Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Darkover (2)
:: Die Chroniken von Narnia (7)
:: Drachengasse 13 (2)
:: Saga vom magischen Land Xanth (2)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Fantasy (diverse)



Wladimir Wassiljew

Bewahrer des Chaos

rezensiert von Thomas Harbach

Die von Sergej Lukianenko - bis auf den zweiten Band “Wächter des Tages”, an welchem Wladimir Wassiljew mitgeschrieben hat - allein verfasste Tetralogie um die Auseinandersetzung zwischen den Wächtern der Nacht und den Wächtern des Tages gehört auf der einen Seite zu den lesenswertesten modernen russischen Fantasien - von Horror oder Science Fiction zu sprechen, täte dem Spektrum der Bände Unrecht -, auf der anderen Seite aber auch zu den kommerziell am meisten ausgenutzten literarischen Serien des Landes. Spätestens mit dem dritten Roman schleppte sich Lukianenko durch die immer dürftiger werdenden Plots und die konträre Mischung aus Sagengestalten wie Vampiren, Hexen oder Gestaltswandlern und dem tristen Alltag in den russischen Plattenbauten vor Moskau wich dem kontinuierlich mehr und mehr belehrenden und teilweise arroganten Erzählton Lukianenkos. Inzwischen schreibt der Russe an anderen Serien und hat sein Universum - und damit auch den Verlag, man macht sich ja nicht gerne Konkurrenz im eigenen Hause - an seinen einmaligen Koautoren Wladimir Wassiljew abgetreten. Nur selten haben solche Überantwortungen das Universum wirklich vorangebracht. Die Welt der Wächter des Tages und der Nacht hätte sich eher wie ein “Shared Universe” in der Tradition der Diebeswelt oder Wild Cards Geschichten geeignet. Mit einem souveränen Koordinator und Autoren aus verschiedenen Ländern, welche die einzelnen Konfrontationen beschreiben. Der Versuch, einen Teil der Handlung in die Ukraine zu verpflanzen, muss als gescheitert angesehen werden. Das liegt weniger an der noch akzeptablen Grundidee, als Wassiljews Unfähigkeit, dem Schatten Lukianenkos zu entkommen. In einem bewusst schnoddrigen und von Christiane Pöhlmann eher ermüdenden Stil beschreibt der Autor das Klischee der Ukraine bzw. Russlands, wie es sich insbesondere westliche Leser bildlich vorstellen. Dazu kommt eine oberflächliche und sich aus Versatzstücken zusammensetzende Handlung, in welche Ideen des Wächter Zykluses bemüht, aber rückblickend nicht unbedingt konsequent und zwingend integriert worden sind. Um es deutlich zu machen, diese Geschichte hätte genauso auch ohne die Wächter der beiden Gruppen bzw. die Inquisition funktioniert. Herausgekommen wäre es moderner, aber nicht sonderlich aufregender Gruselroman aus der tiefsten Provinz der Ukraine.

Der Vertrag zwischen den Lichten und den Dunklen Magiern hat insbesondere nach dem Abschluss der Tetralogie zumindest theoretisch auf der ganzen Welt bestand. Nur in der traditionell an Geschichte reichen Stadt St. Petersburg droht das latente Gleichgewicht verletzt zu werden. Dunkle Magier werden gefangen genommen, gefoltert und schließlich ermordet. Eine dritte autarke Gruppe wilder dunkler Magier stehen hinter diesen Taten. So bietet der aus Lukianenkos Romanen bekannte Anführer der Moskauer Wache Sebulon alias Artur einen ukrainischen Freund und ebenfalls Mitglied der Wache Arik, in St. Petersburg nach dem Rechten zu sehen. Arik reist mit einer Gruppe anderer wilder Magier in die ehemalige Zarenstadt und stellt fest, dass seine Gegner nicht zu unterschätzen sind. Augenscheinlich haben sie ihre Machtbasis nicht nur durch die Opferung der Dunklen Magier verstärkt, sondern greifen auf bislang unbekannte und deswegen von Wladimir Wassiljew so effektiv integrierte Artefakte der Macht zurück. Im Mittelteil wendet Wassiljew sehr viel Zeit und literarischen Raum auf, um seine kleine Heldengruppen dieser Spur folgen zu lassen. Die angebotenen Erklärungen sind durchaus schlüssig und lassen sich zumindest vordergründig in den Wächterkosmos integrieren. Im Gegensatz zu der ursprünglichen Tetralogie von Lukianenko, welche durch den Fugenaufbau einzelne kleinere Plots abhandelte, die im dritten und abschließenden großen Spannungsbogen mit neuen Informationen zusammengefasst und schließlich aufgelöst worden sind, bemüht sich Wassiljew, “Bewahrer des Chaos” als eine sehr geradlinige Geschichte zu erzählen. Als der Handlungsstrang mit den Artefakten der Macht an Rasanz verliert, fügt der Autor eine noch phantastischere und ultimativere Lösung seinem Roman hinzu.

Lukianenko hat insbesondere in den ersten Romanen und später in seinen allein stehenden Science Fiction Werken Wert darauf gelegt, dass dem Leser zumindest ein verzerrtes, zwischen der Melancholie für die Vergangenheit und den immer stärker durchdringenden westlichen Unsitten ein dreidimensionales Bild des gegenwärtigen Russlands präsentiert wird. Entwicklungen, mit denen der Autor augenscheinlich nicht einverstanden ist, werden ironisch kommentiert bzw. karikiert. Traditionen - siehe das Teekochen in einem alten Samowar - dagegen ausführlich beschrieben aufrechterhalten. Diese schmale Balance zwischen Kitsch und Moderne verlässt Wassiljew gleich nach dem lesenswerten, aber irgendwie eher aufgesetzten Beginn des Romans. Anstatt insbesondere den westlichen Lesern das moderne St. Petersburg mit seinen Eigenarten, aber auch seinen Stärken schmackhaft zu machen und das Ambiente ausführlich, dreidimensional und die Handlung unterstützend zu beschreiben, verfällt der Autor in das Klischee des ständig alkoholisierten Ukrainers, der trotz eines Blutalkoholpegels, der natürlich Westeuropäer sofort tot umfallen lässt, alles im Griff hat. Gott sei Dank hat der Autor auf ausführliche Trinklieder verzichtet. Lukianenko hat seine Geschichten auch in den Plattenbauten angefangen, um später im Verlaufe der deutlich komplexeren, aber ebenso unglaubwürdigen Plots zumindest einen Hauch Moskaus einzufangen. Die Geschichte kann in dieser Form in jeder russischen Großstadt spielen. Atmosphärisch reicht der Autor seinem Vorbild ebenso wenig das Wasser wie hinsichtlich der Zeichnung der einzelnen Protagonisten. Er entnimmt wahllos Charaktere aus der ursprünglichen Tetralogie, die eher dank ihrer Namen als ihres Auftretens wieder zu erkennen sind. Diese Oberflächlichkeit wirkt sich bis in den obligatorischen Showdown aus. Die Actionszenen sind routiniert, aber statisch beschrieben. Es fehlt die Sympathiebrücke zum Leser, eben weil sich der Autor keine Mühe mit seinen Figuren und seinem Hintergrund gegeben hat. Das Ende ist ebenfalls unbefriedigend. Die Erklärung ist nicht schlüssig genug aufgebaut. Ein Manko, unter welchem auch der dritte und vierte Teil der Wächter Tetralogie leiden. Lukianenko konnte diese Schwäche zumindest durch seine teilweise bizarren, aber liebenswerten Figuren ausgleichen.

Das schwächste Element des Romans sind allerdings die fehlenden Ideen an allen Fronten. Der Drahtzieher des Komplotts scheint aus einem anderen Roman zu stammen und der finale Konflikt ist in dieser Form schon hundert Mal erzählt worden. Immer stärker drängt sich im Leser der Gedanke auf, das Wassiljew eine grundlegende, nicht einmal schlechte Idee von Lukianenko geschenkt bekommen hat, die für eine Fuge im Rahmen der Wächterserie ausgereicht hätte. Sich selbst hinsichtlich der vorhandenen Fähigkeiten als Autor überschätzend hat Wassiljew daraus einen Roman gemacht, der in dieser Form falsch, hohl und vor allem frustrierend kommerziell wirkt. Das Phänomen Lukianenko inklusiv unzähliger eher schwacher und nur auf der Welle reitender Epigonen neigt sich nicht zuletzt aufgrund des fehlenden Formats der neuen Arbeiten des russischen Autoren seinem Ende zu. Und dieses Schicksal teilt er mit der Harry Potter Welle. Wer sich für die Serie um die Wächter der Nacht und des Tages interessiert, dem seien weiterhin die ersten beiden Bücher “Wächter der Nacht” und “Wächter des Tages” von Sergej Lukianenko bzw. Wassiljew - seine Mitarbeit muss nach der Qualität des vorliegenden Romans schließend verschwindend gering gewesen sein - empfohlen. Der Rest ist leider zu offensichtlich nicht besonders originell verpackte Geldschneiderei.

Wladimir Wassiljew: "Bewahrer des Chaos"
Roman, Softcover, 410 Seiten
Piper Verlag 2009

ISBN 9-7834-9270-1778

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::