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Fantasy (diverse)



Stephen Hunt

Das Königreich der Lüfte

rezensiert von Thomas Harbach

Auch wenn Stephen Hunt in Kanada geboren worden ist, erkennt der Leser unzweifelhaft die Wurzeln seines Erstlings: Großbritannien. Hunt lebt inzwischen abwechselnd in Spanien und im Empire. “Da Königreich der Lüfte” ist der Auftakt natürlich einer Trilogie und augenscheinlich einer sehr umfangreichen Trilogie. Auf den ersten sehr gelungenen Seiten hat der Leser das Gefühl, als habe Hunt sehr geschickt das inzwischen fast klischeehaft verklärte England Charles Dickens mit den wenig populären Steampunkcomics Neal Gaimans gekreuzt.

Die Geschichte beginnt mit der Waisin Molly Templar, die in einer nicht näher definierten Zeit zum wiederholten Male ins Waisenhaus zurückkommt. Das Waisenhaus hatte sie an eine Wäscherei vermittelt, wo sie sich schnell dank ihrer Intelligenz, aber auch ihres eher vorlauten Mundwerks mit dem Hausvater angelegt hat. Der nächste Job wartet allerdings schon auf die junge Frau. Das Entleihen von Waisen als billige Arbeitsplätze ist eine effektive Methode, die Kosten des Waisenhauses gering zu halten und sich einige wichtige Mäzene der Wirtschaft gefügig zu halten. Molly Templar wird an ein Bordell vermittelt. Eines der angeblich besten Häuser am Platze. Nach kurzer, erstaunlich platonisch beschriebener Lehrzeit - kein Vergleich zu den Romanen eines Jacqueline Carey - erwartet sie ihren ersten Testfreier, der sich als Auftragskiller entpuppt. Aus einem eher unbestimmten Grund hat er es auf Molly abgesehen, die in letzter Sekunde fliehen kann. Bei ihrer Rückkehr ins Waisenhaus stellt sie entsetzt fest, dass der Killer dort schon zugeschlagen hat. Es gibt keine Überlebenden. Verzweifelt flieht sie in das Reich der Dampfmänner, gesellschaftlich ausgeschlossenen im Untergrund lebenden Männern. Hier haben sie eine Notgemeinschaft - eine Art Zwecksozialismus - gebildet. Sie folgen den Maximen der französischen Revolution von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit, ohne das sie augenscheinlich die entsprechende Vorlage kennen. Molly kann für einige wenige Augenblicke durchatmen, bevor ihr Verfolger sie auch hier aufspürt. Auf ihren Kopf ist von Unbekannten ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, ohne das sie sich die Hintergründe erklären kann. Stephen Hunt hat neben Mollys Geschichte einen zweiten Handlungsstrang integriert. Diese beiden Charaktere laufen unweigerlich und für den Leser auch wenig überraschend irgendwann im umfangreichen Buch zusammen. Zumindest zu Beginn des “Königreich der Lüfte” hat der Leser durch diese Strukturierung die Möglichkeit, die komplexe, bizarre und farbenprächtig dreidimensionale Welt aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen. Im Mittelpunkt der zweiten Handlungsebene steht der sechzehnjährige Waise Oliver, dessen Eltern beim Absturz eines Aerostaten - eine Art überdimensionaler und ganz besonderem Zeppelin, denen Franz Vohwinkel ein wunderschönes und einladendes Titelbild gewidmet hat - ums Leben gekommen sind. Vier Jahre hat Oliver hinter der Irrnebelwand verbracht. Eine seltsame Region, die jenseits des normalen Raums liegt und die PSI Kräfte eines Menschen wecken kann. Das ist sicherlich bei Oliver geschehen. Inzwischen lebt er bei seinem Onkel. Was Oliver allerdings nicht weiß, ist die kontinuierliche Überwachung durch die staatlichen Organe. Sie wollen wissen, welche besonderen Parafähigkeiten sich in ihm entwickelt haben. Nachdem er von einem der zahlreichen Test nach Hause gekommen ist, findet Oliver die Leichen seines Onkels und der Haushälterin vor. Im Gegensatz zu Molly entkommt Oliver einem weiteren Anschlag auf sein Leben dank eines geheimnisvollen Hausgastes Harry und nicht aufgrund von Eigeninitiative. Über weite Strecken des Buches verfolgt Stephen Hunt das Geschehen nur auf Augenhöhe der beiden jugendlichen Waisen. Nur ab und an löst er sich direkt von ihnen und gibt dem Leser eine kleine Chance, noch etwas mehr von dieser phantastischen, aber in der hier präsentierten Form auch jegliche Handlung erdrückenden Welt kennen zu lernen. Augenscheinlich residiert der allmächtige Geheimdienst - obwohl Geheimpolizei wäre sicherlich ein deutlich passender Ausdruck - in einer schwebenden Stadt. Hier liegt auch das Geheimnis, dass die beiden gejagten Waisen miteinander verbindet und wie Stephen Hunt Oliver und Molly in der Handlung positioniert, muss damit gerechnet werden, dass dieses Geheimnis die Diktatur bzw. vom Geheimdienst organisierte Monarchie aus den Angeln heben muss und natürlich am Ende der Trilogie auch wird.

Die grundlegende Geschichte von den zwei Königskindern, die erst nicht zu einander finden können, durchzieht den vorliegenden sehr umfangreichen Roman wie ein lästiger roter Faden, der Stephen Hunt nicht in seinem hintergrundtechnischen Ideenfluss, aber leider hinsichtlich seines Plots immer wieder im Wege steht. Fast hektisch treibt er den Spannungsbogen ein wenig voran, um dann sofort wieder und fast erleichternd in den Beschreibungen und bizarren Ideen seiner Welt und ihrer zahlreichen, für einen nicht immer wirklich aufmerksamen Leser nur verwirrenden Charakteren, Völkern und Kasten zu versinken. Die Beschreibungen erdrücken jegliche Spannung. Die zeppelinähnlichen Fluggeräte scheinen ein besonderes Faible britischer Autoren darzustellen. Sie finden sich nicht nur in einer der besten Trilogien Moorcocks, sie bilden einen überzeugenden Hintergrund in John Brosnans Serie um die “Skylords” und eher impliziert die Steampunk Comics, welche Neil Gaiman mit seinen Ideen gefüttert hat. Dazu kommen die Stadt über der Stadt, die Dampfmänner und ein gotisches alternatives London, durch das die beiden eher karg gezeichneten Waisen gehetzt werden. Im Vergleich allerdings zu Gaiman, Brosnan und Moorcock gibt sich Hunt sehr wenig Mühe, seine beiden wichtigsten Protagonisten wirklich überzeugend zu charakterisieren. Molly ist von der ersten Szene an dermaßen altklug, vorlaut und besserwisserisch, dass es dem Leser nicht gelingt, Mitleid mit ihrer Situation zu haben. Keine Sekunde glaubt er wirklich, dass sie in Lebensgefahr ist. Während Hunt Oliver zumindest einen vorläufigen und eher klischeehaften Hintergrund geschenkt hat, bleibt Molly dem Leser über lange Strecken des Buches fremd. Das erste große Manko, von dem sich “das Königreich der Lüfte” kaum erholen kann. Nach dem soliden und stimmungstechnisch überzeugenden Auftakt beginnt Stephen Hunt unnötig und teilweise hektisch weitere Figuren in die Handlung einzuführen. Alleine durch die Masse, allerdings nicht Klasse verliert man sehr schnell den Überblick. In wie weit die verschiedenen Protagonisten in den nächsten beiden Büchern benötigt werden, kann hier nicht diskutiert werden. Ein Buch sollte auch alleine stehen und nicht nur als Eckpfeiler eines noch umfangreicheren Zykluses verstanden werden. Sicherlich hat Stephen Hunt versucht, den Leser und wahrscheinlich auch die Verlagslektoren auf sich aufmerksam zu machen, aber insbesondere im Vergleich zu einigen anderen überzeugenden Debüts - siehe “Die Stimme des Windes” - wirkt vieles Stückwerk und zu bemüht, originell zu erscheinen. Kratzt der Leser allerdings an der blecheren Oberfläche, erscheinen die bekannten Mechanismen eher bemüht und teilweise arg eingerostet. “Das Königreich der Lüfte” ist stimmungstechnisch zu viel Gutes, das zu wenig geordnet worden ist. Alleine das Reich der Dampfmänner mit seiner bekannten, aber hier zweckentfremdeten Botschaft der französischen Revolution hätte für einen ganzen Roman ausgereicht. Es nimmt im ersten Drittel einen sehr breiten Raum ein, um dann unnötig und sehr zum Bedauern des Lesers im Hintergrund zu verschwinden. Dafür taumeln die beiden jugendlichen Protagonisten augenscheinlich für alle bis auf den Autoren und den Lektor in diesem wilden Chaos aufeinander zu. Zu viele Anspielungen wirken zu direkt, deuten auf ein größeres legendäres Ereignis hin. Sollte Stephen Hunt diesen Hang zu farbenprächtigen Beschreibungen über den Plot gestellt benötigt haben, um mit dem Mittelteil der Serie “Das Königreich jenseits der Wellen” hinsichtlich seiner Geschichte Fahrt aufzunehmen, hat er wahrscheinlich alles richtig gemacht. Alleine es fehlt der Glauben und so hinterlässt “Das Königreich der Lüfte” einen chaotischen, überambitionierten und leider stellenweise verwirrenden Eindruck. Der Leser muss sich durch einige sehr lange Kapitel quälen, um dann am Ende des ersten Bandes im wahrsten Sinne des Wortes mit einem wenig zufrieden stellenden Cliffhangar und leeren Händen dazustehen.

Stephen Hunt: "Das Königreich der Lüfte"
Roman, Softcover, 781 Seiten
Heyne Verlag 2009

ISBN 9-7834-5352-2695

Weitere Bücher von Stephen Hunt:
 - Das Königreich jenseits der Wellen

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