Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Darkover (2)
:: Die Chroniken von Narnia (7)
:: Drachengasse 13 (2)
:: Saga vom magischen Land Xanth (2)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Fantasy (diverse)



Stephen Hunt

Das Königreich jenseits der Wellen

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Das Königreich jenseits der Wellen” liegt der zweite Band um die Abenteuer der Professorin und Abenteuerin, Freiberuflerin und weiblichen Indiana Jones Amelia Harsh im Heyne- Verlag als Taschenbuch vor. Im ersten Band “Das Königreich der Lüfte” führte der im Nebenerwerb auch für ein Investmenthaus im Marketing tätige Amerikaner Hunt seine viktorianisch phantastische Welt ein, die heute dem Subgenre “Steampunk” zu zurechnen ist. Es ist nicht unbedingt notwendig, den ersten Band gelesen zu haben. Stephen Hunt beginnt den zweiten Roman mit einem dramaturgischen packenden Prolog, bevor er ausführlicher die einzelnen neuen wie bekannten Figuren in die stringente Handlung über zwei Spannungsbögen einführt, die auf den letzten Seiten mit einigen Überraschungen dramaturgisch sehr viel routinierter und ausbalancierter zusammenlaufen. Weiterhin konzentriert er sich mit Amelia Harsh auf eine im ersten Buch nur in einer Nebenhandlung erwähnte Figur, die sich schon einen legendär schlechten Ruf erarbeiten konnte. Von dieser Prämisse ausgehend erzählt Stephen Hunt alle relevanten Handlungsbögen aus ihrer Perspektive, während er sich auf der zweiten Erzählebene auf einen leicht überzeichneten, aber sehr viel interessanter gestalten Erzschurken konzentriert, der eher den Pulpgeschichten um “Doc Savage” denn Jules Vernes Romanen entstiegen sein könnte.
Amelia Harsh wird weiterhin von den ehrenwerten Professoren gemieden und arbeitet als freie “Agentin” für ihre Universität. Als ihr Vertrag aufgelöst und sie als eine Art Bewährungsstrafe auf eine unwichtige, Jahre dauernde Expedition geschickt werden soll, öffnet das Schicksal für sie eine nicht für möglich gehaltene Tür. Jahrelang hat sich die attraktive wie willensstarke Frau aus nach dem Konkurs ihres Vaters einfachen Haus mit der Zivilisation von Camlantis beschäftigt. Eine prähistorische Legende eines Steampunk Shangri- Las, dessen Bevölkerung neben dem Hunger und allen Krankheiten auch ihre Aggression in einem Akt der Selbstopferung zur Erhalt des Ideals und nicht des Staus Quo geopfert hat. Abraham Quest, der Mann, den sie als Schuldigen des Konkurses ihres Vaters zum Feinbild Nummer eins erkoren hat, bietet ihr einen Beweis für die Existenz von Camlantis an.
Amelia Harsh macht sich auf eine Expedition natürlich in eine schwer zugängliche Gegend entlang eines Flusses - eine Hommage an Joseph Conrads “Heart of Darkness” Geschichte? -, an deren Ende sie ebenfalls natürlich mehr finden wird als sie ahnt.
Die grundlegende Geschichte ist inklusiv des etwas abstrakten, aber nicht uninteressanten, wieder auf Frank Capras “In den Fesseln der Shangri- La” zurückgreifenden Ende trotz eines Umfanges von mehr als achthundert Seiten sehr stringent erzählt. Nach gut einem Drittel der Geschichte - relativ spät, aber nicht zu spät - hangelt sich der Plot inklusiv der Abenteurer von einer Herausforderung zur nächsten, während auf der zweiten Handlungsebene sich geheimnisvolle und nicht zufrieden stellend hinsichtlich ihrer Motivation charakterisierte Kräfte zusammenrotten. Die Herausforderungen und Gefahren, denen sich Amelia Harsh und ihre Mitstreiter stellen müssen, sind im Gegensatz zum Dickens´schen Inhalt des Auftaktbandes eine interessante Mischung aus Sir Henry Rider Haggard ohne dessen rassistische Exzesse, ein wenig Jules Verne hinsichtlich der Mischung aus fiktiver viktorianischer Technik - dem Steampunkelement des vorliegenden Buches - und menschlicher Bauernschläue, denen einzelne “Indiana Jones” Aspekte beigemischt worden sind. Stephen Hunt bringt seine Figuren wie im ersten Band in immer größere Gefahren, denen sie sich als Gruppe stellen müssen. Im Vergleich zu “Das Königreich der Lüfte” wirken durch diese personell stärker ausgeprägte Vielschichtigkeit das Buch deutlich überzeugender, auch wenn hier vielleicht die größte Schwäche des ganzen Werkes angesiedelt worden ist.
Die einzelnen Figuren sind inklusiv der immer eindimensionaler und leider insbesondere zu Beginn des Buches zu uneinsichtig zickig gezeichneten Amelia Harsh manchmal eher Chiffre als dreidimensionale Protagonisten. Amelia Harsh wirkt zu uneinsichtig und wenn sie wegen ihres vertragsbrüchigen Verhaltens - zwar nur einem arabischen Provinzherrschers gegenüber - gerückt wird, stellt sie es wie Harrison Ford als eine Art Lappalie dar. Aufträge ihrer Universität ignoriert sie und baut diese ohne auf mögliche Gefahren zu achten nach ihrem Gutdünken um. Anstatt sie richtig zu bestrafen, wird sie für den Leser nicht nachvollziehbar in eine Art Exil geschickt, aus dem Quest sie postwendend auf den nächsten Seiten wieder mit der Mission “befreit”, welche die ganze Zeit ihr eigentliches Ziel gewesen ist . Sie darf sich mit ihrem Freund - ebenfalls eine Figur aus “Das Königreich der Lüfte” - Commodore Black eine ganz besondere Crew zusammenstellen, die angesichts der Gefährlichkeit der Mission aus überdurchschnittlich bezahlt wird. Commodore Black jammert während der ganzen Fahrt, das sein liebgewordenes U-Boot Schaden erleiden könnte. Als es ihm abgenommen wird, trauert er dem interessant gestalteten Fahrzeug hinter. Als Figur ist Black vielleicht die größte Enttäuschung, denn in den Augenblicken, wo es auf seine nautische Fähigkeiten in Bezug auf die gefundene fremde Technik ankommt, muss er das Kommando an eine der an Bord befindlichen weiblichen Kriegerinnen - hier greift Stephen Hunt in die Amazonenklischeeschublade - abtreten, deren einzige Referenz ein eher obskurer Hinweis auf längst vergessene Fähigkeiten sind. Selbst Quest als idealer Scrooge des Steampunks wird zu ambivalent gezeichnet. Das er Amelia Harsh mehr aus Zweckmäßigkeit denn Überzeugung für diese elementare Mission anheuert, wird von Beginn an expliziert trotz seiner schleimigen Art herausgearbeitet. Das er die Hurth nicht gänzlich frei in den Dschungel auf der Suche nach der legendären Stadt ziehen lässt, ist ebenso klar. Zusätzlich fügt Stephen Hunt noch einen Saboteur in das Handlungsgerüst ein, der später irgendwie angesichts verschiedener anderer Gefahren verloren geht. Es ist schade, dass der Autor die grundlegende Idee eines zweigesichtigen Quest zu schnell aufgibt und vor allem den kaufmännisch durchtriebnen reichsten Mann der Stadt schließlich zu einer Art Ziehvater wider Willen degradiert.
Auf der zweiten Handlungsebene führt Stephen Hunt mit dem Feueratmer Nick sowie seinem gefährlicher Diener Septimoth deutlich interessantere Figuren ein, die den größten Mechomechaniker Jules Robur - ein weiterer Hinweis auf Jules Verne - erst aus dem Gefängnis befreien, um ihn für ihre finsteren Pläne zu missbrauchen, die sich im letzten Viertel mit der Suche nach Camlantis zumindest kreuzen. Wie schon angesprochen sind diese Figuren mit sehr viel mehr Ecken und Kanten gezeichnet worden, die sie zwar eher wie Comicinkarationen als Antagonisten eines viktorianischen Abenteuerromans erscheinen lassen, welche aber sehr gut funktionieren. Es ist schade, das sich die Schurken am Ende den Gesetzmäßigkeiten des Plots zu stark unterordnen müssen und Amelia Harsh zu sehr und ein wenig überzogen zu dominieren beginnt.

Was den Roman aber über die Schwäche der nicht wirklich überzeugenden und nachhaltigen Charakterisierung der durchaus exotischen und somit interessant angelegten Figuren hinaus so lesenswert und vor allem so unterhaltsam macht, ist die überzeugende Mischung aus einem bekannten Afrika - die Hinweise sind zu eindeutig - in Kombination mit zahlreichen viktorianisch erscheinenden Science Fiction Ideen. Da gibt es Dampfmaschinenmenschen oder Tauchglocken, die mittels fremder Technologie gesteuert werden können. Überdimensionale Monster mit Mutterinstinkten ohne die Fähigkeiten zu schwimmen - sie wissen es nur nicht - bedrohen die Helden genau wie wilde Stämme, deren machtbesessene Diktatoren anscheinend seit ewigen auf dem Grund eines Sees nach einer verschwunden Krone tauchen lassen. Camatlantis ist mehr als ein Mythos, der in Kristallbüchern seit Jahrtausenden vor sich hinschlummert. In einer der interessantesten Wendungen des Plots stellt Stephen Hunt ohne die labile Balance des Romans zu gefährden die Existenz dieser viktorianisch Steampunkwelt in Bezug auf Camlantis in Frage und fordert die einzelnen Figuren zu einer fast philosophisch anmutenden Diskussion auch aktueller Themen auf. Zwar weißt der Roman insbesondere zu Beginn einige Längen auf, da die Hafenkneipenklischees genauso bekannt sind wie die Tatsache, dass Amelia Harsh natürlich zu ihrer Expedition aufbrechen und zumindest Teilerfolge erzielen wird. Stephen Hunts fremdartig und doch vertraute Welt ist sehr dreidimensional, sehr ideenreich - hier übertrifft der junge Autor noch die Stärken des ersten Bandes der Serie teilweise um Längen - und vor allem abwechselungsreich beschrieben. Seine teilweise bizarren Ideen funktionieren einfach und benötigen erstaunlich wenig über die reine Funktionalität hinausgehend Erklärungen. Vieles erschließt sich Leser wie Protagonisten erst während der Reise, wobei die weitergehenden Erläuterungen im Gegensatz zu Hunts Vorbild Jules Verne niemals belehrend sind. Insbesondere im Vergleich zum vierten, im Kern enttäuschenden “Indiana Jones” Streifen oder den rein actionorientierten “Lara Croft” Filmen gibt Stephen Hunt dem MacGuffin - Camlantis - trotz einer Anlehnung an den legendären Kontinent Atlantis eine vielschichtige überdenkenswerte Geschichte. Das Ziel der Reise ist im Gegensatz zu Frank Capras “Shangri La” kein reines Paradies, kein Gefängnis, sondern ein sozial intellektuelles Gedankenmodell, das keine bessere Welt erschaffen hat, sondern ironisch bis zynisch für die in unserer wie in Hunts Steampunk vorhandene Ungerechtigkeit, für die zahlreichen Kriege wie Hungersnöte, für die Sklaverei und Gewalt verantwortlich ist, weil sich die Einwohner Camlantis den eigenen Schwächen zu Lasten ihrer Utopie nicht stellen wollten. Diese provokante wie überdenkenswerte These am Ende eines unterhaltsam geschriebenen, stilistisch sehr viel anspruchsvolleren zweiten Band dieser empfehlenswerten Serie hebt “Das Königreich jenseits der Wellen” aus der Masse von “Steampunk” Geschichten heraus, die die Ideen des Cyberpunks in eine Art viktorianische Parallelwelt versetzen und Luftschiffe mit dampfbetriebenen Computern zu kombinieren suchen.

Stephen Hunt : "Das Königreich jenseits der Wellen"
Roman, Softcover, 830 Seiten
Heyne Verlag 2011

ISBN 9-7834-5352-5511

Weitere Bücher von Stephen Hunt :
 - Das Königreich der Lüfte

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::