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Sternenfaust



Alfred Bekker

Sternenfaust 10- die Kolonie der Genetics

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem kleinen Jubiläumsband zehn „Kolonie der Genetics“ geht Alfred Bekker nicht nur auf die frühen ersten Kolonien und die Hintergründe der Genetics ein, er führt auch die in den vorangegangenen Bänden auf verschiedenen Ebenen ablaufende Handlung konsequent weiter fort. Daher ist es inzwischen unabdingbar, die vorangegangenen Chroniken des Starscorps gelesen zu haben. Zu viele kleine Handlungsteile sind elementar und werden vorausgesetzt. Weiterhin treten Protagonisten insbesondere aus den letzten Bänden auf. Neben dem ehemaligen Geheimdienstchef und Putschisten Johnson wird die Rolle des zwielichtigen Admirals Rudenko weiterbeleuchtet. Auf der einen Seite als Befehlshaber der Flotte, zu welcher auch die Sternenfaust gehört, zum anderen als Mitwisser hinter dem Putsch, der rechtzeitig in Deckung gegangen ist. Allerdings fügt Alfred Bekker diesem Szenario nur wenige weitere Informationen hinzu. Der Kridan Sun- Tarin aus dem neunten Sternenfaust Abenteuer mit gleichem Titel greift in das laufende Geschehen ein. Bekker nimmt sich verständlicherweise nicht die Zeit, diese inzwischen eingeführten Figuren charakterlich tiefer gehend zu beleuchten. Daher ist es sinnvoll, die einzelnen Protagonisten in der mehr und mehr einem gigantischen kosmischen Schachspiel ähnelnden Starcorps Chronik schon näher zu kennen.

Wie auch schon in den vorangegangenen Romanen verbindet Alfred Bekker geschickt die Gegenwart der laufenden Heftromanhandlung mit seinen Exkursionen in die Vergangenheit und den Hintergrund der Serie. Im vorliegenden Band wird die Vergangenheit der Genetics in Form eines Berichts mit Hilfe eines Ich- Erzählers aufgerollt. Obwohl oft argumentiert wird, dass die Ich- Erzählerebene die Spannung des Romans negieren kann, besteht bei den Chroniken des Starcorps diese Gefahr nicht. Der Leser weiß im Allgemeinen, welche Figuren überleben und in der laufenden Heftromanserie noch eine Rolle spielen. Mit der sehr engen Ich- Erzählerperspektive gibt Alfred Bekker dem außen stehenden Betrachter eine Identifikationsfigur an die Hand, die zumindest im vorliegenden Roman auch nur einen kleinen Teilaspekt des Geschehens überblicken kann. Simon E. Jefferson haben die „Sternenfaust“ Fans schon als Mitglied des Raumschiffs kennen gelernt. Mit teilweise überraschend pointierten und für Alfred Bekkers Werk unüblichen ironischen Kommentaren beginnt der Autor Jeffersons persönlichen Bericht. Er ist auf Galunda Prime aufgewachsen. Einer Welt mit extremen Wetterbedingungen, in denen 150 Grad Minus als warm gelten und Wolken aus Methan Seen hervor steigen. Wie seine Elterngeneration ist er für ein Leben auf diesen Extremplaneten modifiziert worden. Schon der qualitative genetische Unterschied zwischen seinen Eltern und ihm ist gewaltig. Die Lebenserwartung der nächsten Generation soll um dreißig bis vierzig Prozent länger sein, die geistigen Fähigkeiten sind exorbitant gesteigert worden und die Anpassung an die unwirtliche Welt im Grunde perfekt. Immer wieder den Leser in seinen Bericht einbeziehend ist Jefferson selbst unheimlich, wie weit die genetische Manipulation oder ehrlicher ausgedrückt genetische Züchtung des Menschen fortgeschritten ist. Dabei reicht Jeffersons Blick nicht nur zurück. In den sehr überzeugend geschriebenen Auftaktpassagen setzt sich der Genetic auch mit der folgenden Generation auseinander und befürchtet, gegenüber seinen „Kindern“ ebenfalls wie ein Auslaufmodell zu erscheinen. Dabei sind keine zwanzig Jahre zwischen den beiden ersten Generationen vergangen. Und das bei einem Lebewesen mit einer Lebenserwartung von etwa einhundertvierzig Jahren. Das Jefferson mit seinen sechzehn Jahren – hier beginnt der eigentliche Bericht – noch mitten in seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung steckt, erschwert das Dilemma. Anscheinend sind die Genetics nicht nur für das Leben auf extremen Welten geschaffen, sondern ihnen sind besondere Fähigkeiten „beigemischt“ worden, die ihren späteren vorgezeichneten beruflichen Lebensweg erleichtern sollen. Ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit und den Eltern, eine bestimmte, aber erschreckende und vor allem nicht frei bestimmbare Zukunft. Zwischen diesen beiden Extrempunkten bewegt sich Jefferson unentschlossen hin und her. Die intensiven geschriebenen Sequenzen lockert Alfred Bekker durch die Berichtsform unnötigerweise auf. Vielleicht hätte „Kolonie der Genetics“ noch packender gewirkt, wenn Alfred Bekker auf das Zeitspringen zu Beginn des Romans verzichtet hätte. Auf einer seiner Expeditionen macht Jefferson eine überraschende Entdeckung. Die Raumschiffe der lokalen Raumverteidigung beginnen ein bestimmtes Gebiet für die Genetics abzusperren. Es wird aber anscheinend in diesem Gebiet Material abgeladen. Natürlich weckt dieses Vorgehen die Neugierde Jeffersons. Kaum hat Alfred Bekker diesen Handlungsarm vernünftig extrapoliert, springt er wieder zurück zum laufenden Handlungsfaden. Die Star Corps werden von den aggressiv vordringenden Kridan immer wieder zurückgedrängt. Insbesondere der überforderte Admiral Rudenko kann die Taktiv der außerirdischen Eindringlinge nicht mehr kontern. Die Sternenfaust wird zur Patrouille in einen entlegenen Sektor geschickt und fängt dort durch einen Zufall einen Funkspruch von einem Sperrzonenplaneten auf. Auf dieser Welt ist heimlich der Putschist Johnson gefangen gehalten worden. Die Leser wissen im Gegensatz zu der Sternenfaust Besatzung schon, dass die Kridan ihn befreit haben. Die Sternenfaust ist das einzige Raumschiff in Reichweite, das die Kridan und Johnson noch abfangen kann. Aber Admiral Rudenko kann sich nicht entschließen, den entsprechenden Befehl zu geben. Also beginnt der Kommandant der Sternenfaust Leslie zusammen mit seinem ersten Offizier Soldo auf eigene Faust und ohne ausdrücklichen Befehl das Kridan Schiff zu jagen.

Der Sprung zwischen den Ereignissen auf der Genetic Welt in die laufende Handlung zurück ist im Vergleich zu den anderen Romanen der Serie doch gewaltig. Der rote Faden wird erst einmal abgeschnitten. Nicht das die inneren Spannungen an Bord der Sternenfaust, durch die unsinnigen Befehle Admiral Rudenkos aufgeheizt, nicht interessant sind. Die Raumschlacht zwischen den Kridan sowie der Sternenfaust wird packend beschrieben, aber nach den ersten zwei Dritteln des Romans hat sich der Leser unter „Kolonie der Genetics“ etwas anderes vorgestellt. Vor allem weil schon weiß, wie die beiden Handlungsbögen schließlich zusammenlaufen.

Alfred Bekker nimmt sich zu wenig Raum, um diese faszinierende Welt und vor allem die überraschend innovativ und vielschichtig entwickelte Kultur der Genetics zu beschreiben. Nach der ausführlichen und nuancierten Exposition beginnt der Autor merklich das Tempo anzuziehen, um möglichst viel Stoff abzuhandeln. Schon in den letzten Sternenfaust Hardcover Romanen fiel diese unglückliche Art des Tempo machen auf, im vorliegenden Band ist das Missverhältnis extrem. Sinnvoller wäre es gewesen, die laufende Handlung nur im Hintergrund fortzuschreiben und sich über weite Strecken ganz auf die Ereignisse dieser Methanwelt zu konzentrieren. Oder anders herum gesprochen, für die laufende Handlung wird dieser Planet zusammen mit den Genetics nicht benötigt. Das unterstreicht Alfred Bekker im enttäuschenden Abschluss der „Kolonie der Genetics“.

Unabhängig von dieser gestalterischen Schwäche gehört das Raumduell zwischen Sun Tarin und Leslie im Mittelteil des Plots zu den Höhepunkten des Romans. Hier treffen zwei sehr unterschiedlich veranlagte Strategen aufeinander und Bekker nimmt sich in diesen Sequenzen die Zeit und dem Raum, um den barbarischen Kampf mit modernen Waffen intensiv zu beschreiben. Danach flacht der Handlungsbogen merklich ab. Die Christopherer werden bemüht, damit die angeschlagene Sternenfaust überhaupt eine kleine Chance hat, die Mission erfolgreich zu beenden und den eigenen Kopf vor dem Kriegsgericht zu retten.

Das Ende des Buches ist enttäuschend. Hier greift Bekker auf die Klischees unzähliger Jugendbücher zurück und verzichtet auf jegliche neue Ideen. Der Einsatz der Spezialisten – neue Technologie wird gleich effektiv und erfolgreich eingesetzt – wirkt unglaubwürdig und notdürftig konstruiert. Hier verschenkt Bekker eine Reihe von effektiven Szenen und mutet dem Leser zu, die „Befreiung“ oder „Wiedergefangennahme“ des Putschisten – alles eine Frage der Perspektive – über Funk mitzuverfolgen als wirklich am Geschehen teilzunehmen. Auf den letzten fünfzehn Seiten zeigt sich zum wiederholten Male im Verlaufe der einzelnen „Sternenfaust“ Romane, das Bekker teilweise extreme Probleme hat, seine Romane wirklich überzeugend zu strukturieren und das eine Aufteilung der Handlungsbögen auf zwei unabhängige Romane nicht nur sinnvoller, sondern zufrieden stellender gewesen wäre. Es wäre auch sinnvoll, wenn das Lektorat an diesen Stellen energischer eingreifen würde. Ein Roman kann zum Überarbeiten und neu strukturieren auch einmal zurückgegeben werden.

Anstatt verschiedener außerirdischer Rassen beschreibt Alfred Bekker mit den Genetics ein Volk, das rudimentär noch menschlich genannt werden kann, das sich intellektuell aber schon weiter entwickelt hat und seinen Platz im vielschichtigen Universum sucht. Nur an einigen wenigen Stellen – der Funkkontakt zwischen Leslie an Bord der angeschlagenen Sternenfaust und den führenden Genetics – streift Bekker diese Distanz oberflächlich. Leider verspielt Bekker die wenigen guten Ansätze auf den letzten Metern. Die Genetics müssen die Kolonie aufgeben, anstatt hier eine Mischung aus Melancholie, politischen Spannungen und Frust auszunutzen, um diese erneute Zwangsumsiedelung spannend und effektiv zu beschreiben, werden diese elementaren Passagen in distanzierter Berichtsform hektisch abgehandelt.

„Kolonie der Genetics“ ist stellenweise ein sehr guter Sternenfaust Roman. Insbesondere der Anfang und das Raumschiffduell gehören zu den besseren Sequenzen der Serie. „Kolonie der Genetics“ ist in einzelnen Abschnitten ein frustrierend oberflächliches Buch. Beide Handlungsbögen werden so abrupt beendet, dass der Aufbau im Grunde Zeitverschwendung ist. Im vorliegenden zehnten „Sternenfaust“ Roman verschenkt Alfred Bekker ohne Not zu viele interessante Ansätze und hinterlässt wieder den Eindruck eines Autoren, der mit einem sehr groben Konzept einfach los geschrieben hat und keine Zeit mehr hatte, den Roman gründlich zu überarbeiten sowie zu strukturieren.

Alfred Bekker: "Sternenfaust 10- die Kolonie der Genetics"
Roman, Hardcover, 252 Seiten
Zaubermond- Verlag 2008

Weitere Bücher von Alfred Bekker:
 - Die Kanonen von Dambanor II
 - Die letzten Tage der Solaren Welten
 - Sternendschungel 16: Das Geheimnis der Zyzzkt
 - Sternenfaust - Vorstoß ins Niemandsland
 - Sternenfaust 005 - Msssarrrr!
 - Sternenfaust 010: Im Reich der Kridan
 - Sternenfaust 013: Schlacht um die Wega
 - Sternenfaust 015: Zwischen den Fronten
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 - Sternenfaust 9 - Raumkapitän Sun Tarin
 - Sternenfaust Band 95 - Mutawesis Hölle

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