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Fantasy (diverse)



Sergej Lukianenko

Der Herr der Finsternis

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Der Herr der Finsternis” erscheint im BeltzVerlag nach “Das Schlangenschwert” ein zweites Jugendbuch aus der Feder des sehr populĂ€ren russischen Autoren Serkej Lukianenko. Es ist zu vermuten, dass es sich dabei um den Auftakt eine Trilogie handelt, das sehr offene Ende deutet zumindest die Möglichkeit an. Das Original ist schon 1997 in Russland erschienen, es handelt sich also um ein im Vergleich zu Romanen wie “Spektrum” oder auch Teilen seiner “WĂ€chter” Tetralogie eher frĂŒhes Werk. Lukianenko scheint sich im Laufe seiner erfolgreichen Karriere immer wieder gerne selbst zu zitieren. Einige UrsprĂŒnge aus den deutlich spĂ€ter veröffentlichten Romanen lassen sich auf diesen Band zurĂŒckfĂŒhren.

UnabhĂ€ngig davon dreht er sich insbesondere in Hinblick auf seine AusgangsprĂ€misse in einem inzwischen nicht mehr originellen Kreis. Die Protagonisten mĂŒssen mehr oder minder freiwillig Dimensionstore zu anderen Welten durchschreiten, um Abenteuer zu erleben. Nur in den vier ”WĂ€chter” Fugen hat der russische Autor wirklich eine Schattenwelt neben der irdischen RealitĂ€t konzipiert. Es ist sicherlich keine Überraschung, das Lukianenko mit den melancholischen TorwĂ€chtern in “Spektrum” den Höhepunkt seines Schaffens erreicht hat.

Im Gegensatz zu den naiven, aber sympathischen, irgendwie Weltfremd erscheinenden Protagonisten seiner fĂŒr ein erwachsenes Publikum geschriebenen Romanen greift er bei den JugendbĂŒchern auf heranwachsende, in PubertĂ€tskrisen steckende Jugendliche zurĂŒck, die sich in der ihren Welt nicht zurechtfinden und in den Phantasiewelten ĂŒber sich hinaus wachsen. In “Der Herr der Finsternis” hĂŒtet der dreizehnjĂ€hrige Danjka sein Bett. Mit einer ErkĂ€ltung, die im Grunde nicht so schlimm ist, die ihm aber ein wenig FĂŒrsorge seiner arbeitenden Mutter einbringt. Außerdem kann der Junge so in Ruhe lesen. Ein kleiner, von einem Spiegel draußen reflektierter Lichtstrahl wandert in sein Zimmer. Danjka spricht diese ungewöhnliche Lichterscheinung an und prompt verwandelt sich diese in ein geschwĂ€tziges KĂ€tzchen, das damit prallt, es könne nicht nur ErkĂ€ltungen umgehend, aber nicht fĂŒr alle Zeiten heilen und vor allem TĂŒren zu verschiedenen Welten öffnen. Gleich drei dieser Dimensionstore befinden sich natĂŒrlich in Danjkas Zimmer, der sich nicht lange bitten lĂ€sst, mit seinem neuen Freund dem SonnenhĂ€schen - wie sich die Katze nennt - durch die Tore ins Abenteuer durchzustarten. Die beiden landen auf einer Welt voller Finsternis, die TĂŒr fĂ€llt hinter ihnen zu und schon mĂŒssen sie in absoluter Dunkelheit vor sich hin schmachten. Das SonnenkĂ€tzchen kann seine magischen FĂ€higkeiten nicht einsetzen, diese basieren auf der Kraft des Lichts. Verzweifelt versucht das SonnenkĂ€tzchen ein wenig Licht einzufangen, um seine KrĂ€fte zu reaktivieren, wĂ€hrend Danjka in der Dunkelheit plötzlich nicht mehr alleine zurĂŒckbleibt.

Das hier beschriebene Ausgangsszenario ist von Lukianenko voller Witz und einer nicht zu leugnenden Selbstironie sehr geradlinig und packend entwickelt worden. Auf wenigen Seiten skizziert er die beiden zukĂŒnftigen Protagonisten mit wenigen nuancierten Beschreibungen und baut eine starke SympathiebrĂŒcke zu seinen Lesern auf. Mit dem Übergang in eine Welt der Finsternis schaltet der Autor nicht nur umgehend die ĂŒbernatĂŒrlichen magischen FĂ€higkeiten des SonnenkĂ€tzchens aus, sondern spielt mit den UrĂ€ngsten der Jugendlichen. Allerdings verliert der Autor mit dem ersten Schritten auf dieser fremden Welt den Faden und greift unverstĂ€ndlicherweise auf eine Reihe von Fantasyklischees zurĂŒck, die selbst 1997 als altbacken und nicht ĂŒberzeugend gegolten haben. Zum einen werden aus den ungleichen Wesen natĂŒrlich sofort enge Freunde. NatĂŒrlich verfĂŒgt der Jugendliche im obligatorischen Kampf gegen das Böse ĂŒber besondere FĂ€higkeiten und natĂŒrlich schlĂ€gt er sich auf die Seite des Lichts. Lukianenko nimmt sich insbesondere im Vergleich zu seinen anderen Romanen nicht die Zeit und den literarischen Raum, um diese Welt insbesondere politisch und soziologisch wirklich zu entwickeln. Zusammen mit Danjka erhĂ€lt der Leser bruchstĂŒckhafte Informationen, aus denen er sich nur ein begrenztes Bild zusammensetzen kann. Nach dem Danjka die ersten Schwierigkeiten ĂŒberwunden und insbesondere im ĂŒbertragenen Sinne des Lichtschalter gefunden hat, verlĂ€uft die Handlung plottechnisch viel zu vorhersehbar. Danjka nimmt die ĂŒbernatĂŒrlichen FĂ€higkeiten wie das Fliegen - originell zumindest auf eine mechanische Komponente in Verbindung mit jugendlicher AgilitĂ€t reduziert - zu schnell und zu unkompliziert an. Vor allem unter dem Druck, die großspurigen Versprechen seines neuen Freundes erfĂŒllen zu mĂŒssen. Akzeptiert der Leser zumindest diese Entwicklung des Buches noch halbherzig, verfolgt er die weitere Ausbildung zum Krieger des Lichts nur noch mit unglĂ€ubigem Staunen. Das Lukianenko auf diesen alten Plot zurĂŒckgreift, um die Handlung seines Romans voranzutreiben, ist nicht zu erwarten gewesen. Im Gegensatz zum Leser durchschaut der immerhin dreizehnjĂ€hrige Jugendliche auch die verschiedenen Verschwörungen und gelingt dadurch zu vielen wichtigen Erkenntnissen, fĂŒr die es im Plot keine Basis gibt. Im Vergleich zu seinen deutlich besser durch konzipierten Erwachsenenromanen wirkt “Der Herr der Finsternis” ĂŒberhastet niedergeschrieben und teilweise eher wie ein Zufallsprodukt, das sich nur aufgrund Lukianenkos Erfahrung als Schriftsteller so geradlinig und kurzweilig lesen lĂ€sst. Insbesondere wĂ€hrend der Höhepunkt des Romans kann Danjka wie ein erfahrener Bewohner dieser Welt den legendĂ€ren Sonnenstein benutzen, der in einem Turm versteckt worden ist. Im Gegensatz zu Danjkas zielstrebigem Verhalten gibt es im ganzen vorliegenden Band keinen einzigen Hinweis auf die Bedeutung des Steins. Vielleicht hat Lukianenko auch im Nachhinein einige wichtige Passagen gekĂŒrzt, um ein fĂŒr Jugendliche eher goutierbares Buch zu prĂ€sentieren. Auf jeden Fall wirken einzelne Textabschnitte auch rĂŒckblickend nicht logisch und stören die ohnehin nicht ĂŒberzeugende Handlung.

Zu den wenigen Höhepunkten gehören die Szenen, in denen er direkt oder indirekt den Kapitalismus angreift und insbesondere mit dem Feilschen um das Wahre Schwert im Tausch gegen einen Wahren Spiegel eine Reihe von unterhaltsamen bis lustigen Dialogen prĂ€sentiert, die nicht albern oder weltfremd wirken. Es ist schade, das der russische Autor diesen ironischen Ton nicht auf den restlichen Plot ĂŒbertragen hat. Manche Szene wĂ€re dadurch lesenswerter und vor allem unterhaltsamer gewesen.

Die Idee, was das Wahre Licht auf einer absoluten dunklen Welt ist, wird von Lukianenko immer wieder aufgenommen und interessant extrapoliert. Es sind im Grunde die HintergrĂŒnde des vorliegenden Romans, welche das Interesse des Lesers aufrechterhalten. Zwischen den Zeilen erkennt man neben Anspielungen auf das eigene Werk und Filme wie “Time Bandits” - siehe den Auftakt des Buches - eine kleine Hommage an den zeitlosen “Peter Pan”, die leider ebenso wie die schon angesprochenen Dialoge nicht extrapoliert worden ist.

Zusammengefasst hinterlĂ€sst “Der Herr der Finsternis” insbesondere im Vergleich zu “Das Schlangenschwert” einen fragmentarischen und nicht immer wirklich zufrieden stellenden Eindruck. Die entsprechenden Ideen sind vorhanden, aber irgendwie spricht Lukianenko an seiner Zielgruppe vorbei. In einer nachdenklich stimmenden Sequenz beschimpft der eher verzweifelte Danjka seinen verschwundenen Vater und versucht seine Ängste vor ihm in Worte zu fassen. In Hinblick auf den gesamten Plot steht diese gut geschriebene Szene isoliert dar. Sie wirkt trotz ihrer IntensitĂ€t störend und das vermittelt dem Leser einen falschen Eindruck. Nicht der vorhersehbare und allenfalls durchschnittliche Fantasy- Plot mit einer weiteren Auseinandersetzung zwischen gut und böse sollte im Mittelpunkt des Buches stehen, sondern diese wichtigen Passagen, in denen der Autor sich ernsthaft bemĂŒht, die oft dunkle RealitĂ€t der russischen Jugendlichen mit einer Traumwelt zu verbinden, in welcher diese sich mit ernsthaftem BemĂŒhen weiterentwickeln können. In denen sie ein positives Selbstbewusstsein gewinnen können, um verantwortungsvolle Menschen zu werden. In der WĂ€chter Quattrologie wird Lukianenko eine deutlich eher Zufrieden stellende Balance zwischen magischem Realismus und Fantasy finden. In “Der Herr der Finsternis” scheint der russische Autor noch geĂŒbt zu haben.

Sergej Lukianenko: "Der Herr der Finsternis"
Roman, Softcover, 408 Seiten
Beltz Verlag 2008

ISBN 9-7834-0781-0434

Weitere Bücher von Sergej Lukianenko:
 - Das Schlangenschwert
 - Der falsche Spiegel
 - Die Ritter der vierzig Inseln
 - Labyrinth der Spiegel
 - Spektrum
 - Sternenschatten
 - Sternenspiel
 - Trix Solier- ein Zauberlehrling voller Fehl und Tadel
 - WeltengĂ€nger
 - WeltentrĂ€umer
 - WĂ€chter der Ewigkeit
 - WĂ€chter der Nacht
 - WĂ€chter des Morgen

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