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Fantasy (diverse)



Wladimir Wassiljew

Bewahrer des Chaos

rezensiert von Thomas Harbach

Die von Sergej Lukianenko - bis auf den zweiten Band “WĂ€chter des Tages”, an welchem Wladimir Wassiljew mitgeschrieben hat - allein verfasste Tetralogie um die Auseinandersetzung zwischen den WĂ€chtern der Nacht und den WĂ€chtern des Tages gehört auf der einen Seite zu den lesenswertesten modernen russischen Fantasien - von Horror oder Science Fiction zu sprechen, tĂ€te dem Spektrum der BĂ€nde Unrecht -, auf der anderen Seite aber auch zu den kommerziell am meisten ausgenutzten literarischen Serien des Landes. SpĂ€testens mit dem dritten Roman schleppte sich Lukianenko durch die immer dĂŒrftiger werdenden Plots und die kontrĂ€re Mischung aus Sagengestalten wie Vampiren, Hexen oder Gestaltswandlern und dem tristen Alltag in den russischen Plattenbauten vor Moskau wich dem kontinuierlich mehr und mehr belehrenden und teilweise arroganten ErzĂ€hlton Lukianenkos. Inzwischen schreibt der Russe an anderen Serien und hat sein Universum - und damit auch den Verlag, man macht sich ja nicht gerne Konkurrenz im eigenen Hause - an seinen einmaligen Koautoren Wladimir Wassiljew abgetreten. Nur selten haben solche Überantwortungen das Universum wirklich vorangebracht. Die Welt der WĂ€chter des Tages und der Nacht hĂ€tte sich eher wie ein “Shared Universe” in der Tradition der Diebeswelt oder Wild Cards Geschichten geeignet. Mit einem souverĂ€nen Koordinator und Autoren aus verschiedenen LĂ€ndern, welche die einzelnen Konfrontationen beschreiben. Der Versuch, einen Teil der Handlung in die Ukraine zu verpflanzen, muss als gescheitert angesehen werden. Das liegt weniger an der noch akzeptablen Grundidee, als Wassiljews UnfĂ€higkeit, dem Schatten Lukianenkos zu entkommen. In einem bewusst schnoddrigen und von Christiane Pöhlmann eher ermĂŒdenden Stil beschreibt der Autor das Klischee der Ukraine bzw. Russlands, wie es sich insbesondere westliche Leser bildlich vorstellen. Dazu kommt eine oberflĂ€chliche und sich aus VersatzstĂŒcken zusammensetzende Handlung, in welche Ideen des WĂ€chter Zykluses bemĂŒht, aber rĂŒckblickend nicht unbedingt konsequent und zwingend integriert worden sind. Um es deutlich zu machen, diese Geschichte hĂ€tte genauso auch ohne die WĂ€chter der beiden Gruppen bzw. die Inquisition funktioniert. Herausgekommen wĂ€re es moderner, aber nicht sonderlich aufregender Gruselroman aus der tiefsten Provinz der Ukraine.

Der Vertrag zwischen den Lichten und den Dunklen Magiern hat insbesondere nach dem Abschluss der Tetralogie zumindest theoretisch auf der ganzen Welt bestand. Nur in der traditionell an Geschichte reichen Stadt St. Petersburg droht das latente Gleichgewicht verletzt zu werden. Dunkle Magier werden gefangen genommen, gefoltert und schließlich ermordet. Eine dritte autarke Gruppe wilder dunkler Magier stehen hinter diesen Taten. So bietet der aus Lukianenkos Romanen bekannte AnfĂŒhrer der Moskauer Wache Sebulon alias Artur einen ukrainischen Freund und ebenfalls Mitglied der Wache Arik, in St. Petersburg nach dem Rechten zu sehen. Arik reist mit einer Gruppe anderer wilder Magier in die ehemalige Zarenstadt und stellt fest, dass seine Gegner nicht zu unterschĂ€tzen sind. Augenscheinlich haben sie ihre Machtbasis nicht nur durch die Opferung der Dunklen Magier verstĂ€rkt, sondern greifen auf bislang unbekannte und deswegen von Wladimir Wassiljew so effektiv integrierte Artefakte der Macht zurĂŒck. Im Mittelteil wendet Wassiljew sehr viel Zeit und literarischen Raum auf, um seine kleine Heldengruppen dieser Spur folgen zu lassen. Die angebotenen ErklĂ€rungen sind durchaus schlĂŒssig und lassen sich zumindest vordergrĂŒndig in den WĂ€chterkosmos integrieren. Im Gegensatz zu der ursprĂŒnglichen Tetralogie von Lukianenko, welche durch den Fugenaufbau einzelne kleinere Plots abhandelte, die im dritten und abschließenden großen Spannungsbogen mit neuen Informationen zusammengefasst und schließlich aufgelöst worden sind, bemĂŒht sich Wassiljew, “Bewahrer des Chaos” als eine sehr geradlinige Geschichte zu erzĂ€hlen. Als der Handlungsstrang mit den Artefakten der Macht an Rasanz verliert, fĂŒgt der Autor eine noch phantastischere und ultimativere Lösung seinem Roman hinzu.

Lukianenko hat insbesondere in den ersten Romanen und spĂ€ter in seinen allein stehenden Science Fiction Werken Wert darauf gelegt, dass dem Leser zumindest ein verzerrtes, zwischen der Melancholie fĂŒr die Vergangenheit und den immer stĂ€rker durchdringenden westlichen Unsitten ein dreidimensionales Bild des gegenwĂ€rtigen Russlands prĂ€sentiert wird. Entwicklungen, mit denen der Autor augenscheinlich nicht einverstanden ist, werden ironisch kommentiert bzw. karikiert. Traditionen - siehe das Teekochen in einem alten Samowar - dagegen ausfĂŒhrlich beschrieben aufrechterhalten. Diese schmale Balance zwischen Kitsch und Moderne verlĂ€sst Wassiljew gleich nach dem lesenswerten, aber irgendwie eher aufgesetzten Beginn des Romans. Anstatt insbesondere den westlichen Lesern das moderne St. Petersburg mit seinen Eigenarten, aber auch seinen StĂ€rken schmackhaft zu machen und das Ambiente ausfĂŒhrlich, dreidimensional und die Handlung unterstĂŒtzend zu beschreiben, verfĂ€llt der Autor in das Klischee des stĂ€ndig alkoholisierten Ukrainers, der trotz eines Blutalkoholpegels, der natĂŒrlich WesteuropĂ€er sofort tot umfallen lĂ€sst, alles im Griff hat. Gott sei Dank hat der Autor auf ausfĂŒhrliche Trinklieder verzichtet. Lukianenko hat seine Geschichten auch in den Plattenbauten angefangen, um spĂ€ter im Verlaufe der deutlich komplexeren, aber ebenso unglaubwĂŒrdigen Plots zumindest einen Hauch Moskaus einzufangen. Die Geschichte kann in dieser Form in jeder russischen Großstadt spielen. AtmosphĂ€risch reicht der Autor seinem Vorbild ebenso wenig das Wasser wie hinsichtlich der Zeichnung der einzelnen Protagonisten. Er entnimmt wahllos Charaktere aus der ursprĂŒnglichen Tetralogie, die eher dank ihrer Namen als ihres Auftretens wieder zu erkennen sind. Diese OberflĂ€chlichkeit wirkt sich bis in den obligatorischen Showdown aus. Die Actionszenen sind routiniert, aber statisch beschrieben. Es fehlt die SympathiebrĂŒcke zum Leser, eben weil sich der Autor keine MĂŒhe mit seinen Figuren und seinem Hintergrund gegeben hat. Das Ende ist ebenfalls unbefriedigend. Die ErklĂ€rung ist nicht schlĂŒssig genug aufgebaut. Ein Manko, unter welchem auch der dritte und vierte Teil der WĂ€chter Tetralogie leiden. Lukianenko konnte diese SchwĂ€che zumindest durch seine teilweise bizarren, aber liebenswerten Figuren ausgleichen.

Das schwĂ€chste Element des Romans sind allerdings die fehlenden Ideen an allen Fronten. Der Drahtzieher des Komplotts scheint aus einem anderen Roman zu stammen und der finale Konflikt ist in dieser Form schon hundert Mal erzĂ€hlt worden. Immer stĂ€rker drĂ€ngt sich im Leser der Gedanke auf, das Wassiljew eine grundlegende, nicht einmal schlechte Idee von Lukianenko geschenkt bekommen hat, die fĂŒr eine Fuge im Rahmen der WĂ€chterserie ausgereicht hĂ€tte. Sich selbst hinsichtlich der vorhandenen FĂ€higkeiten als Autor ĂŒberschĂ€tzend hat Wassiljew daraus einen Roman gemacht, der in dieser Form falsch, hohl und vor allem frustrierend kommerziell wirkt. Das PhĂ€nomen Lukianenko inklusiv unzĂ€hliger eher schwacher und nur auf der Welle reitender Epigonen neigt sich nicht zuletzt aufgrund des fehlenden Formats der neuen Arbeiten des russischen Autoren seinem Ende zu. Und dieses Schicksal teilt er mit der Harry Potter Welle. Wer sich fĂŒr die Serie um die WĂ€chter der Nacht und des Tages interessiert, dem seien weiterhin die ersten beiden BĂŒcher “WĂ€chter der Nacht” und “WĂ€chter des Tages” von Sergej Lukianenko bzw. Wassiljew - seine Mitarbeit muss nach der QualitĂ€t des vorliegenden Romans schließend verschwindend gering gewesen sein - empfohlen. Der Rest ist leider zu offensichtlich nicht besonders originell verpackte Geldschneiderei.

Wladimir Wassiljew: "Bewahrer des Chaos"
Roman, Softcover, 410 Seiten
Piper Verlag 2009

ISBN 9-7834-9270-1778

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