Dämonen und erwachsenen Männern bedroht und missbraucht werden, hier kommt die Gefahr aus einer gänzlich anderen Ecke.
Die Unterbrechungen und Einschübe – langsam nähern sich Vergangenheit und Gegenwart an – ermöglichen eine gewisse Distanz zwischen dem Leser – der das Geschehen aus Professor Zamorras Perspektive verfolgt – und dem Täter/ Opfer. Diese Distanz hemmt allerdings auch den natürlichen Erzählfuß und erfordert vom Leser eine gewisse, über das Routinemäßige Durchblättern hinausgehende Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite haben aber Rückblendenstrukturen auch einen nicht zu leugnenden Nachteil. Solange der Erzähler quasi aus seinem eigenen Leben berichtet, schränkt sich das Gefahrenpotential für ihn überdimensional ein, ihm kann – wenn man nicht von einer literarischen Lücke ausgeht – nur eine schwere oder schwerste Verletzung – in diesem Fall würde er wahrscheinlich am Ende des Buches sein Leben aushauchen, nur um die komplexe mehrstufige Erzählung nicht zu kompromittieren - zugefügt werden, der Tod ist äußerst unwahrscheinlich. Ausnahme wie Billy Wilders „Sunset Boulevard“ und eine Reihe von Epigonen seien hier unberücksichtigt, schließlich handelt es sich um einen ernsthaften Mysteryroman und keine Satire. Berücksichtigt man diese notwendige, aber an manchen Stellen unnötig in die Länge gezogene Struktur, verliert „Das dunkle Kind“ einiges an Faszination. Es sind insbesondere in der ersten Hälfte des Buches wenig wirklich neue oder gar Richtungsweise Ideen in den Text integriert worden und von Dämonen besessene Kinder könnten inzwischen wahrscheinlich schon eine Gesamtschule inklusiv Kindergarten bevölkern. Nicht zuletzt aus diesem Grund konzentrieren sich die beiden Autoren darauf, dass Minette ihre Berufung/ ihr Schicksal zu akzeptieren lernt. Von Beginn an wird Minettes Geburt und ihre Herkunft nicht nur von ihr, sondern auch der Großmutter hinterfragt. Die Wahrscheinlichkeit, mit der Hebamme im Wald auf dem Weg zur Klinik einen Unfall zu verursachen – und nicht bauen - , unter einem alten Baum bei schlechten Wetter die Tochter auf die Welt zu bringen und schließlich als Belohnung von einem Blitz getroffen zu werden, ist sehr gering, wirkt allerdings im Auftaktkapitel sehr packend und atmosphärisch dicht beschrieben. Erst im Laufe des Buches, als diese natürlich übernatürliche Situation hinterfragt wird, schleichen sich auch beim Leser gewisse Zweifel an der Effektivität ein. Aber mit Professor Zamorra wird eine Mystery Serie geschrieben und an solchen Strukturen Kritik zu üben, hieße Eulen nach Athen zu tragen.
Schwach ist dagegen die zweite Handlungsebene mit den beiden Polizisten Nathalie und ihrem Vorgesetzten Piccoli. Der Leser lernt die junge Polizistin nach einer Nacht mit zu viel Wein und vor allem Sex mit dem abscheulichen Vorgesetzten kennen. Hier wird die Klischeekarte gespielt, dass Frauen nicht viel vertragen und im Alkohol sich selbst vergessen. Es wäre doch original oder zumindest unterhaltsam gewesen, die Karten umzudrehen und einen attraktiven Vorgesetzten mit einer sehr hässlichen Untergebenen schlafen zu lassen, alles natürlich nach der dritten Flasche Rotwein und vielleicht auch noch ungeschützt, damit sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen rührt. Handlungstechnisch wird zumindest der fiese und hinterhältige Vorgesetzte für seinen Amtsmissbrauch zumindest nicht umgehend, aber im Handlungsrahmen bestraft. Trotzdem wirken diese beiden Charaktere unterdurchschnittliche entwickelt und treiben die Handlung im Grunde nicht weiter voran, sie wirken wie Seitenfüllmaterial und agieren auch entsprechend.
In seiner Struktur ist „Das dunkle Kind“ als Einzelroman – obwohl man sicherlich, wie die Autoren im Vorwort auch erwähnen, weitere Einzeleinheiten aus Minettes Leben in anderen Büchern erzählen kann – konzipiert. Erst auf den letzten Seiten schlagen die Autoren bewusst den Bogen zur Heftromanserie. Dabei agieren sie so vorsichtig, dass die Leserschicht, welche die laufende Heftromanserie nicht lesen oder mehrere hundert Hefte zurück sind, nicht unter diesem Manko leidet. Für die Stammleser der Heftromanserie halten die letzten zwanzig Seiten eine Reihe von interessanten, aber nicht Bahnbrechenden Informationen bereit.
Stilistisch ansprechend, aber eher unauffällig geschrieben ist „Das dunkle Kind“ einer der besseren Professor Zamorra Hardcover. Die beiden Autoren bemühen sich in erster Linie, eine phasenweise interessante, abschnittweise allerdings auch sehr klischeehafte und im Kontext der Serie wenig überraschende Lebensgeschichte niederzuschreiben. Dem Leser ergreifend das vor ihrer Geburt scheinbar unabwendbar bestimmte Schicksal eines jungen Mädchens vorzustellen und ihren aussichtslosen Kampf zwischen Versuchung – der Dämon in ihr verleiht ihr Kräfte, die sie vor der Öffentlichkeit geheim halten sollte, die es ihr aber auch ermöglichen, die sozialen Grenzen zu sprengen und rücksichtslos von zumindest einer kleinen, perversen Gruppe von „Mitmenschen“ gut zu leben – und Bestimmung zu beschreiben. Das Buch gewinnt im Laufe der Zeit an Faszination, einzelne Passagen sind sehr packend und intim geschrieben, andere wirken dagegen ein wenig verzweifelt und einfallslos. Als Struktur betrachtet birgt die Form der Videointerviews Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, Professor Zamorra wird als Hauptakteur gleich in die sich entfaltende Handlung einbezogen und braucht nicht mehr später mühsam integriert werden, der Nachteil ist, auf diese Art und Weise wird die Spannungskomponente deutlich reduziert und Abschnitte, die eine gewisse Intimität zwischen Protagonist und Leser benötigen, wirken unnötig distanziert. Das Titelbild von Werner Öckl fasst das Szenario gut zusammen und stellt insbesondere Minette dem Leser gleich visuell vor. Durch diesen Blickfang wird man gleich in das Geschehen einbezogen. Vielleicht wäre es doch sinnvoller gewesen, auf die Interviewstruktur zu verzichten und Minettes Geschichte aus einer direkten Perspektive zu erzählen. Dabei hätte man durchaus ein oder zwei Begegnungen mit dem Professor in die Handlungsbögen integrieren können, ohne vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Aber auch so ist „Das dunkle Kind“ ein guter Unterhaltungsroman mit einigen kleineren Schwächen.
Christian Montillon und Christian Schwarz: "Professor Zamorra Band 19- „Das dunkle Kind“"
Roman, Hardcover, 256 Seiten
Zaubermond 2006
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