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Fantasy (diverse)



Patrick Rothfuss

Der Name des Windes

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Der Name des Windes“ erscheint der erste Band der „Königsmörder-Trilogie“ mit einem wundervoll stimmigen Titelbild Kerem Beyits als Hardcover in der Hobbitt Presse des Klett Cotta Verlages. FĂŒr viele ist Rothfuss Epos wahrscheinlich DER Fantasy- Roman des Jahres. Der erste Roman des 1973 in Wisconsin geborenen Rothfuss hat sogar die Bestsellerliste der New York Times erklommen. Ohne Frage ist die hier prĂ€sentierte Geschichte sehr gut geschrieben und erzĂ€hlt. Joachim Schwarzer hat sie mit seiner empfehlenswerten und sehr liebevollen Übersetzung gut ins Deutsche ĂŒbertragen. In wie weit „Der Name des Windes“ der Fantasy- Roman des Jahres ist, muss jeder Leser mit sich selbst ausmachen. AuffĂ€llig ist, das Rothfuss nicht versucht, das Genre neu zu erfinden oder dessen Grenzen und Gesetze zu erweitern. Er erzĂ€hlt eine geradezu im ersten Band simplifizierte Geschichte, der Rothfuss im Grunde noch einen wichtigen Teil der Spannung absichtlich nimmt. Der Leser muss und sollte akzeptieren, das der Autor auf seinem Weg durch seine noch nicht einmal sonderlich reich gestaltete Welt die Klischees des Genres nicht nur aufnimmt, sondern sie geschickt extrapoliert und teilweise verblĂŒffend simpel fĂŒr seine Geschichte ausnutzt. In der Mitte des Buches wird sich der Leser fragen, ob er nicht einer archaischen Harry Potter Geschichte beiwohnt, bis sein Charakter Kvothe eher unabsichtlich den allmĂ€chtigen Wind befreit. Ab dieser Sekunde verschiebt sich die Perspektive des Plots unmerklich, der Grundtenor verlĂ€sst die simple, aber nicht einfache Struktur der Legendenbildung.

Dabei beginnt Rothfuss seinen Roman verblĂŒffend einfach. Der zugezogene und in sich zurĂŒckgezogene, aber sympathische Kneipier Kote kĂŒmmert sich seit mehreren Jahren zusammen mit seinem Helfer um die kleine Gastwirtschaft. Er hĂ€lt sie sauber, sorgt fĂŒr das leibliche Wohl seiner GĂ€ste und wird inzwischen von den Einheimischen akzeptiert. Eines Nachts dringt eine dunkle Kreatur in den Schankraum und wird von ĂŒbernatĂŒrlichen KrĂ€ften zerstört. Kaum einer der GĂ€ste ahnt, dass Kote in Wirklichkeit Kvothe, der Blutlose ist. Ein legendĂ€rer Zauberer. Rothfuss spielt mit dieser eher bekannten Idee, verblĂŒfft den Leser nicht unbedingt mit diesem Handlungsaufbau. Er zwingt seine Leser zu Geduld, eine ungewöhnliche Maßnahme, die sich erst sehr spĂ€t im Verlauf der Handlung auszahlt. Kvothe entschließt sich schließlich, einem ebenso legendĂ€ren LegendenerzĂ€hler seine wahre Lebensgeschichte zu erzĂ€hlen. Mit dieser Entscheidung öffnet Rothfuss den Rahmen des Buches und der Leser verfolgt Kvothes glĂŒckliche, aber arme Kindheit als Mitglied des fahrenden Volks, die harte Lehre, durch die ihn sein Vater und ein mitreisender Magier schickten und schließlich als ersten, offensichtlichen Paukenschlag der Entwurzelung der Figur die Ermordung seines Clans durch scheinbar ĂŒbernatĂŒrliche sowie geheimnisvollen Kreaturen. In eher klassischer Manier ist Kvothe der einzige Überlebende und schwört natĂŒrlich Rache. Im Vergleich zu vielen anderen Fantasy Epen ist sich Kvothe nicht seiner KrĂ€fte bewusst und vegetiert alleine sowie verĂ€ngstigt in Oliver Twist Manier in den Elendsvierteln der StĂ€dte dahin. Auch wenn der Leser ahnt bzw. durch den Rahmen weiß, das Kvothe seinen Weg gehen wird, schmĂŒckt Rothfuss diese sehr harte Jugend mit sehr vielen Details aus. Das Problem des Buches liegt insbesondere in diesem Abschnitt in seiner absoluten Vorhersehbarkeit. BerĂŒcksichtigt der Leser dann auch noch, das es unglaubwĂŒrdig erscheint, das Kvothe sich so genau an seine Jugend und Vergangenheit erinnern kann und das die vielen Details fĂŒr die Legende bzw. den GeschichtenerzĂ€hler wichtig bzw. interessant sind, fordert Rothfuss von seinen Lesern unnötigerweise zu viel Geduld und konzentriert sich teilweise zu starrköpfig auf die Idee eines Epos als die Handlung zu straffen und deutlich geradliniger zu gestalten. Zwar fĂŒhlt man sich durch die Ich- ErzĂ€hlerperspektive mit den teilweise sehr ĂŒberzeugend erzĂ€hlten Episoden und ihren Protagonisten enger verbunden, aber der Leser weiß, das Kvothes Charakter in erster Linie geformt wird. So kann er auch die schwierigsten Situationen ohne grĂ¶ĂŸere Probleme ĂŒberstehen. Aufgrund dieser eher starren Struktur zerfĂ€llt der eigentliche Spannungsbogen in verschiedene Segmente unterschiedlicher QualitĂ€t. Zwar baut jedes kleinste Detail auf zuvor angebotenen, aber nicht immer vom Leser aufgenommenen Informationen auf, die FĂŒlle der Ideen ĂŒberdeckt aber nicht immer die offensichtlichen SchwĂ€chen in dem zu statischen Handlungsaufbau. Kvothe entschließt sich schließlich, an der Akademie zu studieren. Hier droht eine Harry Potter Ă€hnliche Situation und mittels seiner intellektuellen wie musikalischen FĂ€higkeiten, seinem SpĂŒrsinn und seinem Überlebensinstinkt kann sich Kvorthe sehr viel lĂ€nger an der UniversitĂ€t halten, als es eifersĂŒchtige Widersacher und egoistische Lehrer eigentlich zulassen wollen. Der Leser weiß inzwischen, das Kvothe das Studium als einer der jĂŒngsten SchĂŒler aufgenommen hat. Der Leser weiß ebenfalls, das Kvothe schließlich von der UniversitĂ€t verwiesen worden ist. Die LĂŒcke dazwischen wird in den RĂŒckblenden teilweise ĂŒber GebĂŒhr expliziert und nicht immer die Handlung vorantreibend geschlossen. Die einzelnen Episoden in der klosterĂ€hnlichen Anlage erinnern ohne als Kopie durchzugehen sowohl an „Harry Potter“ mit dunklen Untertönen als auch Umberto Ecos „Der Name der Rose“ in Hinblick auf die UniversitĂ€t. Wie in allen Passagen seines Romans geht Patrick Rothfuss eigene Wege und fĂŒgt dem Geschehen sehr viele originelle Ideen hinzu, um den Leser nicht nur bei der Stange zu halten, sondern vor allem auch gut, aber eben nicht glĂ€nzend zu unterhalten. Immer wieder hat man allerdings das GefĂŒhl, die Lebensgeschichte eines Bekannten aus der Perspektive eines Freundes wieder erzĂ€hlt zu bekommen und nicht zum ersten Mal zu hören.

In den letzten Zwischenkapiteln – also die ErzĂ€hlebene zwischen Kvothe und dem Chronisten – wird der Ton dunkler, obwohl die grundlegende ErzĂ€hlung die archaische Fantasyhandlung verlĂ€sst und mit einem ĂŒberdimensionalen, Pflanzen fressenden Drachen haarscharf an der LĂ€cherlichkeit vorbeistreift. Hier zeigen sich am offensichtlichsten die Probleme des Buches. Obwohl es sich um die Lehrjahre Kvothes handelt, kann dieser im Grunde auf jede Frage eine Antwort geben und sich jeder Situation stellen. Egal wie groß dabei die Herausforderung ist. Und wenn er schließlich verzweifelt nicht mehr reagieren kann, ĂŒbernehmen plötzlich seine bis dato darbenden FĂ€higkeiten das Kommando. Egal wie tief das Tal der TrĂ€nen ist, er durchschreitet es. Neben einem fast absurden Verschleiß von Hemden – diese Idee reduziert sich mehr und mehr zu einem Running Gag – und einer im Grunde immer klammen Kasse schafft es Kvothe augenscheinlich, die Antworten der UniversitĂ€tsaufnahmeprĂŒfung nach ein oder zwei- oder mehrmaligem Hören im Kopf zu behalten, er hat nicht nur aufgrund seiner weltlichen Ausbildung seines Vaters ein umfassendes Wissen, sondern hat auch rechtzeitig einen Jugendfreund wie einen alten Magier im Ärmel, die ihm das Restliche beibringen bzw. beigebracht haben. Vor allem in den letzten Kapiteln ĂŒberspannt Patrick Rothfuss den Bogen zu sehr und einige im Grunde hinsichtlich seiner Zukunft wichtige Passagen wirken ĂŒbertrieben und sind spannungsarm. Dagegen ĂŒbernimmt die Gegenwartshandlung mehr und mehr das Kommando in dem Augenblick, in dem nicht mehr Kvothe im Mittelpunkt des Geschehens ist. Auf den letzten Seiten gelingt es Patrick Rothfuss mit dĂŒster melancholischen Vorhersagen das Interesse des Lesers sehr geschickt auf den zweiten Band zu lenken und einige Holprigkeiten des vorliegenden ersten Romans erstaunlich routiniert und offensiv zu ĂŒberspielen.

Auf der emotionalen Ebene zerdehnt Rothfuss die diversen Begegnungen mit der jungen Denna, die ihn fast hĂŒndisch liebt und sich trotzdem von reifen reichen MĂ€nnern zumindest zeitweise aushalten lĂ€sst. Sie bleibt ein ambivalenter Charakter. Dabei bewegt sich Rothfuss immer am Rande des Kitsches und manche Reaktion Kvothes ist in der hier beschriebenen Form eher naiv als ĂŒberzeugend. In diesen Sequenzen macht Rothfuss auch den Fehler, die erste in der dritten Person geschriebene Handlungsebene das verbal vorgetragene Geschehen nicht reflektieren zu lassen. Die Distanz zwischen diesen beiden Spannungsbögen ist viel zu groß und die wenigen ironisch bissigen Kommentare reichen nicht aus, um die Gegenwart mit der Vergangenheit in einem den Leser Zufriedenstellendem und vor allem dem Plot angemessenem Maße zu verbinden. Auch irritiert die AsexualitĂ€t des Protagonisten, der die zahlreichen Angebote nicht nur Dennas, sondern auch anderer Frauen manchmal emotional ĂŒberfordert und dann seinen eigenen PlĂ€nen nachgehend ablehnt. Nur an einer einzigen Stelle kommentiert Kvothe allerdings noch in der ErzĂ€hlebene seine frigide Handlungsweise sarkastisch. Auf der anderen Seite entwickeln sich Kvothes nicht nĂ€her beschriebene FĂ€higkeiten am Plot orientiert zu effektiv. Er reagiert auch nicht immer sonderlich ĂŒberrascht. Das macht den anfĂ€nglich gut gezeichneten Charakter distanzierter und stellenweise unnötig eindimensionaler. Hinsichtlich des möglicherweise unzuverlĂ€ssigen ErzĂ€hlers bewegt sich Patrick Rothfuss in Gene Wolfes Bereichen, ohne an dessen sprachliche Brillanz annĂ€hernd heranzukommen. Rothfuss versucht einem Vergleich insbesondere sowohl mit Gene Wolfe als auch Robin Hobb geschickt auszuweichen, in dem er Kvothe mehrmals betonen lĂ€sst, das er ja in eine Gauklerfamilie hineingeboren worden ist und sich auch nicht zu schade ist, die Wahrheit zu biegen. Es wird sich erst in den nĂ€chsten beiden Teilen der Königsmörder- Trilogie zeigen, wie stark die BĂ€ume sind, die aus dem hier gesĂ€ten Boden sprießen werden und welche Äste wirklich gebogen, wenn nicht sogar gebrochen worden sind. „Der Name des Windes“ ist ein Roman, der trotz einiger LĂ€ngen den Leser unterhĂ€lt. Die Charaktere sind im Windschatten des charismatischen, aber zu perfekt beschriebenen Kvothe nuanciert und ĂŒberzeugend sympathisch beschrieben. Patrick Rothfuss gelingt es sehr gut, eine Fantasywelt glaubwĂŒrdig und doch phantasievoll vor den Augen der Leser zu erschaffen. Insbesondere fĂŒr einen Erstling handelt es sich um eine teilweise eindrucksvolle Arbeit, die an George R.R. Martins Fantasy- Epos nicht nur hinsichtlich ihrer LĂ€nge erinnert.

Patrick Rothfuss: "Der Name des Windes"
Roman, Hardcover, 861 Seiten
Klett Cotta 2008

ISBN 9-7836-0893-8159

Weitere Bücher von Patrick Rothfuss:
 - The Wise ManÂŽs Fear

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