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Fantasy (diverse)



Peter S. Beagle

Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

rezensiert von Thomas Harbach

In einer mit einem stimmigen Titelbild ausgestatten Hardcoverneuauflage vereint der Verlag Klett Cotta kurz nach dem vierzigjährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung von „Das letzte Einhorn“ Peter S. Beagles berühmten Roman mit der im Jahre 2005 im „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ veröffentlichten Fortsetzung „Zwei Herzen“. Für diese längere Kurzgeschichte hat Peter S. Beagle ein Jahr später den HUGO Award erhalten, die einzige „große“ Auszeichnung seiner durchaus erfolgreichen und langen Karriere.

„Das letzte Einhorn“ stellte nach dem unterschätzten „He Rebeck!“ aus dem Jahre 1960 Beagles zweite literarische Veröffentlichung dar. Dazwischen hat sich der Amerikaner als Tellerwäscher und Kaffeehaus über Wasser gehalten. Schon Mitte der neunziger Jahre griff Peter S. Beagle für seine pointiert geschriebenen Romane auf Fabelwesen zurück. In „Die Sonate des Einhorns“ trat eine andere Inkarnation seiner berühmtesten Schöpfung auf. Mit „Das indische Nashorn“ wandte sich Beagle einem anderen Kulturkreis zu. Trotz der populären, wenn auch künstlerisch misslungenen Zeichentrickadaption widerstand Beagle dem auch kommerziellen Druck, eine direkte Fortsetzung zu „Das letzte Einhorn“ zu verfassen. Erst sechs Jahre nach seiner letzten Fantasy- Erzählung „A Dance for Emilia“ veröffentlichte der eher medienscheue Beagle für viele überraschend eine ansprechende Fortsetzung ohne großes Getöse in dem ältesten noch erscheinenden Science Fiction und Fantasy- Story Magazin. Diese Geschichte ist in den obligatorischen Year´s Best Anthologien mehrfach nachgedruckt worden. In der vorliegenden Hardcoverausgabe erscheint sie zum ersten Mal in deutscher Übersetzung.

Die Neuauflage lädt den Leser ein, mit einem Abstand von zum Teil vierzig Jahren den Text mit anderen Augen noch einmal intensiv zu betrachten. Dabei fällt schon während der Lektüre auf, das „The last Unicorn“ genauso wenig eine klassische Fantasy- Geschichte ist wie „He Rebeck!“ eine reinrassige Geisterstory. Der Auftakt ist fantasytechnisch der intensivste Teil der Geschichte. Das Einhorn lebt seit vielen vielen Jahren in einem abgeschiedenen Teil des Waldes, in dem immer Frühling ist. Bislang hat das Einhorn in erster Linie passiv seine Umgebung beobachtet. Eines Tages belauscht es zwei Menschen, offensichtlich Jäger, die davon sprechen, dass es keine Einhörner mehr gibt. Aus Angst, das letzte Einhorn zu sein, verlässt das Tier den Wald und macht sich auf die Suche nach anderen Einhörnern. Fast wie in „The Wizard of Oz“ bzw. Tolkiens „Herr der Ringe“ bildet eine klassische Quest die Grundlage der Geschichte. Das Einhorn verbündet sich mit einem Zauberer, der mit seinen Kräften nicht umgehen kann und durchschreitet ein verfluchtes Land. Womit das Tier aber nicht gerechnet hat, ist die Begegnung mit den Menschen.

Es ist erstaunlich, wie viele Anachronismen dem Leser erst bei der zweiten oder dritten Lektüre auffallen. Ganz bewusst reduziert Beagle im Verlaufe der Handlung die phantastischen Elemente und integriert Spuren einer eher postmodernen Coming-Of- Age Story. Insbesondere die Menschen wirken wie typische „Amerikaner“ der späten sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die sich aus Magazinen über ihre Welt informieren. Die Dialoge sind vor allem in der englischen Originalausgabe ungewöhnlich modern und pointiert. Vor allem verzichtet der Autor darauf, seine Welt wirklich zu extrapolieren. Das Einhorn begegnet nur Charakteren, die plottechnisch notwendig sind. Zumindest impliziert hat der Leser den Eindruck, als würde die Welt direkt vor dem ziellos daher wandernden Tier entstehen und danach umgehend wieder im Grau des Nichts verschwinden. Obwohl Mythen und Legenden in „The Last Unicorn“ eine ungewöhnlich wichtige Rolle spielen, suggeriert Beagle von Beginn an, dass sie nicht ein Teil dieser phantastischen Gesellschaft sind, sondern dass sie von den Menschen und übernatürlichen Wesen geschaffen werden, um die eigene, eher oberflächliche Exstenz zu rechtfertigen. Zusammen mit dem Einhorn müssen die Protagonisten und damit auch die Leser lernen, mit einer Art dritten Auge zu sehen. Dieses dritte Auge zeigt ihnen die Welt, an die man glaubt in einem starken Kontrast zu der Welt, welche die Protagonisten zu sehen glauben. Nur selten gelingt es einer Figur, aus dem engen Käfig des Lebens auszusprechen, wenn die Tatsachen gegen den bisherigen Glauben sprechen. Beispielhaft könnten hier die Räuberbande oder der Bauer zu Beginn der Geschichte erwähnt werden. Die Räuberbande widerspricht allen Robin Hood Legenden und könnten eine Ghettobande aus L.A. sein. Sie berauben die Armen, weil sie sich nicht wehren können und zahlen Tribute an die Reichen und Mächtigen, weil diese sie auslöschen können. Der Bauer kann zum Beispiel das Einhorn nicht erkennen, weil es nicht seinem Glaubensstand entspricht. Immer wieder spielt Peter S. Beagle allerdings nicht immer wirklich erfolgreich und teilweise arg bemüht mit der Erwartungshaltung der Leser. Immer wenn sich der Autor bemüht, einen gewissen Sense of Wonder in den eher dünnen und leider vorhersehbaren Plot zu integrieren, funktioniert seine Geschichte hervorragend. Von Beginn an zeigt der Autor, dass es nicht nur Wunder gibt, sondern das sie sich die Menschen oder Wesen verdienen müssen. Erst mit diesem Schritt, erfährt man eine persönliche Art von Wunder. Wer nur nach den Sternen greift, wird enttäuscht und für diese passiven Protagonisten verlieren die potentiellen Wunder dieser phantastischen und doch so vertrauten Welt ihre Wirkung. Je weiter die Handlung voranschreitet, beginnt Beagle nicht immer effektiv mit Symbolen zu arbeiten. Diese fast erdrückende Vorgehensweise negiert den insbesondere im Mittelteil fast phlegmatischen Plot. Stimmung alleine reicht nicht aus, aber Beagle erweist sich als sehr guter Erzähler, der insbesondere auf der emotionalen Ebene die plottechnischen Schwächen solide ausgleichen kann. Dabei bewegt sich der Autor auf einem schmalen Grad zwischen wirklich überzeugender Geschichte und Manipulation seines Publikums. Im Vergleich zum deutlich lebhafteren und besser strukturierten „He! Rebeck“ ist „The Last Unicorn“ immer noch eine lesenswerte, liebenswerte und zeitlose Geschichte, angefüllt mit exzentrischen, aber zugänglichen und sympathischen Charakteren. Mit einem gewissen zeitlichen Abstand
zur ersten Lektüre lässt sich allerdings feststellen, dass es sich beim vorliegenden Buch um eine wirklich gute, aber keine großartige Fantasy- Geschichte handelt. Das süße schmalzige der eher verunglückten und von Beagle geschriebenen Zeichentrickadaption fehlt gänzlich und macht manche etwas zu lange und erzähltechnisch zu verspielt beschriebene Passage trotzdem noch lesenswert.

In „Zwei Herzen“ greift Beagle auf sehr viele Charaktere aus „Das letzte Einhorn“ zurück und erzählt trotzdem eine gänzlich andere Geschichte. Es ist inzwischen sehr viel Zeit ins Land gegangen Das liegt in erster Linie daran, dass der Autor auf einen gänzlich neuen Erzähler zurückgreift. Der Leser verfolgt das ganze Geschehen fast ausschließlich aus der Perspektive des Kindes Sooz. Ihr Dorf wird von einem Griffin bedroht. In ihrer Verzweifelung versucht sie Hilfe beim König Lir zu holen. Auf dem Weg dahin begegnet sie nicht nur Schmendrick und Molly Grue, sondern auch dem König, der - in einer der märchenhaften Wendungen der Geschichte - zusammen mit Sooz dem Dorf im Kampf gegen den Griffin zur Hilfe eilen will. Während Beagle in „Das letzte Einhorn“ die Suche eines einzelnen Tieres nach zumindest einem Gefährten beschrieben hat, arbeitet der Autor in der vorliegenden Geschichte ausschließlich mit Dualitäten. Das beginnt beim mystischen Wesen, da der Griffin das Herz des Adlers und des Löwen in seiner Brust trägt. Schmendrick und Molly sind ein Paar, der König Lir ist eng mit dem Einhorn Amalthea verbunden. Sooz und ihr Hund Malka bilden ein weiteres Paar. Beagle gibt erstaunlicherweise für einen derartigen kurzen Text jedem seiner Charaktere einen Augenblick, den berühmten „one Moment in time“. Durch die geschickte Gruppierung der einzelnen Figuren zueinander durchläuft der Leser im Grunde alle wichtigen Altersstufen vom Heranwachsen bis zum Sterben in einem atemberaubenden Geschwindigkeit, ohne das Beagle auf Pathos oder gar Kitsch zurückgreifen muss. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Tod bzw. der Erkenntnis, in dem gewaltigen Universum weniger als ein Sandkorn zu sein, bestimmt das letzte dunkle Drittel der Geschichte. Eher in einer Art Kompromiss rettet das Einhorn in letzter Sekunde Sooz vor dem sicheren Tod durch den Griffin. Beagle suggeriert thematisch konträr zu „Das letzte Einhorn“, dass die Menschen nur an Wunder glauben sollen, um sich aus der Gleichgültigkeit der Schöpfung herauszulösen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man jung oder alt, reich oder arm, gesund oder krank ist. Wunder gibt es überall. In beiden Geschichten müssen sich die Charaktere aber die Wunder verdienen. Niemanden wird etwas geschenkt. „Zwei Herzen“ ist deutlich dunkler, weniger märchenhaft geschrieben. Die Dialoge sind insbesondere im Original sehr viel pointierter und zweideutiger. Im Gegensatz zu „Das letzte Einhorn“ legt Beagle seine ganze Lebenserfahrung in diese Geschichte und arbeitet eine Reihe von zeitlosen, aber wichtigen Punkten ab. Auf der einen Seite ist „Zwei Herzen“ sicherlich eine interessante Rückkehr in das Land des „letzten Einhorns“, inhaltlich steht die Kurzgeschichte Beagles späteren Romanen deutlich näher als dem über vierzig Jahre alten „Klassiker“. Die Kombination der beiden Texte in dieser wohlfeinen Ausgabe ermöglicht einen direkten Vergleich. Wer die älteren Klett Cotta Ausgaben besitzt und des Englischen mächtig ist, braucht sich diese neue Sammlung nicht unbedingt anschaffen. „Zwei Herzen“ lässt sich aus dem Internet herunterladen. Wer die Geschichte um „Das letzte Einhorn“ bislang nur als Film gesehen hat, sollte unbedingt zugreifen und sich diese Doppelausgabe sichern. Unabhängig von den Stärken und Schwächen handelt es sich um eine wunderbar zeitlose und zum Träumen animierende einfache, aber doch nicht simple Geschichte mit einer inzwischen modernen, doch optimistischen Pointe in Form einer gekonnt geschriebenen und von Beagle gut durchdachten „Fortsetzung“.



Peter S. Beagle: "Das letzte Einhorn und Zwei Herzen "
Roman, Hardcover, 304 Seiten
Klett Cotta 2009

ISBN 9-7836-0893-8722

Weitere Bücher von Peter S. Beagle:
 - Das Zauberhaus
 - I see by my Outfit

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