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rezensiert von Thomas Harbach
Die Silberflügel Trilogie gehörte zu Kenneth Opels erfolgreichsten Serien. Wie Richard Adams in einigen seiner Tierromane verband der kanadische Autor aktuelle Themen wie Tierexperimente mit seinem phantastischen Sujet. Jetzt legt er mit „Nachtflügel“ einen Prolog vor. Der Leser kann aber ohne Kenntnisse der ersten Serie zu diesem wahrscheinlichen Auftaktband einer neuen Trilogie oder Serie greifen. Es erhöht zwar das Lesevergnügen, aber die grundlegende Handlung basiert auf anderen Prämissen und es werden keine Charaktere aus den anderen Bänden übernommen. Im Verlaufe der sehr geradlinigen Handlungen konzentriert sich Kenneth Oppel auf die Entstehung der von ihm „Fleder“ genannten Tiere. Sie sind wichtiger Bestandteil einer fortlaufenden und zu Beginn des Buches galoppierenden Evolution. Weiterhin greift der Autor klassischen Themen des Jugendbuches heraus: das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Zu Lernen, was Verantwortung ist und was es heißt, sie mit allen Konsequenzen schultern. Seine Position in der Familie zu finden und schließlich seine besonderen Fähigkeiten im Positiven zu nutzen. Das mit dem notgedrungenen Umzug auch noch eine räumliche Veränderung hinzukommt, schließt diesen Themenfächer ab. Nur sind es eine pubertierenden Jugendliche, welche durch diese Lebensphase schreiten, sondern die Vorfahren der Fledermäuse. Allen voran: Dämmer.
Die Geschichte beginnt vor 65 Millionen Jahren. Die letzten Dinosaurier sterben aus. Nicht zuletzt ein Verdienst aller anderen Tierarten, welche deren Eier zerstören. Auf einer Insel lebt ein kleiner Stamm von Chiropter, die Vorläufer der Fledermaus. Dämmer ist das jüngste Kind des Stammesführers. Im Gegensatz zu seinen Stammesgenossen sind seine Flügel weniger behaart, seine Brustmuskulatur kräftiger und er kann mit den Flügeln schlagen und sich so aktiv in der Luft fortbewegen. Im Gegensatz zu den anderen Stammesmitgliedern, die nur Gleiter sind. Dämmer ist ein aktives Wesen, das seine Fähigkeiten teilweise mit waghalsigen Aktionen ausprobiert. Nicht nur zum Leidwesen seiner Altersgenossen, auch die Vögel lehnen die Eindringling in ihr Reich ab. In einer Parallelhandlung erfährt der Leser von einem besonders aggressiven Säbelzahntiger, welcher die ungeschriebenen Gesetze der Tiere verlässt. Er beginnt sich nicht mehr nur von Aas zu ernähren, sondern macht Jagd auf lebende Tiere. Dämmer wird in sehr kurzer Zeit feststellen, dass seinen Stamm ein furchtbares Geheimnis umgibt und dass ihre Zeit auf der isolierten Insel abgelaufen ist.
Während Oppel in der ersten Fledermaustrilogie auf einen realistischen Hintergrund zurückgreifen konnte, vor dem sich seine phantastische Geschichte entwickelt hat, verbindet der Autor im vorliegenden Buch die Stärken seiner beiden „Airborn“ Romane, die ebenfalls im Beltz Verlag erschienen sind, mit einem gänzlich fiktiven Hintergrund. Die Welt, welche der Autor im vorliegenden Buch erschaffen hat, ist überaus dreidimensional und voller fremdartigen Leben, dass es eine Freude ist, sich geistig in ihr zu bewegen. Wie seine Protagonisten wird der Leser in ein spannendes Szenario hineingezogen, in welchem es keine klassische schwarzweiße Färbung gibt, sondern die Grautöne dominieren. Es empfiehlt sich, nicht bei den Protagonisten anzufangen, sondern exemplarisch die Antagonisten zu betrachten. Der Säbelzahntiger mit seiner Affinität für lebendes, warmes Fleisch wird nicht als Monster beschrieben – obwohl er diesem Begriff am nächsten kommt -, sondern als Vorreiter der nächsten Evolutionsstufe. Für die heutige Lesergeneration ist der Tiger ein Fleischfresser und Jäger. Alles andere ist undenkbar und Oppel versucht diese Entwicklung in einfache, aber effektive Worte zu fassen. Der Pakt der Tiere, nur Aas als Fleisch zu verzehren, ist vielleicht ein wenig zu weit hergeholt und zu sperrig, aber der Konflikt im Tierreich selbst, der aus dem veränderten Verhalten der Tiere nach dem Aussterben der Dinosaurier resultierend aufbricht ist dagegen überzeugend beschrieben. Es stellt sich zwar die Frage, ob ein solch klassischer Antagonist ein wenig zu überzeichnet für den Roman überhaupt notwendig geworden ist, aber Oppel missbraucht diese Figur im Verlaufe der Handlung nicht. Für ihn stellt sie im Grunde den stellvertretenden Katalysator einer fortschreitenden und notwendigen Veränderung dar, an deren Ende die Mitglieder von Dämmers Stamm eine neue Hoffnung gefunden haben und die uns bekannte Evolution unabänderlich fortschreitet. Viel interessanter sind die kleinen Baumläufer, denen die Chiropter auf ihrer Reise begegnen. Sie scheinen die ersten Vorfahren der Affen und späteren Menschen zu sein. Mit viel Ironie macht Oppel aus ihnen auch die ersten Verräter, welche die Chiropter in Freundschaft aufnehmen, um sie dann hinterhältig einem Symbionten zu opfern. Diese einzelnen Positionen kumulieren schließlich in einem inzwischen bekannten „Oppel“ Helden. Wie seine Figuren in „Airborn“ ist Dämmer ist ein Außenseiter, der intelligenter und flugtechnisch wendiger ist als seine Kameraden. Er ist neugierig und akzeptiert nicht mehr die Antworten seiner Eltern. Später wird er aufgrund seiner Fähigkeiten den Stamm mehrmals retten. Im Vergleich aber zu anderen Jugendbüchern gibt es keinen offensichtlichen Konflikt mit den Eltern bzw. in den „Airborn“ Romanen dem jeweiligen Kapitän der Luftschiffe. Sie sind tolerant und geistig aufgeschlossen, fordern Dämmer auf, seine Fähigkeiten zu testen und sich weiter zu entwickeln. Nur aufgrund dieser kontinuierlichen Förderung – im vorliegenden Band ein wenig zu gerafft – können die Jugendlichen später nach dem Tod der Eltern- oder Förderergeneration Aufgaben übernehmen, die andere Jugendliche oder Ältere aufgrund ihrer engstirnigen dogmatischen Denkweise nicht bewältigen können. Diese Charakterisierung macht Oppels Bücher Generationen übergreifend so lesenswert. Weiterhin verkauft der Autor seine tierischen Figuren als positive Erscheinungen, die über einzigartige Fähigkeiten verfügen, denen aber im Gegenteil nicht alles zufällt. Sie müssen sich gegen die eigenen Zweifel durchsetzen und erst wenn sie die inneren Widerstände überwunden haben, entwickeln sie sich zu reifen Persönlichkeiten. Obwohl Oppel die negativen Versuchungen wie Arroganz und Egoismus nicht vergisst, hinterlassen seine Protagonisten einen selten gesehenen antreibenden Elan im Leser. Neben den die Handlung tragenden Charakteren nimmt sich Kenneth Oppel auch nuanciert den Nebenfiguren an. So ist zum Beispiel Dämmers Vater Icarion einer der ersten Pazifisten, welcher die Ausrottung der Dinosaurier ablehnte und sich mit seinem Stamm auf eine Insel zurückgezogen hat. Um seinen Stamm zu beschützen, musste er in der Vergangenheit einmal gegen seinen eigenen Schwur handeln. Eine Verantwortung konträr seinen Ansichten übernehmen. Einen Makel, aus dem Dämmer sehr viel mehr lernt und für seine Zukunft mitnimmt als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ethische Entscheidungen insbesondere in dieser urwüchsigen Vergangenheit sind niemals einfach und Dämmer lernt schnell, dass niemand über die Entscheidung eines anderen Tieres einen Stab brechen darf. Moderne Ansichten, welche Kenneth Oppel in eine sehr geradlinige Handlung packt. Die größte Überraschung des Buches liegt aber in der ernsthaft durchgespielten Prämisse: „Nachtflügel“ ist und bleibt trotz aller menschlichen Allegorien eine Geschichte über Fledermäuse. Sie sprechen zwar untereinander, ansonsten hat sich der Autor aber bemüht, ihr Leben in einer feindlichen Umwelt so authentisch wie möglich darzustellen. Sie leben von Insekten und haben Lust daran, sie zu jagen und schließlich ihre Schalen zu zerquetschen. Sie markieren ihr Reich in Fledermausart und wenn sie sich am Boden bewegen müssen, ist ihre Art tollpatschig. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen hat der Autor Dämmers Sehnsüchte, aber auch Ängste in das tierische Wesen seiner Figuren integriert. Diese Verschmelzung gelingt ihm noch besser als in den „Fledermaus“ Bücher, weil die Umgebung fremdartiger, exotischer ist. Als Roman beginnt „Nachtflügel“ mit einer packenden Auftaktepisode, der einige wenige Erläuterungen folgen. Nach dem ersten Drittel steigert Oppel kontinuierlich und konsequent das Tempo der Geschichte. Mit ihrer Flucht von der Insel wieder zurück aufs Festland werden die Fledermäuse zu Gejagten, verlieren ihre Grundlagen und die Bedrohungen werden nicht zuletzt auf der ihnen inzwischen unbekannt gewordenen Umgebung mannigfaltiger. Der Autor lässt seinen Protagonisten inklusiv der teilweise zu zuckersüß gezeichneten Schwester und einzigen Vertrauten keine Zeit zum Atemholen. Mit dieser rasanten Geschwindigkeit überdeckt der Autor im Verlaufe seiner Handlung einige wenige Stellen, die zu konstruiert erscheinen. Das der Säbelzahntiger nach der ersten Begegnung mit Dämmer auf der Insel seinem Stamm und ihm nicht nur aufs Festland folgt, sowie der Plot in eine finale Konfrontation zwischen ihnen mündet, ist dem Leser im Gegensatz zu den Protagonisten sehr früh deutlich. Ganz bewusst stellt Oppel diese fiktive historische Welt als Parabel auf unsere chaotische und vor allem verräterische Gegenwart dar, in welcher Opportunisten und Querdenker oft fehlen. Unabhängig von der langen Reise zu einem neuen Heimatbaum ist das Buch durchdrungen vor sehr gelungenen Sequenzen. Die Sorcids, welche die Fledermäuse beinahe ausrotten, seien hier ebenso erwähnt wie die Jagd durch das Skelett eines riesigen Dinosauriers. Die ersten Erfahrungen mit dem richtigen Fliegen und nicht mehr gleiten bilden einen soliden Kontrast zur ersten Begegnung Dämmers mit ähnlichen Außenseitern. Kenneth Oppel spielt sehr gut die ganze emotionale Bandbreite und überzeigt im vorliegenden Roman mit einer sehr routiniert erzählten Geschichte über wahre Helden. Auch wenn ihre Spannweite weniger als zwanzig Zentimeter beträgt.
Kenneth Oppel: "Nachtflügel"
Roman, Hardcover, 468 Seiten
Beltz Verlag 2008
ISBN 9-7834-0781-0298
Leserrezensionen
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12.09.08, 19:24 Uhr
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Jannü
unregistriert
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hey ich sag nur: geilöö
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