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Fantasy (diverse)



Eoin Colfer

Artemis Fowl- Das Zeitparadox

rezensiert von Thomas Harbach

Das Zeitparadox

Mit ÔÇ×Das ZeitparadoxÔÇť liegt der insgesamt sechs Artemis Fowl Roman vor. Der Abschluss des Romans suggeriert, das Eoin Colfer die Reihe mit dem vorliegenden Band beenden k├Ânnte. Allerdings gibt es am Ende des Buches zwei Inkarnationen eines sehr gef├Ąhrlichen Gegners und damit ausreichend Stoff f├╝r einen siebenten Roman. In ÔÇ×Das ZeitparadoxÔÇť hat sich ein Kreis geschlossen. Zumindest impliziert zeigt Colfer, woher sein jugendlicher ├╝berdurchschnittlich intelligenter, aber krimineller Artemis Fowl die Idee hatte, das Gold der Elfen zu rauben. Nicht nur aufgrund dieser abschlie├čenden Idee kann ÔÇ×Das ZeitparadoxÔÇť als R├╝ckkehr zu den Wurzeln der Serie bezeichnet werden. In den letzten beiden Romanen hatte sich der kleine Artemis Fowl entschlossen, ehrlich zu werden. Sicherlich f├╝r einen Jungen mit seinen F├Ąhigkeiten, aber auch seiner Vergangenheit kein leichtes Unterfangen. Mit dieser Trendwende zur Ehrlichkeit hat Artemis Fowl aber auch eines an Faszination eingeb├╝sst. Der kleine Gentlemenverbrecher mit seinen gro├čem Ambitionen hat insbesondere in den ersten Romanen ein angenehmes Gegengewicht zur ÔÇ×Harry PotterÔÇť Manie gebildet. Zumindest indirekt n├Ąherten sich die beiden Charaktere in den letzten Abenteuern an. Diesen Fehler scheint Eoin Colfer auch erkannt zu haben. Unwillig eine eingeschlagene Entwicklung zur├╝ckzuf├╝hren, hat der Ire eine nicht unbedingt originelle, aber im vorliegenden Buch wirklich gut funktionierende Idee aufgegriffen. Der ├Ąltere und gesetzte Artemis Fowl begegnet dank einer magischen Zeitreise seinem j├╝ngeren ÔÇ×IchÔÇť aus den ersten B├╝chern. Ausgangspunkt f├╝r die Zeitreise ist eine Erkrankung von Artemis Mutter. Der Junge versucht mittels seiner verbliebenen Magie, seine Mutter zu heilen. Der Versuch schl├Ągt fehl, die Krankheit verschlimmert sich. In seiner Verzweifelung sucht Artemis Fowl Hilfe bei Holly und Nr 1. Sie erkennen die Krankheit als Funkenpest, eine Seuche, die vor vielen Jahren gro├če Teile des Erdvolkes get├Âtet hat. Sie geht auf eine starke Anomalie der Magie. Das einzige Heilmittel ist die Gehirnfl├╝ssigkeit der Seidensifakas, einer Lemurenart. Nur leider hat Artemis Fowl vor acht Jahren das letzte Exemplar dieser Rasse indirekt get├Âtet. Er hat das Tier f├╝r 100.000 Euro an eine Gruppe von Extinktionisten verkauft, deren Ziel ist es, Tierarten auszurotten und das jeweils letzte Exemplar in einem Festakt zu t├Âten. Die 100.000 Euro hat Artemis Fowl gebraucht, um eine Expedition nach Russland zu finanzieren. Dem Land, in welchem sein Vater beim Versuch, ein ehrliches Gesch├Ąft abzuwickeln, verschwunden ist.
Artemis Fowls einzige Chance, seine Mutter zu retten, ist, acht Jahre in die Vergangenheit zu reisen und den Lemur vor seinem j├╝ngeren ich zu retten. Er l├╝gt Holly an, in dem er behauptet, dass sie an der Erkrankung der Mutter schuld ist. Nur aus diesem Grund schickt Nr. 1 Holly und Artemis in die Vergangenheit, wo sie mit Hilfe des Zwerges Mulch Diggums den Lemur aus einem Zoo befreien wollen. Sie ahnen nicht, das der zehnj├Ąhrige skrupellose Artemis Fowl zusammen mit Butler das Geschehen verfolgt. Da die Zeitreise in die Vergangenheit Holly deutlich j├╝nger und Artemis deutlich ├Ąlter gemacht hat, erkennt das Zehnj├Ąhrige Ich sein zuk├╝nftiges Ich nicht.

Betrachtet einaufmerksamer Leser den zugrunde liegenden Plot des Buches sehr aufmerksam, fallen einige stark konstruierte Aspekte auf: unabh├Ąngig von der ewigen Frage, ob erstens Zeitreisen ├╝berhaupt m├Âglich sind und zweitens ob man sich selbst in der Vergangenheit begegnen kann, ├╝berrascht Colfer seine Leser, in dem er nach gut zwei sehr unterhaltsamen Dritteln des Romans die bisherige gut durchdachte Pr├Ąmisse auf den Kopf stellt und einen weiteren Antagonisten einf├╝hrt, welcher - schon aus den vorangegangenen B├╝chern bekannt - Artemis Fowl aufs Kreuz legen will. Darum erweist sich der Katalysator des Romans als Finte und die Hetzjagd durch das letzte Drittel des Buches wirkt statisch und teilweise v viel zu ├╝bertrieben konstruiert. Der Schwung der ersten gut zwei Drittel des Buches geht verloren und die verschiedenen Erl├Ąuterungen befriedigen die Leser inklusiv des zumindest in dieser Hinsicht offenen Endes. ÔÇ×Das ZeitparadoxÔÇť h├Ątte als k├╝rzerer Roman mit einer Zeitreise, einer spektakul├Ąren Aktion von Artemis gegen Artemis und schlie├člich gegen bis zur Karikatur verzerrte Elfenbeinturmintellektuelle sehr viel besser funktioniert. Am Ende w├Ąre zumindest in dem skrupellosen jungen Artemis der Gedanke aufgekommen, dass es nicht nur mit verbrecherischen Methoden klappen kann. Obwohl Eoin Colfer sehr gut die beiden unterschiedlichen Charakterseiten des Artemis Fowl gegen├╝ber stellt, traut er dem Plot alleine nicht ganz. So muss der gegenw├Ąrtige Artemis Fowl seine beste Freundin und seinen Schwarm Holly bel├╝gen, um sie angeblich zur Mitarbeit zu bewegen. Diese Pr├Ąmisse wirkt ein wenig zu unglaubw├╝rdig, da Holly schon mehrmals im Verlaufe der Buchserie alle Regeln auf den Kopf gestellt hat, um Artemis zumindest unter die Arme zu greifen. Auch ihre verhaltene Reaktion auf das L├╝genger├╝st mit dem Hinweis auf den schmerzhaften Tod der eigenen Mutter und ein gewisses Verst├Ąndnis f├╝r Artemis Fowls Notlage ab zu tun, ├╝berzeugt nicht wirklich. Das Buch funktioniert am Besten, wenn Eoin Colfer den anarchistischen Aktionen der beiden Fowls freie Hand l├Ąsst. Das beginnt bei der Tunnelgrabsequenz und endet schlie├člich im Versammlungsort der Extinktionisten. Dabei wechselt Colfer sehr geschickt die Perspektive und erz├Ąhlt Teile der Handlung aus der Sicht des j├╝ngeren, aber dank der ersten beiden B├╝cher noch sehr vertrauten Artemis Fowl. Der ├Ąltere Artemis Fowl kommentiert das Geschehen oft mit ironischen Seitenhieben auf das alte Ich. H├Ątte er nicht schon lange den Weg zum Guten eingeschlagen, sp├Ątestens nach der Konfrontation auf dem Strommasten w├Ąre ein Gang nach Canossa f├Ąllig gewesen. Zwar wirkt es unglaubw├╝rdig, dass der j├╝ngere Fowl sein ├Ąlteres ÔÇ×IchÔÇť ├╝berhaupt nicht erkennt, aber diese Schw├Ąchen gleicht der Autor durch pointierte Dialoge aus.
Im Gegensatz unter anderem zur Jagd nach dem Elfengold aus dem ersten Buch wirkt die Jagd nach dem letzten Lemur, dessen Gehirnfl├╝ssigkeit je nach Perspektive das Zeitreisen erm├Âglicht bzw. seltene Krankheiten heilt, wie eine ├ťbersprunghandlung aus einem Marx Brother Film. Und diese Slapstickelemente machen ├╝ber weite Strecken des Reiz des Buches aus. Wenn es nicht mehr intellektuell weitergeht wie bei der Gerichtsverhandlung ├╝ber das Schicksal des letzten Lemurs, greift man eben zu roher, ├╝bertriebener und deswegen auch so komischer Gewalt. Die Balance zwischen den Dialogen, den im Off gef├╝hrten Selbstfindungsgespr├Ąchen und der Action stimmt ├╝ber weite Strecken des Buches. Die L├Ąngen der letzten B├╝cher sind vergessen. Insbesondere die Nebenfiguren wie Butler oder Mulch haben nur wenige Auftritte, die aber sehr gut geschrieben sind. Die Chemie zwischen Holly und dem innerlich gereiften Artemis funktioniert deutlich besser als im letzten Band. Auch wenn beide die gegenseitige Sympathiebekundungen nicht weiter interpretieren m├Âchten. Im letzten Drittel des Buches wollte Eoin Colfer nicht nur den vorliegenden Roman abschlie├čen und einen Bogen - gut gelungen - zum ersten Buch schlagen, er wollte Artemis zum absoluten Helden einer verzweifelten Schnitzeljagd k├╝ren. In dem Moment, als sowohl der Protagonist als auch der Leser erfahren, dass Artemis Leichtsinn nicht f├╝r die t├Âdliche Erkrankung seiner Mutter verantwortlich sind und eine Erzschurkin mit noch d├╝steren Absichten dahinter steckt, verliert das Buch die bislang gut aufrechterhaltene Balance und erscheint stellenweise trotz einiger guter Szenen distanziert und ├╝berdreht. Im ersten Teil verzichtete der Autor auf weitere Erkl├Ąrungen, lie├č dem Plot freien Lauf. Am Ende versucht er zu viel zu erl├Ąutern und zu erkl├Ąren. Insbesondere macht sich der fehlende Konflikt Artemis gegen Artemis deutlicher bemerkbar als es wahrscheinlich auch Eoin Colfer recht gewesen sein mag. Hier erinnert vieles an die letzten, nicht ganz befriedigenden Artemis Fowl Romane aus seiner Feder.

Zusammengefasst ist ÔÇ×Das Zeit- ParadoxÔÇť allerdings ein lesenswerter, ├╝ber weite Strecken positiv humorvoll geschriebener Roman, in dem vor allem der ├Ąltere Artemis Fowl seine Entwicklungsreise weiter fortsetzt. In keinem anderen Roman darf er mehr Emotionen zeigen als im vorliegenden Buch. Da er zusammen mit den Lesern auch mit seinem j├╝ngeren Ich konfrontiert wird, ist der Unterschied zwischen den beiden Fouls im Verlaufe der Serie deutlich zu erkennen. Mit den Emotionen und Schw├Ąchebekundungen gewinnt die Figur an Tiefe, auch wenn nicht jede Szene wirklich sitzt und stellenweise der Plot sich arg dem leichten Kitsch n├Ąhert. Am Ende des Buches verliert Colfer ein wenig den Faden seiner am├╝santen Zeitreisegeschichte und negiert viele Entwicklungen der sehr guten ersten Zwei Drittel des Buches. Trotzdem ist ÔÇ×Das ZeitparadoxaÔÇť eine der besten Fortsetzungen des immer noch unerreichten ersten Bandes.

Eoin Colfer: "Artemis Fowl- Das Zeitparadox"
Roman, Hardcover, 320 Seiten
List Verlag 2009

ISBN 9-7834-7130-0121

Weitere BŘcher von Eoin Colfer:
 - Artemis Fowl - die verlorene Kolonie
 - Artemis Fowl- Der Geheimcode
 - Artemis Fowl: Der Atlantis- Komplex
 - Cosmo Hill- der Supernaturalist
 - Fletcher Moon - Privatdetektiv
 - Meg Finn und die Liste der vier W├╝nsche
 - Und ├╝brigens noch was

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